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Full text of "Denkschriften und briefe zur charakteristik der welt und litteratur"

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BIHLIOTHDUC 



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BiHLIOTHDTJC 



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Denkscbrlften om Briefe 



Charakteristik 



Welt und Litteratur. 



Ein Gdiflinairi doch reiliilill, 
Und im Ende viiien'i AlK. 




Fünfter Band. 

Berlin. 

Verlag von Alexander Dnncker. 

1841. 



V»'^ I '^• 



tl 

Denksclirlften und Briefe 



Cbarakteristifc 



Welt und Litteratur. 



Holtiie. wil dll (rme Hen gibtal! 
Dm lullliii sie dIui ScIlUcliKrDh'iL 




Neue Folge. 

Berlin. 

Verlag von Alexander Dnncker. 
1811. 



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V* 



< 



T ielfaehe Auffordernngeii sind Veranlass 
snng geworden 9 eine nene Folge von 
Denkschriften nnd Briefen erseheinen zu 
lassen; für die Besitzer der frühem Bände 
habe ich einen, besondem Titel znge- 
ftigt^ der diesen- Band als Fortsetzung 
bezeichnet; möge man ihn mit demsel- 
ben Wohlwollen anfiiehmen, dessen sich 
die ersten Bände zn erfreuen gehabt 
, haben. Der Streit, ob Empfänger o^er 
Schreiber, oder wer sonst, wenn diese todt 



— VI — 



sind^ das Recht hat, Briefe durch den 
Druck zu veröffentlichen, ist noch nicht 

geschlichtet; die Grenzlinie über das Er- 

I 

laubte und Unerlaubte hierbei zu ziehen, 
mufs sehr schwer sein, da auch die Ge- 
setzgebung, die schon lange auf ein sol- 
ehfts QeBtti hknM^tibH^ hm jetzt iioeh idett 
Aunit hut zu Stande kommen. k$«iiett. Der 
Vorwiurf der Indiskretion ist mir Im jeUt 
nledibl gemackt worden^ und iek haffe, auch 
ior dciesem Bande k^iue Gelegenh^ dazu 
gegeben m haben* Sollte man den Aft* 
dnMsk freundsckaftlieker Briefe, die gerade 
kdn aUgemeineB interesse kal«B^ tadelns^ 
UFfertfi finden, so frage mui' zuerst nack 
Gründen ^ • itrajmüL est gOBehefaeii^ ehe man ^ 
ein Biehteramt anssnübe» siek ansehiekl; 



— VII — 

Kann man nicht durch Bekarnntmachung 
Ton Briefen, die grofses Vertrauen, Freund- 
sehalf; and herzliche iVeigung ausdrucken, 
aufser dem Styl, der Denk- und CrefüUs- 
weise, yomehmlich die Siimesitrt, den 
Charakter des Schreibers der Welt vor 
Augen stellen wollen , damit es seiner Zeit 
bekannt werde, dafs derselbe Mann, der 
in seinen Briefen nur Vertrauen und Liebe 
aussprach, im Geheimen, wo er sich un- 
entdeckt glaubte, Unglück und Ungemach 
zu verhängen nicht Anstand nahm ? Unter 
Umständen erscheint die VeröflTentlichung 
vertraulicher Briefe demzufolge als ge- 
rechte Nothwehr, und sie sind als Beweis- 
mittel über Schuld und Unschuld von un- 
ersetzlichem Werth. Das goldene: „Ler- 



— VIII — 

net gerecht sein^^ ist in keiner Zeit 
mehr zu empfehlen gewesen , als gerade 
in der unsrigen: denn auch das Geheim- 
ste kommt ans Licht der Sonne. 
Berlin, im Mai 1841. 



JDr. Dorow. 



Inhalt. 



«. Briefe. 

Seit« 

Altenstein, Karl Freiherr you 3 

Auteurietb, Job. Herrn. Ferd. von 126 

Börne^ Ludwig 114 

Broglie, Alberiine Herzogin Yon • •*, 18 

Fefsler, Ig. Ans 124 

Gans, Eduard 42 

Goethe, Job. Wolfg. von 94 

Hardenberg, Karl August Fürst von 190 

Hoffmann, Ernst Tbeod. Amadeus 165 

Iffland, Aug. Wilb 35 

Immermann, Karl 133 

Kant, Immanuel 161 

Ludwig I., König von Baiern 245 

Reinbold, Job. Gottb. von ..194 

Reinbold, Karl Leonb. 151 

Riebter, Jean Paul Fr. . ^ • 24 

Schneider, Eulogius 121 

Staegemann, Fr. Aug. von 223 

Stabil -Holstein, August Baron von 13 



X — 



Stein, Karl Freihrrr vom . . . 
Varabagen tod Enae, Karl Aug. 
Woltmann, Karl Ludwig von 



b. DenhaelirirteH. 

BelraclitiiDgen über Hie Vereinigung der Intheriacbea 
and rcformirten Kirehe. Rbein- nod MoBel-Depar- 
lemect. 1801 25 

Die SUdt Köln am Rbein in Bcziebnng zu den Alter- 
(bümcrn der Provinz, mit Beilagen von Ilardcubcrg, 
Wallraf u a, w 26 

National -Bewalfaung und erste Iilee zu einer Land- 
wehr in Praursen 29 



DmeUfehler. 



Briefe 



Die mit einem ^ beseichneten Briefe gehören nicbt der 
Sammlang des Herausgebers an. 



« ^ 



Karl, Freiberr von Stein zum Altenstein. 

(Kdnigl. Preussischer Staats -Minister.} 

I 

Geh. in Anspach den 7. Octobcr 1770, 
gest. in Berlin den 14. Mai 1840. 



/fum nähern Verständnifs der nachfolgenden Mit- 
theilung a. ist Folgendes zu bemerken. Dem Pro* 
fessor E. W. Hengstenberg wurde im Jahr 1826 die 
Anfrage gestellt, ob er wohl dem Rufe zu einer 
Professur der Theologie in Königsberg in Preufsen 
Folge leisten würde. Hengstenberg lehnte den Ruf 
unter Anfuhrung vielfacher Gründe ab, vcrsichemd, 
dafs sein Wirkungskreis in Berlin „für die Sache 
des Herrn", so wie für seine eigenen Gaben und 
Neigungen, sehr angemessen sei, und sagt femer: 
„es war von der Zeit an, da ich meine Wirksam- 
keit an der hiesigen Universität begann, mein äufser- 
stmr Wunsch, etwas thun zu können zur Wiederbe- 
lebung des so sehr gesunkenen Studiums des Alten 
Testaments, bei dessen Vernachlässigung die ganze 
theologische Bildung unvollkommen bleiben mufs. 
Ich habe mich bemüht, diesen Theil der Theologie, 
die ganz zur Profangelehrsamkeit heral^ezogen ist, 

1* 



- 4 — 

wieder als solchen darzustellen, indem ich bemiiht 
war, meine eigenen Ueberzeugungen über den Zu- 
sammenhang der göttlichen Heilsanstalten immer kla- 
rer auszubilden und fester zu begründen, und es den 
meiner Leitung Untergebenen zum innersten Bewufst- 
sein zu bringen, dafs nur von dem Festhalten an 
dem Ganzen der göttlichen Offenbarungen ein siche- 
res, festes und christliches Leben und eine sichere 
und feste theologische Wissenschaft ausgehen kön- 
nen. In Berlin habe ich nun einen passenden Wir- 
kungskreis gefunden; ich halte es daher für heilige 
Pflicht, dafs Jeder, der einen festen Beruf erhalten 
hat, denselben nicht eher aufgebe, als bis er die 
Aussicht erhält, in einem gröfsem Wirkungskreise 
mit gröüserm Segen wirken zu können. Diese Aus- 
sicht würde ich in Königsberg keineswegs haben. ^' 
Nachdem noch klimatische und ökonomische Rudi: 
sichten gegen die Annahme der Professur angeführt 
worden, wird der Ruf vollständig abgelehnt Von 
des Ministers v. Altenstein eigener Handschrift fin* 
det sich nun über diese Angelegenheit das unter a. 
mitgetheilte Blatt vor, welches für die Charakteri- 
stik dieses Staatsmanns wohl als wichtig zu bezeich- 
nen ist 

Der unter b. mitgetheilte Brief ist an den Geh. 
Ober-Regierungsrath Dr. Joh. Schulze gleich nach 
dem Tode Hegels geschrieben, gleichfalls eigenhän- 
dig, wobei zu bemerken nicht unterlassen werden 
kann, dafs Herr v. Altenstein sich sehr selten zu 
^genhändigem Schreiben entschlofs. Dieser Brief 
ist wohl als ein sprechendes Denkmal nicht allan 



— 5 — 

des humanen, menschenfreundlichen Herzens zu be- 
trachten, sondern vorzüglich als ein offenes, klares 
Aussprechen, wie Altenstein den berühmten Philoso- 
phen verehrte und welche hohe Stelle er demselben 
unter Deutschlands grofsen Männern angewiesen wis- 
sen wollte. 



Berlio, Juoi 1826. 

Ich finde unter allen den von Herrn Hengsten- 
berg angeführten Gründen gegen seine Versetzung 
von hier nur einen erheblichen — den nämlich, dafs 
er allein bemüht ist, hier' die Exegese des A. T. 
nicht blos als Gegenstand der Profangelehrsamkeit- 
zu behandeln — dafs also durch seinen Abgang eine 
erhebliche Lücke entstehen würde. Dieser Grund 
eignet sich aber mehr zum Bestimmungsgrund für 
mich als für Herrn Hengstenb^g — ich erkenne 
seine Erheblichkeit wohl an, allein auf meinem Stand- 
punkt mu(s ich diese Lücke hier für weniger nadi- 
theilig halten als die^ welche Herr Hengstenberg in 
Königsbei^ auszufüllen bestimmt ist Hier erliält 
die Profangelehrsamkeit, mit welcher die Exegese 
des A. T. getrieben werden ms^, manches Gegen- 
gewicht in den andern Disziplinen — das gelehrt 
Begründete wird dadurch in der Richtung verbes- 
sert Die Universität in Königsberg ist nicht in die- 
ser Ls^e, und gerade deshalb ist Herr Hengstenberg 
dort wichtiger. Alles andere^ was Herr Jäengsten- 
berg anführt, betrifft mehr sein^i Standpunkt und 



— 6 — 

halte ich nicht für richtig; er geht von dem Ge- 
sichtepunkt aus^ dais er hier einen angemessenem 
Wirkungskreis und men eigenen Beruf gefond^ 
habe. Das Erste ist falsch -^ er hat hier keinen 
G^alt, kann nicht ohne Gehalt bestehen, es ist hier 
durchaus kein Fond vorhanden, ihm Gehalt zu ge- 
ben, und er hat auch nicht einmahl Aussicht zu ei- 
ner Professur. Ganz anders verhält sich dieses in 
Königsberg, wo er (zumal jetzt nach Ableben des 
Woyde) gewifs ein anstandiges Gehalt bekommen 
kann — wo ihm der Weg in eine ordentliche Pro- 
fessur so gebahnt ist, dafs eine verdienstliche hei* 
stung ihn solcher nahe führt 

Der Beruf hier erscheint mir problematisch -^ 
es ist nidbt ein Wissen, sondern eine Richtung, die 
er verfolgt — mit Andern verfolgt — dieses scheint 
mir im Anfang einer Laufbahn höchst mifslich. Das 
Wissen leidet sehr leicht, ordnet sich der Richtung 
unter, statt diese zu geben und erst zu schaffen, uiul 
wird abhängig von andern. D^ junge Mann soll 
frei von äufsern Einwirkungen selbstständig auftre- 
ten — aus dem Wissen die Richtung erhalten und 
diese dann so schaffen, dafs er auch Andere dahin 
zieht. So wird er wahrhaft und eminent wirksam. 
— Diesen Standpunkt darf ein junger Mann nicht 
gleich für unerreichbar halten, nicht gleich für sdin 
Leben und seine Gesundheit bange sein, — er folgt 
der Bestunmung. Harn Hengstenbergs Vorstellung 
von Preufsen ist ganz übertrieben; ich selbst lebte, 
schwächlich und in der fürchterlichsten Geschäfts- 
lage «- doch ganz erträglich dort; die Entfernung 



- 7 ~ 

ist i^süL bei bessera Wegen uod PoBtan mcbt mebr 
go erheblich, als «b es noch vor mehreren Jähren 
wair. Nach meiner Ueberzeuguag spricht Alles fiiv 
die Yerpfliobtung des Herrn Hengsienberg, dem Buf 
2W folgen. Es wird und mü& ihm möglich ma^ 
dann kann auch etwas für seine Badereise dnrfdt 
eine Renumeration geschehen, ich habe niejit viel ***- 
bekommt er sie zur Badereise und bleibt hier, so 
hab' ich nichts zur ErleichAenmg seines Lebens hier« 
Geht er nach Königsb^g, so erhält er dieses dort 
Je schäüsbarer die Kenntnisse des Herrn Hengsten* 
berg sind und je reiner sein Wille ist^ desto wicb^ 
tiger erscheint es mir, .da& er i^h i^mimne und das. 
Wichtigste zu erlangen suche« 

Das Frei- und Selbstständigstehen^ nicht dnndit 
Scbolien und Zurückgeben^ sondern durch BesieguAg 
aller Schvtrierigkeiten, mit allen Kräften, mit wtickm 
man sich einmal nun in der Welt richtig bew<|[en und 
in Wirksamkeit sehen kann. AKenMeta. 

An den Geh* Ober-Regierungsrath Dr. Job. 

Schulze in Berlin. 

Sebönebar^ bei JBeflin, deu l^ien Novbr. 1831* 

Ew. Hochwohlgeboren erst diesen Moigen er- 
haltene Zeilen von gestern haben mich ti^ erschiU« 
tert und mit unaussprechlichem Schmerz erfüllt *). 
Kaum vermag ich iaoch die Wirklichb^ des un- 
endlichen Verlustes zu fassen, welchen die Wissen- 



•) UegeU Tod. 



- 8 - 

Schaft, der Preulsische Staat und alle Verehrer und 
Freunde des Mannes erlitten haben, der gleich aus- 
gezeichnet war als Gelehrter und in allen dem Hö«" 
, hßtevL zugewandten menschlichen Verhältnissen. Je 
mehr der Verewigte mit seinem ganzen Wissen d«n 
Hödisten angehörte und auf dieser Welt für solches 
mit treuer Hingebung und unermüdlicher Anstren- 
gung segensreich wirkte, desto lebendiger drängt 
.sich auch das Gefühl auf, dafs er zur Erreichung 
seines Ziels, zur Vollendung von dem, der höher 
ist als alles, abgerufen sei, «und in diesem Gefühl 
mildert sich der Schmerz, wenn auch der Verlust 
nur um so grölser hervortritt 

Nur mit der innigsten Wehmuth kann ich au 
die verehrte Gattin des theuren Entschlafenen den- 
k^. Sie, die im Gefühl des höhern Werthes des 
Gatten ihr grö&tes Gllick fand, wird auch darin die 
ßtärke finden, den* unersetzlichen Verlust zu ertra- 
gen; allein sie muis auch, das irdische Loos thei- 
lend, um so tiefer den unendlichen Schmerz der 
Trennung fühlen» 

Der Verewigte war mir bei dem schmerzlich- 
sten Ereignisse meines Lebens *) durch die Aeuise- 
rung seines so unendlich tiefen, zarten und erheben- 
den Mitgefühls unendlich wohlthätig. Ich wünschte, 
der tiefgebeugten Gattin in gleicher Art durch den 
Ausdruck des tiefsten Mitgefühls wohlthätig sein zu 
können, darf aber einen Versuch gar nicht wagen, 



*^ Bezieht sich auf den Tod des einzigen Sohnes des 
Herrn v. Altenstein. 



— 9 — 

da meine Aeuiserimg so unendlich gegen das zurück- 
bleiben wiurde, was mich allein befriedigen und mir 
einigermafsen eine angemessene Wirkung verbiirgen 
könnte. Inzwischen bitte ich Sie, solches der Leid- 
tragenden, wann und wie Sie es für das Beste und 
Angemessenste halten, auszudrücken und ihr in mei- 
nem Namen über meine herzlichste Theilnahme zu 
sagen, was für solche nur immer tröstend und be- 
ruhigend ^sein kann. Sie dürfen nicht befürchten, in 
meinem Namen zu viel zu äufsern. Es wird immer 
g^en das, was ich solcher zu sagen wünschte, zu- 
rückbleiben. 

Die Nachricht hat mich so sehr ergriffen, dais 
es Pflicht für mich ist, abzubrechen« Ganz fühle ich 
mit Ihnen, mein Theuerster;, die Gröfse Ihres eige- 
nen Verlustes! Sie sind ihm als Freund und in der 
Wissenschaft so nahe gestanden, dafs nur Wenige, 
so wie Sie, richtig schätzen können, welcher Stern 
erster Gröfse in diesem Augenblick für diese Welt un- 
tergegangen ist! 

' Schonen Sie ihre Gesundheit möglichst Es ist 
in vielfacher Beziehung heilige Pflicht für Sie. Mit 
herzlichster Hochachtung freimdschaftlich ganz der 
Ihrige 

Altensteln* 



Karl Avpst Vanihaceii tob Esse. 

Greb. in Düsseldorf clen 21. Februar 1785. 



rlaben wir so eben vernommen, wie sich der ^aats- 
Minister y. Altenstein über Hegel äufsert, und wel- 
chen tiefen Sdimerz dessen Seele bei dem Tode des 
berühmten Philosophen empiiinden, so folge hier nun 
noch ein Brief, in welchem sich Varnhagen von Ense 
gegen Lud. Robert über dieselbe traurige Begeben« 
heit ausspricht — wohl ein schönes Anerkenntnift, 
wie tief von dieser Trauer Jedermann ergnSen wor- 
den war» 



An Ludwig Robert 

Berlin, äen 16. Kovcmber 1831. 

Beim Empfang dieses Blattes hat die harte Bot- 
schaft von dem unerwartet schnellen Ableben Hegel's 
auch Sie schon erreicht und gewifs tief getroffen. 
Die Nachricht in der Staatszeitung sBgt fälschlich, 
er sei am Schlagflusse gestorben, die Anzeige von 
Seiten der Wittwe nennt keine Krankheit; es war 
aber die Cholera, die ausgebildetste, unbezwing- 
barste Cholera^ welche schon im Abnehmen tük- 



— 11 — 

Jdsch noch dies theure Opfer uns dahingerafft! Ue- 
gd hatte von Anfang her gegen den furchtbaren Un- 
hold eine tiefe Scheu und Aengstlichkeit, die er spä* 
ter bezwungen zu haben schien, und dann zu dreist 
wurde; so veraagte er sich am Tage vor seiner £r* 
Ja^uahbuig den Genuls .von Weintrauben nicfat^ die 
eriuUtend auf seine Eingeweide wirkten^ andre nach* 
theilige Einflüsse mögen smen Körper für das Uebel 
schon vorbereitet haben, es trat mit stärkster Gewalt 
und sdineUstem Verlaufe mu Doch hatte er keine 
Ahndung seines herannahenden Todes, und entschluBH 
merte, wie die Anzeige derWittwe sagt, schmerzlos, 
sanft und selig. Das ist schön, daüs er nidit gdit« 
ten hat! So war denn sein Tod so glücklich, als 
der Tod es irgend s&n knfin. Ungeschwächten G^ 
stes, in rüstiger Thätigkeit, auf der Höhe des Ruhms 
und der Wirksamkeit, von gro&en Erfolgen rings 
umgeben, mit seiner Lage zufrieden, von dem gß* 
selligen Leben heiter angesprochen, an allen Dar- 
bietungen der Hauptstadt freundlich theilnehmend, 
schied &: aus der Mitte dies^ Befriedigungen ohne 
Bedauern und Schmerz, denn Bedeutung und Na* 
men seiner Krankheit blieben ihm unbekannt, und 
das entschlummernde Bewufstsein durfte Genesung 
träumen. — 

Aber uns ist eine entsetzliche Lücke gerissen! 
Sie klafft unausfiUlbar uns immer grö&^ an, je län* 
ger man sie ansieht Er war eigentlich der Eck* 
stein der hiesigen Universität, auf ihm ruhte die 
Wissenschafitüdikeit des Ganzen, in ihm hatte das 
Ganze seine Festigkeit, seinen Anhalt^ von alten 



- 12 - 

Seiten droht jetzt der Einsturz; solche Verbindung 
des tiefsten allgemeinen Denkens und des ungeheuer- 
sten Wissens in allen empirischen Erkenntniisgebie- 
teu fehlt nun schlechterdings; was noch da ist, ist 
einzeln für sich, muis erst die höhere Beziehui^ 
au&uchen, und wird sie selten finden. Auch fühlen 
es Alle, selbst die Widersacher, was mit ihm ver- 
loren ist Die ganze Stadt ist von dem Schlage 
betäubt, es ist, als klänge die Erschütterung dieses 
Sturzes in jedem rohesten Bewufstsein an. Die zahl- 
reichen Freunde u^d Jünger wollen verzweifeln. Gans 
begegnete mir gestern mit verweinten Augen, und ver- 
gofs dann bei mir, mit Rahel in die Wette, heüse 
Thränen, indem er seinen Jammer nicht zurückhielt 
Mich hat der Fall tief ergriffen, ich fühle fortwäh- 
rend sein Wühlen, und bin fast krank davon; doch 
entsteht meine Empfindung mehr aus den allgemei- 
nen Umrissen des Geschehenen, als aus einer un- 
mittelbaren persönlichen Beziehung desselben zu mir. 
Bei gröfster Verehrung, fireundlichstem Vernehmen 
und vertrautestem Zusammensein, bestand doch die 
nächste Nähe zwischen uns nicht; wir sahen uns, 
fühlten uns auch allzu oft als Gegner, und zwar als 
solche, die durch den Kampf keine Ausgleichung 
hoffen, ihn also lieber vermeiden. Noch in der 
legten Zeit hatte ich wegen Fichte's Andenken ei- 
nen Zwiespalt mit ihm; die starre Nachhaltigkeit, 
welche Fichte wider seine Gegner hatte, war auch 
HegePh eigen; ich aber werde künftig vielleicht eben 
so diesen gegen einen Nachfolger vertheidigen müs- 
sen, wie zuletzt Fichte'n gegen Hegel. — 



- 13 - 

Seltsam, Fichte starb hier am Typhus, Hegel 
an der Cholera, Beide auf grofsen politischen Wet- 
terscheiden, deren bedenklichsten Prüfungen sie zu 
rechter Zeit entrückt wurden. Hegel stand wirklidi 
in ö^efahr, mit seiner Zei^enossenschaft in grofsen 
Widerspruch zu gerathen, sich g^en die Wen- 
dung der Dinge arg zu verbittern, und selbst mit 
Freunden und Schülern in offne Feindseligkeit zu 
kommen. — 

Ich habe Gans aufgefordert, nun rasch den 
Schmerz in Thätigkeit überzuleiten, ein Leben He- 
geFs zu schreiben^ und eine Sammlung seiner Werke 
zu veranstalten. Wenn nicht in den ersten sechs 
Monaten die Sache zu Stande kommt und sogleich 
Hand an's Werk gelegt wird, so geschieht wie ge- 
wöhnlich nichts. Nachdem der erste Augenblick 
versäumt worden, sind Fichte's Werke jetzt nach 
achtzehn Jahren noch nicht gesammelt, und werden 
es erst künftig, wenn sie schon völlig litterarisches 
Alterthum geworden. Von Hegel kämen wohl, wenn 
man Rezensionen, Briefe und vermischte Aufsätze 
mitrechnet, gegen sechzehn Bände zusammen. 

Wen man an HegePs Stelle berufen wird, das 
ist jetzt auch eine grofse Sorge. Einen ihm Glei- 
chen wird es noch lange nicht geben, solche Macht- 
geister finden sich selten in unmittelbarer Aufeinan- 
derfolge. Schelling zu berufen, wäre doch ein Rück- 
schritt. Ein Naturphilosoph kann das Werk HegeFs 
eben so wenig fortsetzen, als dasselbe, so wie es 
liegt, auch nur bewahren. 

lieber Troxler, Rotteck, Welcker — ein andermal! 



— 14 - 

Sehen Sie denn die Gro&herzogin Stephanie 
nicht? — 

Von Rahel empfangen Sie gewils ein eignes 
Blatt mit diesem. Sie hat sich tapfer gehalten, ob- 
wohl unter gro&en Leiden; sie war, auch in* der 
schlimmsten Tj&i^ mehr noch von Theilnahme und 
Fürsorge erfüllt, als von Furcht oder Schrecken. 
Ich könnte übrigens audi midi selbst loben. Ich 
entdeckte frühzeitig, dafs man mitten in der Kalami- 
tät doch das gewohnte Leben fortsetzen könne. — — 

Tamlifii^ii ▼•!! Elise« 



August, Baron Ton Stalfl» Holstein. 

Gest in Coppet, den 17. November 1827. 



Wir glauben die Diskretion nicht zu verletzen, 
wenn Briefe des verstorbenen Barons von Stael- 
Holstein und seiner Schwester, der gleichfalls ver- 
storbenen Herzogin v. Broglie hi^ mitgetheilt wer^ 
den. Sie geiferen uns nicht allein einen wohlthuen- 
den Blick in das tiefe, reich begabte, religiöse Ge- 
müth dieser ausgezdchneten Personen, sondern rufen 
auch das Andenken zweier trefflichen Mitbüi^er in^s 
Ctedächtnifs, deren Verlust wir noch als unersetzlich 
betrauern — Adalbert von Chamisso und Eduard 
Gans. 



An Adalbert von Chamisso in Berlin. 

Coppet, 2. Avril. 

Je ne m'attendois pas, liebster SchlemihI, ä Vous 
ecrire de Coppet pour Vous remerder de Votre ex- 
cellente lettre et de la charmante histoire de Votre 
Sosia. «Ten ai ete si enchante que j'allois me van- 



— 16 — 

tant par-tout de Tavoir re^ue et la racontant ä tont 
le monde; eile a eu un grand succes et la belle so- 
ciete de Paris n'a parle pendant huit jours que de 
riiomme qui a vendu sön ombre. Je ne crois pour- 
tant pas que se soit pour ce public -lä que Vous IV 
vez ecrite: Vous auriez eu certes grand tort, car 
c'est la race la plus chetive, la plus niaise sous Tap- 
parence de Tadresse, la plus denuee d'ame et dfesprit 
que Dieu tolere sur la terre. Je vous conseille d'e- 
tre plus fier de votre titre d'etudiant allemand que 
de celui de gentilhomme fran^ois; mais au reste vous 
n'avez pas besoin pour cela de nies conseils. 

Voici, eher ami, notre Situation actuelle. Apris 
dix mois de sollidtations les plus ennuyeuses nous 
etions sur le point d'etre payes du depot de mon 
grand -pere. Ce^te somme assuroit la dot de ma 
soeur pour son mariage avec Victor de Broglie, jeuae 
homme tres distingue par son esprit et par toute la 
morale qu'on peut avoir sans dispositioa contempla- 
tive. Moi aussi j'allois me trouver dans une Situa- 
tion independante comme fortune lorsque Facquereur 
de votre ombre nous a renvoye Napoleon. Ma mere 
a quitte Paris bien vite, j'y suis reste dix jours apres 
eile pour regarder en amateur politique une aussi 
etrange revolution: je n'entrerai pas dans Fhistoire 
de ces dix jours^ il faudroit vous ecrire des volumes, 
je ne les regrette pas par ce qu'ils m'ont fait con- 
noitre dans des classes de la societe que je n'avois 
pas vues jusqu'alors quelques hommes d'un beau ca- 
ractere et sur lesquels on pourra peut-etre un jour 
rebatir une nation firanyoise; mais pour votre bonne 



- 17 - 

compagnie ne rn'en parlez pas, c'est la plus vile des 
canailles. — Aujourd'hui vous voyez, avec quelle 
adresse se conduit Napoleon, il n'a pas fait une 
faute jusqü^ici: il a habUement pris le role qui con- 
venoit au roi et qui auroit prevenu sa chüte. II est 
tout idees liberales; il vient meme de faire dire ä 
ma mere toutes sortes de choses agreables; enfin 
c'est le plus grand des comediens. Que vous etes 
beureux, eher ami, d'etre hors de cette vilaine, de- 
goutante sphere de la politique; quand pourrai-je 
en venir la! — Goppel commence ä verdir, voici les 
anemones, les scilla et la yiola mirabilis — je me 
trouverois faeureux si je voyois devant moi un ave- 
nir quelconque de repos; rnais je prevois qu'il va 
me falloir recommencer des sollicitations ä Paris et 
puis ensuite la Suede, FAmerique que sais je: votre 
vie vaut bien mieux que cela« Rendez -moi un Ser- 
vice, eher Chamisso, vous avez- a Berlin uu ami qui 
a une coUection d'autographes, j'en ai une aussi, je 
vous envoye une liste de ce que je puis offrir en 
ecbange, dites-moi ce qu'il m'ofGre contre. Adieu, 
eher ami ^ ma mere se rappelle *a votre souvenir. 
Schlegel est dahs l'etymologie conune vous dans la 
botanique et moi je vous aime bien sincerement; 
Parlez^ de moi ä Hitzig. 

Aa^uMte baron de StaM-H«liitefai. 



Albertine, HeiMgin von BrogUCt 

geb. ▼. Stfi^) -Holstein. 



An Ädelbert von Chamisso 

in Berlin. 

Parisy 2& Aoust, 
rtte de FUni versüß 90. 

Je teQoh aujourd^hui, 25. Aoust, mein lieb^ Herr, 
une lettre de vous datee du 30. Feyrier, et qai n'a 
profondeoi^t touche. Dans o^e lettre vous faiteB 
appel ä des soiivenirs bien profonds dans mon eoetur, 
j'espere que vous n'aurez pas cru que j'aye pu re- 
ster six mois sans y repondre, et qu'avant de sa- 
voir que c'etait une erreur vous Faurez devinee. 

Oui, en effet je suis restee seule au milieu des 
tombeaux de tout ce qui me fut eher, et ceux qui 
comme vous se rattachent pour moi a ce passe, ont 



- 19 - 

tous les droits ä tna Sympathie. J'espke amsi qu^ils 
en ont pour moi, et Texpression de oette Sympathie 
chez vöus m'a ete bien douce. Helas! nons avons 
beau faire, le cours de la vie eloigne toujomrs pliw 
ce passe, et notre vue ineertaine en perd quelques 
traits malgrez tous nos efforts. Ceux qni ont les 
memes Souvenirs que nous, sont heureux^ des amis 
precieux et irreparables. 

Que de tems, que d'evenemens se sont ecoules 
depuis vingt ans. Vous avez fait le tour du monde! 
Quant a moi j'ai assiste a bien des scenes generales 
et particulieres, douces et dechirantes. Au milieu 
de tout cela une pensce a grandi dans mon coeur, 
une image s'est revelee de plus en plus ä moi, c'est 
Celle d'un Dieu Sauveur, source de tout bonheur et 
de toute vertu. Ce Dieu qui a recueilli dans sön 
sein ceux que je pleure, s'est revele ä moi da!» sä 
parole, et m'a appris qu'il etait la seule chose n^ 
cessaire et la fin de tontes ses cr^atures. 

Puisse*t-il s'etre revel6 de m^me a vous! Puis- 
siez-vous ^re chretien par la foi eomme Fetait 
Auguste! Cest la le meilleur voeu que je piösse 
former pout tm ancien ami. Repoödez-moi, je vous 
en prie, que vous avez re^u 6ette lettre, et que voite 
n'aviez jamais doute de mott souvenir. 

N'avez-vous aöcufte idett de venii' k Paris? 
Vous m'en priviettdriez , n'c^-ce pte? Netfi par- 
leridus de ma mere, d'AugüÄte, d' Albert — 6h mon 
Dieu, comikte ce moiide k venir est peuple! La 
figure de celui-ci pailise bien vite, 1^ tems 

2* 



- 20 - 

est court. Puissions-nous etre tous reunis aupres 
de celui qui est la verite et la vie! 

Adieu, mein lieber Herr, adieu, et merci de 
votre Souvenir. Je lirai vos poesies, et je vous as- 
sure que vous pouvez compter sur une ancienne et 
sincere aoiitie. 

Albertlne iStalll de Br^fflie. 



An Eduard Gans in Berlin. 

Paris, le 16. Decbre 1830. 

Ma recounaissance Temporte sur mon respect 
pour la Philosophie, Monsieur,^ et au risque d^inter- 
rompre un moment vos nobles travaux, je veux vous 
remercier directement du souvenir obligeant que me 
transmet Mr. S — , et de votre aimable lettre de 
Francfort — j'espere que vous n'avez pas doute du 
plaisir avec lequel je Tai regue: j'en ai ete tres- 
fiere. 

Le grand proces va commencer; nous voilä sur 
le seuil de ce nouveau palais de justice d^oü va 
sortir une decision si solenneile! — En dehors dia- 
cun fait d'avance le jugement, bien decide a blämer 
avec plus ou moins d'energie celui qui en dissen- 
tera, quel qu'il puisse etre. En ma qualite de femme 
il m'est permis de plaindre tous les malheurs et de 
trembler pour tous les perils; j'use de ce privilege, 



- 21 - 

et je crains en meme tems pour les vainqueurs et 
pour les vaincus. On se moque de mes peurs, on 
m-assure quMl n^y aura pas le moindre trouble, et 
que le beau caractere de notre revolution ne sera 
volle d'aucun nuage. — Si cette heureuse confiance 
n'est point dementie pendant les qninze jours. du 
proces, nous serons bien forts, et vous nous re- 
trouverez bien joyeux au printems, tous pret^ ä re- 
prendre nos conversations metaphysiques äutour de 
cette petite table oü vous avez laisse de si bons 
Souvenirs. 

Notre ami commence son cours mardi — les 
femmes en sont exclues — c'est bien severe pour 
nos intelligences qu'on trouve indignes d'en profiter. 
Nous n'aurons que le discours d' Ouvertüre qüi sera 
seul imprime. , Etes-vous aussi inflexible pour les 
Dames de Berlin? Si jamais vous faites un cours 
ä Paris, nous permettrez-vous d'entr'ouvrir lä porte? 

Adieu, Monsieur, recevez les affectueux et re- 
connaissants Souvenirs de- toute ma famille, et croyez 
a toute la joie que nous aurons ä vous revoir. 

Albertlne Stal^l de Brofflie. 



An denselben. 

Paris, le 12. Aoust 1835. 

Je voüs aurais repondu depuis long -tems, Mon- 
sieur, si nous ne nous etions trouves dans des cir- 



_ aa ~ 

constances si graves et si agitees qu'il etait difficil« 
d'ecrire. J'ai eu bien de la douceur ä voir vos 
amisy U est impossible d'etre meUleurs et plus aüna* 
bles: La femme a les yeux les plus doux et leg 
plus vi£3 qui aunoucent tout son esprit; et le man 
a une intelligence et uj> amour du beau qui se n^a* 
nifestent dans toute sa personne. Helas! nous avoiui 
bien peu le tems de nous livrer ä de si belies et 
douces preoccupations! Notre pauvre pays est bien 
tourmente par un petit nombre d'esprits desordon* 
ues et violens, pour qui tout sentiment du bien et 
du mal e$t aneanti, et qui meprisent toute regle. 
U y a dans la masse du pays un grand bon-sen« 
et beaucQup d'amour de Tordre, mais 11 n'y a pas 
de convictions assez fortes et assez elevees pour lut- 
ter contre Tardeur des passions, excepte dans le mo<> 
ment ou le danger rallie toutes les ames honnetes 
et leur rend toute leur euergie. Ce n'est que dans 
le renouvellement de la foi dans les ames que nous 
pottvons trouver la remede veritable et dinrable a 
tous nos maus, et ce n'est qu'a Dieu que nous pou- 
vons le demander. 

Adieu, Monsieur, nous voudrions bien que vous 
vinssiez nous faire une visite en France; mon man 
et M. D. se rappellent avec grand plaisir celle 
que Yous nous avez fait, 11 y a trois ans. Notre 
chere amie MUe Raudale nous a ete enlevee pour 
habiter un meilleur monde, 11 y deux annees. Nous 
ne cesserons Jamals de la regretter. Jai reyu une 
lettre pour eile de Texcellent Mr. de Turok; j'au- 



- 23 - 

rais desire qu'il apprit en meme tems, que la triste 
nouvelle de sa mort, le souvenir que je conserve 
de Tamitie quelle avait pour lui. 

Agreez^ je vous en prie, Texpression de mes 
sentiments bien sinceres. 

StaM de Br«sUe. 



Jean Paul FriedTieh Richter. 

Geb. in Wunsiedel den 21. März 1763, 
gest. in Bayreuth den 14. Novbr. 1825. 



An Professor Phil Conr. Marheineke in 

Erlangen. 

Bayreuth, den 5. October 1805. 

vVer den ersten Posttag versäumt, kann gewüs 
furchten, dafs es ihm mit dem sechsten auch so ge- 
hen werde — wie mir. Hier endlich sende ich Ih- 
nen Ihre Auslage, an deren 8 Fl. 38 Kr. ich Ihnen 
schon in Erlangen 2 Thlr. pr. zurückgezahlt — und 
den Anfang Hamanns zu. Ich kann dieses Schools- 
und Busen- und Herzenskind nicht länger entra- 
hen, als bis Sie und unsere Freunde es zweimal 
gelesen. Dann fliege es mir wieder zu. So oft ich 
gar nicht lesen will, sondern nur denken oder ge- 
niefsen: so les' ich Hamann. — Da ich eben Einquar- 
tirung auf meinem Schreib -Kanapee habe — näm- 
lich 2 Kinder und 1 Hund — so mufs ich unor- 
dentlich ui)d kurz zugleich schreiben. Wenn Sie 
Herrn Wendel in meinem Namen danken: so bitten 



- 25 - 

Sie auch um ein geliehenes, imfrankirtes Exemplar 
vom Verkündiger, dessen Fülle und Wechsel mich 
immer so sehr erquickten. Grü&en Sie recht den 
liberalen geist- und kenntniüsreichen Ammon, dessen 
Person mich zu seinen Werken fuhrt, wie sonst um- 
gekehrt, und den liebenswürdigen wackern Le Picque 
und den £x-Schelling Mehmel. Ich danke für alle 
vereinigte Liebe, wozu auch die Ihrige gehört, freund- 
licher Prediger der Freundlichkeit. 

Ihr 
Jean Paul Fr« Ricliter. 

(Eben so eilig.) 

A n d.e n s e 1 b e n. 

Bayreuth, den 26. üVorember 1805. 

]9ier folgt das Doppelwort an Herrn Manns- 
felder. 

Mit der Bitte um den Yerkündiger meinte und 
mein' ich's ernsthajft. Der freundliche Ammon bringt 
ein neues Werk von Hamann sammt meiner Bitte 
um das vorige. 

Ein poetisches Lexikon von Hamann kenn' ich 
nicht; ich wünscht' es wol zu sehen, da Sie ihm es 
zuschreiben. 

Könnt' ich doch irgendwo in beiden Fürsten- 
thümern Schwarzen's Erziehungslehre auftreiben, eh' 
ich meine in zwei Bändchen gebe. 

Sogar einem Entfernten ist Le Pique's Entfer- 
nung eine unangenehme. Ich grüis' ihn herzlich. 

Allerdings gehen jetzt Droh- und Schwanzsterne 



- 26 - 

aller Art durch unsere Zeit; und nur ein Gott kann 

sagen, ob sie Welten zerstören oder selber zerstörte 

sind, oder nur durchsichtigere Erden. 

Mögen immer glückliche Sterne über Ihnen ste* 

hen und herrschen! 

JT, P. F. Rlcliter. 

«. + 
An denselben. 

Bayreuth, den 18. März 1806. 

Giebt es keine Möglichkeit und Post mehr, dafs 
ich meinen Luther und Anti- Mannsfeld wieder be- 
komme, lieber Marheinike? Mein Freund Thieriot, 
der in acht Tagen abreiset, möcht' ihn noch vorher 
lesen. Ich bitte sie darum. Könnten Sie in solcher 
Eile noch Grübner's Gedichte beilegen: ich würde 
Ihnen doppelt danken. Nach Ihrer Probe bin ich 
froh, dafs wieder neuer Geist in die Earchenge- 
schichte kommt, die immer so leer, wie die mr- 
chen selber, ist — Die organischen Kügelchen zu 
meiner Abhandlung über die Reliquien sind ohne 
meine Zeugung durchaus unfruchtbar. — Leben Sie 
wohl und grüfsen Sie Mehmel und Ammon und das 
Buch Hamann. 

Ihr 

JTean Paul Fr. Ricliter« 

An denselben. 

Bayranib, den 8. April 1806. 

Ich bedarf Ihrer ganzen Güte zur Entschuldi- 
gung meines Schweigens, das ein Ja oder Nein auf 



- 27 - 

Ihre jFrage va'schob. Indefs is^ eben meine Ant- 
wort — dies entschuldige ein wenig das Schweigen 
— keines von beid^. Ich will näinlidi gern mei- 
nen Aufsatz aber die Reliquien für Ihr Taschenbuch 
vollenden — obgleich nur dessen Hälfte ernsthaft 
wird — aber ich habe nur dazu einen langern Spiel- 
raum, nämlich Zeitraum nöthig. Erst im August bab* 
ich meine Erziehungslehre vollendet; dann hab' ich 
für Kanne's aUfemeine Mythologie eine Vorrede 
versprochen. Es käme nun darauf axi, ob mein Auf- 
satz Anfangs Septembers nicht zu spät komme. Im 
andern Fall wiird' ich ihn also für das künftige Jahr 
Ihn^i anbieten, falls das Taschenbuch sich selber so 
lange verspäten wollte. 

Ich danke Ihnen sehr für Ihr gütiges Dariehn 
von GrübeFs Gedichten. Er gehört freilich nur zum 
Landvolke am Musenberge. Leben Sie wohl. Ich 

grüise Sie und unsere Freunde* 

S^ F* W. WLlmUtf^r. 

e.i 
An W. V. Röder, General-Adjutant des Feld- 
marschalls V. Möllendorf in Berlin. 

Bajreutb, den 29. Februar 1808. 
Abgeschickt den 20. JMärz. 

Wenn der Schriftstell^ zuweilen aus Büchern, 
so ist auch der Briefstellw aus Briefen zu errathen; 
und da: Ihrige gab mk die Freude, daraus, wenn 
idi's Ihnen geradezu ins Gesicht — - schreibt! soll, 
ein wahrhaftes und schönes Herz zu erath^i. Und 
dies sei von mir brüderlich empfangen! — Ihr Stand, 
Ihr Kriegs- und Ihr Residenz -Getümmel macht es 



- 28 - 

sonst eben nicht teicht, die Musik der Poesie gleich- 
sam unter Kanonen und Stürmen zu vernehmen; de- 
sto leiser ist das Ohr, das sie dennoch hört — 
Unsere erfreulichsten Töne kommen jetzt (vor der 
Hand und Zeit) von keinen andern Höhen herab, 
als (wie Schweizer - Kuhreigen) von den Musen - 
Bergen. Innigst erquickt hat mich Ihr Wort, dafs 
Ihr d^tscher Bruder, eh' er für Deutschland ge&l* 
len, durch meine Werke einige über den Lebens- 
Dampf erhebende Stunden empfangen. Man ist schon 
froh, wenn man auch nur dem gemeinsten Todt^ü 
ein Paar lichte oder warme Lebens -Minuten hat vor 
seinem letzten Gange mitgegeben; wie viel mehr, 
wenn man einem edlen Geiste, eh* er sein Leben 
opferte, dasselbe versüfst hatte. Daher, wenn ihn 
meine Werke sogar zum Tode hätten b^eistarn hel- 
fen, ich würd' es nicht bereuen. 

Haben Sie Dank für Ihre Theilnahme an mei- 
nem Innern! Schreiben Sie mir, so oft Sie kön- 
nen! Bleiben Sie so, wie Sie mir erscheinen! Und 
das äufsere Leben begleite und beglücke, so weit es 
kann, Ihr Inneres! 

Jean Paul Fr. Richter. 

N. S. Vergeben Sie mein Ausstreichen, sogar 
in der N. S. Da ich jeden Brief schnell hinschreibe 
ohne Konzept, so dafs der Leser die erste Auflage 
bekommt, so mufs ich bei dem Nachlesen die zweite 
hineinkorrigiren. 



- 29 - 

f. 

An Dr. Dorow in Wiesbaden. 

Bayreuth, den 15. Septembef 1817. 

Ihr Werthes vom 17.' Juli d. J. erhielt ich in 
Heidelberg. Das Schicksal brachte am Abende vor 
meiner Abreise gerade Tiek aus England auch da- 
hin^ und unter andern mit darum, damit er mit Ha- 
manns-Bücher-Buche, das Reichardt mir geliehen, 
aber nachher ihm geschenkt hatte, am Tische des 
Kirchenrath Schwarz mir wieder ein Geschenk ma- 
chen sollte und zwar ungebeten. Indeis sammeln 
Sie immer so viele glänzende Fliigelfedern, als die- 
sem in die Sonne selber entflogenen Phönis: ausge- 
fallen, mit Hülfe seiner Freunde auf. Findet sich 
endlich der lange gewünschte Herausgeber, so leih' 
ich ihm freudig mein Exemplar dazu. Fand' ich 
selber Zeit zur Herausgabe — welche freilich nicht 
im blofsen Abdruckenlassen, sondern auch in lite- 
rar- historischen Erläuterungen bestehen mufs — so 
würd' ich Sie um Ihre Hülfe bitten, — Jacobi be* 
sitzt eigentlich den vollständigen Schatz. 

Möge Ihr schöner Eifer für den Verklärten be- 
lohnt werden. 

Ihr ergebener 
Dr. JTean Paul Fr. Rlcbter. 



An 

Bayreuth, den 6. November 1821. 

Ihr schöner, von der Freundschaft verlängerter 
Brief aus Bremen, höchstgeschätzter Herr, verdient 



- ,^0 - 

idttnen wärmsten Dank gegen Sie, dem die Menge 
der Geschäfte nur kurze und gleichgültige Briefe er- 
lauben kann. Durch den Weinschatz Ihrer Berg- 
werke, deren äufserliche Ausbeute den Menschen 
mehr beglückt, als die innere anderer Berge, wer-* 
den meine Bitten '. und Ihre Wünsche zwar für die- 
sen Winter erfüllt, aber auf eine andere Weise. 
Unter Ihren von mir versuchten Weinen sagt mir 
nämlich der aus Frankfurt gesandte Probe -Barsae, 
die Flasche zu 1 FL, Oxhoft zu 180 FL, allein tu^ 
nicht blos durch Stärke, denn diese liefse sich durch 
Menge ersetzen, sondern durch die wohlthätigste Wir- 
kung auf mein Nerrensjsteiti. 

Ich bitte Sie daher, auf dem kiirzesten Wege 
mir ein halbes Oxhoft dieses Weins von demsel- 
ben Jalu* und Werth gütig zu senden. Nach mei^ 
ner Wetterkunde gibt der gelinde Winter ftllen Wd- 
nen völlige Durchgangs -Gerechtigkeit durch sich. 

Leider thaten schon die ersten Gläser aus dem 
übersandte Sauteme - Fafe noch schlimmere Wirfctittg 
als der vorige, sonst so geistreiche Sauteme; — 
Nervenschwinddi, Aussetzen des Pulses und Erhitzung 
des Kopfes noch am Abende (denn ich trinke Htur 
Vormittags zum Schreiben Wein) erlaubten mir nur 
eine halbe Bouteille, deren zweite Hälfte aber auf 
einen Freund von mir rein und erheiternd wirkte. 
Weder Stärke, noch Schwäche sind hier Schuldige; 
denn Ihr starker Barsac zu 1 FL ist mein Freutld 
und Arzt und Ihr Frankftirter Probe -Sauterne von 
1814 zu 48 Kr. gerade das Gegentheil, und so der 
Prmgnae m 1 PL Ihr Bremer Graves-Wein vm 



- 31 — 

ISlIS hingegen wirkt wieder viel besser. — -*- Sie 
sind sa gepls^ mit mir, als wären Sie mein Haus- 
«rzt; — und der sind Sie auch als Kellerarzt; denn 
ich gebrauchte nie einen andern Arzt als nnch selber. 

Sie werden mir nun schreiben, wieich dasjetzo 
ausruhende Fafs — welches mit dem Kistchen 16 FL 
3 Kr. Mauth und 32 Fl. 24 Kr. Fracht gekostet ~ 
durch Nachfüllen (vorigen Sauterne hab' ich noch) 
soll behandln lassen. Noch zweifle ich, hier, wo 
man französische Wdne nicht zu schätzen weiis und 
daher nur wenige und nur sdilechte hat -*- einen 
Käufer dafür zu finden. Ihr Wein wird nicht so 
soi^fiAtig behandelt werden wie meiner, sondern, da 
er der Burige ist, noch besser. W^en der Nähe 
des Absendortes hab' ich die Frankfurter Proben 
mehr gekostet als die Bremer; für den FrähKng 
bleibt ja noch die Wahl aus diesen übrig. 

Möge nur der treffliche Barsac in seiner rei^ 
nen Giite •-*- ohne besonderes Faissqhwefeln, das mei« 
nem eigensinnigen Nervensysteme zuwider ist «^ an- 
lai^en können! Einest so theilnehmenden Manne 
wie Sie darf ich * es wohl in etnem Gesohäfisbriefe 
schon sagen, dafs mein armer Körper in diesem Win- 
ter bei meinen geistigen Anstrengungen änfserliche 
Stärkung bedarf^ vm (ife Trauer meiner Seele über 
die gröfste Wunde meines Lebens — über den Ver- 
lust meines einzigen ISjabrigen Sohnes voll Talent 
und Tugend — auszuhalten. 

Mit inn^» Hochachtang 

Uw ergebenster 
JTm« Paul Vw. RMMMf. 



- 32 - 

N. S. Diesen Vormittag hab' ich noch Ihren 
Sauterne Von 1802 versucht und ihn recht gut 
(für mich nämUch) gefunden. Verzeihen Sie mein 
Wein-BuUetin! 

lt. 

An den Kriminal-Direktor Dr. JuL Hitzig 

in Berlin. 

Bayreuth, den 20. Mai 1823. 

An keinem Tage konnte mir Ihr so lange ge- 
wünschtes Buch erfreulicher zukommen als gestern, 
am zweiten Pfingsttage, weil ich dadurch auf einmal 
meine Pfingsten hatte; denn in Bayreuth unterschei- 
den sich mir Wochen von Festen nur durch die — 
Westen. *— • Ihre ganze Darstellung von den Ein- 
theilungen an bis zur rechten Mitte zwischen furdit- 
samem Verschweigen und kecker Offenherzigkeit er« 
freute mich inniglich, so wie Ihr Schonen als sein 
Freund und Ihr Richten als Wahrheitsfreund und 
Ihre Sprache dazu, sammt dem ästhetischen Urtheil, 
und ich sehe froh Ihrem Denkmale Werner's entge- 
gen. — Sie haben mir durch Ihr Geschenk auf eine 
schöne Weise mein Schweigen auf Ihre Bitte ver- 
ziehen, deren Erfüllung theils durch meine Vorre- 
den (die letzte in der unsichtbaren Loge), theils^ 
durch das Urtheil des Publikums überflüssig wurde^ 
so wie jetzo noch mehr durch Ihr trefiUches. 
Buch. 

Der hiesige schöne Abend mit Ihnen und den 
Ihrigen hat sein Abendroth behalten. Die kleine 
Morgenröthe, meine liebliche Eugenie, grüis' ich 



— 33 - 

hier recht innig und väterlich. Auch Ihre Gesell- 
schafterinnen seien gegrüfst Mit Hochachtung und 
Liebe 

Ihr ergebenster 
Jfewa Paul Fr. Rieltter« 

i. 

An denselben. 

Bayreutli, den aO. April 1824. 

Guter, nachsichtiger, thätiger Gläubige* und 
Gläubiger! Denn in der That meine Schuld an 
baarein Dank ist gröfs$ und zwar für Thaten und 
Briefe zugleich. Sie allein waren ja der Stifter des 
Leserfestes« 

Etwas entschuldigt mich der Anlaüb selber^ der 
Geburttag, der immer auch ein Geburttag von Ant- 
worten und allerlei Arbeiten wird. Auch der Früh- 
ling eignet sich so viel Zeit vpn mir zu, als wohnf 
ich in einer grofsen Stadt; und wahrlich er ist auch 
eine und zwar die schönste. — Wie kann ich aber 
Ihrem herrlichen, mir unvergefslichen Berlin — die- 
ser Bergstadt der deutschen Kultur, der gesellschaft- 
lichen, ästhetischen und philosophischen, genug Dank 
und Freude bezeigen? GriHsen Sie von mir noch 
die Toastdichter ^ besonders SchüUer, v. Ahlefeld 
und Fouque. Ueberhaupt wünscht' ich wohl Namen 
einiger Theilnehmer und Theilnehmerinnen, in so fern 
es bedeutende sind, wenigstens zur stillen Freude 
und Liebe zu wissen. 

Noch einen jfrühern Dank als den letzten bab' 
ich Ihnen für Ihren Werner zu sagen, mit welchem 

3 



- 34 - 

Sie mich viel näher bekannt gemacht und dadurch 
von manchen Seiten her ausgesöhnt haben. Hätten 
wir nur mehre so lebendige Lebensbcschreibui^;en 
als blos zwei; und Sie sollten der Freund von mehr 
als einem grofsen deutschen Schriftsteller gewesen 
sein. Der gute Werner fiel, wie der noch kräftigere 
Hofmann, in den poetischen Gährbottich unserer Zeit, 
wo alle Literaturen, Freiheiten, Geschmäcke und Un- 
geschmäcke durch einander brausen, und wo man 
alles findet, ausgenommen Wahrheit und den Gknz 
der Feile. Beide hätten sich zu Lessings Zeit^i am 
Studium reiner entwickelt 

Ich habe in meinem 62sten Jahre oft auf einen 
meiner Festtrinker und Festtrunksprecher würdigeB 
Streckvers gesonnen; aber noch immer wollte nidhts 
kommen. 

Leben Sie wohl, mein lieber Thdlnehmer, mit 

Ihrer trefflichen Tochter und allen Ihr^n! 

Ihr ergebenster 
Jfmam Wmnä Ww. Ricliier» 



Avg. Willi. Iffland. 

Geb. in Hannover den 19. ^pril 17599 
gest. in Berlin den 22. September 1814. 



In meiner Handschriften -Sammlung befindet sich der 
Originalbrief Ifflands an George Forster, welchen ich 
unter a. hier folgen lasse. Möglich, daüs derselbe 
bereits gedruckt ist, weil durch eine mit Bleistift 
beigeschriebene Bemerkung er dazu wohl bestimmt 
sein mufSste; es heilst nämlich: „Obwohl mancher- 
lei Anla& sich findet, lasse ich dennoch diesen Brief 
ohne Bemerkungen abdrucken: er bleibt auch, ne- 
ben dem Bestreitbaren, eine erfreuliche Erinnerung 
an den gefeierten Mann." Es scheint 6. Forsters 
Handschrift selbst zu sein. Alles Forschens und 
Suchens ungeachtet habe ich weder in Forsters Brief- 
wechsel, Hoch in seinen andern Schriften das merk- 
würdige Schreiben auffinden können, daher ich bei- 
nahe vermuthen möchte, daJls Forster seine Absicht 
nicht ausgeführt hat Ist der Brief dennoch be- 
kannt, so verzeihe man meine Unk^antnifs. Der 
unter b. mitgetheilte Brief zeigt uns Iffland, mehrere 
Jahre später, in tieigereizter Stimmung über Yerfol^ 

3* 



— 36 — 

I 

gangen, die ihm in Berlin durch Druck und Ver- 
breitung bösartiger Pasquille zu Theil geworden wa- 
ren; Iffland kam im Jahr 1796 nach Berlin. 



An George Forster in Mainz. 

IManbeim, den 30. Juli 1790. 

Herzlich willkommen in Deutschland, in unsrer 
Nähe, bei Ihrer vortrefflichen Frau, bei denen, die 
Ihren Werth so herzlich fühlen und Sie lieben. Zu 
denen gehöre ich, Sie wissen es, und es ist Ihnen lieb, 
das erhöht meine Lebensfreude in schönen Standen. 
Dank 9 dafs Sie meiner gedacht haben. Und mein 
Figaro hat Ihnen Vergnügen gemacht? Das belohnt 
und ermuntert mich sehr. In dem Briefe, den Sie 
darüber schreiben, steht etwas, davon ich nicht übet- 
zeugt bin, und so will ich Ihnen mein Vertranen auf 
Sie und meinen Glauben an Ihre Nachsicht damit 
beweisen — dafs ich es geradezu sage: 

„ Unsre Freiheit ist nahe, ich bitte nicht mehr 

„darum, sondern, dais das Volk dann die 

„B^niherzigkeit üben möge, welche uns uii* 

„sere Tyrannen so oft versagten.'' 

Ich bekenne, dajb ich auf diese Epoche mich 

nicht freue, dais ich mich betrübe, wenn Sie m- 

tritt! Wenn die jetzige Form geändert würde, der 

etBie Stand von seinen Bänken heruntergesto{s^, 

der dritte sich an dessen Stelle darauf breit machte» 

was gewönnen wir? Die Gröblichkeit des Parisar 

tiers etat mifsfällt mir, was würde aber nidit erst 



- 37 - 

der tiers etat von Wien oder Bremen machen?' Wer 
ist es, der zu Paris die Revolution vorbereitet und 
fast entworfen hat, als die Gelehrten? So würde es 
und so müfste es auch in Deutschland sein. Nun 
aber — Allgütiger! bewahre Deutschland vor den 
deutschen Gelehrten! Ihre Despotie, die schon jetzt 
Menschenverstand und Menschengefiihl so oft beld-* 
digt, ihre Widersprüche, die Faustrechtssitte, womit 
die Meisten ihre übellaunigen Systeme etabliren, die 
Rauhheit, der unbarmherzige Hochmuth^ womit die 
Meisten schon bei ihrem Leben, der eine auf diese, 
der andre auf jene Weise — ihre Lobreden selbst 
schreiben, diese Klätschigkeit — im Mantel dw 
Gradheit, diese Fl^elei, genannt hoher Bieder- 
mannston, diese Herzenshärtigkeit — Gott! da richte 
ja noch lieber das alte Hofgericht von Rothweil al» 
dieser Areopag — oder der, den dieser veranlasse», 
könnte! — Ja, lieber Förster, ich kenne nichts, das 
mir mehr zuwider wäre, als der mdu*ere Theil der 
deutschen Gelehrten! Ihre Güte mag Sie oft abhal* 
ten, sie zu sehen, wie sie sind, oder jene mögc»i 
oft vor Ihnen die Krallen einziehen, die sie vor 
unser Einem in ihrer ganzen Häfslichkeit auf Ti- 
sche und Angesicht und ihrer Kollegen Herz hin- 
legen. Es ist eine eigene häisliche Ra^e« — Hat 
Figaro Ihnen gefallen: so getraue ich mir, über 
diesen etwas besser Unterrichtete und etwas Unt^-: 
haltenderes zu geben, wenn ich in späteren Jahren 
bequemer ihrer Kralle und ihres heimtückischen 
Kothwerfens aus Winkelgassen lachen kann! Da 
ich in Recensionen nie mi&handelt bin: so ist es^ 



- 38 - 

ein klar» Beweis, dals ich es nicht aus Depit sage, 
sondern ans Sachkenntnifs. — Denn audi gestdie 
ich, dais der Enthusiasmus für Einen (sä es 
Ideal) mehr Ganzes bewirken kann, wie ich glaube, 
mehr zum Vertrauen leite, und dem Vertrauen, selbst 
eine Kraft gebe, welche eine Regierung Vieler 
nicht einflofjsen kann. Was in Frankreich jetzt ist 
— ist Schwindel, der sich mittheilte, nicht Kraft, 
die sich schon gesetzt hatte. 

Wie wollen wir Bedrückungen entgehen, wenn 
wir die einzige Form abwerfen? Aber werden nicht 
Beeinträchtigungen, Vorzüge, Zurücksetzungen und 
die ans diesen von selbst entstehende Ünterordnui^ 
immer das Loos der Menschen sein, so lange es 
Leidenschaften und Rechte des Starkeren giebt? Und 
eben diese Rechte des Stärkeren werden so gut 
durch Familienbund und Antisten - Komplot beibe* 
halten, vielleicht bündiger, als durch den jetzigen 
beständigen Militairftifs! — Die freie Schweiz klagt 
und tobt dagegen und dennoch prefst der Familien- 
druck diese Klagen gewaltsamer nieder als R^im^i* 
ter. Darum — ich gestehe es — wünsche ich lie- 
ber, dais Alles bleibe, wie es ist! Wenn unsre 
Fürsten die französische Revolution, die deutschen 
Unruhen, als den Zeigefinger ansehen (und sie thun 
es), womit eine höhere Macht ihnen dräuet, wenn 
sie, dadurch geleitet, auf den Ursprung ihrer Macht, 
auf ihre Pflicht gegen uns (sei es aus Politik!) se- 
hen: so mag Frankreich seine Garde -Nationale be- 
halten — nie sollen Herr Pahl und Herr Renner 
deutsche Garden kommandiren, noch Herr Koch 



- 39 - 

oder Herr Boeck Grafen und Barone hängen, dann 
morgen wieder Cinna oder die Gnade des Augast 
spielen. Es ist mir recht, wenn wir bleiben, wie 
wir sind; es kommt nichts Be&res nach, am wenig- 
sten in Deutschland. — Wer weifs, endet nicht die 
beste Welt von Lafayette — in einen Bankerutt! 
Die Finanz -Menschen behaupten: er sei schon — 
nur ausgesprochen sei er noch nicht Was ist dann 
gewonnen? 

' Doch ich vergesse: Sie kommen aus Frankreich 
— und also müssen Sie leidenschaftlich für das sein, 
was Ihr edles Herz wünscht, dafs es dort s^in mochte, 
und woran Ihr Glaube an gute Menschen nicht zwei- 
feln kann, dafs es wird — und so bin ich mit dem, 
was ich sage, riothwendig Ihnen sehr zuwider. 

Noch eins, scheint mir, wird jetzt übersehen. 
Fordern wir nicht zu viel von Fürsten? Es ist 
Mode, sie zu hassen; Mode steckt auch den Klüg- 
sten etwas an — ist es nicht Gerechtigkeitspflicht, 
sehr auf semer Hut zu sein? Sie werden herzlich 
lachen (denn böse können Sie nicht darüber wer« 
den), dafs ich Ihnen das so umständlich schreibe, 
aber, sollte ich auch dadurch bei Ihnen verlieren, 
so wiirde ich doch das fast eher wollen, als ver- 
schweigen, was ich über die Freiheitslosung fühle, 
die Sie mir gegeben haben. 

Da ich bei dem Krönungswesen mitfiguriren 
soll: so freue ich mich, dann einigemal nach Mainz 
zu kommen. Huber hat indefs die Zeitungen fast 
ordentlich geschickt, aber sich wohl gehütet mit ei- 
ner Silbe dazu zu schreiben: dafs er lebe. Es ist 



- 40 - 

also doch zu vermuthen, dafis er existire, und weHn 
etwas von ihm verlauten sollte, bitte ich Sie, ihm 
wissen zu lassen, dafi» ich seiner gedenke« Vor al- 
len aber empfehlen Sie mich Ihrer guten Therese; 
empfehlen Sie mich ihr herzlich, denn ich begreife 

sie sehr. Bleiben Sic mir gut! 

IflTliMid« 

An den Kriegesrath Müchler. 

Berlio, den 3. December 1800. 

Empfangen Sie meinen innigsten Dank für die 
schöne Empfindung, welche Ihr Herz und Ihr Ta- 
lent mir gegeben haben. Es ist ein Busch um eine 
frische Quelle, an der Heerstrafse für den müden 
Wanderer gestiftet ! Das Erstemal war dieses freund- 
• liehe Wort, waren Sie das Lebenszeichen guten Wil- 
lens, was in Berlin ich je empfangen zu haben weils. 
Nachdem alle Federn und Zungen mich schänden 
und würgen — sind Sie der Erste, der es wohl- 
wollend sagt — das ist zu viel! 

In der That, da ich das Glück habe, eine ge- 
wisse Kindlichkeit der Empfindungen erhalten zu 
haben: so leide ich zwiefach bei dem herzlosen 
Wesen, womit einige Herostraten, die würdigere 
Dinge zerstören, mich systematisch verfolgen und 
die ganze jeunesse de Freron aufbieten, meinen 
Ki*edit und meine bürgerliche Ehre zu zernichten. 
Ich selbst kann für meine Vertheidigung fast nichts 
thun, also lege ich meinen guten Namen und seine 
Erhaltung bei jedem Ehrenmanne nieder, und so 



- 41 - 

mufs ich erwarten, welche Wendung die Dinge neh- 
men wollen; ob ich in Berlin bleiben kann, oder 
ob, die Erhaltung meines Rufs mir befiehlt, es zu 
verlassen. 

Von Herzen der Ihre 

IflTland, 

Darf ich meinen Freunden Abschriften ohne ih- 
ren Namen und mit dem abg^nderten Namen am 
Schlufs — G. t. r. geben? Wenn Sie es nicht ver- 
bieten, nehme ich es für Erlaubnifs. 



Ednard Gans. 

6eb. in Berlin den 22. März 1798, 
gest. in Berlin den 5. Mai 1839. 



In diesen Bänden ist schon öfters des Professors 
Ed. Gans Erwähnung geschehen und es sind Briefe 
an denselben mitgetheilt worden. Die freundliche 
Theilnahme des Herrn v. Varnhagen für mein Un- 
ternehmen macht es möglich, nun auch Briefe von 
Gans selbst, an Varnhagen aus Frankreich, Italien 
u. s. w. geschrieben, hier abdrucken zu lassen. Lei- 
der fehlt uns bis jetzt noch stets ein Lebensabriis 
des trefflichen Mannes und seines einflufsreichen 
Wirkens auf unsrer Friedrich Wilhelms -Universität. 
Daher mag ein Wort über denselben hier einen 
Platz nochmals finden, welches ich in dem vierten 
Hefte der Facsimile mitgetheilt habe. 

Eduard Gans, ordentlicher Professor der Rechte 
an der Universität zu Berlin, geboren daselbst den 
22. März 1798, nimmt unter den deutschen Gelehr- 
ten einen bedeutenden Bang ein^ der auch in Frank- 
reich und England, so wie in dem altklassischen 
Vaterlande der Jlechtsgelehrsamkeit, in Italien, in 



- 43 - 

ehrenvoller Anerkennung steht Schon in junget 
Jahren zeichnete er sich durch Scharfsinn, Kennt- 
nisse und besonders auch durch Muth aus, mit dem 
er in der Wissensdiaft die freie Untersuchung gegen 
ein bloises Namensansehen geltend machte. Er trat 
als Vertreter der Philosophie in der Rechtswissen- 
schaft auf, und indem er hiebei die sogenannte hi- 
storische Schule zu bekämpfen hatte, siegte er nicht 
nur auf dem philosophischen Gebiete, sondern zeigte 
sich auch auf dem historischen durch Kenntnisse und 
Behandlung der Gegenstände seinen meisten Gegn^n 
überlegen. Sein grofses Werk über das Erbrecht 
giebt hievon Zeugnüsr Durch lebendigen Vortrag 
und beredte Darstellung ragte er unter den ausge- 
zeichnetsten Lehrern der Berliner Hochschule . be- 
sonders hervor. Obwohl durch Talent und Muth 
sehr zur Polemik hingetrieben, und vortrefflich für 
diese ausgestattet, darf er doch keines weges streit- 
süchtig genannt werden , noch bediente er sich je- 
mals unedler Waffen. Im Gegentheil wird von AI- 
len, die ihn kannten, seine wohlmeinende Gutmü- 
thigkeit und menschenfreundliche Gesinnung gerühmt, 
die er selbst da noch ausübte, wo ihm halsstarrige 
Unversohnlichkeit g^enüber stand. 



a. f 

An Varnhagen von Ense. 

Berlin, im Oktober 1824. 

Hier mein Bericht über den Vorgang auf der 
Universität, von dem Sie so viel Ungenaues gehört 



- 44 - 

habeu! Lassen Sie gefälligst Herrn v. Beyme wis- 
sen, wie es sich damit verhält. Ein akademisoher 
Scharmützel, im Scherz, doch sdiarfe Hid>e! — 
Ich rede von mir, wie Cäsar, in dritter Person. — 

Die Disputation quaestionis fand Sonnabend den 
5. September 1824, Morgens 11 Uhr, ini grofsen 
Hörsaale statt Der junge Promovendus war Carl 
Ludwig Michelet von der hiesigen franzosischen Ko-: 
lonie, früher Refcrendarius beim hiesigen Stadtge- 
richt, späterhin der Philosophie beflissen. Die Dis- 
sertation behandelte einen Gregenstand der Rechts- 
philosophie de dolo et culpa. Decan war der Pro- 
fessor Ideler. Die der Dissertation angehängten The- 
ses waren aus allen Theilen der Philosophie genom- 
men. Die ersten Opponenten, Laspe3rres und Saunier, 
meinten es mit der Sache erstaunlich enist^ und glaub- 
ten in der That pro veritate fechten zu müssen.: 
Des ersten Latinität war uotadelhaft, der zweite griff 
mit der Bibel in der Hand die Thesis 11 an, und 
zwar im Predigerlatein. Gans Weise zu opponiren 
war also: 

Er erwiederte dem ihn mit unverdienten Lobes- 
erhebungen anredenden Promovenden, dafs die Furcht, 
die dieser äufsere, seine Dissertation würdig verthei- 
digen zu können, unnöthig sei, weil die VortrefF- 
lichkeit der Arbeit solche Furcht unstatthaft mache: 
Man könne es übrigens dieser Arbeit, wenn man 
etwa zweifelte, ob man den Promovenden als Jurist 
oder Philosophen anzugreifen habe, sofort ansehen, 
wer von beiden sich hier bloßstelle, denn für einen 
Juristen, namentlich für einen eleganten und histo- 



- 45 - 

rischen, sei der Inhalt der Abhandlung, welche von 
dolom nnd culpa handele, ein viel zu leichtes und 
oberflächliches Thema. Diese grofsen Jturisten hät- 
ten jetzt andere Dinge zu thun, indem sie ausmit- 
teln müfsten, ob Susanna, die Tochter des Cujacius, 
wirklich eine Hure gewesen, oder nicht, oder auch, 
ob die Professoren in Bologna ihre Honorare mit 
Strenge eingetrieben, oder, wenn sie reich und groüi- 
müthig waren y mit Liberalität erlassen hätten. Sol- 
che Themata bekundeten den echten, wahren und 
grofsen Juristen, der Promovendus aber müsse in 
Ermangelung eines solchen es sich schon gefallen 
lassen, ein Philosoph zu sein. Auch wären damit, 
dafs er dn Philosoph sei, noch mancherlei Yortheile 
verbunden, denn als Jurist hätte er sich des Hoch- 
verraths schuldig gemacht, und den Kopf verwirkt, 
weil er den Hasse nicht citirt habe (Professorem 
non Bononiensem, sed Bonnensem), der das erstaun- 
liche Talent gehabt habe, seine, culpa statt auf hun- 
dert auf sechshundert Blättern zu schreiben. • Da er 
aber ein Philosoph sei, d^ Opponent jedoch nur 
ein Jurist, so könne zwischen ihnen kein eigentli- 
ches Disputationsverhältnifs entstehen, sondern nur 
ein Colloqiiium, wie es etwa in den Platonischen 
Dialogen gefunden wird, so dafs Einer den Philo- 
sophen, der Andre den Sophisten oder dummen 
Jungen voi;stellt. Diese letztere Parthie erwähle sich 
der Opponent, weil er als Philosoph nicht bestehen 
zu können glaubt, und weil die cathedra superior, 
auf welcher der Promovendus stehe ^ dieses Beoht 
ihm allein gewähre. Nun folgte die Dispiitalioi^ 



- 46 - 

die eben so zu Scherzen Veranlassung gab, und wo- 
bei namentlich dies Gelachter erregte^ dais eine Stdie 
der Dissertation, worin der V^rfiftsser gesagt hatte, 
ich weiis nicht (haud scio) als eine unphilosophi- 
sche Behauptung angegriffen wurde, indon em Phi* 
losoph verpflichtet sei, Alles zu wissen. Bm Gele- 
genheit der Stelle (S. 33), worin gesagt wird, dais 
man, um sich das Leben zu erhalten, stehlen könne, 
wurde die Anekdote erzahlt, daüs ein französischer 
Polizei -Präsident einem Pasquillanten, der sich mit 
der Einrede vertheidigt hatte, er miisse leben (il 
faut donc que je viye), geantwortet habe: je n'en 
Yois pas la necessite. 

Nachdem die Disputation zu Ende war, hielt 
Gans eine Schluisrede, worin er von den ausge- 
zeichneten Fähigkeiten und den Erwartungen sprach, 
zu denen der Promovendus berechtige, von der Phi- 
losophie, als der Mutter der Wissenschaften, die 
keiner, selbst ein Historiker nicht ungestraft ver- 
achte, endlich von Hegel, der die in hiesiger Uni- 
versität eingerissene und crasse Empirie wieder ge» 
zwungen habe, an Gedanken zu denken. 

An denselben. 

Berlin, den 11. Februar 1831. 

Ew. Hochwohlgeboren 
werden mir hoffentlich verzeihen, wenn ich hiermit 
eine Behauptung widerlegen myfa^ von der ich so 
eben höre, dais sie von Ihnen inüder gestrigen &o^ 



- 47 - 

cietät für wissenschaftliche Kritik ausgesprochai wor- 
den ist Sie sollen sich nämlich darüber beklagt 
haben, dafs ich die Nachricht verbreitete, Sie aeien 
der Verfasser gewisser Artikel in der Allgemeinen 
Zeitung. Dies ist vollkommen unrichtig: ich habe 
dies niemals verbreitet, sondern, grade umgekehrt, 
mir ist von mehreren Seiten erzählt worden, Sie 
seien der Verfasser der mit einem -{- bezeichneten 
Artikel, wovon mich einer heftig und unverdient 
angegriffen hat*). Ich muDs gestehen, dafs es mich 
damals tief kränkte, mich von einem Manne belei- 
digt zu glauben, dem ich immer mit gröfster Freund* 
Schaft zugethan war, dessen Talenten und Charakter 
ich jederzeit die grofste Gerechtigkeit hatte wider- 
fahren lassen, upd der zu den wenigen Gleichge- 
sinnten gehört, die so sparsam sich bei uns zusam- 
menfinden: ich nmfe auch gestehen, dafe ich trotz 
dem, dafs mir »Ai^ Sache im Tone der entschieden- 
sten Gewiisheit erzählt wurde, einige Zweifel nie- 
mals habe unterdrücken können, und selbst noch 
vor wenigen Tagen in einer Gesellschaft, wo wie- 
derum Sie als der Verfasser der Artikel in der All- 
gemeinte Zdtung bezeichnet wurden, mich laut dar- 
über äuDserte, dals ich nicht daran glaube. Ihre 
gestrige Aeu&erung freut mich um so mehr, als ich 
nun die entschiedene Gewiisheit darüber habe, und 



*) Der Artikei war von Vamliagens Schwager, Lud- 
wig Robert, daher der Verdaehi lelebi entatefaen konnte; 
nnd doeb niebt dnreb Nennung dea wabren Urhebera wi- 
derlegt werden durfte. 



- 48 - 

es bleibt mir nichts übrig, als Sie von ganzem Her- 
zen um. Verzeihung zu bitten, dafs ich einen Aa* 
genblick diesem Gerächte habe Glauben beimessen 
können. 

Mit ausgezeichneter Hochachtung habe ich die 
Ehre zu sein 

£w. Hochwohlgeboren 

ergebenster 



An denselben im Haag. 

Berlin, den 6. Aagust 1836. 

Verehrtester Herr und Freund. 

Durch Ihren Brief aus dem Haag, so wie durch 
Fraulein Solmar, bin ich leider davon benachrich- 
tigt worden, dafs Ihre Badereise nach Scheveningen 
als verfehlt zu betrachten ist, und dafs Sie jetzt 
nach Ems steuern, um Hülfe gegen ein Uebel zu 
suchen, wovon Sie, so viel ich weifs, nicht befallen 
waren, als Sie uns verliefsen. Aus so weiter Ferne 
kann ich nur beste Wünsche für Ihr Wohlsein und 
für Ihre glückliche Zurückkunft ergehen lassen. Viel- 
leicht, dafs die Reise, die damit vierbundene Durch- 
sdiüttelung, schon allein vermag, eine Heilkraft ab- 
zugeben. ' 

Die Heftigkeit, die sich gegen meinen Aufsatz 
kund gab, hat sich nunmehr gelegt: die Jahrbücher 
werden mich weiter toleriren, und vielleicht wird 
Alles bald vergessen sein. Letzhin beg^ne ich 
Herrn B. im Cafe Royal. 



-^ 49 - 

Er. Ich habe Ihren Au&atz über die Jahrbü- 
cher gelesen. 

Ich. Das ist mir lieb* 

Er (spöttisch). Nun er ist recht gutgeschrieben. 

Ich (grob). Sie meinen wohl auch) Alles mufs 
langweilig sein. 

Die Drucksachen schreiten fort Vierzehn Bor 
gen sind hier censirt und gedruckt Die Schweizer- 
Pille steht noch beror. In drei Wochen ist das 
Buch fertig und ausgegeben, so dals es Ihnen nadi 
Ihrer Rückkunft sogleich zu Händen kommen wird« 

Seit vierzehn Tagen werde ich wieder yon ei- 
nem so furchtbaren Kopfschmerz geplagt, dafs ich 
nicht aus den Augen sehen kann: er ist ganz ner- 
vös und halbseitig. Dafs ich in einem solchen Zu^ 
Stande nicht viel arbeiten kann, ist klar. 

Den vierzehnten August gedenke ich dean auch 
abzureisen, und zwar zuvörderst zu meiner Mutt^ 
nach Dresden, dann über Würzburg und Stuttgart 
nach dem Rhein und Belgien: ich erwarte daher 
keine Antwort auf diesen Brief von Ihnen, und 
kann auch keinen Ort angeben, wo ich sie sicher 
empfangen dürfte. 

Leo's Schrift gegen Diesterweg macht hier ein 
Mordaufsehen. Sie ist klotzgrob und in einen Te% 
von Gemeinheit und laisser aller gewälzt, da& man 
sie lesen, lachen und ausspucken muis. loh bin 
neugi^ig, Ihr Urtheil darüber zu erfahren. 

Mundt und Preufs, der eben von mir geht, grii- 
fsen vielmals. Leben Sie so wohl, als es wünsdit 

Ihr aufrichtiger Freund tfAMis« 

4 



-so- 
ll, i 

An denselben in Berlin. 

Genf, den 26. August 1^37. 

Verehrtester Herr und Freund. 

Jetzt^ wo ich an der Gränze Frankreichs mich 
befinde, und vielleicht schon in wenigen Tagen drin- 
nen selber sein werde, will ich es doch nicht län- 
ger anstehen lassen, irgend ein Lebenszeichen von 
mir zu geben, obgleich dasselbe zugleich ein Krank- 
heitszeichen ist Denn ich bin heute an mein Zim- 
mer gefesselt, weil ich durch eine Erkaltung auf der 
Insel St Pierre zwischen Biel und Neufchatel mir 
ein so heftiges Kreuz weh zugezogen habe (eine Coiu:- 
bature, wie Moritz Robert sagen wiirde), dafs jedes 
Aufstehen von meinem Sessel mir ein Geschrei des 
Schmerzes entlockt; ich habe es deswegen auch auf- 
gegeben, einen Abstecher nach Chamouny zu ma- 
chen, weil sicherlich nichts lächerlicher ist, als einen 
lahmen Reisenden auf Bergen zu sehen, die Flink- 
heit erfordern. 

Aus meinen fortzusetzenden Rückblicken wird 
wohl nichts werden, denn dazu sind vor allen Din- 
gen Blicke nothwendig, und zu den Blicken wie- 
derum Dinge, die geblickt werden. Nun aber bin 
ich nie so unglücklich gewesen als diesesmal, und 
ich mufs das mangelnde Objective durch das er- 
setzen, was ich selber in den gewöhnlichen Gegen- 
fitänden bemerke: Hirngespinnste, die für eine in- 
nere Bildungsgeschichte recht gut und nützlich seih 
können, die aber nicht verdienen, dem Publicum 



- 51 - 

mitgetheilt zu werden, das doch ein Recht darauf 
hat, dais ihm zuvörderst ein historisches^ oder ethno- 
graphisches, oder wichtiges Object überhaupt gebo- 
ten werde; nicht eines, das blofs innerlich ist und 
nur durch das Talent des Schreibenden eine Sub- 
stanz gewinnen kann; ein Talent, das ich am ent- 
ferntesten bin mir zuzuschreiben. Ueberhaupt habe 
ich immer bemerkt, dafs einem das entgeht, worauf 
man sehi hauptsächliches Augenmerk richtet; ich bin 
diesesmal auf Rückblicke ausgereist, und es wird mir 
gehen, wie immer, wenn ich einen Schirm habe: es 
wird nicht regnen. 

Was soll ich von Deutschland melden, als dafs 
ich zwischen Berlin und Leipzig zum erstenmale ge- 
hört habe, was ein Gold- und Silberplättner ist, 
dafs ich Brockhaus im Kampf mit der Hyder einer 
neu zu errichtenden Zeitung fand, deren einen Kopf 
abzuschlagen er die Güte hatte mir zuzumuthen, 
dafs ich des Morgens um 7 Uhr mitten im Regen 
mit etwa 100 Fahrenden auf der Eisenbahn von 
Leipzig nach Althen reiste, und alle in Bewunde- 
rung über das fand, was doch Menschen aushecken 
könnten, dafs ich übrigens dieselbe rüstige Lange- 
weile, dieselbe Zufriedenheit mit Unerträglichem, die- 
selbe Lust, das nochmals zu begründen, was schon 
längst begründet ist, wie immer angetroffen habe. 
Der deutsche Geist wird wie eine Locomotive von 
dem Dampfe bewegt, der von andern Ländern her- 
kommt; selbst kann er nicht gehen, aber auch, wenn 
er ruht, ist er doch stolz darauf, dafs er in Bewe- 
gung gesetzt werden mag. Wie übrigens die Eisen- 

4* 



- 52 - 

bahnen, dieses umgekehrte Babel, auf Deutschland 
wirken w^den, bin ich recht neugierig zu sehen; 
vielleicht erleben wir einmal die Freude, im eigenen 
Dampfe zu athmeu. 

In Heidelberg bin ich ungefähr acht Tage ge- 
wesen; nie aber hat es auf mich einen so traurigen 
Eindruck gemacht. Eigentlich lebendige Wissenschaft 
ist dort nicht anzutreffen. Die Universitätslehrer be- 
mühen sich, den Studirenden grade das beizubrin- 
gen, was diese für das Examen nöthig haben ;*^ ja 
sie .gehen so weit, das selbst zu gestehen und aus- 
zuposaunen. Die Ankündigung einer vollständigen 
Heidelberger Vorlesung würde ungefähr so lauten: 
„Die genauesten Notizen über alles Wissens werthe 
im Staatsrechtlichen, ohne welches man unfehlbar 
im Examen plumpen würde.'' Was die Universität 
1820 war, als ich sie verliefs, das ist sie noch. 
Von Thibaut hört man dieselben Redensarten; Mit- 
ta:!maier bleibt ein ungeheurer Polyhistor und Litte- 
laj^kenner, ohne sie gelesen zu haben, und Zacha- 
ria macht für Geld Gutachten für beide Parteien. 
Philosophie ist dasjenige, was man verabscheut, weil 
man eine gräfsliche Furcht davor hat^ und Creuzer 
ist der einzige^ der sich der verlassenen und ver- 
bannten heute annehmen mag. Dieser Mann in 
seiner liebenswürdigen und kindlichen Naivetät ist 
mir die einzig angenehme Erscheinung gewesen, wel- 
che mir begegnete. Die Marquise Arconati mit ih- 
rem feinem Siime für alles, was Welt heifst, findet 
sich auch in Heidelberg weit unbehaglicher als in 
B(»m; sie wird im Winter nicht dahin zurückkeh- 



— 53 - 

reu, ilnd Carletto Mrird in Edinburg deatsche Bil- 
dung schottisch überziehen lassen. 

Einen zweiten Buhepunkt habe ich in Baden- 
Baden gemacht, das unter der Last seiner Englän- 
der erseufet, die mir auf dem Continente niemab 
lächerlicher vorgekommen sind, als grade jetzt. Ihre 
Unterhaltung dreht sich um den Mittagstisch, der 
entweder qapikU pretty oder bad ist, meistens aber 
das Erstere, um die Wohnung, die immer capitai 
ist^ weil man den Kerls die besten Zimmer anweist, 
und um das Frühstück, das sie selber eigentlich an* 
ordnen, und als ihr eigenes Product bewundern mos 
sen. Sonst reisten nur die Lords und Honorables, 
jetzt reist aber auch der dritte und vierte Stand, 
der es noch immer wohlfeiler als in England fin- 
det. Mit keinem Engländer, den ich auf dem Con- 
tinente sah, habe ich mich in ein Gespräch über 
Englische Verfassung und Zustände einlassen kön- 
nen; sie verachten den Fremden entweder, oder 
glauben nicht, dafs er werth sei, in ihren Particu- 
laritäten unterrichtet zu werden. Wie ganz anders 
hat mich Herr Ticknor, den ich in Heidelberg traf, 
über Amerikanische Verhältnisse au fait gesetzt 

Endlich habe ich von einem dritten Aufenthalte 
zu sprechen, von dem in Neufchatel; von einer Art 
von Inspection übißr meine ehemaligen Schiller. Diese 
sind sämmtlich noch grofsere Royalisten als der Kö- 
nig selber geworden, und zwar aus einem ganz ein- 
fachen Grunde: denn sie besitzen das ganze Köuig- 
thum nur im Wappen; sie bezahlen ihm nichts; es 
kann sie nicht errdchen/ und so ist es d«in ledig- 



- 54 - 

lieh Ornament, ein Staatsrock, eine BaUeinladung, 
eine Ehre, die man geniefst, ohne dafs sie erdrückt 
Reiche Privatleute und Industrielle werden immer 
geneigt sein, den Proletarien dergleichen Medusen* 
häupter entgegen zu halten, namentlich, wenn sie die 
Kunst besitzen, nicht selbst davor in Schreck zu ge- 
rathen. Uebrigens muls man gestehen, ist es auch 
die Gutmüthigkeit des Königs, von der man allerlei 
Züge zu erzählen weüs, welche die Neufchateller 
entzückt Nächst dem Könige steht der General 
von Pfuel im allerbesten Ansehn. Man sagte mir: 
nie sei eine bessere Wahl getroflfen worden, weil 
in diesem Manne die Festigkeit, die einem Preufsen 
gezieme, sich mit dem Liberalismus vereinige, der 
in der Schweiz nothwendig wäre. Wenn man übri- 
gens eine petite ville sehen will, so mufs man nach 

. Neufchatel kommen. Bisweilen wurde ich von dem 
General -Postmeister Jeanrenaud, von einem alten Zu- 

' hörer, jetzigen Chatelain du Landron, Matile, von 
Herrn vqp Meuron, Favre etc., im Wagen zu Spa- 
zierfahrten abgeholt. Dann waren alle Damen der 
Strafse*) am Fenster, denn die Anwesenheit eines 
Fremden, welcher abgeholt wird, ist ein Ereignifs 
für eine kleine Stadt Man giebt hier noch alle 
Titel in gehöriger Weise; man nennt Herrn v. Pfuel 
nie anders als Son Excellence, man sagt Mr. le 
Prqfesseur^ Mr. le Chaidam^ Mr. le moMre de po- 
stCy und man behandelt sich mit aller bonhomie 
bourgemse^ die in grofsen Städten so ganz abge- 



*) Das hoifst, welche daria wobnjen. 



- 55 - 

kommen ist. Auf der Insel St. Pierre bei Neufcha- 
tel wird das Zimmer gezeigt, in welchem Jean Ja- 
ques Rousseau sich längere 2^it aufhielt. Das Mo- 
biliar, ja das Bett ist erhalten, und ein Buch ist 
aufgelegt, in welches jeder Besucher sich einzeich- 
nen soll. Hier nun hatte am Tage, ehe ich da war, 
ein Mann, der sich Mr. Decrette, Savoi, unterzeich- 
nete, ein infames Pasquil gegen Rousseau eingeschrie- 
ben, auf das weitläufig in französischer Sprache ich 
zu antworten für gut fand. Mir kommt so etwas 
nicht minder strafbar vor, als wenn Jemand heilige 
Monumente zerstört oder beschimpft. 

Genf, den 27 sie». 

Mein Kreuz weh, das heute, trotz einer spani- 
schen Fliege, heftiger ist als gestern und mich com- 
plett lahm macht, verschaffl; mir bei allem dem das 
Vergnügen, mich mit Ihnen zu unterhalten und die- 
sen Brief beendigen zu können. Als Reiselecture 
hatte ich in Heidelberg den dritten Theil des Hei- 
ne'schen Salons gekauft, bin aber erstaunt über das 
Unzusammenhängende der ganzen Production, die 
doqh nur durch stärkeren Humor eine Substanz 
hätte gewinnen können« Sporadische Witze sind 
nicht fähig, uns für die Langeweile eines durchaus 
mangelnden Totaleffects und, ich möchte sagen, To« 
talzweckes zu entschädigen, und diese mit unterlau- 
fenden Witze kommen seltener als in früheren Pro- 
ductionen vor. Glauben Sie nicht etwa, verehrte- 
ster Herr, da£s ich ärgerlich auf Heine bin, weil er 
mein Berliner Geschrei in Potsdam will gehört ha.-* 



- 56 - 

hen; solche Freihdten nehme ich nicht übel, und 
ich habe recht herzlich darüber gelacht; aber da- 
mit macht man kein Buch, das in der Litteratur ge- 
nannt werden soll. 

Jetzt habe ich aber vierzehn Seiten von mir 
und meiner Reise vollgeschrieben, ohne mich nur 
ein einziges Mal nach Ihnen erkundigt zu haben. 
Wie geht es Ihnen denn mit den leiblichen Zustän- 
den? sind Sie von Ihrer Reise glücklich zurückge« 
kehrt? Die Nachricht in der Allgemeinen Zeitung, 
dafs die Cholera in Berlin ausgebrochen sei, bat 
mich sehr erschreckt, und würde mich zur unver- 
züglichen Rückkehr nach Berlin bewogen haben, 
wenn nicht dergleichen Zeitungsnachrichten häufig 
von solchen herrühren, die nichts Besseres zu 
schreiben wissen und daher auch nicht genau sind, 
wie ich ja aus eigener Erfahrung am< besten zu 
wissen berufen bin. Nicht minder thut es mir leid, 
dafs es mir nicht vergönnt ist, Seydelmanns Vor- 
stellungen in Berlin beizuwohnen, von denen Sie 
wohl noch eine oder die andere genossen haben 
werden. 

Der Reisegefährte, über den Sie wohl einiges 
werden wissen wollen, gehört zu den guten^ unver- 
drossenen Jungen; eine eigentlich moralische Stütze 
gewährt er mir nicht, denn ich kann mich in Wahr- 
heit über nichts mit ihm unterhalten. In der Poli- 
tik ist er Null, in der Litteratur Null -Null, vom 
Leben- und seinem Fache weifs er, was ein Auscul- 
tator zweiten Ranges ungefähr wissen kann; er ver- 
spricht einer von den Vielen zu werden, die nach 



— 57 - 

Jahren im dritten Examen bestehen dürften. Aber 
von Seiten des Herzens und der Unverdrossenheit 
in Besorgung der nöthigen Reisegeschäfte ist ihm 
das beste Lob zu ertheilen. 

Gern würde ich Ihnen einen bestimmten Ort 
für die ErtheUung einer ordentlichen Antwort ge- 
nannt haben 9 wenn ich nur wüfste, von welchen 
mich die Cholera ausschliefsen wird, und wohin sie 
mir zu gehen erlaubt. Auf jeden Fall darf ich 
wohl bitten, mir nach Bordeaux poste restante un- 
verzüglich zu schreiben, denn einen früheren Ort 
kann ich nicht vorschlagen. 

Haben Sie die Güte, mich dem lieben Fräulein 
Solmar, Dirichlets, Madam Lea Mendelssohn Bar- 
tholdy und Hensels ergebenst zu empfehlen, und 
sein Sie von der fortdauernden Freundschaft über- 
zeugt 

Ihres ergebensten 

Haben Sie vielleicht die Güte, Herrn Duncker 
in meinem Namen den Auftrag zu geben, Laube 
ein Exemplar der Philosophie der Geschichte zuzu* 
senden. 



e. f 

An denselben. 

AlontpeUier, den 11. September 1S37. 

Verehrtester Herr und Freund. 
Die Ghol^a, welche mich nun schon so oft 
Reiserouten wechseln, Orte aufgeben imd andere 



- 58 - 

dafür in Empfang nehmen liefs, welche mich von 
Italien nach Frankreich, von Marseille nach Mont- 
pellier warf, hätte mich von hier sofort ziurfickgehen 
lassen, um durch eine bösartige Dialectik (wie ich 
sonst geschrieben haben würde), mich das aufsuchen 
zu machen, was ich vermeide, wenn nicht ein Brief 
von Feige vom 30. August mir etwas beruhigendere 
Nachrichten gäbe. Im Grunde sagte ich mir, nach 
einigen heftigen Aengsten, sind meine Verwandten 
und Freunde so gestellt, dafs sie allenfalls dem Ti- 
ger aus dem Wege gehen können, und sollten sie 
auch nur nach Freienwalde und Neustadt entwischen. 
Sie vermuthe ich eigentlich noch in Hamburg, seit 
ich weifs, dafs die Cholera in Berlin so wüthet, 
und wenn ich /diesen Brief nach Berlin richte, so 
geschieht es, weil ich mir denke, dafs Ihnen wich- 
tige Schreiben (verzeihen Sie, dafs ich das meinige 
dazu rechne) nachgeschickt werden. 

In Genf fand ich, als ich eben humpeln konnte 
(und ganz gut kann ich's iieute noch nicht), einen 
alten Freund aus Lausanne, Herrn Guison, der mich 
Genfer Rechtslehrern vorstellte, welche weder meine 
Person, noch meine Bücher, aber durch französi> 
sehe Yermittelung meinen Namen kannten. Ein Ru- 
del alter Schüler, hörend, dafs ich da sei, suchte 
mich auf, und die Schweizerische Nützlichkeitsgc- 
Seilschaft, welche alle Jahre zu ihrer Zusammenkunft 
den Canton wechselt, diesesmal aber in Genf sich 
besprach, liefs mich durch eine Deputation zu ih- 
rem Abendessen im Navigationshause einladen, und 
gewährte mir einen Ehrenplatz. Komischere Reden 



— 59 — 

als hier habe ich wohl nie gehört; 3ie fingen bei 
den Meisten deutsch in schärfster Dehnung an, und 
endigten franzosisch, aber weit besser, als sie an* 
fingen. DesinU in piscem multer formosa supeme, 
Ain besten bewegte sich noch in diesem Deutsch- 
französisch der Bürgermeister Hefs aus Zürich. Herr 
Guison forderte mich zum Sprechen auf, und ich 
mufs gestehen, ich hatte die ungeheuerste Lust, aber 
die Furcht, mich und meine Bede den anderen Tag 
im Federal wiederzufinden, die Angst vor etwanigen 
Berliner Bemerkungen hielten mich davon ab, eine 
Feigheit, die ich auf dem Nachhausewege bitterlich 
beklagte. So ist man aber. Ein Leben in sol- 
chem Hintergrunde mergelt den Menschen aus, und 
man erkennt sich nach einigen Jahren kaum mehr 
wieder. 

Ich betrat in Frankreich ein Departement, das 
Departement de TAin, das wegen seiner Naturschön* 
heiten ausgezeichnet, wegen seiner Fruchtbarkeit be- 
kannt ist; aber welcher Abstand, wenn man von de^ 
Schweiz nach Frankreich kommt. Schmutz und Bet* 
telei stehen als Hüter an der Grenze; die Polizei- 
Commissarien haben ganz noch den schneidenden 
Ton, den lauschenden und mißtrauischen Blick der 
Napoleonischen Zeit Es ist merkwürdig, wie lange 
ein Weltgenie vorhält. Wir können mit allen Ab- 
waschungen des MittelmäCsigkeitswassers doch die 
insicive Farbe Friedrich des GroCsen nicht los wer- 
den. Die Franzosen haben zwischen Napoleon und 
sich einen unglücklichen Krieg:, eine Restauration, 
eine Revolution , zwei Charten, und dodi steht der 



— 60 - 

Kaiser an jedem Zollhause, steckt in jeder Uniform, 
und sieht aus den Augen eines jeden Polizeibeam- 
ten. Lyon machte auf mich einen unglücklichen 
Eindruck. Wenn man etwa die herrliche Aussicht 
von der Höhe von Four viere ausnimmt, die mich 
erhob und begeisterte, so sah ich nichts als eine 
Stadt, die sich von grofsen Fabricationsleiden eben 
wieder aufnimmt, die aber in Litteratur, Wissenschaft, 
Theater^ Leben und Politik, das heifst in Allem, wo- 
nach ich reise, einer der Gypsabgüsse von Paris ist, 
und zwar einer von den vielen, die man kaum mehr 
sehen mag. Wie Sie am Ende in den verschiede- 
nen Städten die Gypsabgufscabinette nicht besuchen, 
weil sie doch nur in Allem die Abdrücke der Elgin 
Marbles finden, so brauchen Sie, wenn Sie wollen, 
die meisten französischen Provinzialstädte nicht zu 
sehen. Sie finden nicht allein keine Unabhängigkeit 
des Geistes, sondern, was weit ärger ist, nicht ein- 
mal die Pretention darauf. Paris ist die Zunge, wel- 
che nicht allein für die Provinzen spricht, sondern 
sie auch verzehrt Sie können dies schon daraus 
sehen, dafs man die Nachrichten aus Spanien hier 
in Montpellier über Paris empfangt, obgleich man 
auf der place du Peyron allhier ganz deutlich die 
Pyrenäen gewahrt. Dies wird sich auch so leicht 
nicht ändern; man fühlt die Abhängigkeit nicht, weil 
Jeder zugleich der Möglichkeit nach ein Pariser ist, 
und die Hauptstadt gewinnen kann, wenn er Geld 
und Xust hat. Nur die Volkssitten möchten doch 
hier in Languedoc eine Verschiedenheit haben, die 
sie von den übrigen französischen abschneidet. Die 



- 61 - 

Trachten des Volkes, ja die Sprache sind nicht mehr 
französisch; es ist das catalonische Idiom, das hier 
die Oberhand gewonnen hat, und Sie würden kein 
Wort von dem verstehen, was Ihnen das Volk sagt 
Wir täuschen uns übrigens so häufig, wenn wir glau« 
ben, es sei ein gröfseres Streben nach deutschen 
Hülfsmitteln in Frankreich erwacht. Wenn man auch 
auf den Colleges Deutsch lehrt, so ist es grade so, 
als wenn die Jungen bei uns lateinisch lernen. B^ 
wie vielen bleibt dieses kleben? Nach einigen Jah- 
ren vergifst sich dasselbe wieder, und eine lebende 
Sprache noch weit rascher als eine todte. So wie 
Sie über Genf hinaus sind, hört jede Möglichkeit, 
eine deutsche Zeitung zu bekommen, auf; von ei* 
uem deutschen Buche ist gar keine Rede mehr; kein 
Leseklub, keine Ressource, wie wir es nennen wür* 
den, besitzt die Allgemeine Zeitung oder irgend eine 
andere deutsche. Mir ist es recht lieb, einmal ins 
südliche Frankreich gekommen zu sein, um aadere 
Vorstellungen über die Stellung der Nation zu uns 
zu erhalten, wie man sie in Paris in der Regel em» 
pfängt. Deutsche werden in Frankreich entweder 
überschätzt oder nicht beachtet Für wahre Wür- 
digung fehlt die Kenntniüs der Sprache, der Littera-^ 
tur, wie wir sie z. B. von den Franzosen haben. 

Auf der Dampfbootreise von Lyon nach Avignon 
wollte der Zufall, dais Herr Sauzet, ehemaliger Gro&- 
Siegelbewahrer, und Herr Viennet, Deputirter von 
Bezi^s, Mitpassagiere waren. Beide kannte ich voi^ 
früher her« Herr Sauzet, ein Advocat im wahfeA 
Sinne des Wortes, ehemals Legitimist, dann liers- 



- 62 - 

partist, jetzt zur Doctrin hinneigend, im nächsten 
Augenblicke das wieder verwerfend, was er kurz 
vorher wollte, die Macht vor allen Dingen lie- 
bend, obgleich jetzt ein wenig von derselben ent- 
fernt, fuhr nur bis Yalence mit, wo er sich auf das 
Land begab. Er sprach viel von der Dissolution, 
zu der er, wie ich glaube, keine grofse Hinneigung 
verspürte, da er vielleicht nicht wieder gewählt zu 
werden furchtet Es war indessen interessant, einen 
ehemaligen Minister, und zwar einen, der es noch 
vor einem Jahre gewesen war, der Menge, aus der 
er hervorgegangen ist, wieder zurückgegeben zu se- 
hen. Die Mitreisenden, die ihn kannten, nahmen 
keine sonderliche Notiz von ihm, und er selbst, 
man muis ihm das nachsagen, hatte auch nichts in 
seinem Wesen, was an seine frühere Stellung erin- 
nerte. Wenn wir dagegen unsere ewigen, olympi- 
schen, für immer geborenen Minister halten! Herr 
Viennet (in parenthesi: ein seichter Kerl, weswegen 
ihn die Acad^mie fran^aise Benjamin Constant vor- 
zog) ging indessen bis Avignon mit, und machte 
am folgenden Tage mit uns einen Ausflug nach der 
Quelle von Vaucluse. Er ist ein jmder perce, ehr- 
lich genug, um sich nicht zu verkaufen, aber dumm 
genug, um der alten Justemilieu- Fahne mit unaus- 
getrockneter Treue nachzugehen. Wahrscheinlich 
wird er bei erfolgender Auflösung in Beziers nicht 
wieder gewählt. So sagt man wenigstens in Mont- 
pellier. Ueberhaupt ist die politische Constellation 
in Frankreich jetzt also, dais bei den nächsten Wah- 
len eine grofse Masse Legitimisten und weit mehr 



— 63 — 

Radicale in die Kammer kommen werden. Man 
macht sich darauf gefafst^ unter den Deputirten Vil- 
lele, Corbiere, Chateaubriand, Peyronnet selbst zu 
finden. Ludwig Philipp ist im Lande nicht gelieb* 
ter, als er vor zwei Jahren war; nur ist man einer- 
seits noch müder geworden, jetzt eben so der Höl- 
lenmaschine, wie friiher der Emeuten, andrerseits 
sieht man die Noth wendigkeit ein, in geschlossener 
Schlacht zu kämpfen, was sich nächstens aufthun 
wird. Das Programm, welches die Legitimisten pu- 
blicirt haben, nähert sich mit wenigen Ausnahmen 
dem der entgegengesetzten Opposition, und wir wer- 
den noch einmal das interessante Schauspiel erle- 
ben, Contreopposition und Opposition in Verbin- 
dung mit einander gegen die Regierung auftreten 
zu sehen. 

Trotz aller Centralisation sind überhaupt die 
Unarten in Frankreich noch nicht centralisirt; ich 
verstehe darunter die ewigen Vexationen, die jede 
Stadt wegen der Einfuhrung von Cigarren, Wein, 
Oel und anderer Nahrungsgegenständen an Fremden 
auszuüben berechtigt ist Wie gesagt: die Franzo- 
sen mit ihrer Nationalöconomie sind practisch in 
Allem, was das gemeine Bedürfnifs betrifft, Colber- 
tisten, Bonapartisten und gar nicht über 1789 hin- 
aus. Als wir in Nismes visitirt werden sollten, 
machte Herr Viennet einen HöUenspectakel. Qtielle 
betise! je riaurcds jamais cru mon pays aussi bete. 
Sommes-nous en AUemagne ou en ItaHe? Und als 
ich bemerkte, dafs man in Deutschland nicht mehr 
visitire, so sagte er: Vom faäes donc ce qiion ne 



- 64 — 

/€fö meme plus en AUemagnef (Wie gefällt Ihnen 
das?) Wenn Sie nach Frankreich kommen, gehen 
Sie nicht an die Ufer der Durance und Sorgue; be- 
suchen Sie die Provence nicht, diese gueuse parfii- 
mee, wie sie Voltaire nannte. - Dals die Dichter 
übertreiben können, habe ich gewufst; dafs sie ganz 
andichten, erfährt man hier. Die 

Chiare fresche e dolce acque 

Ore le belle membre 

Pose colei cbe sola a me par donna 

sfnd, bis auf den Bassin, woraus die Sorgue ent- 
springt, unbedeutend, und können sich, wie man in 
Süddeutschland zu sagen pflegt, „heimgeige lasse.'' 
Interessant mag es Ihnen aber sein, dafs es in Yau- 
duse, wie hier in Montpellier, in sechs Monaten 
jetzt nicht geregnet hat. 

Ab^ nach Nismes müssen Sie gehen. Wenn 
man die Eisenzähne sieht, die das iiefwurzelnde, fried- 
fertige Rom in d^i Gallischen Boden einklammerte, 
wenn man das Amphitheater betrachtet, das weder 
die Wuth der Christen, noch der Fanatismus der 
Sarazenen vom Erdboden wegzubringen vermochte, 
oder die Maison quarree, deren einfache Bauweise 
das erhaltenste Muster für alle Zeiten ist, so geht 
man aus diesem steinernen Rom gern in das leben- 
dige zurück, malt es mit seinen Erinnerungen aus, 
und Caesar Augustus, ja selbst die Nachfolger, las- 
sen uns einen Augenblick den Birnenkönig imd seine 
um ihn herumwachsenden Früchte vergessen. 

Nach Barcellona kann ich diesesmal nicht ge- 
hen; ich halte mir Spanien ein anderesmal olSfen, 



— «5 - 

denn erstens müfste ich nach Marseille, wo die Cho- 
lera noch stark wüthet, dann würde ich erst in zehn 
Tagen abreisen können, und endlich meint man, jetzt 
dahin kommende Deutsche könnten leicht für Spione 
gehalten werden und Unannehmlichkeiten haben. Mor- 
gen gehe ich nach Toulouse und den Pyrenäen, und 
schreibe Ihnen hoffentlich erst wieder von Bordeaux. 

Von der Schweinerei in Südfrankreich gebe ich 
Ihnen einen an- oder abziehenden (je nach dem Ge- 
schmacke) mundlichen Bericht Ganz neue Seiten 
dieser Parthie sind von mir entdeckt worden, die spät 
unter meinen Papieren gefunden werden möchten. 

Wie dies wahrsch^nlidi bei dem vorigen Brief 
geschehen ist, bitte ich Sie ebenfalls mit dem gegen- 
wärtigen zu verfahren, meine lieben Freunde, Fräu«- 
lein Solmar, Mad. Mendelssohn Bartholdy, Dirichlets, 
Hensels, zu grüfsen und ihnen diesen Brief mitzu- 
theilen, der nicht minder für sie geschrieben ist 
Vieles Interessante hätte ich melden könnai, aber 
die Rücksicht auf das Porto hemmt mich. Auch 
müssen ja noch Nachlesen möglich werden. 

Leben Sie so wohl, als ich es wünsche, und 
wenn Sie mir eine Antwort gönnen, senden Sie sie 
mir nach Paris poste restante. 

Mit wahrer Freundschaft 

Ihr ergebenster 



5 



— 66 — 

An denselben.' 

Bordeaux, den 24 Septemhcr 1837. 

Verehrtester Herr und Freund. 

Ich kannte einen Mann, Gott hab' ihn selig, 
denn er ist todt, welcher seine Phrasen mit: das 
heifst, anfing, in der Regel so: „das heifst, ich 
mufs ihnen sagen." Mir scheint dies ein stylisti- 
scher Fortschritt zu sein, weil das Erklärende so- 
gleich an die Stelle des Allgemeinen gesetzt wird. 
Und so habe ich denn Lust, nach diesem Paradigma 
meinen Brief so anzufangen: „Das heifst, Italien ist 
Holland gegen Südfrankreich." Und zwar bezieht 
sich dieses nicht allein auf die Reinlichkeit, son- 
dern auch auf mancherlei Anderes, dessen ausführ- 
liche Besprechung indessen mündlichen Erörterun- 
gen vorbehalten werden mufs, weil es sonst so stark 
anzuwachsen droht, dafs es mir leicht den ganzen 
Brief wegzunehmen im Stande ist. 

Doch gilt dieses nicht von den Pyrenäen. Die 
unmittelbare Reinheit der Natur, an der die Men- 
schen erstarken, giebt auch Reinheit der Angewöh- 
nungen; es findet sich hier das Gleiche wie in den 
Alpen, wenn auch im minderen Grade. Sechs bis 
sieben Tage habe ich nun dieses Gebirge durch- 
schritten, und zwar zu Pferde, den Tag ungefähr 
sieben deutsche Meilen machend, nach sechzehnjäh- 
riger Abwesenheit vom Pferde eine harte Lenden- 
prüfung. Ich mufs auch gestehen, dafs, wenn ich 
mit zerstoüsenen Knochen vom Bergklepper stieg, 



- 67 - 

ich bisweilen mehr mit meinein gekreuzigten Leibe, 
als mit der vor mir ausgebreiteten Natur beschäftigt 
war, und oft innerlich ausrief: „Welches Vergnügen 
stehst du heute wieder aus?" Soll ich Ihnen nun 
ein allgemeines Urtheil über die Pyrenäen geb^ 
wie sich's für einen Brief geziemt, so darf ich sa* 
^en, dafs sie im Wilden, Erhabenen, majestatisdi 
Grotesken, im Schauerlichen den Alpen so nachste- 
hen, wie ein Däumling dem Riesen Goliath; es giebt 
zum Beispiel keinen Berg dort mit ewigem Schnee, 
wie ihn der Montblanc, die Jungfrau, der Mönch 
und andere Berge haben; auf den Pyrei^en kommt 
und geht der Schnee» Dagegen ist die amphithear 
tralische Gruppirung der Berge überaus schön, und 
namentlich das Thal von Argellez das Reizendste 
und Lieblichste, was mir jemals vorgekommen ist. 
Damit verglichen mufs sich z. B. das Oberhoslithal 
und alle Schweizerischen Thäler verstecken; denn 
diesen fehlt die südliche Vegetation, der Mandel- 
baum, der Feigenbaum und die Kastanie; es fehlt 
ihnen der eigentliche Schmelz, welcher die grofsesi 
Bergmassen selber erst civilisirt. Die Appeninenthä- 
1er, so weit ich sie kenne, ermangeln dieses Aus- 
drucks nicht minder« Die französischen Pyrenäen 
sind in Beziehung auf Trachten und Sitten übrigens 
das erste originelle Land, welches ich gesehen habe. 
Denken Sie sich die Frauen und Mädchen von der 
erstaunendsten Schönheit, mit südlich brennenden 
Augen, brauner Gesichtsfarbe, einen langen, schwar- 
zen Mantel, der wie eine Kapuze aussieht, tragend 
und dann auf dem Kopfe ein rothes, wollenes Tuch, 



- 08 — 

das nirgends befestigt ist und das sie mit d^ Ge- 
schicklichkeit eines Balanciers bewegen; denken Sie 
sich einen Markt, wo lauter Weiber mit solchen 
rothen Tüchern sitzen, dabei die Freude, begaSt zu 
werden, und die Bereitwilligkeit» sich beinahe aus- 
zuziehen, um zu zeigen, wie Alles sitzt, und Sie 
werden gestehen, dajfe, da wir dieses weder in 
IVeuenbriezeu, noch in Münchcberg finden, solche 
ethnographische Seltenheiten Vergniigen erregen. Man 
mufs übrigens dem Fürsten Pückler, dem ich in ei- 
nem Theile sänes Semilassobuches nachgerät bin, 
der Wahrheit zur Ehre nachsagen, dals man selten 
bei einem Beschreiber richtigere Auffassungen, sei 
es von Gegenden oder Mensclien, finden kann als 
bei ihm. Was ihm mifsfällt, ist in der Regel schlecht, 
•was er lobt, verdient dieses Lob in hohem Grade; 
dabei ist er nicht blois abstract und allgemein, er 
geht in das Besondere ein^ nüancirt es richtig, und, 
so weit &ne Beschreibung ein Bild geben kann, 
finde ich die seinigen so schlagend und treffend, 
dafs ich bisweilen lachen mufste, wenn ich des 
Abends bei ihm nachlas, was ich des Tages über 
selber gefunden hatte. Ich habe mich mit seinen 
Darstellungen ganz ausgesöhnt, und schliefse jetzt 
«nf die Richtigkeit des nicht Gesehenen. Der Zu- 
Ü3l wollte, daCs ich in Toulouse denselben ehrli- 
chen Esel von Portugiesen zum Lohndiener hatte, 
den er recht ergötzlich besdireibt, und die Quipro- 
quos, die ich von ihm hörte, sind fast nicht schlech- 
te als die von Pückler erzählten. 

In den P>irenäen kam ich bis Gavarnie, das 



— 69 — 

heifst bis zu einer Stunde von der spanischen Grenze, 
Hier konnte ich in das gdobte Land hineinsehen, 
wie Moses einst in Palastina, aber es war mir nicht 
beschieden, es zu betreten. Ich schaute Aragoniens 
wilde Schluchten, ich schaute mit meinem Fernglase 
die zerstreuten Häuser der spanischen Bergbewoh* 
ner, in der Weite wollten Einige die spanische Stadt 
Bielsa ^tdecken; aber ich sah sie nidit Dodti der 
Spanier z^rissene Mützen und ihr zerrissenes Herss: 
habe ich gesehen^ uhd eine andere Anschauung von 
ihnen gewonnen. Als Europ&ar mufs inan die Spar 
nier aufgeben ; sie werden sich nie erheben von dem 
Fall der zwei Jahrhunderte, denn ihre Knochen sind 
gebrx>chen und ihr Mark ist von dem Pfaffenvolka 
ausgesogen. Sie können jetzt nur auswendig ler« 
nen, wenn sie früher schufen, und mag Chri8tiii& 
oder Carlos Succefs haben, sie werden weder er* 
bobeuer durch die Constitution, noch ausgemergelt 
ter von dem Despotismus. Aber als einzelne par- 
ticulare Menschen kann man noch seine Freude an- 
ihnen haben; der Maler (sagen Sie dieses gefälligst 
Hensel) sollte die schönen, groiSsen, bedeutenden,: 
catalonischen Schmugglergestalten ab<^onterfeie&; der 
Ethnograph sollte sie betrachten und studiren; der/ 
Historiker kann sie für die Zukunft übergehen. Es* 
ist merkwürdig, wie beides in deax Spanier zu fia- 
den ist, Muth und NiedergescUagenheit; er hat phy- 
sische Courage, aber keine moralische, könnte man 
sagen. Für ein Privatunternehmen, für das, was er 
edel nennt, für Yordieil und Privatehre sdilägt er 
tausendmal sein Leben in die Schanze; für ein AU- 



- 70 - 

gemeines ist er indifferent, dafür hat er kein Blut 
und keine Hingebung zu spenden. Daher nehmen 
diese tapferen Räuber, die auf dem Boden d^ Un- 
sicherheit ihre Hütte errichten, eine so traurige Stel- 
lung ein; die kühnsten der Menschen sind auch die 
moralisch schlaffsten, weil zum wahren Muthe ein 
Geistiges das Bewegende sein mufs« 

Nun aber etwas über Bordeaux, über diese ein- 
zige französische Provinzialstadt, welche mir ein gro- 
ises eigenes Leben ganz für sich zu haben scheint, 
welche sich der Hauptstadt nicht unterwirft, sondern 
sich vielmehr frondirend zu derselben verhält Er- 
stes ist es die schönste Stadt in Frankreich, Paris 
nicht ausgenommen; denn etwas wie die Straise Fos- 
968 de Vintendance ist mir selbst in London nicht 
vorgekommen. Die See macht die Leute hier frei, 
emancipirt sie von der Binnenwirthschaft des Pro- 
vincialismus; die Leute sind offen, verschwenderisch, 
gastfrei; der Equipagenluxus ist grofs, das Theater 
das sdiönste in der Welt (Coventgarden und Dm- 
rylahe kommen dazu nicht), die Börse im grofs- 
artigsten Style; jedes Land hat hier seine Inschrift 
und seinen Cultus. Die Frauen sind offen, leicht 
und zugänglich, wesw^en sie vielleicht Bordelaises 
beilsen; kurz, man kann hier athmen, ohne von dem 
Luftdruck eine Erstickung zu befürchten, ich z. B. 
könnte es hier viele Tage länger aushalten, und 
wenn ich ein Kaufmann wäre, würde ich mich hier 
niederlassen. 

In Paris, wohin ich morgen früh mit der malle 



- 71 — 

poste reise (und diesen Brief der Posterleichterung 
wegen bis dahin selbst trage), werde ich wenige 
Menschen sehen, denn ich habe versprochen, auf 
einige Tage nach Gaesbeck zu kommen. Mir ist 
die ganze politische Wirthschaft hier ein wahrer 
Ekel; msui wird selbst eine Girouette^ wenn man 
immerfort so viel Girouetten sehen muis. Mit Bir- 
ne'ns (wie Herr Meier in Breslau sagen würde) 
könnte ich in Verbindung kommen, aber mir ist 
jede Annäherung zuwider, obgleich mir Herr St 
Marc Girardin aus Limoges vom 15ten September 
schreibt: ^yMadarm la Dttckesse cC Orleans nia beau- 
coup parle de vom, et nia permis de vom le dire: 
je ne cro^/ais pas, que v&us eiiez si Inen amo les 
PrmcesJ''* Was, wie so, worüber wird nidit hin- 
zugesetzt Doch wird Alles, was Sie mir auftra- 
gen, aufs Pünktlichste besorgt werden^ und selbst 
Heine, den ich nicht aufgesucht hätte, werde ich 
besuchen. 

Haben Sie vielen, vielen Dank für Ihren freund- 
lichen Brief; ich hoffe, dafs Sie diesen Winter ro- 
buster sein werden wie den vorigen, wie Sie es den 
vorigen schon mehr als den vorletzten warciu Mö- 
gen Sie und alle Freunde vor der grofsen Anstek- 
kerin behütet werden, deren Gestalt mir die ekel- 
hafteste in der Welt ist Grüisen Sie gütigst Ma- 
dame Mendelssohn, Dirichlets, Hensels, und theilen 
Sie ihnen gefälligst diesen Brief mit, der auch für 
sie geschrieben ist Für Fräulein' Solmar lege ich 
als Antwort einige Zeilen bei. 



- 72 -^ 

So leben Sie denn wohl und glücklich. Von 
Paris melde ich Ihnen vielleicht noch einmal- Etwas. 
Mit wahrer Hochachtung und Freundschaft 

der Ihrige 

An denselben. 

Heidelberg, den 18. August 1838. 

Verehrtester Herr und drängendster Nichtcreditor. 

^ Dafs ich sogleich nach meiner Ausfahrt aus Ber« 
lin in der Gegend von Schoneberg du^ch einen Mahn- 
brief Ew. Hochwohlgeboren beängstigt wurde, brau- 
che ich Ihnen wohl nicht als erste Novität meiner 
Reise zu melden, da selbiger vdn Ihnen ausg^angen 
ist Denken Sie sich nunmehr meinen Schrecken, 
als ich bona fide, und meinend, es sei ein freundli- 
cher Nachruf, den Brief stolz zu lesen begann, und 
in meinen Reis^efährten trotz aller Abwdbirungeii 
meiner Seits sich die Ansicht zu biestigen anfing, 
ich sei Ihnen wirklich mit zehn Thalern ilurehge* 
gangen. Ich weifs zwar, welchen Triumph ich Ihrer 
Malice bereite, indem ich dieses erzahle; aber mei- 
nen Freunden auf eigene Kosten eine Freude zu 
machen, ist immer einer meiner besten Gharakt^- 
Züge gewesen. 

Indem ich befürchten mufs, Sie dürften sich 
noch häufig auf diese wohlgelung^en Forderungen 
einlassen, sehe ich mich genöthigt, Ihnen einen Ver- 
gleich vorzuschlagen. Sie nehmen die zehn Thaler 



~ 73 - 

als Geseheak von meiner Seite an, und machen 
sich anheischig, künftig nie wieder eine Mahnung 
an mich zu richten, ich mag Ihnen etwas schuldig 
sein oder nicht. So allein entgehe ich der Gre&hr^ 
Ihre Habsucht zu staeheln, und kann hoffen, mir 
einmal wieder meine zehn Thaler einzubringen. 

Doch jetzt von Anderem. Vorgestern Abend 
am Donnerstag bin ich hier angekommen, und auf 
heute Nacht ist die Abreise bestimmt. Madame Ar- 
conati befindet sich wohl; in dem Hause hat sich 
nichts versUidert, wie überhaupt Franzosen und Ita- 
liener «tatarischer sind, als man es sich denken 
möchte. Sie hangen fester an ihren Liebensgewohn- 
heiten, sind weniger -für das Vage und Blaue wie 
wir Deutschen, die wir reisen, schweben und rut- 
schen und auswärts zu erhalten suchen, was wir in- 
nerlich entbehren. Herr Berchet ist immer noch 
der Alte, steht in den alten Beziehungen, und um 
zehn Uhr geht Alles, wie bei Fräulein Solmar, zu 
Bette. Man ifst nicht länger, wie eine halbe Stunde, 
spricht von diesem und jenem und behandelt die ganze 
neue Litteratur; ich komme mir bisweilen ganz dumm 
vor, weil ich, unter uns gesagt, eigentlich gar nichts da- 
von gelesen habe. Madame Arconati und Herr Ber- 
chet lassen Sie und Fräulein Solmar freundschaftlichst 
grüfsen; die erstere verwahrt sich gegen den Vor- 
wurf, nicht an die letztere denken zu sollen; ich 
habe Madame Arconati ein Bischen dadurch eifer-» 
süchtig gemacht, daCi ich ihr erzählt habe, es nehme 
jetzt eine Russin ihren Platz ein. 

Zugleich mit mir ist vorgestern Herr Edgar Qui« 



- 74 - 

net angekommen; er bleibt zwei Monate in Heidel- 
berg, und wird dann Professor der Litteratur an der 
Strafsburger Universität. Zwei Theile von Mäanges 
kommen jetzt von ihm heraus; er ersucht Sie sehr, 
doch eine Anzeige in den Jahrbüchern davon zu 
machen. 

In der Universität finde ich dasselbe Alter, die- 
selbe Bocksbeutelei und dieselbe Assiduität über 
Nichts. 

Mehr hätte ich heute nicht zu schreiben. Die 
freundschaftlichsten und herzlichsten Grüfse an Fräu- 
l^n Solmar. Haben Sie die Güte, mir poste restante 
nach Neapel zu antworten. Inzwischen schreibe ich 
noch einmal, wenn ich etwas erlebe. 

Mit wahrer Freundschaft und Hochachtung 

Ihr ergebenster 

li. f 

Au denselben. 

Lucern, den 24. August 1838. 

Luzern am Tage des Stralauer Fisch- 
. Zuges, 24. August. Wetter miserabel, 
die Berge des Yierwaldstättersees be- 
wölkt, der Rigbi nicbt zu sehen. 

Verehrter Herr und Freund. 
Wenn ich wie Rahel zu schreiben anfange, so 
müssen Sie nicht glauben, dafs ich, wie sie, fortzu- 
fahren im Sinne habe. Mir fehlt es heute an all^n 
Geist, etwas Anderes wie reisebeschreibende Facta 
zusammen zu stoppeln; auch ist die Masse des Er- 



- 75 - 

lebten noch so spärlich, dafs ich reicher sein könnte, 
wenn ich erzähle, was ich nicht erlebt habe. Heidel* 
berg wurde vorigen Sonnabend am 18ten verlassen 
(Abends 11^ Uhr) und den andern Mittag befanden 
wir uns in Kehl. Hier nahm ich einen kleinen Wa- 
gen^ und rutschte nach Strasburg auf einige Stun- 
den herüber, aber die Ausbeute war nicht grofe. 
Alle meine Bekannten, Rauter, Richard u. s. w., wa* 
ren an dem schönen Sonntag ausgegangen, und so 
muiste ich denn mit einem Mittagessen im Hotel de 
Paris vorlieb nehmen und mich wieder zurück nach 
Kehl begeben. Auf meinen Reisegefährten, Herrn 
Benary, machte indessen der Strafsburger Münster 
ungefähr den Eindruck, wie eine erste Leipziger Messe 
auf einen Juden ^on Kiew oder Grodno, der nur 
pohlische Juden bisher gesehen hatte. Vor wirkli- 
cher oder eingebildeter Extase konnte er zu gar kei- 
ner Fassung im Urtheil kommen. Das kleine Fran- 
zöschen packte unterdessen seine Bücher und Kup- 
ferstiche in Strafsburg aus, nahm neue Kleider in 
Empfang, und gerirte sich auf seinem eigenen Bo- 
den ganz wie ein Si^er in der Nachtmütze. Den 
anderen Mittag (20. August) kamen wir in Freiburg 
an. Wilcken war abwesend; Duttlinger wurde zwei- 
mal von mir aufgesucht, und suchte mich zweimal 
im Gasthofe auf; jedesmal vergebens, so dafs ich 
weggereist bin, ohne ihn zu sehen, was mir herz- 
lich leid that, da ich ihn aufserordentlich lieb habe. 
Zu Warnkönig, der mir Abends einen Thee gab, 
wo statt des Thees Markgräfler getrunken wurde, 
kam Duttlinger, der eingeladeo war, auch nicht,, da 



-Te- 
er im Senate bis 11 Uhr wegen der Vorbereitangen 
zu dem Natmforscherfeste sich herumschlagen moGste. 
Dienstags den 21. August wurde die Reise bis Schaff- 
kausen fortgesetzt. Den Tag wurde ich zweimal ge- 
täuscht: einmal durch das Höllenthal, das auf den 
Orden des Paradieses mit Buchlaub den nächsten 
Anspruch hat, und nicht die geringste infernale Bei* 
mischung besitzt; dann durch den hochberühmten 
Wasserfall, welcher in der Breite zu ersetzen sucht, 
was ihm in der Höhe abgelit, und keinen Yei^leich 
mit dem Merzinger, Brienzer Cataracte oder mit de- 
nen auf den Höhen bei Gastein aushält. Ich glaubte, 
in dem Wasserfall einen alten, vor 1789 berühmten 
Professor zu erkennen, welcher die abgelebten und 
abgeliebten Hefte alle Semester neu vorträgt, oder 
auch den Herzog von Braunschweig, welcher bei 
Jisna die Manöver des siebenjährigen Krieges wie- 
derholte. Naturschönbeiten sind wie Geistesschön- 
heiten nur für bestimmte Zeiten, und der Schaffhau* 
ser Wasserfall mufs mit dem Brocken, der Schnee- 
kuppe und anderen inländischen Grofsaussichten nach 
eben dem Course fallen, nach welchem die Actien 
der Eisenbahn zu steigen haben. 

Zürich ist schon einladender wie Schaffhau- 
sen. Oken gab sich alle Mühe, mich zu halten, 
führte mich au& Museum, wo ich die gesammte jun 
risiische Facultät Bier trinkend antraf, dem Bürger- 
meister Hirzel vorgestellt wurde, aber (was sich auf 
die Journale bezieht) die gröfste Vollständigkeit traf, 
die mir je vorgekommen war. Mit dreihundert Louis- 
d'or wird diese Anstalt gehalten, und doch ist Aehn* 



— 77 - 

liebes in Berlin nie aufgekommen. Die Universität 
ist nicht so herunter, wie man gewohnlich in Deutsch» 
land glaubt; namentlich ist die medicinische Facultät 
durch Sdiönlein, Oken, Arnold vortrdfUch, zahlt al- 
lein 130 Studenten, was gegen die 30 Theologen^ 
20 Juristen und 20 Philosophen allerdings absticht 
Schönlein wird wohl, auch wenn er gerufen wird, 
nicht nach Berlin gehen. Er gewinnt hier Hai^Gen 
Goldes, gilt für ein medicinisches Orakel in der 
Schweiz, liebt es zu raisonniren, wie es ihm beliebt, 
und dürfte sich schwerlich in eine Hierarchie schmie- 
gen, in welcher neben dem Solitaire Rust zwanzig 
Geheimräthe als Edelsteine sitzen. Ich glaube nicht, 
dafs er es mit seinen Angewöhnungen einen Tag in 
Preufsen aushielte. 

Heute" habe ich hier einer Sitzung der Tages- 
satzung beigewohnt Die Rede war von einer Peti- 
tion der Katholiken von Gdarus gegen die Regie- 
rung dieses Standes, die sie hatte zwingen wollen, 
der Nä£elsfeier beizuwohnen, von der sie der Bi^ 
schof Bossi von Chur abgemahnt hatte. Das Thema 
war naturlich Kirche und Staat Die deutschen Red- 
ner syllabirten und machten einen durchaus lächer- 
lichen Eindruck; die französischen waren vermöge 
der Generalität ihrer Ausdrücke etwas besser^; von 
groisem oratorischen Talente war gar keiner. 

Herr Tribert hat uns hier verlassen; er läuft, 
wie Peter Schlemihl dem Schatten, so dem sardini- 
schen Visa seines Passes nach, das er zu fordern 
in Berlin verabsäumte. Jetzt mufs er nach Lausanne, 



— 78 - 

wo dermalen der Sardinier haust, und will uns in 
Genua wieder treffen. 

Morgen geht's über den Gotthard nach Italien. 
Fräulein Soknar meinen herzlichsten, freundlichsten 
Grufe; ich schreibe nur deswegen heute nicht di- 
rect, weil ich doch weiis, daCs sie meinen Brief zu 
lesen bekommt, Haben Sie die Güte, die Einlage 
mit der Schnellpost zu besorgen. 

Mit gröfster Hochachtung 

freundschaftlichst der Ihrige 



An denselben. 

» 

Genua, den 6. September 1838. 

Verehrtester Herr und Freund. 

Wir sind noch immer in Genua; am 3ten d. 
hat sich endlich auch Tribert eingefunden, welcher 
auf der Insel der Calypso etwas zu lange aufgehal- 
ten worden war. Der Pharamond (das französische 
Boot) ist immer noch nicht erschienen, und so wer- 
den wir uns denn morgen auf dem Francesco I. (ei- 
nem Neapolitanischen Schiffe) nach Neapel einschif- 
fen; Erlauben Sie mir, inzwischen Ihnen einige Be- 
merkungen über den politischen, socialen und thea- 
tralischen Zustand Italiens machen zu dürfen. 

Das politische Leben und seine Aeufscrung, das 
Gespräch, sind hier auf einem Standpunkte, von dem 
wir uns eigentlich keine rechte Vorstellung machen. 
In England ist das Staatsleben in jedenpi Engländer 



- 79 - 

eingehaust, und wenn sich die Einzelnen nicht viel 
darum zu bekümmern scheinen, so kommt es dahar, 
dafs man dafür sein wachendes Parlament zu haben 
glaubt. In Frankreich spricht jeder Mensch aus den 
unteren Ständen, Weiber und Kinder, von Politik, 
wenn sich bisweilen auf einige Zeit auch andere 
Richtungen geltend machen; in Deutschland ist das 
politische Leben Null, oder vielmehr nullartig, aber 
das lesende Interesse ist politisch; man will Politik 
wissen, wenn auch nicht thuu. Die KaflTeehäuser 
müssen so viel Blätter halten, als sie halten dürfen, 
und sie dürfen wahrhaftig viel, wenn Sie den Sai;- 
dinischen Maafsstab anlegen. Hier dagegen, wenn 
Sic das Aeufsere betrachten, scheint eine vollkom- 
mene Theilnahmlosigkeit eingetreten zu sein. Von 
französischen Zeitungen wird nur die OazeUe de 
France, die Quotidiemae y von englischen GaügncmCs 
Messenger, ein farbloses Klatschblatt, voii deutschen 
die Frau Base angetroffen. Die hiesigen Zeitungen 
enthalten das hohlste Zeug von der Welt, dürfen 
selbst die Betrachtungen der anderen Blätter, nicht 
nachschreiben, und ersetzen nicht durch sogenannte 
künstlerische und wissenschaftliche Zusätze den Man- 
gel des politischen Elementes. Sie finden hier gro^ 
fse Kaffeehäuser, wo gar kein Blatt ausliegt, andere, 
wo kein Gast danach fragt. Das Volk läuft seinem 
Gewinn, dem Geschrei, dem Vergnügen nach, ohne 
dafs auch die geringste politische Welle sich zu re- 
gen scheint. So lautet der Anschein; inwendig ist 
es anders. Die Lebendigkeit, welche nach auisen 
fährt, braucht blofs eine veränderte Direction, eine 



- 80 - 

Gelegenheit, um nach innen zu gehen, und, wie ein 
ruhig stehendes Haus, in wenigen Minuten in Flam- 
men sein kann; so ist hi«: nur ein wenig Schwefel 
Hötliig, um die Ruhe, die Gleichgültigkeit in politi- 
sehe Turbulenz umzuwandeln. Ob diese selbst wie* 
der real zu werden, auszudauem oder zu erbauen 
im Stande ist, möchte eine andere Frage sein, auf 
deren Beantwortung ich mich hier nicht einlassen 
kann. Meine Generalansicht ist auch hier noch im* 
mer bestätigt, dafs für alle politischen Fortschritte 
die rein romanischen Völker (Italiener, Spanier, 
Portugiesen) ausgebrannte ELrater sind, die noch bis- 
weilen rauchen, aber nicht mehr auswerfen. 

Das sociale Leben ist dem politischen gleich. 
Der Italiener liegt auf der Straise, im Kaffeehause, 
im Theater; hier schreien sie sich die Ohren voll 
Das Haus ist wie in England verschlossen, aber 
nicht wie dort zugleich dem Fremden, welcher em^- 
pfohlen ist, gastlich geöffnet. Wird man warm auf- 
genommen, so bekommt man den Logenschlüssel; 
ist der Empfang wärmer, so fährt man auf dem Corso 
mit spazieren; ist er am wärmsten, nun so geschieht 
etwas, das ich, da Sie diesen Brief Fräulein Solmar 
vorlesen, nicht melden kann. Das erste Stadium 
habe ich genossen; das mittlere oder Fegefeuer habe 
ich wegen seiner Langeweile nicht durchmachen mö- 
gen; zu dem dritten oder dem Paradiese gehört et- 
was mehr Zeit, als ich hier habe. Gespeist wird 
(wie Fräulein Solmar zu sagen pflegt) gar nidit, 
sondern nur gegessen, aber recht gut im Wirths- 
hause; ich glaube, Diners kommen hier weder privatim. 



- 81 — 

noch öffentlich voh In Neapel soll es anders sein, 
bi Florenz ist es etwas anderes. Im Ganzen herrscht 
derselbe Typus. 

Ich wollte eben zum theatralischen Leben über- 
gehen, bdcomme aber die Allgemeine Zeitung, und 
ersdie daraus Ghamisso's Tod, Brenn's Tod, Moser's 
Tod. Mufs denn d&t grofse Sensenträger so un- 
barmherzig mähen? Der Letzte war von Ihnen we- 
nig gekannt, war aber ein vortrefflicher, redlicher, 
geistreicher, durch und durch gelehrter Mann, den 
ein öffentliches Leben bei uns an seinen rechten und 
wahren Platz gestellt haben wiirde; ich verliel'e ei- 
nen lieben Freund, wenn wir uns auch in der lets;- 
ten Zeit weniger gesehen haben. 

Wie will das Theater, wenn man trauert, einen 
Platz finden? Doch mufs ich mein obiges Programm 
erfüllen. Das Theater ist im Ganzen, wie in Deutschr 
land, auf das Elendeste zugeschnitten. Das grofse 
Theater Carlo Feiice ^ das dritte der Grofse nach in 
Europa, wird von einer Bande heimgesucht, die im 
Trauerspiel langweilig pathetisch, im Lustspiel un- 
gebehrdet und unkomisch ist. Besser ist ein Ne- 
bentheater ^ das teatro diumo^ welches im Freien 
spielt. Hier findet man die natürliche Maskenko- 
mik, die dem Italiener angeboren ist, und ich mufs 
gestehen, dafs ich dahin mit dem gröfsten Vergnü- 
gen lind auch mit wahrer Belehrung über den Volks- 
geist hingehe« Das Offene, . Abrupte, den Dialect, 
die Freimüthigkeit, die Höflichkeit, namentlich der 
niederen Stände, lernt man da besser kennen, als 
wenn maii sieh zwanzig Jahre in den l9u(>|iei|i,Cirkd^ 

6 



— 82 — 

von Italien umhertreibt Dabei dauert es nie laiige, 
nur ungefähr anderthalb Stunden. Man hat die Pro- 
menade bei der Hand, wenn man sich etwa lang^ 
weilt, und bricht alsdann bei Zeiten ab. 

Was sagen Sie zum Grafen von Paris und der 
ßanlieue, auf dessen Degen gesetzt worden ist: Pmise- 
t'ü ne jamcUs ien servir, Lernen die Leute irgend 
etwas aus der Geschichte? ist nicht derselbe Lärm 
wie beim König von Rom? 

Den 7. September. 

Die See ist sehr stürmisch geworden, imd wir 
können eine arge Fahrt haben. Feige hat die gröDste 
Angst und zeigt sich seines Namens würdig. Mir 
ist nur vor starker Seekrankheit bange. 

Also von Neapel mehr. Haben Sie die Güte, 
mich Fräulein Solmar und allen Freunden bestens 
2ü empfehlen, und mir auf diesen Brief nach Rom 
8u antworten.^ 

Mit wahrer Hochachtung und Freundschaft 

der Ihrige 
Gans» 



An denselben. 

Neapel, den 11. September 1838. 

Verehrter Herr und Freund. 
Ohne irgend eine Antwort auf meine vorange- 
gangenen Briefe zu haben, schreibe ich, wie F. A. 
Wolf zu Bttchholz sagte ^ immer drauf los, nicht 



— 83 — 

eifiinal wissend, ob Ihnen das darauf Losschreiben 
angenehm sei. Die Seereise von Qenua nach Nea* 
pel, welche drei Tage, die langen Aufenthalte m 
Livomo und Civita Yecchia mit eingerechnet, dauert, 
habe ich dieses Mal ziemlich glücklich überstanden, 
ohne der eigentlichen Seekrankheit zu verfallen. Eine 
gewisse Malaise wird wohl jedem zukommen, und 
viele Männer und Frauen befanden sich in einem 
so elendiglichen Zustande, dafs ich mich zum ersten 
Male für einen Auserwählten halten konnte, obgleich 
ich eigentlich als ehemaliger Jude von Hause aus 
darauf Anspruch hätte. 

Livorno ist eine reiche, gutgebaute Handelsstadt 
von 100,000 Menschen ohne alles italienische, das 
heifst ohne alles künstlerische Interesse. Das Merk- 
würdigste am ganzen Orte ist die Judensynagoge, 
und ich habe den zufälligen Schabbes benutzt, sie 
recht aufmerksam zu betrachten. Nie habe ich eine 
«o reich ausgestattete gesehen, und die Bordeauxer 
steht ihr bei weitem nach. Was auffallend war^ be- 
stand darin, dafs wir eine in spanischer Sprache ge- 
haltene Predigt mit anhörten, und die Erkundi^UAg 
einzogen, dafs diese Sprache überhaupt noch als 
Muttersprache gelte, und dafs den Jungen der he- 
bräische Text des alten Testaments Micht italienisch, 
sondern spanisch verdeutscht werde. 

• Civita Yecchia (^urbs vetus) ist ein durchaus ver- 
pesteter Ort, und hängt einigermafsen mit den pon- 
tinischen Sümpfen zusammen, nämlich rücksichtlioh 
der atia catHtm. Die Aebtchen, die in Toscana ffbr 
len, werden hier wieder sehr diek^ ui^l.ldtfflrpir^n 



-. 84 - 

init Kaffeehäusern ) Bettlern, schmutzige Stva&en, 
Papalinis und dergleichen. Wir blieben drei Stun- 
den, hätten den Abend in Rom sein könneii, gingen 
aber zum ersten Male guten Mnth^ nach dem Dampf- 
boote zurück. 

Endlich seit gestern bin i<^h in Neapel^ habe 
idetin Meere und dem Vesuv gegenüber ein sehr 
ischönes Zimmer, bin aber noch nicht im Stande 
gewesen, etwas Anderes als die äufsere Bewegung 
liufeugreifen. Diese ist nun freilich stark und son- 
derbar; süirk, denn es giebt in Paris» ich wül nicht 
ss^en in London, keine Strafse, die des Abends so 
bevölkert und von allerlei Volk durchlaufen wäre, 
wie der Toledo und die Chiaja; es hat den An- 
iscdiein, als wenn die ganze Stadt in der eiüen Stra- 
fte läge. Sonderbar ist die Bew^[ung, wenn vnv 
sie vom deutschen Standpunkte ans auf&ssen. D^n 
Würden wir Deutsche bei dieser Natur uns nicht in 
Batken auf der See schaukeln lassen, in Castella- 
IfiÄre, Sorrent, Isehia, Capri die schönen September» 
^tttuden zubringen, nnd die Stadt und ihr Gedränge 
IMf^den? Die Italiener fahren dagegen in Strafsen, 
ilie nicht vierzig Fufs breit sind, in schönen Wagen 
Mif und ab^ kümmern sich nicht um das, was drau- 
h(^n ist, WnA Uhben mehr Vergnügen an diesem Corso 
als an allem Einladenden cter Natur. Im Freien 
müfste man zum Theil zurückgezogen sein, könnte 
sich nicht Zusammen bewegen, schreien, Geschrd 
hören, und ven^mte somit das grö&te Vergnügen, 
irelches die Itliliener überhaupt besitzen. So erkläre 
i^ ttö zuin Theil diesen sonderbaren Geschmack. 



- 85 - • 

Sie 8oU^ sobald iob hier mehr gesehen habe^ 
uhear Vesuv, Pompeji, Pästum ausfuhrlichere Schil- 
derungen erhalten. Jetzt nun bitte ich, mir i^Uerlei 
¥om Hause zu ntelden; denn Sie wiesen, ea dünkt 
einem überschwenglich Iiöig, weim ma|i vier Wocheik 
abwesend ist, und nicht weiis, wer zum Bechnung»- 
rath ernannt wurde. Nur itiufs ich bitten, die Ant- 
wort auf diesen Brief nach Mailand zu adtes9iren, 
da mich dieselbe schwerlich in B>Qm noch findm 
würde. 

Viele freundliche und herzliche Grüise an Ffäp^ 
lein Solmar, die wohl grade im Ausziehen begriffen 
ist Gestern habe ich hier durch Dr. Hegel die B^ 
kanntschaft von Gervinus gemacht, und viel mit ihm 
über die Göttinger Angelegenheiten yerbandßlt J^ 
scheint mir unter den sieben noch der ^vanepjrt^st^ 
zu sein. 

Ich schlie&e mit Grü&en an Alle, die sich mei- 
ner erinnern wollen. Der Gesandte, Herr von Kü- 
ster, ist in Castekmare; ich habe ihn aber bis jetzt 

« 

nidit sehen können. 

Hochachtungsvoll und freundschaftlichst 

der Ihrige 
cum«» 

;i.t 

An denselben. 

Neapel, den 22. September 183S. ' 

Verehrtester Herr UAd Freund. 
Erst gestern ist mir die Freude geworden, Ih- 
ren erirten Brief vom 24. August» fireilicb mi^ Tmißf- 



- 86 - 

botschaften, aber doch, wie Sie aus meiiiein Oenue- 
ser Briefe gesehen haben werden, mit mir schon 
bekannten, zu empfangen. Bereits hatte ich dreimal 
auf der Post nachgefragt und nichts erhalten, als 
mir endlich dieses Schreiben ausgehändigt wurde, 
das berdts, nach dem Postzeichen zu urtheilen, am 
8. September in Neapel war. Wahrscheinlich ist 
es in der Zwischenzeit von der Polizei untersucht 
und geprüft worden. 

IilZwischen habe ich die acht, Tage seit meinen 
letzten Nachrichten benutzt, um allerlei zu sehen, 
was hier sich als Merkwürdiges darbietet Zuerst 
das Bourbonische Museum, in dem die Herculani- 
schen und Pompejischen Wandgemälde, so wie die 
Bronzen, das Hauptsächliche ausmachen. Man hat 
von antiker Malerei keine Vorstellung, wenn man 
sich hier nicht herumgetummelt hat. Die Alten ha- 
ben in ihren Bildern, von denen einige sicii noch 
wundervoll, sogar in der Farbe, erhalten haben, al- 
lerdings immer das plastische Moment vorwalten 
lassen. Es sind meist alle Darstellungen gemalte 
Sculpturen; indessen, obgleich d^ Blick in seiner 
Intensität eine geringe Bolle spielt, so fehlt er den- 
noch nicht ganz. Es giebt sogar, woran ich nie 
geglaubt hätte, antike Genrebilder ; so hat hier z. B. 
das Museum ein Gemälde, auf welchem ein Kam- 
mermädchen (vulgo Sclavin) dargestellt ist, das die 
Herrin frisirt. Der Ausdruck ist hier wirklich cha- 
rakteristisch. Man sieht es der Hausfrau an, dafs 
sie Schmerzen empfindet und ungeduldig wird, und 
der frisirenden Dienerin, dals sie ebenfalls unai^e* 



- 87 - 

nehm dadurch berührt wird» Ich gedenke, einigt 
Proben dieser Bilder in kleinen Copien mitzubrin- 
gen. Die Bronzen sind zu bekannt, als dafs ich 
ihrer noch besondre Erwähnung zu machen hättß. 
Man mag aber an diesen Ueberresten, wovon bei 
weitem die meisten auf Herculanum kommen , beur- 
theilen, wie ungemein mehr Sorgfalt das Alterthura 
auf das öffentliche Leben als auf das private wandte, 
imd wie Mittelstädte (Pompeji war fast eine kleine) 
ihr grofses Forum imd ihre drei oder vier Thea- 
ter, ich will gar nicht von den Statuen sprechen, 
hatten. 

Reden wir nmmiehr von Pompeji. Es ist mir 
die Fahrt dahin und der Aufenthalt daselbst in dop- 
pelter Hinsicht interessant gewesen, weil ich beides 
in Gesellschaft einer sehr liebenswürdigen prinzli- 
chen Familie machte, der des Herzogs Bernhard 
V. Sachsen -Weimar. Der Herzog hatte mich Sonn- 
abend auf dem Münzcabinette, das ihm aus beson- 
derer Gunst geöffnet wurde, kennen gelernt, und 
mich auf den l^Iontag nach Pompeji eingeladen. Dort 
gab er in den groisen Thermen ein vortrefflichem 
Frühstück; es wurden Ausgrabungen für ihn veran- 
staltet, denen ich beiwohnte, bei welchen aber eine 
wahrhafte Comödie gespielt wurde, indem man of- 
fenbar vorher schon gewufst hatte, was man ausgra- 
ben würde. Später wurde nun alles Interessante 
besichtigt, und ich mufste zuletzt noch mit dem 
Herzog eine Promenade um die Mauern von Pom- 
peji (sie sind wohlerhalten) machen, wobei auch 
Merkwürdiges gesehen wurde. Abends wurde ich 



- 88 - 

in der Vittoria zum Diner eingeladen, bd weldiem 
der Herzog und seine Frau in der liebenswürdigsten 
Einfachheit erschienen. Der Herzog Bernhcird ist 
ein Mann (Sie werden ihn wohl kennen) von her- 
kulischer Gestalt, eine wahre Reiterstatue, und dn 
Abbild jenes Vorbildes aus dem dreüsigjährigen 
Kriege, an das er sichtlich erinnert Er hat Geist, 
Kenntnisse und, sein ganzes Leben darauf hingewie- 
8<dtt, etwas aus sich selber zu machen, erzählt er 
gern von seiner Carriere, von seinen holländischen 
Verhältnissen, von «einen Schicksalen überhaupt 
Er scheint Bürgerlichkeit allen prinzlichen Gesell- 
schaften vorzuziehen. Die Frau kt eben so einfach, 
auf Kunstanschauung versessen. Sie erwartet hier 
ihre Schwester, die Königin von England. 

Nicht so angenehm wie der Tag in Pompeji, 
von dem ich einmal einen Rückblick geben will, 
wlur die Besteigung des Vesuvs. Man bekommt schon 
einen Horror, wenn man den Bergkessel nur herauf- 
sieht; aber Sie sollten mm erst einmal durch die 
Asche waten, drei Viertelstunden immer zurückfal- 
len, indem Sie vorwärts zu kommen glauben; ganz 
er^höpft ankommen, um endlich doch nicht mehr 
2ü sehen, als sich einer ganz plebejischen Phantasie 
vorstellen kann! Himc dkm percSdi, rief ich ganz 
ärgerlich aus, als ich nun. endlich noch einen ekel- 
haften und knochenharten. Esel besteigen mufste, um 
nach Resina zurüekzureiten. Gewisse Dinge mufs 
ein Mensch sehen, wenn er einen ehrlidien Namen 
behalten will; aber wenn er noch darüber hinaus- 



— o9 — 

geht und den Leuten einredet, er hätte Plaisir em- 
pfunden, dann fange ich über ihn zu lachen an. 

Heute, verehrtester Herr, geht es nach Salerno 
und Pästum. Wir werden, so haben wir es wenig- 
stens vor, über Amalfi, Sorrent, Castellamare und 
die Tiberische Caprünsel zurückkommen. Hier habe 
ich vortreffliche Bekanntschaften. Die Prinzessin To« 
rella, Tochter Salicetti's, ist eine vortreffliche, geist-* 
reiche Frau, der Baron Poerio {prineeps ädf)ocaia' 
rvivt), der Professor Niccolini, General- Advocat bdm 
Cassationshofe, sind tüchtige Männ^. Die Priözeäi 
sia Torella quastionirte mich gestern viel nach Ba- 
hel. Auch speist man hier wieder vid, wie Sie 
Fräulein Solmar, die ich herzlichst grüise^ melden 
können. In nächster Woche soll ich bei dem Qrä- 
fen Camalduoli (Ricciardi), Tordüia u. s.w. essen. 

Campaniens Luft hat den Hajinibal entnervt, und 
bewährt auch bei mir ihre iaussaugende Ej*aft. Im 
Anfsmg October hoffe ich in Rom zu sein. Von da 
aus alsdann mehr. 

Haben Sie die Güte^ Mendelssohns viel von ntr 
zu grüfscn. Ist es wahr, dafs Mad. Hensel nach 
Italien kommt? Ist Walter und Felix Diridblet 
wohl ? 

Leben Sie so wohl, als es wünscht 

ganz der Ihrige 



— 90 — 

An Dr. Dorow in Berlin *). 

Berlin, den 2. November 1^37. 

lieber Opposition. 

Gewöhnlich versteht man heut zu Tage unter 
Opposition, namentlich in Deutschland, das feindli- 
che Bestreben, einer Regierung sich entgegenzusetzen, 
sie in dem, was sie möchte, zu hemmen, und Ande« 
res, zunächst gleichviel was, aufzubringen. Unter- 
thänige Consequenzenmacher gehen so weit, Oppo- 
sition mit Hochverrath und Opponenten mit Hoch- 
verräther för synonym zu erklären. 

Wie, we]^i man aber beweist, dafs das Moment 
der Opposition nicht sowohl in denen, welche op- 
poniren, als vielmehr in denen, welchen opponirt 
wird, liege, dafs dieses Moment ein nothwendiges 
ist, welches jedem gebildeten Menschen, jeder tüch- 
tigen und über den Standpunkt des Pätriarchalis- 
mus hinausgehenden Familie und jedem civiUsirtea 
Staate wesentlich in wohnend ist, nämlich das Ne- 
gative überhaupt. 

Ein Mensch unterscheidet sich vom Thiere da- 
durch, dafs er doppelt ist und sich weifs. Indem 
er doppelt ist, ist das Wissende von dem Gewufs- 
ten unterschieden. Es ist in ihm sofort ein Gegensatz 



*) Siehe Facsimile von Handschriften berühmter Män- 
ner und Frauen, 4. Heft, und Yarnhagen's Denkwürdigkei- 
ten und vermischte Schriften. Neue Folge. 1. Bd. S. 249. 



— 91 - 

bereitet, der allerdings im Lieben wieder eine Ein« 
heit hat, aber zu einem reichen Leben nur dann 
gelangen dürfte, wenn er in sich selbst stark und 
machtig gewesen ist. Ein Mensch, der ein Blumen- 
leben führte, dem nie starke Widerwärtigkeiten ent- 
gegentreten, der sich nie opponirte und nie tiefe 
Wehklagen über sich sdbst empfand, ist kein wahrer 
Mensch. O fi^ Sagslg äv&QCDnog ov TtcudsvsTat^, 

Eine Familie hat allerdings zu ihrer Substanz 
das Gebiet der Liebe und Empfindung. Aber Liebe 
und Empfindung selbst haben Gegensätze zu vermit- 
teln. Der mir Gegenüberstehende ist ein Anderer^ 
und doch soll ich mich in ihm wissen und gefallen^ 
wie in mir selbst. Tritt nun die Familie in den 
Conflict mit den Gegenständen und dem Beichthum 
des Lebens und der Welt, so wird sich der Zwi&< 
spalt, der auiserhalb ist, auch innerhalb ihrer ver- 
pflanzen. Eine Familie, in welcher kein opponiren- 
des Moment sich vorfindet, in welcher der Manu 
wie die Frau, der Sohn wie die Tochter ist, in 
welcher nicht verschiedene Meinungen und Ansich- 
ten frei hervortreten, wird schaal und langweilig 
und selbst als Familie keine genügende Grundlage 
für /den Staat sein. 

Und vollends der Staat, wo das vollste Be- 
wufstsein herrschen soll, wie kann dieser sich un« 
terfangen, ohne Opposition sein zu wollen? Wie 
kann dieser vermeinen, dafs Widerstand gegen seine 
Fort- oder Rückschritte etwas anderes bedeute, sds 
die Seite des N^ativen, die im Handeln wie im 



Denken immer auftritt, und nsMsh deren Besiegung 
oder Beseitigung erst die Widurheit bestellt In con« 
stitntionellen Landern ist dies so aneikannt, dafs 
Pitt, als er einmal im Parlamente das Unglück ge- 
wahr wurde, kraie Opposition zu besitzen, Alleng- 
land fiir verloren hielt, und sich aus seinen Greld- 
mitteln eine Opposition zu erkaufen tracht^e. Can- 
ning war im April 1827 in derselben Lage, und 
Tiemey nannte spa&haft, aber sehr tief;^ die Oppo- 
sition Jas Majesti/a OpposUiom. Was ist aus d^ 
sogenannten Opposition der fiin&ehn Jahre, die man 
auch neuerdings die Comödie der fun&ehn Jahre ge« 
nannt hat, in Frankreich geworden, als eine Partei, 
die es späterhin mit der neuen Regierung hielt, ihre 
Maafsregeln Tertheidigte, und in ihrem Anschein gar 
nicht mehr das zu sein vorgab, was sie noch vor 
wenigen Jahren hatte vorstellen wollen. Eine Re- 
gierung soll sicherlich der Opposition Herr werden, 
aber nur, indem sie von ihr lernt, durch sie berei- 
chert wird, und sie gleichsam in sich aufiiimmt 

Wenn die offene Opposition auf loyalem Wege 
in einem gebildeten Staate ffehemmt, und' unterdrückt 
wird, so dürft» sie dennoch nicht verschwinden, sie 
wird sich aber als eiterndes Geschwür, als Intri- 
gue, constituiren. Die Intrigue ist die Opposition, 
welche heimlich schleicht, die Privatinteressen an 
die Stelle der ö&ntlichen setzt, und statt der rei- 
nen Luft des Kampfes und da* streitenden Ansich- 
ten die Kabalen der Ränkemacher substituirt Wo 
der wahren, edlen und echten Opposition ein Or- 



— 93 — 

t 

gan zu Gebote steht, kann die Intrigue zu Schan- 
den gemacht werden; denn sie verschwindet, wo 
sich Licht zeigt; fehlt die Möglichkeit einer sol- 
chen Aeufserung, so wird sie erst das Tüchtige an- 
nagen, dann sich selber anfallen und Anarchie und 

Auflösung werden ihr Werk sein. 

« 

Btliiii r i l Oaiis. 



.1 






JoL Wolfgang von Goethe. 

Oeb. in Frankfurt a. M. den 28. August 1749, 
gest. in Weimar den 22. März 1833. 



An den Staats-Minister v. Schuckmann in 

Berlin. 

Weimar, den 1, IVovember 1815. 

Ew. Excellenz 
gütiges und vertrauenvolles Schreiben hat mich in 
einer Arbeit gestärkt, die, frohen Muthes unternom- 
men, mir täglich unter den Händen ^chst, und mehr 
Forderungen an mich macht, als ich voraussehen 
konnte. Bei meinem Aufenthalte in Cöln fand ich 
unter den Einwohnern sehr viel Neigung und Freude 
an Kunst und Alterthum, bedeutende Reste älteren 
Besitzes, Lust zu sammeln, zu erhalten, zu benutzen 
und zu geniefsen, zugleich einen Durst nach Wis- 
senschaft, das Gefühl des Bedürfnisses einer höhe- 
ren Ausbildung. Wie diese schönen, aber zerstreut 
schwebenden Elemente zu vereinigen sein möchten, 
darüber wurde vielfach verhandelt, und man ver- 



~ 95 - 

langte zuletzt, dals ich aufzeichnen solle, was ich 
gesehen und erfahren, gehört und gedacht/ damit 
man überblidce, was vorhanden, was erwartet, ge- 
wünscht und gehofft werde. Dies habe ich, so gut 
es die Umstände zuliefsen, gethan und femer in die- 
sem Sinne die merkwürdigsten Orte, Rhein- und 
Main -aufwärts bis Basel und Äschaffenburg theik be« 
reist, theils Nachrichten daher gesammelt, woraus 
denn ein Heft entstanden, welches sich freilich in 
seinen Theilen nicht gleich sein kann und, wenn es 
seinem Zwecke vollkommen entsprechen sollte, neue 
Untersuchung und Bearbeitung erforderte. Da es 
aber der Wunsch der Personen, die mich veranlafst, 
und auch mein eigener kt, auf den Augenblick, wo 
so vieles sich zu gestalten strebt, nach Kräften mit- 
zuwirken, so fahre ich nun mit desto gröfserer Zu- 
versicht fort, als dieses Unternehmen Ew. Excellenz 
Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, wie ich 
denn dem Herrn Staatsrath Süvern den gröfsten 
Dank schuldig bin, dafs er mir dieise Gunst ver^ 
schaffen wollen. 

Der Anfang des Manuscripts ist nicht mehr in 
meinen Händen, sobald aber ein Aushängebogen zu 
mir gelangt, so nehme mir die Freiheit, solchen zu 
überschicken, mit der Bitte, denselben als Hand- 
schrift einstweilen bei Sich niederzulegen. Ich werde 
nicht verfehle, bogen weis fortzufahren, und jedes* 
mal da^enige schriftlich nachzubringen, was man 
dem Drudk anzuvertrauen Bedenken trug, und ich 
würde mich sehr glücklich schätzen, wenn meine 
Betrachtungen in einer so wichtigen Angdegenbeit 



- 96 - 

irgend cineB Einflufs haben nnd Höchsten und Hor 
hen Orts gebilligt werden konnten. 

Der Moment ist freilich gar za schön und 
kommt nicht wieder, und also darf ich wohl Ver- 
zeihuBg hoffen, wenn ich, gegen meine Gewohnheit^ 
mich nnaufgefordert mit Gegenständen beschäftige, 
die nur vom Männern behandelt werden sollten, 
welche praktisch einzugreifen, durch That und Werk 
die Richtigkeit ihrer Ueberzeugungen darzuthun be* 
rufen sind. Mich verehrungsvoll empfehlend 

Ew. Elxcellenz 
- ganz ergebenster Diener 



•i; ^ 



An ^denselben. 

\ ■ 

, Weimar, dea 4. November 1815. 

A ' Ew. Excellenz 

aberr^tehe hierbei den ersten Bogen des bewufsten 
Aufsatzes zu geneigter Beurtheilung. Sie werden 
diesen Blättern gleich ansehen, dafs es blofs ein 
Möterisch^ Teitt ist, üb^ den man mit Personen 
ttm Ansebn tind Einflufs vertraulidi zu communici- 
rto bat, wenn er von einigem N^en sein »tAh 
Wie sehr danke idi daher Denenselb^i, da& Sie 
mir Gelegenheit gegeben, in hergebrachtem Vertrauen 
itiieh darübef" zu äufsernv 

i ' Ohne mich > voreilig in die Frage etnztilasse», 
ift wie fbm die Göiner hoffett können des Wut^ 
seh^ Ihc^Uiafft zu ^i«<e»den, die Universität iil ihreci 



— 97 - 

Mauern zu sehen, so darf ich wohl voraussetzen, 
dafis die Sammlungen von dem, was zu Kunst und 
Alterthum gerechnet wird, daselbst ihren Hauptsits 
finden werden. Deshalb wäre zuvörderst ein gerän«* 
miges Local auszumitteln. In dem Gebäude, vd* 
ches sonst den Jesuiten angehörte, soll, aulser der 
schon dorthin v^legten Schulanstalt, noch Raum 
genug sein. Doch wäre vielleicht nicht einmal dar* 
auf zu bestehen, alles unter einem Dache zu ver- 
sammeln. Es giebt in Cöln mehrere groise Häuser^ 
weldie wohl irgend eine Abtheilung des Museums 
fassen könnten. Doch werden dieses die dortigen 
Behörden naher beurtheilen. 

Der zweite Punkt betrifft die Sammlung des 
Herrn Canonicus Wall raff, mit welchem man bald- 
möglichst eine Unterhandlung zu eröffnen hätte, um 
die von demselben aufgehäuften Schätze dem öffent- 
lichen Wesen für die Zukunft zu sichern, und* auch 
schon gegenwärtig auf diesen wunderlichen Mann 
einigen Einflufs zu gewinnen. Er gehört nämlich 
zu den Personen, die bei einer grenzeolosen Nei* 
guDg ziun Besitz^ ohne methodischen Geist, ohnct 
Ordnungsliebe geboren sind, ja die eine Scheu an- 
vfrandelt, wenn nur von weitem an Sonderung, schick«, 
lidie Disposition und reinliche Aufbewahrung garührt 
wh*d. Der chaotische Zustand ist nicht denkbar, in 
welchem die kostbarsten Gegenstände der Natur, Kunst 
und des Alterthums iiber einander stehen, li^en, hän* 
gen und sich durcheinander umhertreiben. Wie eia 
Drache bewahrt er diese Schätze, ohne zu fühlen^ 
daÜB Tüg für Tag etwiRs Treffliches und Wfirdigea 

7 



— 98 - 

durch Staub und Moder, durch Schieben, Beiben 
und Stofsen emen grofsenTheil seines Werihes ver- 
liert. Die Negotiation selbst, wodurch diese Masse 
in landesherrlichen Besitz käme, wird keine grofsen 
Schwierigkeiten finden. Er ist bei Jahren, genüg- 
sam, seiner Vaterstadt leidenschaftlich ergeben, und 
wird sich glücklich schätzen, wenn das, was er hier 
gesammelt, auch künftig an Ort und Stelle beisam- 
men bleiben soll. Schwieriger aber, ja kaum 2u lö- 
sen wird man die Aufgabe finden, diese Dinge ihm 
aus den Händen zu ziehen, Einfluis zu gewinnen 
auf Ordnung derselben, und eine Uebergabe einzu- 
leiten, wo derjenige, der das Ganze übernimmt, sich 
nur einigermaaisen legitimiren kann, was er denn 
erhalten. 

Da ich mit einem ähnlichen Manne, dem Hof- 
rath Büttner in Jena, zwanzig Jahre in einem pein- 
lichen Verhältnifs gestanden, kann ich hinüber aus 
Erfahrung reden. Bei der gröfsten Schonung sei- 
nes seltsamen Wesens war es doch nicht möglich, 
ohne Verdruis mit ihm zu verkehren. Einstmals 
z. Bi eröffnete er mir, dafs & die Sommerzeit an- 
wenden wolle, die in einem grofsen Saale an der 
Erde übereinander geschichteten rohen, gebundenen 
und gehefteten Bücher zu ordnen, und verlangte dcs^ 
halb ein Repositorium. Ich liefs in Hoffnung, dais 
die Sache in Gang kommen werde, zwölf Reposito- 
rien aufstellen, und diese hätten nicht hingereicht, 
er aber war hierüber sehr verdriefslich und hat mir 
diese Yoreile in seinem ganzen Leben nicht verzie- 
hen* Dergleichen erwarte ich mir von Herrn Wall- 



- 99 — 

raff auch, und glaube kaum, dafs bei seinen Lebzei- 
ten anders, als mit gro&er Vorsicht und Gewandt- 
heit etwas Schickliches auszuführen sein wird. 

Das Dritte betrifft die Gebrüder ^isseree, 
deren Sammlung . von alten niederrheinischen und 
brabantischen Malerwerken sich gegenwärtig in Hei- 
delberg, gereinigt, restaurirt und prächtig eingerahmt, 
befindet. Von ihrem Werthe und von dem Yerhält- 
niis zu anderen Schulen derselben Epoche wird mein 
Heft unter dem Artikel Heidelberg im AUgemd- 
nen Kenntnüs geben. Die beiden Gebrüder Sul- 
piz und Melchior, gegenwärtig in den besten Jah- 
ren, waren erst zum Handelsstande bestimmt, und 
bildeten sich aus zu schöner Kenntnifs von Kunst 
und manchen Theilen der Wissenschaft Zu ihnen 
gesellte sich ein dritter, Namens Bertram. Zufäl- 
lig wurden sie selbst zu sammeln veranlaist, und 
haben nun seit mehr als zehn Jahren Zeit, Kräft^ 
und Vermögen angewendet, um eine Sammlung auf- 
zustellen, die in ihrer Art einzig ist, und welche, 
selbst der gröfsten Gallerie einverleibt, immer als 
würdige Abtheilung glänzen würde. Noch erwünsch- 
ter wäre sie jedoch zur Begründung eines neuen Mu- 
seums, weil sie alsobald alles, was sich um sie ver^ 
sammelte, zu gleichmäfsiger Klarheit und Ordnung 
nöthigen würde. . Es sind den Besitzern schon meh- 
rere Anträge geschehen, allein es bleibt ihr fester 
Vorsatz, sich von diesen Bildern . nicht zu trennen, 
sondern sich vielmehr mit ihnen zugleich an den 
Ort zu begeben, den . höhere Hand und Wirkung 
bestimmte. Nach meiner Uet^rzeugung, haben diese 



- 100 - 

jungen Männer nur zwischen zwei Stadien zu wäh- 
let, zwischen Frankfurt und Coln, beide in der gün- 
stigsten Lage und im gegenwärtigen Aug^ablick beide 
der Hoffanng lebend, dafs ein neues und bedeuten- 
des Kunstleben unmittelbar hervortreten werde. Denn 
die Absicht jener Gebriider ist nicht etwa nur Con- 
servatoren eines todten Schatzes zu bleiben, sondern 
angestellt zu werden, da, wo sie durch Kenntnisse, 
so wie durch Tlmtigkeit, fortwirken können zum öf- 
fentlichen Besten, wie sie bisher als Privatleute für 
eigene Rechnung, zu eigener Freude und Nutzen ge- 
liian. In Frankfurt ist i>ei dem hohmi Alt^ des 
Herrn Stadel, welcher seine sämmtlichen Kunst- 
sehätze an Gemälden, Kupferstichen und Handzeich- 
liungen, nebst einem geräumigen Lokal und ansehn- 
lichen Capitalien, zu einer öffentlichen Anstalt ge- 
stiftet, wahrscheinlich, dafs dieses Vermächtniüs bald 
realisirt werde. Die Exekutoren des Testaments ha- 
ben wegen Thmlnahme an diesem Institut, vorläufig 
im Stillen, genannten jungen Männern Anträge ge- 
than. Ob ich nun gleich alle Ursache habe, meiner 
Vaterstadt das Beste zu wünschen, und nicht Ver- 
anlassung sein möchte^ dafs ihr ein so wichtiger An- 
faaltepunkt eines frischen Kunstlebens entginge, so 
ist jedoch bei mir ein gewisses Gefühl, von Grün* 
den unterstützt, dafs ich die Sammler sowohl als 
die Sammlung am liebsten in Cöln sähe« Der fol- 
gende Druckbogen giebt Nachricht von dem bedeu- 
tenden Kupferwerke, welches mehrbenannte junge 
Männer herausgeben, um den Werth und die Würde 
des Cölner Doms zu versinnlichen; auch liiar wäre 



- 101 — 

zu wünschen, dafs eine öffentliche Kasse mit dni- 
gern Vorschofs einträte, wdidier genugsam gesichert 
werden könnte. 

Diese drei wichtigen Punkte Ew. Excellenz er- 
leuchteter Beurtheilung überlassend, fuge nur nodi 
hinzu, dafs über die republikanische Form, die ich 
unter gewissen Umständen bei Kunstanstalten den 
herkönunlicheu Akademien vorziehe, unter dem Ar* 
tikel Frankfurt weitläufiger gehandelt werden wird. 

Nehmen £w. Excellenz als einen Beweis mei- 
ner Verehrung die zutrauliche Offenheit, die mich 
an jene schönen Tage erinnert, die ich das Glück 
hatte, in Ihrer Nähe zu verleben. Bald hoffe ich, 
bei Gelegenheit der nächstoi Sendung das Weitere 
nachzutragen. 

Ew. Excellenz 

ergebenst 
verpflichteter Diener 

An denselben. 

'Weimar, den 29. NoFember 1815. 

Zu gendgter Aufnahme lege Ew. Excellenz nun- 
mehr den zweiten gedruckten Bogen vor nebst den 
nöthigen, obgleich immer nur vorläufigen Erläute- 
rungen. 

(p. 17. 18. 19.) Hier ist nun von dem Bois- 
sereeschen Werke, welches den Cölner Dom, wie er 
beabsichtigt war, darstellen soll, etwas umständlicbiei! 
die Bede. Die Wichti^cdlt und Schwieriglüeit, so 



— If« — 

wie der Aufwand, den das Werk ^ord^, treten 
mehr in die Augen, und eine Höchste R^erung, 
der sich diese jungen Männer in der Folge widmen, 
wird sie gewüs nicht ohne Anfioiunt^rong and Bei- 
hülfe lassen. 

(p. 20. 21.) Die Stiftung zur Unterhaltung des 
Doms und zum Fortbau, wenn auch nur einiger 
Theile desselben, ist freilich die wichtigste Angde- 
genheit. In meinem Aufsatze kann nur späterhin, 
wenn erst von ähnlichen Gebäuden rheinaufwärts die 
Bede gewesen, dieser wichtige Gegenstand zu meh- 
rerer Klarheit gelangen. Doch füge hier «nstweilen 
dasjenige, was über steinhauersche Technik in der 
Folge seine Stelle finden wird, abschriftlich bei, da- 
mit geahuet werden könne, wie schwer es sei, in 
unseren Tagen etwas, das vergangenen Jahrhunder- 
ten angehört, wieder hervorzurufen. 

(p. 21. 22.) Das Werk der älteren Baukunst 
am Unterrhein fib^haupt gewidmet, verdient gewifs 
auch aller Beachtung und Aufmunterung. 

(p. 22. 23.) Yiellächt wäre es gefällig, dem 
Dom-Vicarius Hardy, den wir wohl nicht lange 
mehr besitzen werden, etwas Freundliches zu erzei- 
gen. Er würde sich geehrt und gefördert fühlen, 
wenn man ein halbes Dutzend seiner Wachsbilder 
bestellte, und sie einstweilen bei einem dortigen 
Vorgesetzten aufbewahren lieise. Ueberhaupt wiirde 
es räthlich sein, ein Interimslokal einzurichten, wo- 
hin man schon jetzt manches Vorkommende zu ret- 
ten Gelegenheit fönde. 

(p. 24.) Die Beantwortung der Frage, wie sein 




Schüler ||^gbold, den in fleifsiger Ausführung wohl 
Niemand i&bertri(ft, zu beschäftigen und in seiner 
Kunst zu steigern sei? würde hier zu weit vorgrei- 
fen und diirfte erst später, wenn die Hauptpunkte 
bestimmt sind, vorzunehmen sein. 

(p. 25 — 30.) DtB Argumente der Cölner, wo- 
durch sie ihre Wünsche, die Universität in ihren 
Mauarn zu sehen, unterstützen, habe niu: registrirt 
und redigirt 

(p. 31. 32.) Der eigentliche Zustand des Herrn 
Canonicus Pick in Bonn wäre von dortigen Behör- 
den zuerst genau zu erforschen. Seine Sammlung 
kann man sich von seinem Hause nicht getrennt 
denken, sie vom Platze rücken hiefse sie zerstören, 
wie man umgekehrt die Wallraffische translocir^ 
mufs, um etwas daraus zu machen. In wie fern das 
Haus ganz sein gehört oder Verwandte daran An- 
theil haben? wem er es nach seinem Tode zuge- 
dacht? und in wie fern es zugleich mit der Samm* 
lung für den Staat zu acquiriren wäre? dies sind 
Fragen, deren Erörterung jeder andern Ueberlegung 
voraus zu schicken sein möchten. 

Zu allem Femereu willig und bereit, hochach- 
tungsvoll 

Jf. ll¥. CSoetlie. 



Vorstehendes war schon längst bereit, £w. Ex- 
cellenz aufzuwarten, der verzögerte Abdruck des 
zweiten Bogens jedoch verzögerte die Absendung. 
Nunmehr bin ich in dem Falle, auch den dritten 



- 104 - 

beizulegen, bei welchem ich nichts weiter zu bemer- 
ken wiiHste. Ist es mir aber erlaubt, das Ganze noch- 
mals vorzunehmen, so argiebt sich, daCs wohl vor 
allen Dingen die Entscheidung der Frage, wohin die 
Universität gelegt werde, abzuwarten sei, sodann 
würde die Bestimmung eines hinreichenden Lokals 
und die Einleitung der Unterhandhmgen mit den 
tlaren Wallraff, Pick und Boisseree das Nächste 
sein, worauf dann das Weitere theils berathen, theils 
ausgeführt werden konnte. 

Erlauben Ew. Excellenz, dafs ich in einige Zeit 
die Fortsetzung dieser kleinen Arbeit schicke. Da 
ißk von denselben Gegenstanden, wie ich, sie in ver- 
schiedenen Städten gefunden, zu sprechen hatte, so 
tiabe ich die Betrachtungen darüber ausgetheilt, um 
mich nicht zu wiederholen, noch auch durch allzu 
lltnges Verweilen an einem Orte den Leser zu er- 
müden. Daher denn erst, wenn das Ganze beisam- 
n»en ist, meine eigentliche Absicht deutlich erschei- 
nen kann. Womit ich mich denn diesmal, für das 
mir so günstig erwiesene Zutrauen meinen aufrich- 
tigen Dank wiederholend, zu fernerem gütigen An- 
denken empfehle, dies^ Blätti^n eine günstige Auf- 
nahme angelegentlich wünschend. 

Ergebenst 
jr. H^* CSoetlte. 



— 105 — 

Steinhauer Technik 

vom zwölften bis zum sechszehnten Jahrhundert*)« 

Sehen wir nun gegenwärtig den patriotischen 
Deutschen, leidenschaftlich In Gedanken beschäftigt, 
seiner heiligen Baudcnkmale sich erfreuen, die ganz- 
oder halb vollendeten zu erhalten, ja das Zerstörte 
wieder herzustellen, finden wir an einigen Orten 
hiezu die gehörigen Renten, suchen wir die entwen* 
deten wieder herbeizuschaffen oder zu ersetzen; so 
beunruhigt uns die Bemerkung, dais nicht allein die 
Geldmittel spärlich geworden, sondern dafs auch die 
Kunst- und Handwerks'mittel beinahe völlig ausge- 
gangen sind. Vergebens blicken wir nach einer 
Masse Menschen umher, zu solcher Arbeit fähig 
und willig. Di^egen belehrt uns die Geschichte, 
dafs die Steinhauer - Arbeit in jenen Zeiten durch 
Glieder einer groisen, weitverbreiteten, in sich ab* 
geschlossenen Innung unter den strengsten Formen 
und Regeln verfertigt wurde. 

Die Steinmetzen hatten nämlich in der gebildet 
ten Welt einen sehr glücklichen Posten gefafst, in- 
dem sie sich zwischen der freien Kunst und dem 
Handwerk in die Mitte setzten. Sie nannten sich 
Gesellschaft, ihre Statuten waren vom Kaiser bestä- 
tigt Diese Anstalt gründete sich auf ungeheuere 
Menschenkraft und Ausdauer, zugleich aber auf ne- 
senmafsige Bauwerke, welche allen zugleich errich« 
tet, gefördert, erhalten werden sollten. Unzählige 



*) Siehe: Kvnsi u. 4Jiertliiiiii von Cr»eÜie. 1. Baad. 



- 1«6 - 

«ingeübte Knaben, Jünglinge und Männcfr arbeiteten^ 
über Deutschland ausgesäet, in allen bedeutenden Städ- 
ten. Die Obermeister dieser Heerschaar safiseu in 
Goln, Stra&burg, Wien und Zürich. Jeder stand sei- 
lten! Sprengel vor, der geographischen Lage gemals. 

Erkundigen wir uns nun nach den innern Ver- 
hältnissen dieser Gesellschaft, so treffen wir auf das 
Wort Hütte, erst im eigentlichen Sinne den mit 
Brettern bedeckten Raum bezeichnend, in welchem 
der Steinmetz seine Arbeit verrichtete, im uneigent- 
lichen aber als den Sitz der Gerechtsame, der Ar- 
chive und des Handhabens aller Rechte. Sollte nun 
zum Werk geschritten werden, so verfertigt der Mei- 
ster den Rifs, der von dem Bauherrn gebilligt als 
Dokument und Vertrag in des Künstlers Händen 
blieb. Ordnung für Lehrknaben, Gesellen und Die- 
ner, ihr Anlernen und Anstellen, ihre kunstgemä- 
jGsen, technischen und sittlichen Obliegenheiten sind 
aufs Genaueste bestimmt und ihr ganzes Thun durch 
das zarteste Ehrgefühl geleitet. Dagegen sind ihnen 
grofse Vortheile zugesagt, auch jener höchst wirk- 
same, durch geheime Zeichen und Sprüche in der 
ganzen bauenden Welt, das heifst in der gebildeten, 
halb- und ungebildeten, sich den Ihrigen kenntlich 
zu machen. 

Also organisirt denke man sich eine unzählbare 
Menschenmasse durch alle Grade der Greschicklich- 
keit dem Meister an die Hand gehen, ^lieber Ar- 
beit für ihr Leben gewifs, vor Alter- und Krankheits- 
fällen gesichert, durch Religion begeistert, durch 
Kunst belebt, durch Sitte gebändigt, so fängt mau 



- 167 - 

an zu begreifen, wie so ungeheuere Werke conci- 
pirt, unternommen und, wo nicht vollendet, doch 
immer weiter als denkbar gefuhrt worden. Fägen 
wir noch hinzu, dafs es Gesetz und Bedingung war^ 
diese grenzenlosen Gebäude im Tagelohn aufzüfiUiK 
ren, damit ja der genauesten Vollendung bis in die 
kleinsten Theile genug geschähe, so werden wir die 
Hand aufs Herz legen und mit einigem Be^enkea 
die Frage thun: welche Vorkehrungen wir zu tref« 
fen hätten, um zu unserer Zeit etwas Aehnliches her^ 
vorzubringen» 

Vorstehendes ist auf eing^angene &kundigua- 
gen, besonders aber nach einer Druckschrift, bear* 
beitet, welche den Titel führt: 

Der Steinmetzen Brüderschaft Ordnungen und 
Artikul, Ernewert auff dem Tag zu Strafe- 
berg auff der Haupthütten , auff Michaelis 
Anno 1563. 



An denselben. 

Weimar, den 1. Juni 1816. 

£w. Excell^z 
haben die ersten Proben meines Rhein- und Main- 
heftes so freundlich aufgenommen, dais ich für Schul* 
digkeit erachte, nunmehr auch das Ganze Ihrer Gunst 
und Gewogenheit zu empfehlen. Sollte es geeignet 
sein, irgend etwas Gutes zu wirken, so ist durch die 
Verspätung nichts versäumt, denn obgleich mancl^ 
darin Gewünschte sich sdion ereignet, sq.. bleibt .fU^ob 



Bodi gv Vides ciaar tos gticHidwa Dastindea 





kofci dirl Eni 
lüUt 
woitkm «ad fiMkt 



Wie dem wadk sei! Bogen Ew. ETerilem mich 
«ad das Mfiay iBBcr in g Stigei Andenken er- 



An den Staats-Minister v. Altensteiu in 

Berlin. 



HodiwoUgelMNrener Frohenr, 
hochzoverdirender Herr. 
Ihro Kon%L Hoheit, mein giuidigster Färst, 
(litten midi mit keinem angendimem Auftrag beeh- 
ren kömen, ab dem: Ew. Excelloiz durch G^en- 
wirtiges za b^iacbricfatigen, da(s die gewünschte 
Mitthdhii^ des Jenaischen Codex, allere deutsche 
Gedichte enthaltend, kdnen Anstand finde. Er ist 
lurf hocfastmi Befehl sogkidi herüber gebracht «ad 
t^rgfittt^ eingepadct wpfden, kann auch, wenn nicht 



— 100 - 

etwa ein anderer Weg beliebig wäre, sogleich der 
£adirenden Post übergeben werden, weshalb mir wei- 
tere geneigte Antwort erbitte. 

Darf ich nach gemachtem Gebrauche hoffen, die* 
ses der Akademie Jena so werthe Dociiment auf dor- 
tiger Bibliothek in zwei bis Arei Monaten wieder 
aufzustellen, so werde solches mit verpflichtetem 
Danke erkennen. 

Schlieislich hoffe ich denn auch Nachsicht U 
erhalten, wenn ich mich dieser Gelegenheit bediene^ 
Ew. Excellenz zu erwähnen, nicht allein wie lebhaft 
idi die Guu^ empfinde,* welche Hochdieselben seit 
so langen Jahren mir und meinem Bestreben geneigt 
erzeigen wollen, sondern auch hiernächst dankbar 
zu bemerken, dals Hochdieselben durch Beförderung 
manches tüchtigen Mannes auch mir manche För* 
dernifs und Nachhülfe erwiesen; wohin ich nament- 
lich die Anstellung des werthen Ernst Meyer in Kd^ 
nigsberg zu rechnen habe. 

Der ich, auch für die Folge mich zu wohlwol- 
lendem Andenken angelegentlichst empfehlend, mich 
in vollkommenster Verehrung uuterzdchne 

Ew. Excellenz 

ganz gehorsamster Diener 



M 



— 110 — 

An denselbeiL 

Weimar, den 30. April 1830. 

Hochwohlgeborener Freiherr, 
hodbverdirter Herr, 

Ew. Excellenz genehm^en einem alten Ange- 
eigneten in Vertrauen auf eine schon oft erprobte 
Geneigtheit eine kurze bescheidene Vorstellung. 

Friedrich Ernst Schubarth, ein Schlesier, gegen- 
wärtig in Hirschberg, meldet, mir, dafs er Hoffnung 
habe, von den Vorgesetzte^ der Bildungs- Anstalten 
dortigen Ortes Hochdenenselben als zum Lehrfache 
tüchtig vorgeschlagen zu werden, und glaubt, einige 
Erwähnung von meiner Seite werde nicht ganz ohne 
Einflufs zu sein sich schmeicheln dürfen. 

Ich aber wage bei dieser Gel^enheit nur so 
viel zu äufsern: dais ich dem Lebens- und Studien- 
gange dieses Mannes seit vielen Jahren mit Antheil 
grfolgt bin und ihn allerdings zu schätzen Ursache 
hatte, so dafe ich nunmehr wohl wünschen möchte, 
die an Ew. Excellenz abgehenden Berichte von der 
Tauglichkeit des Subjects zu einer solchen Stelle 
könnten hinreichen, Hochderoselben Ueberzeugung 
zu begründend 

Findet er sich nun eines solchen Zutrauens 
werth, sind seine Wünsche und Hoffnungen deshalb 
zu erfüllen, so will ich nicht in Abrede sein, dafs 
es mir in hohen Jahren Freude machen würde, den 
mannigfaltigen Talenten des Eingebornen solche 
pflichtmäisige Richtung vorgeschrieben zu sehen, 



wodurch seine Fälligkeiten und erworbene Fertigkei- 
ten unmittelbar seinem Yaterlande und der zu bilden* 
den Jugend nützlich und förderlich sein mögen. 

Eifrig aber ergreif ich diesen gegebenen An- 
lafs, Ew. Excellenz bescbeidentlich anzudeuten, dafs 
die grofsen Wirkungen, die sich in Ihrem Geschäfits- 
kreise verbreiten, mir nicht unbekannt bleiben, son« 
dern seit vielen Jahren Stoff zur Bewunderung ge- 
ben und mich in der Verehrung bethätigen, die ich 
frei und unbewunden aussprechend, mich zu fort- 
dauernder Huld und Geneigtheit andringlich erii« 
pfehle, indem es für ein Glück schätze, mich unter- 
zeichnen zu konneu 

Ew. Excellenz 

ganz gehorsamster Diener 
Jf, 1¥. CSoetiie. 

An denselben. 

Weimar, den 22. Januar 1832. 

Hochwohlgeborener Freiherr, 

hochzuverehrender Herr. 
Ew. Excellenz erzeigten mir, es wird nicht ganz 
ein Jahr sein, die überraschende Geneigtheit, mich 
in Kenntnifs zu setzen: es sei Hochdeneuselben ge- 
fallig gewesen^ gnädige Einleitung zu treffen, auf 
welche Weise und unter welchen Bedingungen der 
Privatlehrer Schubarth zu Hirschberg in dem Staats- 
dienst angestellt werden könne. Ich verehrte darin 
im Stillen die hohe Vorsorge, da& kein Uttwurdi- 



— 112 — 

' ger zu so bedeutenden Zwecken aufgenommen werde 
und zugleich die Uebarsicht, wie allenfalk die Hin* 
dernisse in Ermangelung einiger Förmlichkdten zu 
beseitigen sein möchten. 

Nun erst erfahr' ich, dais es schon langst sich 
fugen konnte, genaimten Mann zu einer Lehrerstelle 
an einer öffentlichen Anstalt bemeldeter Stadt zu 
befördern und ihm einen lebenslänglichen, hinrei- 
chenden Unterhalt zu ertheilen. 

Indem ich nun für meine Schuldigkeit erachte, 
die Erfüllung dieser Wünsche auf das Dankbarste 
anzuerkennen, so bleibt mir nichts übrig als eine 
der Ueberzeugung sich nähernde Hoffnung, es werde 
der Begünstigte durchaus bemüht sein, die Anlagen, 
welche ihm die Natur vergönnt, die Talente, die er 
sich durch Fleifs erworben, auch zu den unmittel- 
baren, ihm vorgezeichneten Zwecken anzuwenden 
und sich des hohen, in ihm gesetzten Vertrauens 
würdig zu machen. 

Dankbar verehrend 

Ew. Excellenz 

ganz gehorsamster Diener 
jr. "W. CSoetlie. 



An den wirklichen Geheimen Rath v. Stäge- 

mann in Berlin. 

Weimar, den 4. März 1829. 

Ew. Hodiwohlgeboren höchst schätzbare Sen- 
dung würde schon früher mit verpflichtetem Danke 



- 113 - 

erwiedert haben, wenn ich nicht diejenigen Gedichte, 
welche ihrer Zeit als wirksam und bedeutend schon 
einzeln gekannt, nicht hier im ganzen Zusammen- 
hange und vereinter Kraft kennen zu lernen gewünscht 
hätte *). Nun aber darf ich wohl sagen, dafe ich 
diesen Band als ein Zeugnifs ansehe: wie bei einer 
der bedeutendsten Epochen der Weltgeschichte, bei 
dem wichtigsten und unter den gröfsten Gefahren 
bestandenen Unternehmen, ein ächter Mann und Va- 
terlandsfreund empfunden, gedacht und in höherem 
Sinne sich ausgedruckt 

' Dafs diese mitten unter kriegerischen Tumulten, 
von denen ich selbst so viel gelitten, mit freiem 
Geist entstandenen Gedichte mich nun bei einem 
friedlichen Lande, zu ruhiger Zeit freundlich begrü* 
fsen, erregt mir die angenehmste Empfindung, für 
welche höchlich dankbar ich nur wünschen kann, 
dafs Denenselben der beste Lohn in dem Bewufst- 
sein, als Mitglied einer so grofsen, weitverbreiteten 
Staatsverfassung fortzuwirken, dauerhaft gegönnt sein 
möge. 

Genehmigen Sie bei dieser Gelegenheit den Aus- 
dnick der vollkommensten Hochachtung. 

Ew. Hochwohlgeboren 

gehorsamster Diener 
Jf. 1¥. w. «oetlie. 

*) Historische Erinnerungen in lyrischen Gedichten 
von Friedrich August von Stägemann. Berlin 1828. 



8 



Ceb. Im Fnakfui a. M. de« 13. Hai 1786, 
gesl ■■ Paris df« 12. Febraar 1837. 



An Ladwig Robert. 

FraBkfwi a M^ dies 2. Amgßxi 1821. 

Idi hibe es wieder emmal erfidiren, dals muk grö- 
frem Gewinn ans seinen Fehlem als am aemoi Ta- 
genden ziQht Ware ich ein ordendidwr nnd arti- 
ger Men&di, der mr gehörigen Zeit Bri^ beant- 
wortet und ParadiesTögd znrudLfliegen laist, dann 
halle ich Ihr TorieMes Schräben nidil erhalten, 
worin Sie mich in meiner An fmonl nt un g mit Les- 
ung T^lichen haben, — und wenn-nian das Un- 
^ikk hat^ kein Lessing zu s^n, so ist es kräi klei- 
ner TVost, dafür gehalten zu werden, — nnd ich 
hatte Ihre allerliebsten Verse nicht »halten. Jetzt 
bin ich sogar ein Dichter geworden, denn ich habe 
ein Gredicht hervorgebracht Der Paradiesvogel, seit- 
don ich ihn von dar Theaterdirection zurud^bekom- 
men, lebte in dem Käfig eines gdstreidien Frauen- 




- 115 - 

Zimmers, wo er so viele Liebkosungen erhielt, dafs 
er alle Lust zur Freiheit verlor. Ich mufste ihn 
gewaltsam entfuhren; daher die Zögerung. Aber 
Ihre Bescheidenheit bewundere ich. Wie konnten 
Sie auf den Gedanken kommen, Ihr Aristophanisches 
Lustspiel deutschen Böotiern darzubieten? Ich rede 
nicht von Frankfurt, ich denke an das ganze liebe 
deutsche Land. Kann dieses plumpe Volk all die- 
ses attische Salz vertragen? Höchstens einige Kör- 
ner auf ein breites Butterbrot gestreut. Ich kenne kein 
deutsches Lustspiel, das mit dem Ihrigen verglichen 
werden könnte, aber desto schlimmer. Ein ganzes 
Nadelkissen von Epigrammen, von denen man blofs 
den breiten Kopf ohne die Spitze verstanden hätte. 
Ihr Stück würde auf der Bühne wohl gefallen, ab^ 
auf eine Art, dafs Sie sich darüber todt ärgern müfs* 
ten. Der Spektakel hätte die Zuhörer auf unmittel- 
barem Wege ergötzt, und die Ironie wäre ihnen ent- 
gangen. Wissen Sie, was Ihnen wenigstens hier hätte 
geseliehen können? Man hätte die kleinen Aufeüge 
gestrichen. Ich war fast auf dem Wege, es der Thea^ 
terdirection vorzuschlagen, um zu erproben, wie weit 
man es mit den Leuten treiben kann. Manche Be- 
trachtong, wozu mir Ihr Lustspiel Anlafs gegeben, habe 
ich niedergeschrieben, und ich hätte es Ihnen gern 
mitgetheilt, aber die erwähnte Freundin hat es ein- 
gepackt und mit ins Bad genommen. Ich schicke 
Ihnen später den Aufsatz. Ich bitte Sic, lassen Sie 
Ihr Lustspiel drucken, und bringen Sie es nicht aaj£ 
die Bühne. Das hiefse dem Volke schmeicbeln, als 
liätte es Geist, 4as htefire es gewinnen wollen (würde 

8* 



— 116 — 

die Polizei sagen), Sie kämen in Verdacht demago- 
gischer Umtriebe, und würden nach Mainz geführt 
werden. Mir wäre das schon recht, ich hätte dann 
nur einige Meilen, um zu Ihnen zu kommen. Grufs 

und Freundschaft. 

Dr« Bdme« 



Aii Frau von Varnhagen. 

Frankfurt a. M., den 29. August 1825. 

Gnädige Frau! 

Sie haben gestern den Wunsch geäufsert, eini- 
ges von meinen ungedruckten Schriften zu besitzen, 
und ich habe mich im Stillen sehr über diese Aeu- 
fserung gefreut. Die Dankbark^t hätte erfordert, 
Ihrem Wunsche nicht zu entsprechen, aber diese 
Tugend fiel mir zu schwer. Doch bin ich so vor- 
sichtig, erst die Beharrlichkeit Ihrer Wünsche auf 
die Probe zu stellen, und darum theile ich Ihnen 
nur einen Aufsatz mit. Wenn Sie standhaft blei- 
ben, werde ich mit meinen Mittheilungen fortfahren. 
Ich habe diesen Aufsatz gewählt, weil er Steffens 
betrifft, den wir gestern etwas berührten. Er ist 
schon vor zwei Jahren geschrieben und die Stutt- 
garter Censur hat ihn nicht durchgehen lassen. 
Warum nicht? — darüber bitte ich Sie nachzuden- 
ken, sobald Sie die Zeit haben. Mir ist es uner- 
klärlich geblieben. 

Ich kann es Ihnen nicht verschweigen, dais Sic 
meine Ruhe gestört. Ich lebte so zufrieden mit mei- 



— 117 — 

uem Schicksal, und jetzt haben Sie die heftigste Be- 
gierde in mir erweckt, in Berlin eine grüne Kern^uppe 
mit Ihnen zu essen. Möge der Himmel diese meine 
neue Sehnsucht stillen, wie er schdn manche gestillt. 
Darf ich Sie bitten, mich der Hoiräthin Herz in Erinne- 
rung zu bringen? Ich grüfse Sie aufs Freundlichste. 

Ihr ergebenster 



An Troxler. 

Paris, den 13. November 1835. 

Verehrter Herr und Freundb 
Ich hoffe, dafs ich mein Recht auf Ihr freund- 
schaftliches Andenken noch nicht ganz verloren, we- 
nigstens schmeichle ich mir, dieses nicht verdient 
zu haben. Wie oft denke ich an Sie und spreche 
von Ihnen mit Freunden, die Sie kennen und ach- 
ten. Wie sehr haben wir uns gefreut, als wir er^- 
fuhren, dafs Sie in Bern einen Ihnen angemessenen 
und auch gewifs willkommenen Standpunkt gefun* 
den. Wäre ich bei Ihnen, würde ich, trotz meiner 
fünfzig Jahre und meiner verknöcherten Fassungs- 
kraft, Ihr eifrigster Schüler werden. Ich habe aber 
den Plan gefafst, mich selbst in der Ferne zu Ih- 
rem Schüler zu machen, mich und noch 32 Millio- 
nen anderer Menschen, Franzosen genannt, die in 
jeder Unwissenheit mit mir wetteifern können. Der 
Plan ist schön, und ihn auszuführen, dazu fehlt nur 
noch Ihre BewilUgung, 



— 118 — 

Die Franzosen wenden sich jetzt, auf eine dem 
Mensdioifreund w&euliche, dem Geschichtsphiloso- 
pboi merkwürdige Weise ia ibrem geistigen lieben, 
dem Benern ond Edleren zu. Ei ist, als wäre d« 
Teufel an« ihnen gefahren. Sie fangen aa zu füll- 
L«i, dals der Baum ihrer ErkeuntnÜs keine tiefe 
Wurzel hat, und sie drehen ihn um, und stecken 
ihn mit seiner ganzen breiten Krone, mit Blättern, 
Blüthen und Fruchten in die Erde, um nur fest zu 
steheu, und opfern den Genufs der Hoffnung auf. 
Ihr Eifer für deutsche Wissensch^ und Philosophie 
steigt täglich und wirkt sich immer mehr aus. Es 
ist wahr, die armen Franzosen tappen in diesem 
neuen Leben bald bejammernswürdig, bald lächer- 
lich umher; das ungewohnte licht blendet sie, und 
sie sehen oft weniger, als sie in ihrer gewohnten 
Dunkelheit gesehen. Aber ihr Blick wird sieh Dach 
und nach stätiten, und wir wollen sie bi» dahin 
brüderlich fuhren und unterstützen. Wir wollen et- 
was zur Seeligk^t der verdammtem FnuizoaeB thun, 
die wir Deutsche ihnen so manchen irdischen Vor- 
theil und Genua verdanken. 

Den Theil der Schuld, der auf Buch fiült, mll 
'ich abtragen. Ich will in eisern fnnaÖsJMh gesohii» 
benen Journal den Franzosen über deutsche Litte- 
ratur und deutsches Leben sprechen, so gut ich es 
verstdie. Aber mein Vcrständnilit imd meine Kralt 
reiehon nicht so w«t als moiii guter WiUe. kU 
Diufs daher in meinem Streben auf die MitwiHiuitg 
von Männern zahlen, denen es nicht 
ist, deutsches Leben und Wissen und, da diu WBi 




— 119 — 

der dcutsdiefl Nation in ihrem Wissen besteht, die 
Nation selbst bei den Ausländern in die vordienta 
Achtung zu setzen. An wen konnte ich dabei zu- 
erst denken als au Sie, der Sie der Beforderui^ 
des Rechts, der Wahrheit und des ScJtönen Ihr gan- 
zes Leben nicht blois gewidmet, sondern audt ge- 
opfert haben ? 

Mir B^st ist philosophisches Wirken gaiB fremd, 
so fremd nur Philosophie Deutschra seiu kann, in 
welchen Allen das herbgeweckte Blut Hamlet's und 
Faust's äicfst Aber aulser diesem meinem &bgut 
habe ich nichts von Philosophie erworben; theilen 
Sie den Franzosen und mir etwas von Ihrem Reich- 
Ihum mit, und übernehmen Sie für mein Journal den 
philosophischen Unterricht Stellen Sie sich unter 
Ihren Schülern und Lesern Menseben gleich mir vor, 
von gutem Willen und einiger Fassungskraft, aber 
selbst ohne die Elemente der Philosophie. Es kommt 
daranf au, den Geist zu durchackern, ihm philoso- 
phische Empfänglichkeit zu wecken. Was ist Phi- 
losophie P Was nutzt sie dem Geist, dem Herzen, 
dem Leben? Welchen Einfluls übt sie auf Kunst 
und WissenscbaftP Dann von dem bewulstlosen Phi- 
losophiren der Menschen, die Geccfaichte der philo- 
sophischen Systeme, der philosophischen Verirrun- 
geu, die Verwandtschaft der anscheinend verschiede- 
nen Systeme; die Einheil der Philosoph!" 'ijid Re- 
ligion u. e. W' Dieses, in einer Reihe >' :, mit 
UiRHLilMiHLGoist und in Ihrer anz' -stel- 
^ingni BA g b ^gg^elt |^ i*>"i i^ hier die 
■Uial 




- 120 - 

Die deutschen Aufsätze werden unter meiner 
Aufsicht ins Französische übersetzt Wenn Sie aber 
in Bern einen litterarisch gebildeten, in seiner Spra- 
che gewandten Franzosen fanden, der unter Ihren 
Augen die Uebersetzung besorgte, so wäre es frei- 
lich noch viel besser. Darf ich mir nun die Erfül- 
lung meiner Bitte versprechen? Ich hoffe. 

Den Mitwirkern des Journals wird der Bogen, 
deutsch, mit 100 Fr., französisch mit 130 Fr. ho- 
norirt. 

Ich bitte Sie, mich dem Andenken Ihrer Frau 
G^nahlin und Ihren Kindern zurückzurufen. 
Briefe an mich, bitte ich unter Couvert: 

ä Mr. Straus, 
Bue LqfiMe 44 ä Paris, 
abgehen zu lassen. 

Mit der herzlichsten Verehrung und Freundschaft 

Ihr 
Boeinte« 



£nlogins Scbneider« 

Geb. in Wipfeld den 20. October 1756, 
g\iilIotinirt in Puris den 1. April 1794. 



Ziur Charakter -Entwickelungsgeschichte des nachher 
so blutdürstigenDemagogenEulogius Schneider möchte 
der nachstehende Brief nicht ohne Interesse sein ; er 
ist aus einer Zeit, in der Schneider als Professor in 
Bonn den Musen und Wissenschaften lebte lind be- 
vor er sich in den wildesten Strudel der französi- 
schen Revolution stürzte, als deren Opfer er in Pa- 
ris unter der Guillotine fiel. 



An Fr. Nicolai in Berlin. 

Bonn, den 2a Jnli 1789. 

Sie erzeigten mir die Ehre, in den Beiträgen 
zu Ihrer Beisebeschreibung meiner auf eine Art zu 
erwähnen, welche mir nicht anders als schmeichel- 
haft sein konnte. Mein Schicksal wollte es nicht, 
dafs ich Ihre personliche Bekanntschaft machen sollte, 
da Sie durch Bamberg reiseten, wo ich gerade da- 
mals im Framuskaner Kloster war. Der Zwaijig der 



Ignaz Ans. Fessle r. 

Creb. in Czorndorf (Ungarn) 1756. 



An Fr. Nicolai in Berlin. 

Oberschönliausen, den 8. Jonius 1808. 

Verehrter Mann! 
öie erhalten hierbei Kunde von einer Unternehmung, 
Welche versuchen will, eine Lücke unserer histt)ri- 
schen Litteratur auszufüllen, und etwas zu liefern, 
was, nach den gegenwärtigen Zeitaspecten, Vielen, 
die gern mit offenem, hellem Blicke in der Zeit leben, 
bald eine erwünschte Erscheinung werden dürfte. 

Ich bitte Sie, den mir wohlbekannten Freund 
und Beförderer alles Guten, die Sache in Ihrem 
Wirkungskreise, so weit derselbe reicht, hier und 
auswärts zu unterstützen. 

Wer die Geschichten schweizerischer Eidgenos- 
senschaft mit Lust oder mit Mortification gelesen 
hat, wird meine Geschichte der Hungarn und ihrer 
Landsassen wenigstens gern lesen. 

Ich wünsche, dafs die Stöhne und Töchter Ihrer 



— 125 — 

Nation (das ist sie noch überall, wo sie sich von 
Völkern und Horden, die mit dem Schein von Na- 
tionalität nur betrügen wollen, nicht hat blenden 
lassen) recht zahlreich auf meine, mit kräftigem 
Nationalsinne geschriebene Geschichte der hungari- 
sehen Nation pränumeriren, und dadurch bezeugen 
möchten, wie hoch sie alles Nationale, wo es sich 
auch finden mag, schätzen. 

Ich verbürge Ihnen, dafs Sie in zahlreiche und 
respektable Gesellschaft kommen, zwar nicht von 
Berliner -Christen (denn wenn hätten diese eine so- 
lide, bleibende, wissenschaftliche Unternehmung auf 
eine vorzügliche Art unterstützt, sie, die selbst, 
wenn sie wohlthätig, grofsmüthig oder liberal sein 
wollen, immer wenigstens eines Concertes, eines 
Balles oder einer Benefiz -Komödie bedürfen), sotvr 
dern biederer Schweizer, besonnener Deutschen und 
gründlicher Hungarn. Sie, ehrwürdiger Mann, ha- 
ben schon vor zehn Jahren darauf pränumerirt, und 
Sie stehen daher auch in dem Yerzcichnifs von deii 
Ihrigen auf der Pränumerationsliste bei mir ohn^ 
Weiteres oben an. Nur die Sorge, dafs Si^ yoii 
den Ihrigen in Berlin nicht allein stehen bleiben 
mögen, überlasse ich Ihnen. 

Mit aufrichtiger Achtung 

Ihr 

ganz ergebenste . 
FesAler. : 



'■;:#( 



M. Herrn. Ferd. Ton AitenrletL 

Geb. zu Stuttgart 1772, < 
gest. SU Tubingen ia3S. 



An Yarnhagen von Ense. 

TfibiBgea, den 30. Afril 1818. 

Ihre Laufbahn trennte sich von der ärztüchen, ich 
ifinsche Ew. Hochwohlgeboren mAt Gewifshät, für 
das Wohl der Menschheit etwas thun zu können, als 
wir bei der misrigen haben, und, sollte etwa selbst 
Se Staatskunst das Loos aller menschlichen Bestre- 
bungen treffen, die Cartesischen Wirbel, die man 
rom Himmel verbannt hat, auf der Erde zu reati- 
siren, den Muth, welchen Ew. Hochwohlgeboren 
aus der Ärzneikunst werden mitgebracht haben, das 
elfte Uebel von neuem zu bekämitfen, nachdem al- 
let Widerstand gegen z^n ähnliche frühere verge- 
bens war. Ich als Arzt mufs mich mit dem Spru- 
che trösten: „frühe säe deinen Saamen, und lass' 
deine Hand des Abends nicht ab, denn du weiisest 
nicht, ob dies oder das gerathen wird.^' — Ew. Hoch- 



— 127 — 

wohlgeboren sind als Staatsmann glucklicber^ da dem 
klaren Buchstaben aller Verordnungen, Constitution 
nen und Manifesten nach Alles, was in diesem Fa« 
che geschieht, immer allein zum Besten der Mensch- 
heit geschidit. So fern ist freilich mein obiger 
Wunsch überflüssig, und ich habe ihn auf den ärzt» 
liehen einzuschränken. Möchten Sie gewiis immer 
gesund bleiben. — Um was ich aber Ew. Hoch- 
wohlgeboren und Ihre Freunde, Kerner und Uhland^ 
beneide, ist der Geist der Poesie, welchen Sie in 
das Leben zu legen wu&ten; dem Arzte erheitern 
keine Götter Griechenlands die Wirklichkeit, höch- 
stens kann ihm spartanische Starrhdt, sie fortzuwäl- 
zen, helfen« Doch auch das ist Leben, das zu et- 
was Höherem fahren muüs, und so die Verschieden- 
heit der Laufbahnen am Ende nidit grois. 

Mit ToUkommenster Hochachtung und Verehrung 

Aiit«MHetli» 



An denselben. 

Tiibingeii, de» 28. November 1827. 

Ew. Hochwohlgeboreu haben mir auf eine so 
freundliche Art einen so ehrenvollen Antrag gemacht, 
dais es undankbar von mir wäre, wenn ich die hoch- 
achtbare Societät und zunächst Ew. Hochwohlgebo* 
ren sdbst täuschen und versprechen wollte, was ich 
nicht zu Idsten ' vermag. Ich bin ein zu sehledi- 
ter Arbeiter! Wohl würde ich mich sehr glückUdi 



— 128 — 

gctetzen, im Umgange so geistvoller und kenntnifs- 
reicher Männer, unter Wechsel weisem Ideen -Austau- 
sche leben zu können; aber zum schriftlichen Sur- 
rogate gebricht es mir an Zeit, und ich bedürfte 
mehrerer; denn es wird mir immer schwere, einen 
Gedanken auszusondern, an den sich nicht eine Un- 
zahl damit zusammenhängender anderer anzuschlie- 
&en strebte; so schreibe ich zu schlecht für Ihr 
Institut, und meine heterogenen Beschäftigungen, die 
nach aufrufen, bald als Landstand die Wirkungen 
eines Zollgesetzes mir klar zu machen, bald über 
den Hiob zu schreiben, und Reden übet die natur- 
historische Wahrscheinlichkeit der Fortdauer, der 
Menschen zu halten, damit der hi^ früher herr- 
schende theologische Dogmatismus etwas aus sei- 
nem schweren Schlafe aufgereizt werde, waArcmd 
ich dann wieder für die Gerichtshöfe &n Gutach- 
ten, ob «n Verbrecher ein Verrückter sei, zu stel- 
len, und Nosologie zu lesen habe. Diese hundert 
verschiedenartigen Thätigkeiten hindern mich, mir 
selbst in meinem Fache, in vielen seiner Zweige 
wenigstens, so viele Detail -Kenntnisse zu sammeln, 
daf» ich mit Ehren als Beurthdier dessen, was An- 
dere leisteten, auftreten könnte. Hat man aber 
&5 Jahre zurückgelegt, so geht die Zeit auf die 
Neige! Aus dem Chaos der Lektüre, Erfahrungen 
und Einbildungen meines bisherigen Lebens will 
ich im Beste desselben nur das zu entwickeln mich 
bestreben, was ich als unbefangene Ansicht von der 
Einrichtung der wirklichen Natur, so weit sie als 



— 129 — 

AU dem Menschenverstände zugänglich ist, von ih* 
ien Spuren einer höhern Ordnung und vom Yet^ 
hältnifs unseres Ameisengeschlechtes zu ihr betrachte, 
unbekiimmert um alle Systeme, die der Beihe nach 
alle untrüglich waren. Damit aber werden Sie selbst 
einsehen, dafs mir am Rezensirtwerden, das mir mdne 
Einseitigkeit nun auch wieder aufdecken würde, viel 
gelegen sein mufs, dafs ich aber ein schlechter Re- 
zensent der Geistesarbeiten Anderer sein würde. Ein 
jeder Mensch hat bekanntlich sein Steckenpferd; nach 
30 Jahren, die ich meinem Amtsfache widmete, glaubte 
ich berechtigt zu sein, mir auch eines anzuschaffen. 
Den Inbegriff meiner Erfahrungen und Ansichten in 
der praktischen , Medicin meinen Schülern so klar, 
als mir möglich ist, aus einander zu setzen, halte ich 
für meine erste Pflicht, und durch «ie, durch ihre akade- 
mischen Dissertationen und theils auch durch meinen 
Sohn, der, wenn ich meine mcdicinische Beschäfti- 
gungen wegen der Landtage unterbrechen mufs, mein 
Stellvertreter ist und jetzt ebenfalls für sich Lehrer 
der praktischen Medicin, wird das, was etwa von 
meinen 30jährigen Versuchen tauglich wäre, allge^ 
meiner bekannt zu werden, schon verbreitet werden. 
Darum halte ich mich für weniger verbunden, es noch 
selbst, ausgerüstet mit dem nöthigen gelehrten Afh 
parat und der Rücksicht auf Litteratur, entweder in 
eigenen Aufsätzen oder in Gesammtrezensionen der 
Schriften anderer Aerzte über solchen Gegenstand, 
bekannt zu machen. Aber mein Steckenpferd, das 
ich mir ansdiaffte, glaube ich nun auch, wie jedet 

9 




imd ^or ibr 

dieofdiict, fofaren, 
SdriftcB, 

td der Gene» hier in unserer Kiinihifiltii^BibKa- 
AdL haba? Oder, wcu idi meiote, ehi annges 
iBgpliiiifiBgeg Viereck, mit Sidicriieil im MiMude ge- 
•dien, wirde alle Systeme der NatmfpUoBC^iUe, die 
dem Erdball selbst Leben und Proddktioii des Le- 
bens ^anf seiner Oberfladie znsdireBMn, nber des 
Hanfien werfiai, weil der Mondsball ein anderer als 
der Erdball ist, eine andere AnsJehanjEssti 
andere Atmosphäre hat, und mm doch in 
xnnftige Geschöpfe sich erwiesen, die eine gemein* 
sdiafUiche Greometrie mit uns Itttten; die auch auf 
der Qba4adie des Mondes, wie wir aof der Ober- 
fladie der Erde, blols angeflogen, nidit von ihr er- 
seogt (da eine andere Oberfladie imdi eine andere 
Geometrie erzeugen müikte), mit nns irgendwo her 
ans dem für ans leeren Raum kommen mausten, vid* 
leicht angezogen dardi die Reibung der mit nnge« 



- 131 - 

hmxtet Sclmelügkeit im Raum sich drehendeii Wf^ 
iugeln, ungefähr wie in uniserer Atmosphäre ein^ 
sdinell umgedrehte Glaskugel Elektricität aus unse* 
rer Atmosphäre auf ihre Oberfläche ansammelt? Sie 
i^hen, dafs ich selbst die sogenannten exakten Wis* 
senschaften nicht ohne Phantasiren bearbeiten würde* 
In keiner Hinsicht also kann ich Ihnen nützlich sein. 
Nehmen Ew. Hochwohlgeboren also meinen innig- 
sten Dank für Ihren so gütigen Antrag, und bezeu- 
gen sie ihn auch in meinem Namen den berühmten 
Männern Ihrer wichtigen Gesellschaft '*). In einem 
kleinen Staate ist man wie in einer Organisation der 
niedern Ordnung, wo alle Funktionen in einer ver- 
schmelzen, und ein Organ vielerlei derselben, ohne 
zu besonderem Zwecke ausgeschieden zu sein, ohne 
also diesen in höherem Grade erreichen zu können, 
dienen mufs. Es hat auch sein Gutes, keine Rolle 
auf dem litterarischen Weltthcater zu spielen und 
dafür seinen eigenen Kohl zu pflanzen; ist der Saa- 
men desselben gut, so verbreitet er sich eher in der 
Stille, wenn beim Mangel eines Ursprungs -Certifi- 
cats Jeder glauben kann, er sei ihm selbst gewach- 
sen; obschon es etwas langsamer damit hergeht. Da- 
mit Ew. Hochwohlgeboren mein Steckenpferd, mit 
dem es mir im Innersten Ernst ist, deutlich erken- 
nen, und um die Wahrheit meiner obigen Entschul- 
digungen zu beweisen y nehme ich mir die Freiheit, 



* ) Verein fiir die Herausgabe der Jalurbüclier für wit- 
senscliafllielien Kritik. 

9* 



Karl Immermann. 

Creb. in Magdeburg 1796, 
gest. in Düsseldorf 1840. 



An Varnhagen von Ense in Berlin. 

Münster, den 28. Augast 1823* • 

Ihnen die anliegende Tragödie '*') zu übersenden, 
dazu veranlafst mich die liebevolle Aufmerksamkeit, 
welche Sie meinen früheren Versuchen haben tu 
Theil werden lassen. Ich statte Ihnen für Ihre 
Kritik nochmals hierdurch meinen besten Dank ab; 
sie hat mich sehr erfreut und, wie ich glaube, mehr 
gefordert, als viele andere diktatorische Worte, die 
über meine Trauerspiele laut wurden. Ich weifs 
wohl, wovon ich s^nsgehe, aber nicht, wohin ich 
gelange; ich kenne meine Meister und scheue mich 
nicht, sie zu nennen, aber ich ahne selbst kaum, 
was sie an mir entwickeln werden. 

Diese Punkte meines tiefsten Bewufsts^ns be- 



*) Periander. 



- 134 - 

rührt Ihre Kritik, und eben, weil sie unbestimmt läfst, 
welcher Platz diesen Erstlingen gebühren möchte, for- 
dert sie mich mehr als jede andere auf, mich selbst 
zu bestimmen und zusammenzunehmen. 

Ich bin mit der Versicherung ausgezeichneter 
Hochachtung 

-Ihr 

gans^ ei^ebener 



An denselben. 

Magdeburg, den 23. September 1824. 

Ew.- Hochwohlgeboren kann ich nur mit eini- 
ger Beschämung heute nahen, da ich wenigstens den 
Sobeia der Undankbarkeit gegen mich habe. Sie 
waren so gütig, mir im vorigen Jahre die Samm- 
lung der Zeugnisse über Goethe senden zu lassen, 
und ieh habe Ihnen nicht einmal den fkapfiing an- 
gezeigt Möchte die Unterlassungssünde in dem gänz- 
lichen Wechsel aller meiner Verhältnisse, der mich 
betraf, und einem staj^en äufsem Geschäftskreise 
(UmstäHide, die freiem geistigen Verkehr nicht güHr 
stig sind) einige Entschuldigung finden. Indessea 
wird es mir immer noch erlaubt sein, Ulnen auszu- 
sprechen , dafs mich die Sammlung sehr angezogen 
und erfreut hat. Es ist wirklich merkwürdig» wie 
die Kritik sich nach und nach an Goethe herauf- 
gebildet hat, und zeigt gerade dies das Buch beson- 
ders deutlich. 



— 135 ~ 

Ich lege, indem ich mir fortwährend Ihrer Theil- 
nähme freudig bewufst bin, ein neues Lustspiel *) von 
mir meinen Zeilen bd. Möchte ich nur selbst d«i 
Behagen daran finden, als an den friiheren Yars«- 
dien. Aber ich sehe immer mehr ein, dais dramar 
tische Poesie sich nur im Verkehr mit der Bühne 
lernen läfst, und dafs, entfernt von ihr, nur Skiz- 
zen und Studien entstehen können. Vielleicht habe 
ich das Vei^nügen, Ihnen im Winter dort mündliell 
die Gefühle der Hochachtung und Ergebenheit aus^ 
spredien zu dürfen, mit welchen ich verharre als' 

Ihr 

gehorsamer 



An denselben. \ 

Magdeburg, den 9. April 18*26. 

Sehr werth war mir Ihre Zuschrift, y^ehrtef 
Herr und Freund, und wenn ich erst jetzt daf^ 
danke, so hat dies darin seinen Grund, weiV ic^ 
zugleich Ihnen die ästhetische Abhandlung überri^t 
chen wollte, welche, vor Kurzem gedruckt, nun di^T 
sen Zeilen beiliegt. Ihre Kritik über den Cardenip 
war mir um so wohlthuender, als ich sie grade ß^ 
der Zeit las, wo mir auch die im Morgenblatte m 
Gesicht gekommen war. Letztere hatte mich v&t* 
wundet, so weit Fehlurtheile Andere uns verwoH;: 



^) Da« A«§e der Liebe. 




7tMi>.ii vollkiri—i'i Bcdtt kdSm: ie& va£i seBisl 





soll. w«Hi kk äe ^ 

Daam Übe kk 
jedock witkt aDem Scfadd, soadom ^i Theatar 
ll%t dboiCdk eiB« Tkal der Ictziom. b nsdier 
Udieroller Wedttdwiiimg zvisckoi Bihne und 
Diclrta' erzMgt ütk aUein das wihih# gnifiie und 
Mtionafe IlnuwL Ciiaer Timer glöcbt dbcr einer 
flltenidcii Coqsette, wdeiie zwar ait ilven gesdmniik- 
Ich Waiifen nacii alleriet Gecbea umwrfcant, sie an 
iidk za femdü^ dsufegea eine wahre, tiefe Nagong 
flidit Yenrtdtt und nodi -nti weniger za erwidern 
W^iSi# Die Robe der Bidkät ist so sols, es ist 
00 tmbriiaglicb, sich aas dersdben za edler Tha- 
tigkeit ertieben za müssen. — Ich kann den nor 
I^Ui^licb preisen, der nie in Versachang gerieth, 
•ein Birebcn an das groise Nichts unserer Brett» 
XU verschwenden. Recht sehr erfreuten mich Ihre 



geistvollen biographischen Denkmale, welche ich vor 
einigen Wochen las. Es ist schön, dafs Sie unserm 
vaterländischen Helden Blücher Ihre Kraft widmen 
wollen; der Stoff ist so dankbar und die Behand'* 
hing ergiebt sich so von selbst Blücher ist doch 
der einzige General der grofsen Zeit, welcher eine 
ausgesprochene Physiognomie und etwas Persönli- 
ches zeigte ^ 

Kürzlich erschien von Heine im Gesellsofaafter 
eine Harzreise, die mir sehr wohl gefiel« Sie hatte 
einen süfsen, phantastischen Reiz, der noch gröfsar 
gewesen wäre, wenn sich Heine vor einigen bur- 
schikosen Auswüchsen zu hüten gewufst hätte. Id 
kann es mit Gewifsheit sagen, dafs mich meine bür- 
gerlichen Verhältnisse in den nächsten Monaten nach 
Berlin führen werden. Ich hoffe auf Freude von 
diesem Aufenthalte, und wünsche, dafs mir das Gluck 
zu Theil werden möge, Sie persönlich kennen zu 
lernen. Mit aufrichtiger Hochachtung 

Ihr 

ergebenster 



d. t 

An denselben. 

Magdeburg, den 8. J^^ovember 1826. 

Sehr erfreulich, verehrter Herr und Freund, war 
mir die Einladung zu den neuen kritischen Jahrbfl- 
ehern, und gern sage ich die Theilnahme am Insti- 
tute zu» Nach den Namen der GründiraT' und den 



— 138 — 

mir gegebenen Andeutui^en zu ürtbffllen, lassen sich 
^ Sache die günstigsten Auspicien stell^i, und ich 
hoffe, dais die neue Zeitschrift einmal wieder die 
Ehre der Kritik als einer Wissenschaft retten wurd, 
Ton welchem pmrd {fhofmeur bekanntlich die meisten 
jetzigen rezensirenden Anstalten ziemlich fern sind. 
Von den mir vorgeschlagenen Schriften wiirde ich 
Heine's Reisebilder, Clauren^s Landhausleben und 
die Novellen von Steffens wählen. Das erste 
der genannten Bücher steht mir hier zu Gebote, die 
beiden andern aber werde ich hier wohl nicht be- 
kommen könn^i. Wird die Redaction sich mit Zu- 
tendung von Schriften an die Mitarbeiter befassea? 

Mit grolsem Vergnügen habe ich neulich Ihre 
Biographien Dörfflingers und des alten Dessauers 
gdesen, und freue mich sehr auf die Blüchers. Ich 
finde besonders die Xenophontische Ein&chheit in 
Suren Denkmalen ansgez^chnet und acht historisch. 

Von Heine erhielt ich vor Kurzem* einen Brief 
aus Lüneburg. Seine Verhaltnisse scheinen sich noch 
immer nicht recht solide bilden zu wollen; er ist 
fortwährend auf der W^anderschaft und, wie es mir 
vorkommt, auf keiner fröhlichen. Bewegung und 
Wechsel möchten seinem Naturelle und Talente viel- 
leicht sehr zuträglich sein, nur wünschte ich, dafs 
die Idee der Kunst sich bald ganz rein in ihm aus- 
prägte, zu welcher Vollendung er gewifs berufen ist. 
Seine Erzeugnisse gehörig zu würdigen, wird eine 
der schwersten Aufgaben sein. 

Wenn Sie mich nadi meinem dichterischen Le- 
ben befrag», so weifs ich leider davon zur iZeit 



— 1S9 — 

wenig zu sagen. Der Druck der äu&em bürgecK* 
<^ken Verhältnisse ist grade j^t zu stark, als daik 
> idi an ^e Arb^ dauernd denken könnte. Hof^ 
fentlich kommt die Zeit vrieder, wo mir die Bmal 
frei wird. 

Ich bitte, mich Ihrer würdigen Gemahlin ra 
empfehlen, und den Mitgliedern Ihrer GeseUschafi, 
die gut auf mich zu sprechen sind, dinen freundU« 
chen Gruifl von mir zu sagen. Mit aufrichtiger G^ 
sinnuiig 

der Ihrige 



e. + 

An denselben. 



yj 



Magdeburg, den 24. Januar 1^7. 

Sie konnten mir» verehrter H^r und Freund, 
kein angenehmeres Geschenk senden, als die beiden 
Bande mir waren, die mir durch Ihre Güte wurde»» 
Wenn ich meinen herzlichen Dank nicht ^eioh nach 
Empfang ausgesprochen habe, so hat dies darin aeh 
nen Grund, weil ich zuvor den Blüdier wenigstens 
durchlesen wollte, ehe ich Ihnen schrieb. Ich habt 
mich sehr an der Biographie unseres alten Heldi^ 
erfreut^ und finde, dais Sie in Ihren historischm 
Arbeiten denjenigen Weg einschlagen, der wir we* 
nigstens als der dnzige richtige erscheint, nämlidi 
die Geschichte zu individuaUsiren, zu beleben und 
das Persönliche, Charakteristische durdi die Dari^el^ 
long dtfin harvoirlreien zu lassen. Von diaser M* 



— 140 — 

•torif eben Ksnst cntfenien sidi leider die 
iflNDer mdr, de beadkten die Ahen omI die Eng- 
Bader nidit, die daiin ak Muster h u i oüc Mchten, 
wnd glauben Gescbicbte zn sehreiben, weim sie nnr 
mechanische Bewegongen, Namen und Zahlen über- 
liefiniL — HanptsadJich tragt zn dieser Entartung 
der Gesducfatschreibnng, wie ich glaube, der Um* 
itand bei, dais sie mastens in den Handee der Stn- 
bengdebrtm mht, die die Gestalt des Lebens nie 
geschaut haben. Wenn sie nun auch hohor hin* 
aus denken, ab auf den Notizenkram, dessen ich 
vorhin gedachte, so bringen sie es doch immar niu* 
zu einem bleichen Schatten des Alterthums in der 
Darstellung, der dann zu den ^neueren Ereignissen 
sich wunderlich verhält. Geschichte sollte immer 
von Kriegern oder Staatsmännern, welche zugleich 
die Weihe der Kunst empfangen haben, geschrieben 
i^erden; diese allein kennen die Gestalt der Gegen* 
wart nach deren eigenthümlicher Form aus prakti- 
scher Erfahrung. <— Ich habe an Ihrem Werke dies 
auch recht bestätigt gefunden, es zeigt sich überall, 
daiSs den Verfasser sein Leben in das Feldlager und 
in das Kabinet geleitet hat; der dort gewonnene 
Blick giebt dem Ganzen Auge und Seele. Für das 
Gelungenste halte ich fast die Darstellung der Zeit- 
räume, die grofsen Ereignissen vorhergehen, oder 
iwisohen zwei grofsen Ereignissen liegen; doch finde 
ich auch mehrere Schlachtgemälde, namentlich das 
von der Katzbach und von den Tagen im Junius 
1816, sehr vorzüglich gearbeitet Die Freimüthig- 
keit des Werks ist äuiserst schatzbar, der geschieht* 



- 141 - 

Uche Takt zeigt sich wieder darin, dals die Pargo* 
nen, auf welche die Ereignisse gewisse Schatten wer- 
fen, z. B. der Kronprinz von Schweden und Schwar- 
zenberg, mit grofser Mäfsigung behandelt word^ 
sind. Vortrefflich finde ich den Gegensatz zwischen 
dem den Abend in Brüssel auf den Ball gehendem 
'Wellington und dem ein Paar Tage später dieTrupr 
pen durch den Koth nach dem Schlachtfelde treibenf 
den Feldmarschall. Die Verschiedenheit der Hinnd^ 
lungsweise der beiden Feldherreh ist aus deii GtÜBt 
den ihrer Natur dargestellt, und diese Partie des 
Werks mit einer, möchte ich sagen, epischen Bruh6 
und Klarheit behandelt. 

Der Styl ist diesmal prägnanter, als in Ihren 
friihern Schriften. Gegensätze, Adjectiva und Nu^ 
merus deuten auf das Bestreben hin, durch Bedeu- 
tung des Sinnes zu wirken. Im Ganzen finde leb 
auch diese Seite nur zu loben — manches Einzelne 
hat mich indessen — verzeihen Sie mir meine Frei* 
müthigkeit — gesucht gedünkt; ich hätte es einfa- 
cher gewünscht. Ich kann Ihnen die Stellen nicht 
angeben; der Eindruck des Ganzen war mir zu Heb 
und werth, als dafs ich durch Anstreichen und Be- 
merken kleiner Flecken mir ihn trüben mochte. Bei 
einer spätem Auflage (die das Werk gewifs erlebt) 
werden Sie, weiin Sie sich von der Richtigkeit mei- 
ner Bemerkung fiberzeugen können, durch ein Paar 
Striche oder Weglassungen sehr leicht auch diese 
Minutien noch verbessern. 

Jetzt will ich mich an die Dichter machen, und 
werde mir klauben, auch darüber Ihneiti meine 



— 142 — 

Meinvng zu sagen, wenn Sie mdn ürtheil hören 
wollen. 

Uebrigens kann ich Ihnen nicht bergen, dais 
idi beim Anblicke der Handschrift dnen kleinen 
Schreck bekam; so wie ihn der böse Sdiuldner 
empfindet, wenn er die Zuge der Glaabiger sieht 
S|e gehen indessen noch sehr glimpflich mit mar 
nm, nnd ich werde in mir ein reuiges Herz zu er- 
W^en suchen, damit die versprochene Rezaision 
recht bald fertig wird. Sie würde schon vollendet 
sein können, wenn mich nicht plötzlich kurz vor 
Weihnachten die Leidenschaft und der fUfer för «• 
nen dichterischen Gegenstand zu sehr überwältigt 
bätta Ich konnte mich von dieser Arbeit nicht 
trennen, bis sie fertig war; das ist sie nun, und 
jetzt will ich gewifs daran denken, mein Wort mög« 
lidist bald zu lösen. — 

Ich empfehle mich Ihnen^ mit den Gesinnungen 
hochachtungsvoller Ergebenheit 



An denselben. 

Magdeburg, den 21. Febraar 1827. 

Beili^end, verehrtester Freund, übersende ich 
ihnen die versprochene Kritik von Arnim und Heine. 
Die Vetänderung meiner Verhältnisse (wovon nach« 
her) macht es mir ganz unmöglich, in diesem Au- 
genblick mit Ruhe die Novellen von Steffisns zu 
beurtheilen. Wollen Sie diese Arbeit einem An- 



— 143 - 

dern übertn^n, so mais ich es mir gefallen lassen, 
soll sie mir bleiben, so werde ich sie liefern, kann 
jedoch die Handschrift vor Pfingsten nidbt verspre- 
chen. "Eine Zusammenstellang, wie ich sie bei Ar- 
nim und Heine versucht habe, wäre mit Steffens 
doch nicht möglich gewesen. Für ihn sind vdeder 
andre Gesichtspunkte aufisusuchen. Ich wünsche nun 
nichts mehr, als dafs meine Arbeit Ihnen und der 
Gesellschaft gefallen möge; ich habe sie so gut ge- 
macht, wie es mir möglich war, und bin dem Ge- 
sichtspunkte treu geblieben, dafs eine wissenschaft- 
liche Kritik immer zu gewissen allgemeinen Rück- 
. blicken und Uebersichten hinstreben, diese aber auch 
wieder durch sorgfältige Beachtung des Einzelnen 
belegen mufs. Ein Beweis ist freilich auf diesem 
Felde nicht zu fuhren, man kann aber wenigstens 
durch Gründlichkeit etwas Beweisähnliches liefern. 
Freilich mufs man dann etwas ausfuhrlich sein; in 
der Kürze sind solche Arbeiten nicht wohl zu fas- 
sen, und so ist denn auch die meinige lang ge- 
worden. — Veränderungen und Abkün^ungen habe 
ich dennoch^ bei der Durchsicht nicht vornehmen 
mögen. 

Meines Bleibens wird hier nur noch 14 Tage 
sdn, dann gehe ich nach Düsseldorf, wohin ich v^- 
setzt worden bin. Wenn Sie also später mir ant- 
worten, so haben Sie die Güte, dorthin unter mei- 
ner Adresse als Landgerichtsrath den Brief zu rich- 
ten. Ich gehe gern an den Rhein, mit dem Idichten 
lustigen Volke dort wdis ich mich zu behaben, und 
der tiefern Anregungen sind denn do<^ 6cfit sehr 










,1. EaeO 

Am denselbeiL 



2L Jan 



Nor wodge Wotie woBem die Baanioa Ton 
Bache begleltai, daBÖl wiit B<idi ein Post- 
t^ Terbarnnt werde. An der Z agitung bin ich wahr- 
tick nicht schuld, der dritte Band aingfltf mir, and 
idi habe ihn, bei dem hier am Rhein höchrt dm- 
den Stande des Buchhandds, erst nsK:h 6 Wodien 
hu^em Harren bekominHi können. 

Ich werde bei Ihnen ganz in Müäredit gd^om* 
men sein, und die Rezension wird nicht dazu bd« 
trag^ ihn zn heben. Die Arbdt ist sdir sddecht, 
das fiihle idi redit wohl, nnd das AngquduDste 



— 145 — 

wäre mir, wenn die Societät sie zurücklegte, und 

die Kritik noch von einem Andern liefern lasf 

sen könnte. Ich habe sie mit Unlust g^chriebeB^ 

nach meiner individuellen Meinung ist an dem 

Buche nicht viel, es ist weder Poesie, noch Ge* 

schiebte, noch Philosophie , sondern eia Zwitter 

von allea drei Geschlechtern -^ ^ ich habe es mar 

mit Ueberwindung durchlesen können. Dana habe 

ich wegen des unglücklichen dritten Bandes eüig ar* 

beiten müssen. Unlust und Eile aber sind schlechte 

Musen. 

Ich unterzeichne mich mit den Gefühlen steter 

Anhänglichkeit 

Inuaieriüfiiiii« ...1 

Andenseiben. 

Di|s8ielfUr^ 4^11 11. jABiur 1834; ; 

Entschuldigen Sie, mein Yerehrtester, dafii idi 
nicht augenblicklich auf Ihre^ Brief geantwortet^ för 
ihn und die ihn b^leitende w^rthe Gabe gedankt 
habe. loh empfing Beides auf deat Kvankenlageiv 
von dem kk nur erst vor dnigen Tageii erstand 
den bin. :; A : • ■>:,■; 

Ich hatte das Buch, dessen Besitz ich ieitthJIhf 
rerGite verdanke, bereits gleich lütdi seinem En^ 
scheinen mir zu verschafBsii gewuist und^mit dem 
grö&ten AntheU gelesen; > Nur ^^ mit Trauer^ gab kk 
das Erborgte, welches auf gewQloiUolien W^en tdaM 
z« beicoiMneB iwar, wiedcnr aus 4er Hiand|i'ik ies zu 

10 



— 146 - 

denen gehört, zu denen man immer zurückziikefaren 
wünscht Sie können hieraus abnehmen , wie sehr 
es mich freuen muis, diese merkwürdigen Urkunden 
eines wunderbaren Daseins aus Ihrer Hand mein Ei- 
genthnm nennen zu können. 

Soll ich meine innerste Empfindung, welche die 
ims mitgetheilten Papiere in mir erweckt haben, aus- 
sprechen, so möchte ich sagen: der höchste Gehalt, 
den sie uns schenken, ist die Anschauung einer in- 
definibdn, Gemüth und Glauben starkenden Persön- 
lichkeit. Diese Anschauung, welche ich nicht auf 
Wort und Beschreibung herabsetzen kann, ist mir 
wenigstens noch theurer, als die Masse der einzel- 
nen genialen, tiefdringeuden Blicke und Wahrneh- 
mungen, an denen das Buch so reich ist Eine 
Natur, mit unendlicher Liebe- und Leidensfähigkeit 
ausgestattet, schon durch Geburt und ererbten Glau- 
ben in einen gewissen Zwiespalt geworfen, wird aus 
allem diesem Trüben und Düstern vom Göttlichen 
immerfort an starken, unsichtbaren Fäden nach sich 
giezogen. Je mehr die Jahre, die Jiier, möchte ich 
sägen, nur verjüngen, vorrücken^ desto entschiede- 
ner wird Aafl Beine, Wahre, Ewiggute ihr natürli- 
ches Element, und so löst sie Hddeidiaft die ver- 
wickeltste Aufgabe. Dafs uns nun ein solches Bild 
und Beispiel nidit im Pliitarch, nicht unter den gro- 
&en destalten des Mittelalters, sondern in d^i jüng- 
sten Tagen, in unserer nächsten Nähe begegnet, das 
ist das Hochtröstliche, Mutb und Hoffidung Verbra- 
tende der Erscheinung. 
'^ Freilich ist der Gram nicht zurückzudrängen, 



- 147 - 

dafs ein solches Leben still steht ^ ehe es noch die 
Grenze, welche die Natur unwiderruflich gesteckt, 
erreicht hat. Vielleicht aber soll uns damit ein Zei* 
chen gegeben werden, dafs wir alles Best^i und 
Höchsten uns nur geistig zu versichern haben, da& 
alles materielle Trauen und Bauen auf sein physi* 
sches Substrat von einem Irrthume ausgeht 

Sehr wichtig und bedeutsam sind mir auch die 
Beilagen gewesen. Von Angelus Silesius kannte ich 
einzelne Sprüche, von St. Martin noch gar nichts. 
Der Eindruck, den diese Denkweise auf mich macht, 
ist ein besonderer. Ich gestehe, dafs die ascetische 
Contemplation, worin Beide leben und weben, mir 
nicht natiirlich ist, da mir Gott nur im Handeln 
und Dulden erscheinen will. Allein ich kann die 
Schönheit, die Heiligkeit solcher Sinnesart doch emr 
pfinden, und so werden mir die Menschen zu Mitt- 
lern mit dem Obern, Himmlischen. 

Vielleicht füllen die Lebensläufe gottbegeisteter 
Menschen eine wesentliche Lücke im Protestantis- 
mus aus. Wir können uns den Mangel nicht v&> 
bergen, für den we<der das abgemessene Wort döb 
Predigers, noch unser auf mannigfache Weise wüIt 
kiirlicher Cultus einsteht Der katholischen Kirdie^ 
wenn man durch ihre äufsere Entstelhmg hindurchf 
sieht^ bleibt das unendlicher Anwendung fähige Zei- 
chen, die feste, sich in Nothwendigkeit fortbewe- 
gende Tradition. ^ Allein ein wahrhaft andächtiges, 
in Gott seliges Leben ist etwas so Incommenaur 
räbles, Mystisches, als das Zeichen,' und giebt Ulis 
auch die iJeberzeu|^g von der bestäadigcdDiii'FDit- 

10* 



— 148 - 

|iflanzung ursprünglicher, ewiger Wahrheit Viel- 
leicht ist es auf diese Weise ako doch möglich, 
lins Grund und Boden zu schaffen, und dra Um- 
kros unseres Tempels zu ziehen. 
In hochachtungsvoller Gesinnung 

ganz ergebenst 



I.+ 

An denselben. 

/ Düsseldorf, den 26. Augast 1838. 

Hochgeehrtester Herr Geheimer Legationsrath! 
■i\r. Sie haben mich durch die gütige Mittheilung 
ihrer Denkwürdigkdten und yermischten Schriften 
au dem aufrichtigsten und groüsten Danke Terpflich* 
tet, in dessen Ausdrucke ich leider nur allzu rück« 
ständig geblieben bin. Verzeihen Sie mir^ene^est 
und nehmen Sie die Worte, welche ich langst l)atte 
iqprechen sollen, auch jetzt noch nachsichtig an. Ich 
liabe in diesen Bänden eine reiche Quelle der Be- 
Mirung und Aufklärung über die wichtigsten und 
bisher zum Theil unzugänglichsten EMnge unseres öf* 
ffintliclien und Culturlebens gefimden^ und halte sie 
fiir ein dauerndes Denkmal der geistigen und prak« 
tischen Periode, welche Ew. HochwoUgeboren mit 
80 hoher Begabung durchlebten. 

Was Ihnen einen so ausgezeichneten Rang un< 
ter den gegenwärtigen Autoren anweiset, isi meines 
Evachtens die glückliche gegenseitige Durdi(hinguug 
▼on aosgebreitetster Lebenser&hrung und sinnendem 
und bildeiidttm Geiste, wekhe in Ihnen zu Tage stellt 



— 149 — 

Dadurch ist es gekommen , da&, wo Sie das 
Leben anfassen, dasselbe Ihnen nicht unter den Häiir 
den schwer wird, sondern seine harmonisdi-künst* 
lerischen Elemente dargiebt, und, wo Sie den freiett 
Gängen des Creistigen folgen , diese sich nicht vor 
Ihren Blicken zu den beliebten abstrusen Schemen,' 
in welchen sich so Viele gefallen, verflüchtigen, son- 
dern eben Weg und St^ durch gediegene Realität 
hindurch halten. 

Unsere Litteratur scheint jetzt, nachdem sie lange 
seit dem Zurückziehen der grofsen Geister des aclirf;- 
zehnten Jahrhunderts und seit dem Schwächerwer- 
den ihrer unmittelbaren positiven Wirkungen sich 
in Negationen, Hafs und Hader abgearbeitet hatte, 
wieder zu versöhnenden, abschliefslichen Resultaten» 
hinzustreben, und es wird immer Ihr grofses Yerr: 
dienst bleiben, hierin Andern vorangegangen zu sein, 
und ihnen die sichersten Ziele gewiesen zu haben. 

Ich habe so sehr den Complexus Ihrer DarUe-^ 
tungen als Ganzes empfunden und genossen, dafs 
ich kaum etwas Einzdnes besonders herauszühebea« 
wüfste, wenn ich nicht das Charakterbild WiUtelaliS- 
V. Humboldt als Muster, wie das AUerschwierigele 
und V^wickeltste mit siegreicher Klarheit und Leiehf 
tigkeit behandelt worden, nennen soll. 

In den litt^arischen ürtheilen hin ich hin und 
wieder für die Person anderer Meinung, ohne das 
Yollgewicht Ihrer Gegenmeinung zu verkennen. Es 
wird dies bei solchen Gegenständen kaum anders 
sein können. So z. B. vermag ich dem Fürsten 
Pückler die hohe Stelle, welche Sie ihm vindiciren. 



r« 



— IM — 

Anerfeenimiig ludit za gAem. Ick Um 



r bewnfjit. seiiie Smebat ohne Vorortlieil 
liabeft, d. Jl die enken Briefe; deon, frei 
d» Spüere sdüen nur gv zn kockntig 
die Lectore vollepdffn zo können; aber udi 
Ersten ^enniüste k^ den Gehnk nnd die F^ 
welche mir erst den bedentenden ScfariftsfeeBer mn- 
Ak angenehmer, geistreicher Wehaann hau 
BOT in jenen Briefen lieb nnd werA^ iadesen 
dn bis zn der andern Stnfe ist es dem dock 



sind, nidt die 
enie crnndfirhere Wi 



ab TR««n sie vd der 



Unt ^ dmndT . desscm W\\ i— ■mhifi ick Di- 
rar tiii» i«nfaakr. «ar rar ad« Taeen hier. Idi 



f »MJM m und fswtkbeifidendHi Rassen haben et- 
«na FMa«clwis «ad Nmk^ «as wdk iMBcr widihfaa- 
t^ iMcuhn Wi. Es M item Alks mck Zobuft, 
was am iwm nMd «Im» Vcffastgmkeii geworden 
««t Mit anfedteigsigr Ho i h »i hiaaiK 




Karl Leonliard Reinlioldt 

Geb. ia Wien den 26. October 1758, 
gefiit. in Kiel den 10. April 1823. 



Jus möchte nicht uninteressant sein, zu Anfang des 
Jahre^ J841 einen Blick auf den Standpunkt der 
Philosophie zu werfen, wie diese im Jahre 1797 ge- 
lehrt und behandelt wurde. Der nachstehende Brief 
Reinhold's giebt uns zu Betrachtungen in dieser Hin« 
sieht vielfache Gelegenheit. Da in demselben öfters 
gegen Beck gesprochen wird, so ist in der Anmer- 
kung eine darauf bezügliche Stelle aus dem Briefe 
von Beck angeführt, welchen dieser aus Rostock den 
30. März 1800 an Professor Pörschke in Königs- 
berg schrieb und der sich in meiner Sammlung be- 
findet. Man wird daraus ersehen, dafs auch damals 
die Philosophen grob und persönlich sich anfein- 
deten. 



An 

Kiel, den 22. Februar 1797. 

Diesen Augenblick erhielt ich Ihr Briefchen vom 
13. Februar, und ich kann's keinen Augenblick auf- 



— 152 -^ 

schieben, Ihnen meine gro&e Freude und meinen 
herzlichen Dank für die Nachricht von Ihrer Voka- 
tion nach Anspach zu bezeugen. Es ist ein Stein 
von meinem Herzen gefallen. — Sie werden in mei- 
nem Herzen lesen, was mir an dieser Begeben- 
heit als Ihr Freund und als Weltbürger erfreulich 
sein muis. 

Auch Ihr Briefchen vom 30, December — und 
ein älteres vom August habe ich richtig erhalten. 
Innere und äufsere Hindernisse haben mir das Brief- 
schreiben überhaupt lange Zeit her unmöglich ge- 
macht. 

>. Also ist die Rezension der einzig möglichen 
Standpunktslehre in der A. L. Z. Ihre Arbeit. J)bs 
hätte ich nicht vermuthet, da ich doch d^ Rezen- 
»on über Schelling's Ich — augenblicklich ihren 
Verfasser ansah. Ich hielt Rehberg für den Re- 
zens^iten der Standpunktslehre, 

So begründet ich Ihre Erinnerungen gegen die 
Becksche *) Behandlung der transcendentalen Aesthe- 



*") Beck schreibt: „la Ihrem letzten Briefe sagen Sie 
mir Einiges über die übele Laune Kani's, deren Aeufse- 
rbngen Sie zum öftern reizen, sich Ton ihm zu entfernen. 
Dafs der Ton der Weisheit in der Rede des wirklich sonst 
sehr hochachtungswürdigen Mannes durch den Schall seines 
grofsen Ruhms etwas verstimmt worden sei, mag wahr sein. 
Bei aller Aufinerksamkeit auf sich selbst kann sich wohl 
in die Seele des tugendhaften Mannes ein Gift einschlei- 
chen, das von ihm selbst nicht bemerkt wird, und das sich 
AndetB in dem Mangel der Umgaiigstugenden , in närri- 
8«|iMn \¥'e6en «od in der Neigung j Alle nehen sieh goring- 



- 153 - 

tik finde, so wenig, und gerade darum kann idi 
in den Bei&U einstinunen, den Sie dem Becksoheii 
Standpunkte im Uebrigen als dem einzig mögliohea 
geben. Hat Beck den Kantschen Standpunkt in der 
Aesthetik verfehlt, so bat er ihn auch in der Ana-, 
lytik verfehlen müssen* Verstand ist nur in Be« 
Ziehung auf Sinnlichkeit Verstand — und wird gaoK 
verkannt, wenn man ihn in seinem Unterschiede 



schätsig zu. beartbeilen, bemerkbar macbt. lob nebme ämB 
AUes dem sonst ehrwürdigen Greise so sebr nicht öbel^ 
aucb nebme ich es ihm nicht übel, dafs er mich in seino 
Erklärung gegen Fichte verflochten hat. Denn was feinen 
aucb gegen mich gerichteten Unwillen betrifft, so denke 
ich darüber so: Er mag vielleicht hin und her Einiges in 
meinem Standpunkt gelesen haben. Nun habe ich aD^* 
dings mich darin zum öftern über die Dinge an sich etwas 
zu crafs ausgedrückt. Mein Zweck war, mich dem fadea 
Geschwätz des Reinhold's zu widersetzen, und ich verlor 
dabei den Begriff des Intelligibeln zu sehr aus den Augen» 
In einer so schweren Untersuchung war wohl dieser Feh- 
ler noch verzeihlieh, und eine freundliche Zurechtweisung 
von Kant wäre der Sache wohl angemessener gewesea, 
als es die hirnlosen Bescbuldigunge» Sehulze's waren , ^«n 
neu Kant Beifall gab. Ich nehme ihm mehr die Schmein 
cheleien übel, die er manchen jämmerlichen Menschen er-» 
wiesen hat, worin eine gewisse Unredlichkeit. liegt, deren 
Folgen es eigentlich sind, die dem alten Madne jetzt wehe 
thun." 

„Von Fichte hört man hier nichts. Mein Urtheil über 
ihn bleibt. Er ist ein Narr, und die Unredlichkeii selbes 
Betragens leuchtet mir zu stark ein, als dafs ich sie nicht 
fassen solltet Reinhold hafst mich, und in seiner hohlen 
Sprache greift er mich bei jeder Gelegenheit an. Ich achte 
den Narren nicht." 



- 154 - 

and Zusammenhang mit der Sinnlichkeit ver- 
kennt Er setzt die Gegenstände ursprünglich nicht 
unbedingt — sondern 1. unter der Bedingung der 
Sinnlichkeit als eines von Ihm wesentlich verschie- 
denen Vermögens — 2. unter der Bedingung der 
Empfindung, — die als solche durchaus kein ur- 
sprüngliches Vorstellen des Verstandes ist und sein 
kann. In der und durch die Kategorie der Reali- 
tät ist selbst, wenn sie im Schema als Grad ge- 
dacht wird, nichts als die Form des Empfindbaren 
a priori und durchaus nicht die empirische Mate- 
rie gesetzt Wie glimpflich haben Sie der empö- 
renden und ekelhaften Exegese erwähnt, durch wel- 
che Beck in seinem Commentar Kant das Gegentheil 
von dem, was er gesagt hat, sagen läist 

Ich begreife, wie Sie sich um Ihren Beifall durch 
die wirklich bewunderungswürdige Geschicklichkeit 
dieses Menschen, mit der er seinen Tiefsinn zu ge- 
brauchen weiis, überraschen lassen konnten. Auch 
mir hat er eine Zeitlang imponirt, und würde mich, 
wenn ich den Hauptfehler meiner von ihm arg ge- 
mifshandelten Elementarphilosophie nicht schon von 
andern Seiten und aus andern Gründen eingesehen 
hätte, in nicht geringe Verlegenheit gesetzt haben. 
Auch mir ist nicht weniger als ihm die Ungereimt- 
heit aufgefallen, die in dem Versuch liegt , eine 
Transcendentalphilosophie' aufstellen zu wollen, die 
lediglich einen empirischen Grund und Boden hat 
Diese Ungereimtheit würde Kaut eben so wie mir 
zu Schulden kommen, wenn er die Philosophie als 
Wissenschaft hätte aufstellen wollen. Seine Kritik 



- 155 - 

konnte sich begnügen, den Unterschied und den 
Zusammenhang zwischen dem Transcendentalea 
und dem Empirischen zuerst entdeckt und be« 
schrieben zu haben. Herr Beck will mit aller 
Gewalt in ihr die Begründung der Philosophie 
als Wissenschaft gefunden haben, und er dringt ihr 
nun dasjenige auf, was er für diese Begründung 
hält, und was er das ursprüngliche Vorstellen nennt, 
wodurch er nicht nur die Kategorien setzt dadurch, 
dais sie gesetzt sind, sondern worin er Alles hin- 
einschiebt, was er in dieser Eigenschaft als gesetzt 
für nöthig hält, Raum und Zeit und selbst die 
Empfindung. Um das Transcendentale vom Empi- 
rischen unabhängig zu machen, postulirt er, dais 
wir uns unmittelbar ins Transcendentale hineinsetzen 
sollen, das wir (die wir es schon durch die Kritik 
kennen gelernt haben, und in das wir uns sonst 
unmöglich wie durch den Schlag einer Zauberruthe 
versetzen könnten) denn auch wohl thun können, 
ohne dadurch etwas anderes als das Formale der 
objektiven Realität gewonnen zu haben, Beck ver- 
drängt das Empirische durch das Transcendentale, 
indem er es durch dasselbe setzen läfst, und das 
er doch (nur unbemerkt aber) unvermeidlich zu 
Hülfe nehmen mufs, um sein ursprüngliches Vor- 
stellen zu realisiren. Und so muls er denn doch, 
was er sich auch dagegen sträubt, zu etwas aufser 
dem ursprünglichen Vorstellen, zum leidigen Dinge 
an sich, gegen welches er so thrasonisch triumphirt, 
seine Zuflucht nehmen. 

Meine Elementarphilosophie mufste ihren Zweck, 



^ 



— 156 — 

di^ Form der Philosophie als Wissenschaft zu be- 
gründen, verfehlen, weil sie durch die Thatsache 
des Bewufstseins keinen andern als einen empi- 
rischen Grund imd Bod^i gewählt hat 

Wenn sich der Grund des Unterschiedes und 
des Zusammenhangs zwischen dem Transcendenta- 
len und Empirischen nicht aus reiner Vernunft 
ableiten läfst, so ist nie eine Philosophie als Wis- 
senschaft möglich; so wird man immer zur Realität 
des Transcendentalen das empirisch als empirisch 
voraussetzen müssen und der Skeptizismus gewon- 
nen Spiel haben. 

Ich bin endlich durch die Einsicht in die Feh- 
ler meines Systems zum Verstehen des Fichtischen 
gelangt, und finde in demselben alle Anstalten zu 
einer Philosophie als Wissenschaft völlig gemacht. 
Lassen Sie sich nur ein paar Worte sagen, wie ich 
mir sein Ich und Nicht ich denke. Es giebt eine 
Thätigkeit, die keine andere voraussetzt und von 
jeder andern vorausgesetzt wird, die also, in wie 
fern sie gesetzt ist, durch keine andere als 
durch sich selbst gesetzt ist Sie heüst in so fern 
Selbstthätigkeit 

Wenn es u^end eine Thätigkeit giebt — und 
dafe es eine gebe, weüs ich aus dem Bewufstsein 
meines eigenen Denkens — ; so ist auch jene Selbst- 
thätigkeit gesetzt, die von jeder andern Thätigkeit 
vorausgesetzt wird. 

Die Selbstthätigkeit ist gesetzt,, heilst nichts an- 
deres als: sie setzt sich selbst, und man mufs 



— 157 — 

unter Selbstthätigkeit überhaupt und ohne ein an- 
deres Prädikat nichts andres denken als die sich 
selbstsetzende Thätigkeit 

Sie kann Subjekt heifsen, in wie fern sie setzt, 
Objekt, in wie fern sie gesetzt ist; aber da sie nur 
gesetzt ist, in wie fem sie setzt , und setzt, in^ wie 
fern sie gesetzt ist, so ist sie Objekt und Sub- 
jekt zugleich* Man kann sie in so fem ein Ich 
heifsen, wdl wir unser Ich unter einem ähnlichen 
Charakter im Selbstbewufstsein kennen. Aber man 
muls sich hüten, sie mitunserm Ich zu verwech- 
seln. Sie kann nur unsar r^sines Ich heifsen, in 
wie fem sie der Möglichkeit des Selbstbewufstseins 
und des in demselben vorkommenden empirischen 
Ichs zum Grunde liegt Stolsen Sie sich nidbt 
daran, dais ich das Ich des Selbstbewufstseins em* 
pirisch nenne. Der Grund wird sich von s^bst 
ergeben. 

Die Selbstthätigkeit als solche ist noch keine 
Vernunft, dazu mufs sie aus sich selbst heraus 
gehen und eine (etwas, das Nichtselbstthätigkeit ist) 
vernehmende Selbstthätigkdt werden. 

Sie wird zur theoretischen Vernunft, in wie 
fem sie in gewissen Operationen von einer Nicht- 
selbstthätigkeit abhängt, zur praktischen, in wie fem 
die Nichtselbstthätigkeit von ihr abhängt 

Der erste ursprüngliche Akt der Vernunft 
ist die absolute Thesis, das, was Fichte ausdrückt: 
das ich setzt sich selbst ~ 

Der zweite (jenen vorausseCzende) die absolute 



— 158 — 

« 

Antithesis, das nnbeduigte Entg.egensetzen, wo- 
Ton das fonnale Nicht-ich abhängt 

Der dritte die absolute Synthesis, die das 
Ich und Nicht -ich dadurch verknüpft, dais sie eines 
durchs andere einschrankt oder bedingt 

Wie konnte ich doch nicht langst schon daraof 
verfallen, dais die Synthesis nnr unter der Voraus- 
setzung einer Antithesis und Thesis, die audi Hand- 
lung des Geistes sein muls, Handlungsweise der 
Spontaneität sein könne! 

Durch jene ursprüngliche absolute Synthesis ist 
allein das Ich als ein durchs Nicht-ich bediiig^r 
tes Ich, und in so fem allein als Subject, und 
das Nicht-ich als ein durch Ich bedingtes Nicht- 
ich und in so fern als Objekt denkbar, so wie ihre 
gegenseitige Beschreibung den C!harakter der Ver- 
nunft als eines sich auf Objekt und Sjibjekt be- 
ziehenden Etwas begreiflich macht 

Das Nicht-ich ist an sich nichts als die Ne- 
gation des Ichs; formale Entgegensetzung und, wenn 
man davon abstrahirt, nichts — das leidige Ding 
an sich. Die Philosophie konnte und kann es nicht 
entbehren, in wie fern sie z. B, in der Kritik dem 
Phänomenen im Ich, das vom Ich verschiedene 
Noumenon zum Grunde l^te, ein blofses Pro- 
dukt der reinen Vernunft, wozu aber die Vernunft 
durch ein Leiden im Ich (äuisere Empfindung) be- 
rechtigt sein mufste. Das Noumenon ist als Pro- 
dukt der Vernunft kein Ding an sich. Aber so 
lange man's nur unter dem Namen Noumen kannte, 



- 169 - 

äffie es uns noch immer durch Verwechselung mit 
jenem Undinge. 

Nicht das Nicht- ich an sich, sondern nur als 
bedingt durchs Ich ist Objekt, oder viehnehr kann 
dazu werden. 

Alles im Ich durch's Nicht -ich Bedingte als 
solches ist empirisch; Alles im Nicht -ich und im 
bedingten Ich durchs reine Ich Bedingte ist trans- 
cendental. 

Nur ein schwaches Pröbchen, nach welchem 
ich Sie nur meine Ansicht der Fichtischen Philoso- 
phie, nicht diese Philosophie selbst zu beurtheilen 
bitte, der ich nicht gern unrecht thäte, weil ich sie 
wahr glaube. 

Schellingen scheint es an Nüchternheit der 
Spekulation zu fehlen. Indessen ist sein kleines er- 
stes Schriftchen von zwei Bogen über das Funda- 
ment der Philosophie trefflich. 

Ich habe Gefsnern auf sein Verlangen das Pe- 
stalozzische Manuskript zugesendet. Er wird's selbst 
verlegen. 

Baggesen ist im Begriff, seine Frau, die au- 
fserdem nach dem Urtheile der Aerzte nicht leben 
kann, auf drei Jahre nach Italien zu bringen. Er 
wird künftigen Monat über Hamburg zur See da- 
hin abgehen. O, dem Armen ist nicht zu hel- 
fen! Die Gemüthskräfte, über die er herrschen 
soll, sind^ zu gro£s und zu viel; und das äuiscre 
Schicksal scheint ihn selbst daran zu hindern, mün- 
dig zu werden. 



- 160 — 



Die Nachricht Yom Tode Ihres Kindes ging 
mir um so näher, da meine drei Jungen und mein 
Mädchen zu unserer grofsen Freude sehr frisch blü- 
hen. Schreiben Sie bald und senden Ihre Adresse 
an Ihren Sie innig liebenden und sehr hoch schäz- 

a^den 

Relaltold« 



ImmaHuel Kant 

Geb. zu Königsberg in Pr. den 22. April 1724, 
gest. ebendaselbst den 12. Februar 1804. 



Von unsterblichen Geistern, wie Kant, ist jede Zdie 
der Beachtung und Aufbewahrung wetth; daher mö- 
gen hier zwei Briefe desselben folgen, welche er an 
den berühmten Verfasser der „Lebensläufe in auf- 
steigender Linie", Theodor Gottlieb von Hippel, 
schrieb. Hippel war seit dem Jahre 1780 Bürger- 
meister, Polizeidirektor und Stadtprasident Brief a. 
ist wegen des darin enthaltenen Witzes merkwür- 
dig; der Gefängnifsthurm, dessen unfreiwillige Be^ 
wohner Kant durch ihre Andacht störten, war sei- 
nem Garten so nahe, und nur durch einen schma- 
len Weg getrennt^ dais der grofse Philosoph wohl 
Grund zur Beschwerde haben konnte. Der im Brief 
b. erwähnte junge Dr. Jachmann ist derselbe, wel- 
cher in dem' berühmten *Gelehrteny^ein von Kö- 
nigsberg so häufig erwähnt wird, und, später zu den 
taglichen Gesellschaftern von Kant , Hippel , Scheff- 
ner u. s. w. gehörte* 



11 



— 162 — 



An Theodor Gottl. v. Hippel in Königsberg. 

Königsberg, den 9; Juli 1784. 

Ew. Wohlgeboren waren so gütig, der Be- 
schwerde der Anwohner am Schloisgraben, wegen 
der stentorischen Andacht der Heuchler im Gefäng- 
nisse, abhelfen zu wollen. Ich denke nicht, dafe 
sie zu klagen Ursache haben würden, als ob ihr 
Seelenheil Gefahr liefe, wenn gleich ihre Stimme 
beim Singen dahin gemäfsigt würde, dafs sie sidi 
selbst bei zugemachten Fenstern hören könnten (ohne 
auch selbst alsdann ans allen Kräften 2u schreien). 
Das Zeugnifs des Schützen, um welches es ihnen 
wohl eigentlich zu tbun scheint, als ob »ie sehr 
gottesfurchtige Leute wären, können sie dessenunge- 
achtet dodi bekommen; denn der wird sie schon 
hören, und im Grunde werden sie nur zu dem Tone 
herabgestimmt, mit dem sich die frommen Bürger 
aus(»r^ guten Stadt in ihren Häusern erweckt ge^ 
)iiug föhlen. Ein Wort an den Schützen, wenn Sie 
denselben zu sich rufen zu lassen und ihm Obiges 
icnr beständigen Regel zu machen bdieben wollea, 
wird diesem Unwesen auf immer abhdifen, und den- 
jenigen einer Unannehmlichkeit überheben, dessen 
Ruhestand Sie mehrmalen zu befördern gütigst be^ 
mühet gewesen und der jederedt mit der vollkom- 
menisten Hochachtung ist 

Ew. Wohlgeboren 

gehorsamster Diener 
I. HLant. 



An denselben. 

Königsberg, den 29. Sepi))f. 1786. 

Ew. Wohlgebor^a bezeige meine herzliche 
Freude an der v^dfienten, Ihrem Namen beigefug- 
ten Distinction, welche zwar Ihrer wohlgegründeten 
öffentlichen Ehre keinen Zusatz verschaffen kann, 
aber dennoch ein Zeichen ist, dafs Sie künftig in 
Ihrer Absicht, Gutes zu stiften, weniger Hindernils 
antreffen werden, ein Interesse, welches, wie ich 
weifs, Ihnen allein am Herzen liegt. 

Erlauben Sie, dafs ich, Ihrer gütigen Aufmun* 
terung gemäfs, dazu jetzt von Seiten der Universi- 
tät eine Gelegenheit in Vorschlag bringe. Herr 
Jachmann der Aeltere sagt mir, dafe seia Stipen- 
dium, welches er durch Ew. Wohlgeboren Vor- 
sorge bisher genossen hat, mit diesem Michael zu 
Ende gehe. Da er sich jetzt seinem medizinischen 
Studium mit Eifer widmet und durch den zu seiner 
Subsistenz nothigen Privatunterricht fast alle Zeit 
verliert, jenes gehörig zu treiben, so bittet er in- 
ständigst, Sie wollen die Güte haben, ihn zu einem 
von den verschiedenen, im Intelligenz werke bekannt 
gemachten Stipendien zu verhelfen. 

Erlauben Sie, dafs er sich selbst dieses Anlie- 
gens wegen persönlich bei Ihnen melden, oder schrift« 
lieh deshalb einkommen darf, so belieben Sie, mir 
hierüber einen Wink zu geben. Gut wird diese 
Wohlthat an diesem rüstigen, wohldenkenden und 

II* 



- 164 - 

fähigen jungen Menschen inuner angewandt sdn, da- 
für kann ich einstehen. 

Ich bin jederzeit mit Hochachtang und Herzens- 
Anhänglichkeit 

Ew. Wohlgeboren 

ganz ergebenster Diener 



Ernst Tbeodor Amadeas Hoffinanir. 

Geb. zu Königsberg in Pr. den 24. Januar 1776, 
gest. zu Berlin den 24. Juli 1822. 



Den Briefen^ welche theils in Hoffinann's Biographie, 
theils im dritten Bande der von mir herausgegebenen 
Denkschriften und Briefe mitgetheilt worden, mögen 
sich hier noch vier Briei|p des unvergefslichen Man- 
nes an seinen Freund, den Präsident von Hippel, 
anreihen, welche man gewifs mit grofsem Interesse 
lesen wird. Brief a. malt Hoffmann's Angst übec. 
die Möglichkeit seiner Nichterlösung aus Plock, b, 
und c. seine Sorge, dafs die mit Hippel lange vor- 
bedachte Reise nach Italien nicht zu Stande kom- 
men werde, — und sie scheiterte, denn das Unheil^ 
welches Napoleon über das gesammte Vaterland 
brachte, traf auch jeden Einzelnen! — Brief d. 
giebt ein treues Bild von Künstlers Erdenwallen! 



/ 



— 166 — 

••i 
An den Präsident Ton Hippel 

Plock, dem 10. DeceaWr 18tl 

Mein einziger theoerster Freund« 
Jetzt weifs ich's, dafs Ehi mein Freund im gan- 
zen Sinne des Wortes bist, und dies ist volle Ent- 
schädigung für alle Erbärmlichkeiten der trivialen 
Lebentweifle, welcbe mich schier su Boden drSckt, 
und der ich mit einem Aufwände von Kräften ent- 
gegen arbeiten muis, welch», geht es noch länger 
so fort, nothwendig den ganzen Yorrath in Kurzem 
au£eehren muls. — Du kannst mir jetzt nidit hd- 
fen, das ist sehr schlimm — es gehört zu den Stri- 
chen des bösen Genius, der mich verfolgt, seit ich 
ans Berlin bin. Ist es indessen mit I>efaietti Aner* 
Weten, mir das Verlangte in drei Monaten zu schaff 
fen, Ernst, woran ich nicht einen Augenblick zw«fle, 
so ziehst Da mich doch mit einem Ruck aus all» 
Verlegenheit, und setzest mich in die Lage, dals 
mir nicht noch das Bischen armseliger Lebensge- 
ttnls, wekhes ich hier dann und wann mit Mühe 
erhasche, durch Sorgen der bittersten Art vwkränkt 
wird/ 

Um einer jugendliche Sottise willen, von der 
mein Antheil nicht einmal feststeht, muis ich auf al- 
les, was mir lieb und theuer war, Verzicht thun! — 
Mein Sinn für die Kunst ist hier so i&rs de Miswiy 
dafis ich überall damit anstofse und mich verwunde. 
— Die Malerei habe ich ganz bei Seite geworfen, 
weil mich die Leidenschaft dafiir, hinge 'ich ihr nur 



— 167 — 

im mindesten nach, wie ein griechisches Feuer un- 
auslöschlich von innen heraus verzehren könnte — 
ich würde vielleidit zur grofsen Erbauung der UnisAe* 
hendeu mit einem Male wie jene Prinzessin im Mähr* 
chen, die mit dem Salamander kämpfte, der ihr ei* 
nen unsichtbaren Feuerbrand ins Herz warf, in ein 
Aschenklümpch^i zusammenfallen! — Die Musik mit 
ihren gewaltigen Explosionen ist mehr ein Theater- 
Donnerwetter — ein £euerspei<mder Berg von Ga» 
brieli (jene Kunst ein Vesuv m ncAwrd) — man kann 
sich mit ihr ohne Gefahr v^trauter machen, darum 
habe ich sie zu meiner Gefährtin und Trösterin ericieset 
auf diesem dofnigen, steinigen Pfad! — im Ernst, 
lieber Fi^eund, — in dieser Abgeschiedenheit steige ich 
herab oder lieber hinauf in die unbesuchtesten Re- 
gionen, wo die Muse ihren geweihten Jüngern das 
Buch der Geheimnisse aufschlägt In Prosa so viei:- 
ich studire mit Eifer die Theorie der Musik, und 
dieses Studium, so wie der Umgang mit meiner 
Frau, die sich. Dank sei es dem Schicksal! meinem 
Anachoreten- Leben ganz anschmiegt, ist das Einzige, 
was mir zuweilen Augenblicke des Lichts gewährt 
— - Einen Freund, mit dem ich mich über alles, was 
mich quälte, hinw^hob, hatte ich nur so lange ich 
mit Dir lebte! 

Du bist auch nicht ganz glückli<^ und hier ist 
unser Schieksal sich wieder gleich ; wir st^en beide 
nicht auf der rechten Sielle. -- Wie, wenn ein Ge» 
»ins erschiene und löste .die Ketten, welche uns «n 
unser •erbärmliches Alltagsleben fesseln (am Ende 
0»d diese Ketten vielleicht nur das Spiel unserer 



— 168 — 

Einbfldung?) — was thäten wir? — Ich ^griffe 
den Wanderstab, ginge nach Italien, ^bildete mich 
zum tüchtigen Componisten aus, und es wäre schlimm, 
wenn ich, hätte ich mich zu dem gewandt, wozu 
ich organisirt wurde, nicht ein besseres Schicksal -^ 
ein besseres Fortkommen mit meiner Kunst erarbei- 
ten sollte als jetzt! — Doch das sind pia desideriaf 
— Ich kehre zur Wirklichkeit zurück! — Meine 
(Korrespondenz nach Berlin stockt, — ich bin ohne 
alle Nachrichten. — Weder Beyme noch Schldnitz 
haben geantwortet, auch Pocke schweigt auf zwei la- 
mentable Sendschreiben; alles dieses sind sehr trau- 
rige Aspecten ! — Hat Dir wenigstens nicht Schlei- 
nitz geschrieben, in wi^ fern sich Beyme mdoen 
Wünschim geneigt gezeigt hat, oder nicht — Die 
w^werfende Art, womit man mich — laufen läist, 
kränkt mich unbeschreiblich, und legt noch ein be- 
deutendes Gewicht zu den liebeln, die mich hier 
zu Boden drücken. — Durch Dich kann ich wenig- 
stens erfahren, ob mein Yersetzungsplan total ge- 
scheitert oder ob noch einige Hoffnung da ist Lass^ 
Dir meine üble Lage zu Herzen gehen, und thue für 
mich, was Du kannst — 

Ich hätte eher geschrieben, wenn ich nicht vor- 
her, so viel jvie möglich für den Moment, meine 
Angelegenheiten in Ordnung hätte bringen müssen; 
jetzt ist das vorbei, und ich bin gerade so weit, 
dafis ich mich auf die schwache Stütze, die bis 
Ostern I\alten soll, verlassen mu&. — Vergelte da- 
her nicht Gleiches mit Gleichem und schreibe mir 
bald, damit ich endlich ruhig sein kann. Mduae 



— 169 - 

Frau empfiehlt sich Dir und Deiner Frau, so wie 
ich mich auf das Angelegentlichste. — 

Lebe wohl, einziger Freund, ewig, ewig 

Dein 
Hoffknaiio* 

An denselben. 

Warschau, den 6. März 1806. 

Mein theuerster, einziger Freund. 

Der Regierungsrath Siebenhaar hat Dich in Ber- 
lin gesehen! Nein^ nicht beschreiben kann ich es 
Dir, welch' eiix banges Gefühl mich bei dieser Nach- 
richt ergriff; irgend eine dunkle Ahnung lag ihm 
zum Grunde; als ich im Stande war, ruhiger mei- 
nem 'Ideengaoge nachzugehn, fand es sich, daiii 
mich der Credanke, Du konntest mich vergessen ha- 
ben. Du könntest jetzt von Berlin aus ohne mich 
die grcmd Towr^ machen , so gewaltig erschüttert 
hatte. 

Jetzt glaube ich nicht mehr daran, und adres- 
sire diesen Brief nicht einmal nach Berlin, sondern 
nach Leistenau, wohin Du meines Bedünkens schon 
zurückgekehrt sein wirst! — 

Je älter ich werde, mein Freund, desto be* 
stimmter entwickelt sich mein Selbst dazu, wozu es 
das höhere Walten, wogegen der Mensch verge- 
bens mit seinen kleinlichen Ab- und Einsichten eiia- 
zugreifen wagt, bestimmt hatte. 

Mein' Geschäftsleben ist die ekelhafte Poppe, 



— 170 — 

w<dche die schönen Fittiche des Knns^^us einzu- 
schliefsen strebt, bis sie gewaltsam darchbreohen ! ^^ 
Der KuDstcyklus, in d^oi ich mich hier mnhertreibe, 
ist eine Anmahnung zum Naohstreben des Bessern, 
er übt und stärkt, wiewohl er, als Zweck betrach- 
tet, nur ein Spiel mit hohlen Nüssen um hohle 
Nüsse sein kann, und ich hiernach auch den Vor- 
wurf , der dem Wilhelm Meister von jenem soi di- 
sani Offizier gemacht wird, verdienen möchte! — 
Du, mein Freund, bist meine einzige Hoffnung, in- 
dem ich des festen Glwibens lebe, dafs die höhere 
Macht, deren Einwirken in unserer Zeit selbst blö- 
den Gesiditern blendend erscheint, sich des schön- 
sten, womit sie den Sterblichen beglückt, nämlich 
der Freundschaft, als Mittel bedienen wird, mich 
aa erlösen von dem Uebel, das midi mit eisernen, 
schmerzhaften Banden lunstrickt und festhält! -— Was 
ist es anders als unsere Rdse, welche unser besse- 
res Selbst einander näher bringen, was, ja, ich sa^ 
es, uns Beide dahin stellen wird, wo wir hingehö- 
ren, und wo wir Beide jetzt nicht stehen! — Wäre 
es möglich, dafs 2ieit und Umstände Dich, mein 
theuerster Freund, hätten vergessen stachen können, 
was wir so oft über diese Angdegenheit in Gesprä- 
chen feststellten, so sei Dir meine jetzige Anmah- 
flong em feuriges Wort, das Dein entschlafenes bes- 
Mres Ich entflammt! — ^ 

Noch eins, mein theüerster Frennd! lass' uns 
sidit wie Reiche reisen; meine Finaasen halten es 
nicht aus, und Deine werden sicfa woiii dabei be^ 
finden, und wo ist mehr Genub? ^"* 




- 171 - 

W&re ^ m&glteh, wir tilli^n, 4i6<)hdtens ^n Be^ 
dtentei"! *^ 

Wetili tauen wir ^h? wo treffe wir tMsMn- 
men? -- Dn bii^t iti Beruh von Deihar Familie um« 
geben gewesen , ich habe ktine -^ Du sollst für 
den Staat leben und steigen, mich fesselt eine elende 
Mediokritäl;; in der ieh sterben und terderben kann. 
«-^ Diese Ungldchheiten, dünkt mich, vermögen nichts 
gegen den gldchen Sinn far die Kunst, der uns ver^^ 
einigte, und den wir nie la^en! ^^* 

Ich beschwöre Didi, widerstehe dem Einwirken 
einer vielleicht nur zu prosaischen Umgebung und 
Anrei^ng. Alles hängt von Deiner Erklärung ab. 
Ich bin ein Spieler, der das Letzte auf eine Hoff* 
nung wagt! — Schreibe mir bald, und verzeihe mir 
meinen rhapsodischen Brief der beängstigenden Stim-* 
mung, die mich quält, und die durch das Peinliche 
meiner jetzigen Lage nur zu oft erregt wird. «- 

Antworte mir baid und bestimmt! -^ Adieu! 

Ewig Dein 
Hoffknimit« 



An denselben. 

Warseban, den 19. Juai 1806. 

Welches sonderbare Gerächt in Berlin schickt 
mich mit einem polnischen Grafen auf Reisen? — 
Nein, mein theuerster, einziger Freund, meine ein- 
zige Hoffnung ist darauf gebaut, dais Ereignisse je- 
der Art Deinen schone Entsohiufii nidit tadetn 



- 172 — 

werden, und ich habe den festen Glauben, dafis die 
Ausfuhrung desselben auf Dein Leben , so wie auf 
das meinige, d^ entscheidendsten wohlthätigen Ein- 
flufs haben wird. — Warum willst Du erst auf den 
Herbst nach Warschau kommen, warum nicht jetzt 
in der schönsten Jahreszeit? — Wenn Du allein 
kommst, kannst Du bei mir wohnen, und damit Du 
Dich gleich zu mir ^hinfindest, so frage nach der 
Senatoren -Strafse, da wirst Du mich im Zweiten 
Stock des Böslerschen Hauses erblicken! 
Komme so bald als möglich! Adieu! 

Dein 
Hoffknaiuii. 

*•*) + 
An denselben. 

Mein einziger, theuerster Freund. 
Nein! — ich lasse den Muth nicht sinken, da 
ich auf Dich bauen kann, und die feste, innige Ueber- 
zeugung habe, dafs mit meinem ersten Fufstritt aus 
Berlin sich all mein Leid enden und in Freude und 
Wohlsein umwandeln wird. In einer solchen hülf- 
losen Lage, wie die letzten acht Tage iiber, bin ich 
noch nie gewesen; zufällig wurde sie von einem 
meiner Bekannten, dem ehemaligen Begierungsrath 
Friedrich, welcher mich trostlos im Thiergarten fand, 
errathen; uQd selbst in Verlegenheit theilte er doch 
sein letztes Geld mit mir. 



*) Ohne Ort und Datum, docb gewiCs im April oder 
Mai 1807 geschrieben. 



-- 173 — 

Um nicht einen Augenblick mit der Abreise nach 
den Empfang des Qeldes zögern zu diirfen, habe 
ich mir schon im Voraus die nothwendigsten Kid* 
der und Wäsche bestellt; Bezahlen und Abreisen 
wird daher wohl der Akt eines Vormittags sein, — 
Da siehst, mein theuerster Freund, dafs ich, nun 
ich nur der Hülfe gewüs bin, auch meine Muthlo« 
sigkeit, die wohl — mit einem Wort gesagt — durch 
wirklichen Mangel der schrecklichsten Art, durch 
den Hunger, erzeugt wurde, ein Ende hat, und daüi 
ich nun mein Schicksal preise, wdches mich mit ei- 
nem Ruck dahin versetzt, wohin mich schon Fängst 
meine ganze Neigung trieb. Bei der jetzigen Con- 
currenz brotlos gewordener E^ünstler war es wirk- 
lich viel, ein Unterkommen zu finden, welches schon 
zu den bedeutenderen gehört, und für mich um so 
erspriefslicher sein muis, als ich nun nichts thun 
darf, als schreiben, um bekannt zu werden. In War- 
sdbau konnte ich aber Opern stofs weise componiren, 
ohne dafe irgend eine Menschenseele davon Notiz 
nahm. 

Wie aber meine Sehnsucht nach dem Orte mei- 
ner Bestimmung mit jedem Tage steigt, davon hast 
Du keine Idee! — 

Es geht so weit, dais ich nicht mehr ruhig ar* 
beiten kann, sondern unwQlkiirlich vom Tische auf- 
springe und Stub' auf Stub' ab laufe, ehe ich es mir 
versehe, auch wohl auf der Strafse und im Thier- 
garten bin, wo mir seit einiger Zeit die einsamen 
Partiell sdir lieb sind, indem, mich Lichtenberg'^ 
Abhandlungen von lichtscheuen Hasen und derglei- 



— 176 — 

ben ist, sind hier einige Tage hindurch unruhige 
Auftritte gewesen, die aber bald durch starke Pa- 
trouillen zu Fufs und zu Pferde gedämpft wurden! 

üeber die mir zugesagte Hülfe bin ich voll un- 
ruhiger Erwartung, und werde meine ganze Seelen- 
ruhe nur dann geniefsen, wenn ich dem Weichbilde 
Berlins entflohen bin. 

Griifse herzlich Deine liebe Frau von mir; ich 
wünsche, in ihrem Andenken zu leben. 

Ewig bis in den Tod 

Dein treu^ 
HoffknaiMii* 

Nachschrift. Lass' unter keinen Umstanden 
unsere vorige Briefträgheit und Kargheit wieder ein- 
reifsen! — Von mir sollst Du wenigstens fleüsig 
Briefe erhalten, Du muist aber auch antworten. Wie 
Wenn es heUsen whrd: „Bamberg, den — Heute 
wurde eine Oper: die Schärpe und die Blume^ auf- 
führt u. s. w." 



ff 



Karl Ludwig tob Woltmann* 

Geb. in Oldenbarg den 9. Februar 1770^ 
gest. in Prag den 19. Jani 1817. 



An 

Göttingen, den 22. Juli 1799. 

i^chon seit einigen Posttag^i harre ich, ihearer 
Freund, auf frohe Kunde aus Ihrem Hause. Als 
dem Justizrath Hufeland ein Sohn geboren war, 
schrieb er blofs: Er ist da! So viel werden ^ 
mitten in der Verwirrung der Freude und kleiner 
Besorgnisse, welche, doch bei solcher Gelegenheit 
nicht ganz fehlen, mir auch schreiben können. Es 
bedarf mein Herz der Kunde vom frohen Gesdiick 
eines Freundes, denn unser Wardenburg, wddiflii 
ich bei meiner Ankunft schon sehr abgezehrt fand^ 
liegt seit einer Woche völlig, darnieder. Ach, er 
war jetzt in der schönsten Hoffnung, sich eine wohl- 
thatige Hütte für dieses Leben bauen zu können, 
und uns^e Freundschaft ward immer reiner und fe* 
ster. Zieht ihn sein Fieber, ich furchte sehr, ein 

12 



— 178 — 

schleichendes, dem Grabe immer näher: so werde 
ich hier noch lange nicht aufbrechen. Sonst hoffe 
ich nach ein paar heitern Wochen, die mir für 
meine Arbeiten noch fehlen, von hier nach Pyr- 
mont zu gehen, und dann auf ein paar Wochen in 
das geliebte Oldenburg zu eilen. Wohin ich dann 
weiter reise, ist sehr ungewifs geworden; denn warum 
sollte ich in dieser schrecklichen Zeit und unter tau- 
send Gdkbren durch Holland, Frankreich und Spa* 
nien reisen, wie mein Plan war? Nach Paris käme 
ich wohl; aber von dort nach Madrid durch bür- 
gerlichen Krieg und Räuberbanden? Meine äui^ere 
Lage ist so, dafs ich bessere Zeiten im südlichen 
Europa abwarten kann. Holstein, Kopenhagen und 
Stockholm erscheinen mir auf einmal in einem Lichte, 
welches meine Sehnsucht erweckt. 
f ; Durch die Furcht vor den Russen uml toi^ ei- 
ü^ Pest im tiä^ksten Herbste reize ich nodi bisweilen 
ABtera kranken Freund, welchem sonisl beinahe AI« 
ten gleichgültig gewordeiL Der Moskovitism, sage 
ick ihm, wird sich nun über Europa lagern; der 
barbarische Winter hat ihn verkündet; der verab- 
scheuungswürdige Frühling, und der Sommer, wel- 
däelr sich Tom Monat April sein Recht hat nehmen 
hmBim, sind mit ihm im Bunde; eine Pe&t rerschlingt 
in Herbste das ganze gd>ildete Menschengeschlecht; 
«ie und Kaiser Paul werden herrschen« Beide wer- 
den auch England mit seinem Pitt verschlingen, wel« 
eher den Zorn des Himmels durch seine Grundsätze^ 
den Herrscher des Nordens durch sein Gold auf sich 
gelogen hat Bei diesen Worten lächeh ujiser Freund, 



— 179 — 

denn wie ein tuclitiger Chevalier der franzotisdien 
Revolution halst er den englischen Staatsmana wie 
den Teufel. 

. In Göttingen schlaft der menschliche Geist nod^ 
früher ein, als dais ihn die Pest im Herbst hinweg* 
raffen könnte. An Bürger's Stelle trat Karl Ras* 
hard; Lichtenberg's Kalender wird Girtanner fort« 
setzen. Mein edler Plank hat in der vorigen Woeh« 
sein vortr^Eliches Werk ganz vollendet, nun wird aodi 
er wohl nichts mehr unternehmen. Die Geschichte 
ist hier jetzt blofs Buchstaben wesen, anstatt daft 
man bei Spitder's Hiersein sagen konnte, sie sei 
von einem fremden G^te besessen. H. kann keinett 
tiefen Griff thun, und er wird vor Anstrengung^ 
Geschmack zu haben, bald ^mzHch ermatten. Sar» 
torius ist höchstens ein historischer Taschempieler^ 
in Allem, was man an Spittlern tadelte, ein zwei- 
ter Spittler. Wie ein historisches Orakel murmelt 
Schlözer bisweilen noch eine Sentenz, und merkt 
nicht, dafs höchstens noch Herder seine Orakd* 
Sprüche achtet, welcher gern hinter sich die Brück« 
abwerfen möchte, auf welcher man in das Gebiet 
der Genialität eingeht Grellmann ist gemeiner als 
ein Yerzeichnüs vom Aus- und Eingange ungari- 
scher Ochsen in der Statistik. Man hat die Göt- 
tingische Akademie zu sehr mit einem Ballaste von 
Professoren beschwert, aus Furcht, däfis sie sinken 
möchte; me kann jetzt nicht leicht segeln. Sie 
werden s^en, mein Freund, dafe ich einmal wieder 
die schwarte Seite mit Fleüs nach auis^» kehre; 
d>er was kunn ich d«für, wenn das Ghar#|(teri* 

12* 



— 180 - 

stische sich nur im negativen Wesen oder in po- 
sitiven Fehlern findet. 

Auf diesem Blättchen Ihres Briefes war auch 
die Erwähnung des westphälischen Almanachs? wird 
er poetisch oder prosaisch sein? müssen die Ge- 
dichte auf Westphalen Beziehung haben und einen 
bestinunten westphälischen Geist? etwa ein poeti- 
scher Pumpernickel sein, wie Vossens Poesie? Dann 
wäre der Gedanke des Almanachs vortrefflich. 

Das eine Blättchen Ihres letzten Briefes, wel- 
ches zum Theil für Unger war, habe ich ihm ge- 
sandt, aber bis jetzt weifs ich noch nicht seinen 
Entschlufs deshalb. Auf diesen Sommer und den 
nädisten Winter sind seine Pressen, seine Leute 
zum grö&ten Theil uitd er selbst von der Regie- 
rung in Acquisition gesetzt. 

Dafs in diesen Tagen doch ja ein recht schö- 
ne^ Glück in Ihr Haus komme! Mit welcher Hei- 
terkeit werde ich dann es betreten, und wie unaus- 
spredüich wäre meine Freude, wenn ich den gene- 
senen Wardenburg mit in dasselbe fuhren könnte. 
Lieben Sie wohl, mein geliebter Freund. 

UToltmimii« 

An Varnhagen von Ense. 

Prag, den 11. Januar 1816. 

Ich hätte Ihnen freilich für Ihr^ gewichtiges 
Schreiben vom 22. November noch im vergäi^enen 
Jahr danken sollen; aber an Fäfsen und Händen 



— 181 — 

labm lie^ ich schon wieda* eine geraume Zeit za 
Bett Auch meine Zunge war ^e Zeit lang so ge- 
schwollen ^ dafs ich nicht sprechen konnte, und so 
blieb ich endlich nur in Gedanken und Willen nodi 
rüstig. In diesen werde ich es bleiben für Wahr- 
heit und Freiheit, welche indeis ein Historiker an- 
ders erkennt, als die im Namen des nie lauter ge« 
sinnten Merkur lärmenden Liente am Rhein. Idl 
glaube selbst auch anders als Niebnhr, der bei 
einem muthigen Schwung der Ideen mit seinem weit 
ausgeholten und bd furchtbarem Pfdfen oft niaeiil* 
losen Bedestreichoi den deutschen Barbaren ^eichi, 
die nach einem langen Schlag mit ihren weitge- 
streckten und flachen Sdiwertem sie wieder gerade 
streichen mulsten, und inzwisdien dem Gegner man- 
che verderbliche Blöfie gaben. Wie sdir ist die* 
ses bei ihm der Fall gegen den hsi lachtfiertigeii 
Schmalz. Wie wenig Conseqnenz der BegnSe in 
der fernher tonenden Einleitung, und wie miklog 
Alles verspielt durch das Zugesteht! einer politi- 
schen Sekte, die das sein oda* jeden Ai^enblidt wer- 
den muis, was er leugnet ZBm Theil hat Sdimalz 
in der zweiten Schrift die gegebenen Bldfsen be- 
nutzt. Ich hatte ihn und Niebofar in einer atufibr« 
liehen Rezension für die Jenaer littentar'Zeüiiog 
zusammengestellt Sie ist leider zn sfit gekommen, 
da sich sdion ein anderer Rezensent mit der Sadbe 
befaikt hatte. Wahrscheinlich hatten die Preoisen 
midi für nnpartheüsch gdialten, wenn ich die ih- 
nen gebührende Freiheit wider Schmalz nnd leinei^ 
Gleichen in Schatz nahm. 



— 182 — 

Von Ihnen ist wahrscheinlich der Bericht über 
die Hofihung Preufsens auf die neue Verfassung, 
welche ich in diesen Tagen im Nürnberger Cor- 
respondenten u. s. w. fand. Er ist treffend, alle 
Parthei^ berücksichtigend und schonend. Ich freue 
inich zu glauben, was ich nicht geglaubt habe, dais 
der Wille des Königs für die Verfassung eines freien 
Volkes sei, weil er die Erkenntnifs von ihrer Noth«» 
w^idigkeit besitzt. DaDs alle Partheiung in der Nähe 
Hardenberges aufhöre, ist wahr, wenn dies so viel 
heifsen soll, dafs er keiner Parthei angehöre. Soll 
€iB aber so viel heifsen, dafs er Meister jener Blitze 
des Verstandes und des Willens sei, wodurch alle 
Piarthei zurückgescheucht wird, so werde ich stre- 
ben, mich auch dieser Hoffnung zu überlassen, an 
die ich bisher nicht geglaubt habe. Ich gestehe, 
dafr ohne den Glauben an diese Hoffiiung ich nicht 
viel auf Verwirklichung der Idee von Freiheit baue, 
ohne welche die preufsische Macht leicht wie Ne* 
bei zerstieben könnte, indem sie sich als eine echt 
deutsche befestigen ti4I1. 

Wer schreibt die*Bremer Zeitung? Ihre Wür- 
digung des österreichischen Beobacht^s über die 
Pariser Verhandlungen ist in jeder Hinsicht vor- 
trefflich. Kemhaft und edel ist, was wahrschein- 
lich Sie in der Allgemeinen Zeitung wider densel- 
ben gesagt haben. Sein Benehmen und Sinnen stel- 
len die Mä&igung und billige Klu^eit Oesteireichs 
so sehr in Schatten, als die frechen und himge- 
q^innstischen Uebertreibungm des rhanischen Mer- 



— lai — 

kur die Kraft und Liebe PreuiMis ftr 
und Freiheit Deotschlands. 

Wie sehr «"freut mich die Aossiehi in 
Briefe 9 da&' der junge Napoleon unter 
Obhut der Stifter jenor Freiheit werden könne, mA 
welcher das unglückliche Frankroch so lange ?er- 
gebens gerungen, und weiche die soganmilcs fmm 
mm gern fiir ewig dem Sdicüerhaofiai opfim 
ten* Man sagte mir Ton Verbiodnagai 
französisdien und deutschen DemokralieD, die rm* 
züglich Gmn^ geleitet hatte. Uabea dirn r l bf mtk 
jene T^idenz für den kleinen Kapcdeon, dann Hdl 
ihnen* So könnten O e ateiiei A und die 
Demokraten ja znsammenstdien. 

In der Cbankteristik Gneisenan's habe ich 
derum etwas vom fialinstiiis entdeckt, woriber Sim 
üdk nicht besehwnen sollen. Ich gbnbe, nodk 
nichts so Gutes über Sie gesagt im haben, als wie 
idi Ihr Talent mit seiner Gesdbicttschiribmig wv» 
glich. Knüpfen Sie ja durch ahnliche Cbacaktarisl^ 
ken meine Einsamkat an den diplomttisrbf wad 
politischen Verkehr. Vielleicht ist der pmze fi«^ 
destag in Frankfivt zu nidtfs anderem «ertii 
berufen, als dafs Sie ihn portraitifen. Oder 
Sie einen Geist in deamelben, der fir DsntsfiilinJs 
Fmheit warm nnd ein% werden käomUf 

Der Staatskanzier sollte Sie dodli nicht iforn 
sidi. lassen; in der Krisb, die dem innefn Pre»- 
ümui beforsteht, ist Ihr Stand bei Uul V/m Sie 
dort wärkw können, ist überwi^end gi^en den Ge* 



— 184 — 

winn von Bearbeitung der öffentlichen Meinung in 
Deutschland, welche Sie in Carlsruhe freilich fort- 
setzen können. Auch gehören Sie und Ihre Gemah- 
Hn eigenthümlich in den regen geistigen Verkehr der 
Berliner. Sollten aufserdem trotz der. gebildeten Män- 
ner, die mit den Heeren zurückgekehrt sind, der zur 
Bildung einer neuen Verfassung, oder, vielmehr der 
eisten, die Preuisen haben wird, tüchtigen Kräfte so 
vMe sein, daüs man sie nicht mit der gröfsten Sorg- 
samkeit in Berlin versammeln müfste? Hoffentlich 
weüs ich Sie bald dort, sobald der wichtige Mo- 
ibent wirklich gekommen ist, und darf Ihnen meine 
Ideen über eine freie Verfassung, wie Preulsen sie 
für sich und Deutschland brauchen kann, obgleich 
ein Nichtpreufse, mittheilen. Das Leben in Oester- 
reich und das anhaltende Studium der Geschichte, 
dieses wunderbaren politischen Baues, Idirt mich 
durch den Kontrast viel für Preufsen« Vielleicht 
gebe ich schon Einiges von dem, was ich gelernt 
habe, in politische Blicke und Berichte, die ich 
bald herauszugeben gedenke, ungedruckte Abhand- 
lungen^ zum Theil auch bisher ungedruckte Ideen. 
Ein wahres Wort von Niebuhr, dafs unsere Zeit zur 
politischen Bildung unfruchtbar sei* 

Fleifsig bin ich Krüppel übrigens nicht sehr. Der 
sechste Theil meines Tacitus wird in diesem Winter 
erscheinen. Politische Rezensionen von mir finden 
Sie in den Jenaischen Blättern. Nicht zum Druck ge- 
dgnete Memoiren arbeite ich über verschiedene Ge- 
genstände, so wie sie von Oberbehörden in Wien 
verlangt werden. 



— 1« — 

Das letzte N<nreariicntick des 
kurs, welches mir die 
det eigentlidi Sie als einea Ycrimcker ^w ds Ge- 
richt sämmtlicher Potentalea o. s. w. !■ 
über Tettenbora halle ich Are Worte 
„d^ französische 
von einer Zeit die Bede, wo > 
zösischor Kais» war, iomI <fie 
wenn sie Ycm 
taosenden den 
Leotlan, possiriidie 
n«i Speichdlecker des Kaisen. weil 
rie nidit buchstabiren 
gleich darthon, dais idi kein 
Wahrlich 6ex £rken]iftiii£i wA der 
in den deutschen TroMnieni der FicAeit moA wUL 
weniger, ab ehwnals in den 
Mein Urtheü lUber Napoleon ist 
Rezension über Läder^s elc 
chen. Die alte Fran XcnMas wird 
herzigt Ich halte was aof dieselbe, nnd fift ^ 
putzt wartet sie im Schruke anf eine GAfßtkmti, 

zu Ihnen za kommen. 

* 

Indem idi Ihnen ein henüdwa LikewM w^ 
gen und um baldige firrmMfarfaAtidbe Chmlmsf 
bitten will, sehe ick mkk wieder Ton de» TSmAs^ 
tage befimgen. Sollen Stein nnd KiMer ak fn«. 
fsische Gesandte z nsam m e ngeiyanat yam, i^^MX vul 
Dieser ohne Hnfeisen? oder nie der X^Mi^^JMsr 
von Hamburg, der d« SMeuhei tum^ m^ kmi 
Allein Kästor wird nida aof d» yAi0^^ wd^iU^ 




— 186 — 

Stein au^agt; diese zwei rechtschaffenen Männer 
sind zwei Extreme, welche nicht zusammentaugen. 
Vtobeugt Friedrich Schlegel sich gut, wenn ihn Al- 
bini zu einem Gesandten schickt? 

Friedrich v. Raumer hat mich im Sommer zu 
Prag besucht, ein frischer Geist mit Gelehrsamkeit 
ohne Prunk und Pedanterie, ein kräftiger Freund 

' der Freiheit ohne allen Factionsgeist Wir kann* 
ten uns zu Berlin nicht; aber in Prag hat mich so« 
gar Manso ans Breslau besucht, welcher so viele 
Jahre in der Bibliothek der schönen Wissenschaf- 
ten stand, und hinter dem Repositorium her ytm 
dem Bogen seiner Charitinnen Pfeile auf mich ab- 
sehofs. Irgend einen Verkehr mufs er mit den Gra- 
^n gehabt haben; denn er hat eine gewisse Hbld<- 
Seligkeit. Interessirt hat er mich auch; er hat äioh 
jetzt, wie es scheint, auf das beschieden, was er 
sein kann, und dieses ist ehrenwerth. Wie ehemals 
Jacobs etc. sein Herz als vortrefflich rühmten, so jetzt 
Baumer. Ein dritter Breslauer Gelehrter, Professor 

N Passow, hat mich ebenfalls interessirt So werde 
ich hier fast mehr durch preu&ische Gelehrte er- 
freut, als zu Berlin selbst. Aber nun endlich, le« 
ben ^ie wohl! 

Ihr • 

IVoItmann. 



— 187 — 

An denselben. 

Pragy d«ii 11. Juni 1816. 

— — — . Ihre Ruhe wider den Herrn v. HeCi 
hat läieh sehr gefreut In Ihrer Ankündigung Ihrer 
Geschichte des Wiener Congresses charakterisirmi 
Sie Memoiren, die ein historische Kopf verbült, 
wacher mit seiner Zeit fühlt und denkt Dem kiinf- 
tigen Geschichtsdreiber jener viel wichtigeren Frie- 
densversammlnng, als sie es den Erwartungen der 
Zeitgenossen schien, werden Sie dne Vorarbeit hß* 
fem, wie man sie über keinen Friedenscongreis hat^ 
und bei welcher ihm schwer werden möchte, sie 
nur als Material zu gebrauchen. Schreiben Sie mir 
doch etwas Näheres darüber. «— Der sechste Band 
meines Tacitus wird in einem paar Wochen gedruckt 
sein. Er ist, den Anstand der Bescheidenheit wage 
idi g^en Sie zu verletzen, gründlicher philologisch 
übet den grofsen Geschichtschreiber, als sdbst Ju« 
stus Lipsius, der einzige Philolog, gegen welohee 
ich tiefere Ehriurcht fühle. Haben Sie meinen Ta» 
dtus nicht, so werde ich Ihnen ein Exemplar dei 
ganzen Werks übermachen. Ich wünsche, dafs et^ 
liehe kräftige Stimmen, die nicht zur philologischeii 
Gilde gdiören, sich jfUr ihn erheben, gegen das tJn- 
sal unserer Litleratur. Die alte Frau Nanesis ete. 
soll damit erfolgen. 

Goethe schreibt mir, dais er aus der neuen 
Ausgabe sdner Werke Paralipomena zurückbehalte. 



— 188 — 

welche zur Erscheinung nach seinem Tode er mir 
anvertrauen wolle. Noch las ich das Neue in sei- 
nen beiden ersten Bänden^ auch sein Reiseheft nicht. 
Es soll mich erquicken, wenn der Druck des Taci* 
tos vollendet ist. Wir wollten diesen Sommer zu- 
saaunen kommen; ich wei£s nicht, ob es geschieht, 
und wo ich nach einigen Wochen seifi werde. Die 
l^iefe an mich gehen vorläufig stets Meher. 

.. In PreuiBen scheint eine Entwickelung an der 
Tagesordnung zu sein, wodurch die Kraftvollsten in 
Dunkel und Unthätigkeit gesetzt werden sollen. In 
meiner kranken Abgeschlossenheit nehme ich imge« 
meinen Theil daran, und weifs keine würdige Stimme 
ia Berlin darüber zu befragen. Theilen Sie mir nach 
wie vor Ihre politischen Urtheile mit Sie sind in 
der. Fülle der Thatsachen mit historischem Blick. 
Was machen Stein, Gneisenau, Grüner? Im Oester- 
r^hischen, wo die bürgerliche Freiheit wie ein Na- 
turproduct wächst, hat sie durch das Glück unserer 
Tilge gleichsam einen neuen Schufs bekommen. Man 
kann sagen, ein trefflicher Geist wohnt den Habs- 
burgern im Herzen. Auf eine nähisre persönliche 
Bekanntschaft mit Metternich bin ich sehr begierig. 
Er will mir überaus wohl, und ich glaube an eine 
lichtvolle Heiterkeit in seinen Ideen und seinem 
Willen. In welchem YerMltnifs ich in Oesterreich 
sei, werde ich es ohne politischen Ehrgeiz sein; 
denn meinen Ruhm mufs ich einmal in der Littera- 
tur und Geschichte suchen. 

Lesen Sie nun den dritten Theil der Memoi- 



- 189 — 

ren des Freiherrn von S — a? Der Leipziger Com- 
missionair des deutschen Museums hat seine Freude 
an dem Buch, wie er sich kaufmännisch ausdrückt. 
Trügt mich nicht Alles, so werden diese Memoiren 
zu einer der Wurzeln, aus welchen unsere Littera- 
tur erwächst. Den besten Dank für Ihre Gedichte, 
über welche meine Frau mehr an Rahd schreibt, 
die ich ehrerbietig und herzlich grüfse. Leben Sie 
wohl, mein verehrter Freund. 

Der Ihrige 
MToltmanii« 



Karl Angnst, Fftrst nn Hardenberg. 

Oeb. in Hannover den 31. Mai 1750, 
gest. in Genua den 26. November 1822. 



l/er in preufsische Dienste übergetretene Regierungs- 
rath, Doetor Wilhelm Butte, liefs im Jahr 1815 eine 
Schrift unter dem Titel drucken: ,,Die unerläfslichen 
Bedingungen des Friedens mit Frankreich. Eine firei- 
müthige und prüfende Darstellung der öffentlichen 
Meinung. Hierzu einige Bemerkungen über das Miß- 
lingen der teutschen Bundesakte." Da dieses Buch 
durch den nachstehenden Brief des Fürsten v. Har- 
denberg Bedeutung erhält, so mögen Butte's Frie- 
densbedingungen zuvor hier einen Platz finden. Der- 
selbe will: 

1. Frankreich soll zunächst auf seine Sprach- 
grenze beschränkt werden, namentlich soll es das 
deutsche Land diesseit der Vogesen und Ardennen 
(also das ganze Elsafs und Lothringen, sodann die 
ehemaligen Bisthümer Metz, Toul und Yerdun) an 
Deutschland zurückgeben; das Königreich der Nie- 
derlande soll, wo nicht durch die Abtretung der 
ganzen noch französischen Niederlande, wenigstens 



— 191 — 

durdi die Gr^izfestungen Lille und Yalenoiennes bes- 
ser geschützt w^en. 

2. Frankreich soll eine namhafte Kriegskontri- 
bution von .... Millionen zahlen, die in das von 
ihm ausgesogene Ausland in klingender Münze zu- 
rückflieise. Freie, dann reichliche Verpflegung d^ 
Truppen, während ihrer in Frankrdch erforderlichen 
Anwesenheit, eine eigene, nicht in jener Kontiibu* 
tion begriffene Umlage zur Aufbringung des Soldes, 
Herstellung der im Feldzuge schadhaft gewordenen 
Rüstung aller Waffengattungen, und gute, vollstän- 
dige Bekleidung aller heimkehrenden Krieger ver« 
stehe sich von selbst. 

3. Frankreich soll alle seit den Bevolutions^ 
kriegen in Europa durch €rewalt oder Last wegge^ 
nommenen Kunst- und Wissenschaftsschätze zurück- 
geben, und das, was etwa davon durch seine Schuld 
verloren ging, ersetzen; forthin soll die Unverletz« 
lichkeit der jedem europäischen Staate eigenthümli« 
eben Wissenschafts- und Kunstschätze unter die au»^ 
drüeklichen Bestimmui^en des europäischen Völkei> 
rechts aufgenommen werden. 

4. Jene öffentlichen Denkmäler, welche seit der 
Revolution erfoehtene Siege französischer Heere auf 
eine für die jetzt siegreichen Völker und deren Herr* 
scher demüthigende Weise darstellen, sollen vemich- 
tet; Benennungen an sich nützlicher Anlagen, die der 
Uebemuth von unglücklich^i Kämpfen gegeu Frank- 
roieli entlehnte^ sollen vertragsmäfsig umgeändert und 
damit wtmggleiig aus dem Gebraodie des öffentlicliea 
Lebens und des Gesdiaftsstyls veitnunit werden. 



Job. Crotthard Ton Reinhold. 

Geb. zu Amsterdam 1771, 

^est. zn Hamburg den 6. August 1838. 



J« H. V. Wessenberg lieft als Manuskript einen Ne- 
krolog seines innigen Freundes Reinhold drucken, 
Tcm dem auch Auszüge in die Allgemeine Augsbur- 
ger Zeitung (Beilage No.50. 19. Februar 1839) er- 
schienen, die den Werth und das Verdienst des aus- 
'^zeichneten Mannes in ein helles Lacht stellen. — 
Beinhold war fiir den Handelsstand bestimmt, yer- 
^lieis denselben, ward JMilitair, dann Geschäftsträger 
bei den Hansestädten, 1809 Gesandter in Berlin, wo* 
selbst.er neun Monate blieb, lebte dann bis 1814 
zuriickgezogen in Paris, ward Gesandter beim päpst- 
lichen Stuhl und bei dem. Grofsherzog Ton Toscana. 
Im Jahr 1824 leitete er die auswtUitigen Angelegen- 
heiten, Jcdirte in demselben Jahre nadi Rom ab Ge- 
sandter zurück, 1825 ward er von seiner Stellung 
in Rom entbunden und fungirte nur in Florenz. 1827 
ward Reinhold nach Bern versetzt, 1832 erhielt er 
den Gesandtschaftsposten in Kopenhagen, bat jedoch 
um seinen Abschied und begab sich nach Hamburg, 
woselbst er starb. 



y 



- 195 — 

Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten 
beriohtete an Napoleon. über Reinhold Folgendes: 
9sB icrU parfaüwieni h frangcM. Ses depeches so0 
le9 plus remärqualdes de la earrespondence, ei eUei 
egalmi ob earreeüam ei eu agriment ceUes de nos phu 
habües agmu. Sa correspondence powirdt smvir de 
modek, aoue le re^ppori de la elairti^ de la mMode 
et de la pridsion.'*^ Und Kardinal Consaivi sagte 
von ihm: „i2 mndsiro d6 Pae&bassi e U pm oorieee 
ed ü pm caipaße di tuüo ü Corpo DiplomaHcoJ*'' 

Die nachfolgenden Brirfe dieses seltenen Gei* 
stes gewähren uns ein schönes Bild von dem Manne, 
bei dem „im diplomatischen Verkehr Offenheit und 
Redlichkeit stets im Verein mit klarer Besonnenheit 
und kluger Umsicht wahrzunehmen war/' -^ 



a. f 

An Varnhagen von Ense. 

Rom, den 1. Juli 1817*.^ 

Vor zelm^ zwölf Tagen »hielt ich mit dem 
Stempel von Mailand Ihren Brief vom 1. Mai» tnein 
hochgescbätxter Freund t und weifs dem Herrn vpn 
Eckardtstein Dank/da£i er noch nidit langer dacanf 
' warten lassest. Sehr wfreulieb war mir dieses Im^ 
cbw Ihres jfreundsohaftlidien Andoikens; zuglmeh 
als Ueberzengung von dem .meinigen, auf welches 
Sie nicht vergebens gerechnet hab^i. Oeffentliche 
9QWobl als PrivaAnachrichten haben mir verstattet, 
dftn Lauf Ihmi Schioksals in .diesen letzten Zeitm 

13* . 



_ 196 — 

tu folgen, und weder Ihre Reisen, noch Ihre Staats- 
geschäfte, noch Ihre jetzige Anstellung sind mir un- 
qekannt geblieben, so wenig als Ihre Yerheirathung. 
Nur von den Yerhaftnahmen, die Sie mit anfuhren, 
WQÜs ich nichts. Auch Ihrer litterarischen Thätig- 
keit war ich in so fern nicht fremd, dais ich we- 
nigstens die Anzeige Ihrer Schriften gesdbien, woran 
mir wider Willen genügen mufste. Ich sehe der 
Erfüllung der Hoffnung entgegen, die Sie mir eröff- 
nen, daCs Herr v. Eckardtstein mir wenigstens Ihre 
Kriegszüge mitbringen wird, deren allein Sie erwäh- 
nen, ohne der Erzählungen zu gedenken, noch der 
Geschichte des Wiener Congresses. Letztere jedoch 
ist vielleicht noch nicht erschienen; auch wunderte 
ich mich bei der Ankündigung, dafs der Augenblick 
der Reife für ein solches Werk schon gekommen 
wäre. Vton den anonymen Schriften, deren Sie ge- 
denken, ist mir schwerlich etwas zu Gesicht gekom- 
men, es müiste denn in der Allgemeinen Zeitung ge- 
wesen sein; denn der litterarische Verkehr zwischen 
Rom und Deutschland erstreckt sich nicht viel wei- 
ter als auf diese, wenn nicht etwa hie 'und da ein 
Reisender irgend eine Novität mitbringt. Die ein-^ 
zige Sammlung, die ich erhalten habe, bestand mei- 
stens^ aus Kinderbücheni, und ich hätte kaum ge- 
wuDst, was ich zugleich .mitbestellen sollte. Von so 
weit her hat man gern etwas Gewichtigeres, als was 
Uofs zur Befriedigung d^ Neugier dielen kann, und 
so lebendig die Theilnahme sei, so mangelt doch 
die besümdige Anregung. Sie haben sich, scheint 
es, ganz in das Gebiet der Geschichte und Politik 



- 197 -/ 

g[eworfen; eia Feld, das zum Anbau der Talente 
nie zu viel haben kann. Nicht den unwichtigsten 
Theil haben Sie gewählt, wenn Ihr Zweck vorzüg- 
lich das Wirken auf die Gegenwart ist; ich wün- 
sche Ihren Bemühungen Gedeihn, und ein desto 
grofseres, je mehr sie von Besonnenheit und Mäfsi- 
gung geleitet werden. Sie gehören zunächst einem 
Staat an, wo allen denen, die auf seine Schicksale 
Einflufs zu üben berufen sind, jene Eigenschaften 
in hohem Grade Noth thun. Mit Vergnüget sehe 
ich Sie vom Staatskanzler ausgezeichnet, und warum 
sollten Sie nicht mit dem Ihnen angewiesenen Wir- 
kungskreise zufrieden sein? An Neidern wird es 
Ihnen ohnehin nicht fehlen; vollends da man Sie 
immer für einen hinzugekommenen Preuisen halten 
wird, obgleich Sie der Geburt nach 'ein wirkliehor 
geworden sind. Die Assimilation der Neupreufsen 
wird noch lange die schwierigste Angabe für. die 
Regierung bleiben, die doch beständig ihr Bestoe- 
ben darauf richten müls, wenn der Staat kräftig 'Wer- 

den soll Jedoch ich verirre mich in ein frem* 

des Gebiet, und eile es zu verlassen. 

Von Ihrer Gattin habe ich früher viel Schönes 
gehört; das Schönste sagen Sie mir, nämlich, dafis 
Sie ihr ihr häusliches Glück verdanket. Diesem, wie 
allem Guten, was Ihnen der Hinmiel gewährte, ver- 
leihe er Dauer und Zuwachs demjenigen, was des- 
sen fähig ist! 

Audi Ihrer Frau Schwester Verbindung war mir 
bekannt Sie können leicht denken, da& ich, und 
die Meinigen die Bande mit unsem lid>en Hambur- 



— 198 - 

gern mcht abgebrochen haben, and dals coeie uns 
▼on AUem Bericht erstatten mussra, was sidi dort 
EQtragt In meines Hauses Innern sieht es noch 
ans, wie Sie es in Paris gesehen haben; die Per* 
sonenzahl hat sich nicht vei^öisert^ nur sind ein 
Paar von uns seitdem gewachsen; indeis die An« 
dem sich begniigen, nicht abgenommen zu haben. 
Jene werden durch die in Ehren gehaltene Brief* 
tasdie nnd die derlich^ Kunstwerke noch immer 
an Herrn v. Ense erinnert So ganz lateinisch, wie 
Sie Toraussetzen, sind sie nicht geworden; dazu 
wird bei uns zn viel deutsch gequroch^ und unser 
Verkehr ist weit mehr mit Fremden als Eängebor- 
Durchrasende Deutsche sprechen meist bei 
Tor und finden eine wohlwollende Aufioahme; 
attck an deirtschen Diplomaten £dilt es nicht, mit 
A mmtk allen wir auf so freundschaftlicbem FuCse ste- 
Imb. als ihnen sdbst genehm ist Herr Niebuhr 
lebt auch hier viel für sich; bis jetzt scheint ihm 
Rmi nkkt wie das sdnige einzulenchten^^ und die 
ixMaisck^ GetscUchte mochte ihm zweihund^ Md- 
lon T\Hi Korn klarer Torkommen. Vielleicht auch, 
w«Mi «r sich in Berlin zuweilen nadi Born sehnte, 
maip «r sich jetzt manchmal nadi Berlin sehnen. In 
%k>r Rennmifs des nenem Bona thut es ihm Herr 
liaHhold>\ der so lai^ hier war, natürlich zuvor; 
h^t^»1nr hat uns jetzt auf einige Zeit verlassen, um 
ülH>r law>nio nach Ober-Italien zu reisen. Noch 
ist er als GeneRÜ-Consul nirgends öffisntlich aufge- 
titMvtt. Kineti Theil von den Neuigkeiten, die er 
Auftreibt^ kennen Sie in der Allgemeinen Zdtung 




- 199 - 

unter der Rubrik Rom, Neapel, Mailand u. s. w. le- 
sen. An Herrn von Ramdohr, der früher hier die 
preufsischen Geschäfte v^sah, hatte ich einen sehr 
freundschaftlichen Cöllegen, obgleich er kein so gro- 
ßer Gelehrter als Herr Niebuhr, noch ein so gro« 
fser Politiker ist als Herr Bartholdy. Er ist seit 
Kurzem, wie Sie vielleicht wissen, förmlich in Nea- 
pel aecreditirt, wo er seit Monaten in aufserptdent« 
liehen Aufträgen war. Wäre Italien nicht besetzt, 
so würde ich Ihnen sagen: lassen Sie sich Ueher 
schicken. Rom gewährte Ihnen vielleicht Einiges, 
was Carlsruhe Ihnen nicht , darbietet. Aber <Ue Ent- 
fernung vom Staats -Mittdpunkt gefiele Ihnen wohl 
nicht 

Wir sind mit unserm Aufenthalte ganz zufrie- 
den, was wir freilich mit jedem zu -sein trachten 
würden, der uns. einmal festhielte. Man geniefnt 
hier einer Unabhängigkeit, deren man sich in anr 
dern Residenzen weniger erfreut; die Römer mu* 
then Einem nicht viel zu, und geniren. in gesell^ 
schaftlicher Hinsicht wenig oder gar nicht Mehf 
wäre in diesem Punkt von den dch anbäufendeil 
Botschaftern zu besorgen, wenn sie anfangen soll* 
t^i, die Grö&e ihrear Monarchen in wetteifemdeii 
Gastgeboten darstellen zu wollen. I<di hoffe nicht) 
dafs sie uns den Boden, der das Pantheon tiägt 
und die Asche der Sdpionen aufbewahrt, vedeidea 
werden. 

Sie sind so gütig, sich der Musen an der Elbe 
zu erinnern. Zwar haben uns diese nicht gänzlich 
verlassen; aber »ie haben von uneer/n Innern Botitz 



fenoflUBen und find doft Tentnnunt, io dafii sdlai 
IMT an Ton Ton Omen crUhigt Nur bei wcmgen 
bcsondcm Anläften kämmt es dakia; so bei Gde- 
fjtukeii der Bückkehr der Antiken ertönten ne in 
Stanzen, die, ich weüs nicbt wie, ihren W^ ins 
Morgenblatt gefandoL Zn groiserea Dichtm^en 
»angelt, aoiser dem Mnthe, die Mnfse, nnd die 
Gattnng der hiesigen Geschäfte vertragt sich so 
wenig damit y ab die Mannichfidt^mt der Zer* 
strenungen« 

Für die Nachriditen von den gemeinschaftli- 
dien Bekannten danke ich Ihnen. Nenmann war 
anch für nns verschollen gewesen. Nun er Kriegs- 
Gommissar ist, wird er ja wohl jene damals zu lan- 
gea Aermel ausfüllen, doch unter dw Bedingung, 
dais sie nicht für die kurzen zusammenschrumpfen. 
Gern wiirden wir Sie beide hier etwas bess^ bc- 
wirthen als zu der Zeit Wie ist denn Char- 
misso zum Naturforscher geworden? Hat ihm Lud- 
wig XVIII. — von^ dem ich noch Ihr gut gelun- 
genes Bildnüs besitze — keine Pairie für die lange 
Bmigration angeboten? Von Steffens habe ich durch 
Baumer und von der Hagen ^ die sich eine Weile 
hier aufhielten, gehört Hat ex die Vers^ung nach 
den Rebenhügeln aufgegeben? Sie werden seine 
Schrift über das Werden unserer Zeit kennen; ich 
nur die Anzeige davon. Hoffentlich ist sie nicht 
von der Art, dafs Adam Müller sie loben wird, 
wie die des Herrn von Haller. 

Sie wollen Georg Kerner's Lebensgeschichte 
schreiben. Ich, sein Jugendfreund, sehe gern diese 



- 201 — 

Aufgabe in würdiger Hand, und zweifle nicht, dafii 
Sie ein Bild aufstellen werden, worin Jedar die 
reine und schöne Natur, welche in ihm lebte, wie- 
der erkenne. Die Wittwe, meiner Schwester ver- 
trauteste Freundin und mir nicht weniger theuer, 
hatte uns geschrieben, Herr Justinus hätte die Ab- 
sicht, eine Biographie seines Bruder? herauszuge- 
ben, und wolle sich deshalb mit mir in Correspon- 
denz setzen; aber ich habe nie eine Zeile von ihm 
erhalten. Er ist es vermuthlich, der Ihnen das, 
Werk übertragen hat, das ich weit lieber in Ihr^ 
Händen als in den seinigen sehe, aus Gründen, die 
ich verschweigen wilL Wenn Sie Ihr Vorhaben 
ausführen, so werden Sie wohl thun, an die Wittwe 
zu schreiben, und ihr das Manuskript mitzutheilen, 
ehe es zum Druck befördert wird. Wäre ich nicht 
zu weit aulser dem Wege, so würde ich um die 
nämliche Gunst ersuchen. Oelsner, Schlaberndorj^ 
Ebel können Ihnen die interessantesten Materiali^ 
liefern, weil sie Kernern in der sq^önsten Epoche 
seines Lebens gekannt haben, während welcher er 
und ich getrennt waren. Es war die seiner Begei- 
sterung für Ideen, welche eine Wiedergeburt der 
Menschheit zu begründen schienen, und die sich 
vielleicht in keinem Gemüth reiner ausgesprochen 
hat Diese Begeisterung war überhaupt der hervor- 
.ragende Zug seines Charakters, der sich in so vie- 
len Handlungen der Aufopferung und Selbstverläug- 
nung aussprach, welche sein Leben, vorzüglich 
in jener Zeit, auszeichneten. Die kindliche Hia-. 
gebung, die alle sein Thun begleitete, gewann ihm 



— 202 - 

Aller Uerzea; gegen die Revolution verhielt er sich 
wie Seide gegen Mahomet; er gehörte ihr ganz an, 
so lange er sie für tugendhaft ansah; von ihren 
Ausartungen hat sich keiner tapfrer losgmssen, und 
er war mehr als einmal nahe dabei , ihr Opfer zu 
werden. So wie in jedem Menschen sich ein Thdl 
der Tendenzen seiner Zeit darstellt, so hat sich in 
ihm ihr edelstes Streben geoffenbart. Glühende 
Liebe für das Schöne umgab' seine Jugend mit ei- 
nän strahlenden Glänze; glühender Hais für das 
Sddechte adelte sein männliches Alter, aber trug 
zugleich dazu bd, die Keime seines Lebens zu zer- 
stören. Er ist nicht unwerdi, in dieser Hinsicht 
als ein Ideal aufgestellt zu werden, und gewifs wer* 
den Sie in allen Materialien, die Ihnen versprochen 
sind, die Belege dazu finden. Ich würde Ihnen 
giem Auszüge aus Briefen mittheilen; aber sie lie^ 
gen mit meinen Büchern in Hamburg in Kisten ver* 
schlössen. Zur Hand habe ich nichts als ein la* 
irinisches currksuivfm vüae^ das er im Jahre 1802 
dem CoUegmm medicum zu Copenhagen iibergab; 
wenn Sie es nichl haben, will ich Ihnen dasselbe 
zuschicken. Ich weifs nicht, ob unter den Papie« 
feil, welche die Wittwe an Joslinus gesandt, sidi 
raiige Gedichte von mir, nach Kerner^s Tode ge- 
schrieben, befinden; wo nicht, will ich sie Ihnen 
adttheilen; sie enthalten einige Züge' seines Bildes, 
wie es sein bester Freund aufGafste, so wie zur Char 
jrakteristik ihrer Freundschaft, die in einem volbtanr 
digen Gemälde nicht unberührt bleiben darf. Einen 
einzigen dazu gdbiiörigen Zug, den Sie vielleicht an- 



- 20S - 

derswoher nicht erhalten möchten, will ich noch hin- 
zufögen. Die Natur hatte ihm ausgezeichnet Bchöne 
Gesichtszuge verliehen; in seinen Junglingfffahren 
glaubten Viele, in ihm das Bild des Heiiiuides zu 
erkennen, wie die veredelte Tradition es darstelil« 
Späterhin wurde ihm eine grofse Äehnlichkeit mft 
Buonaparte b^gelegt, ehe die Züge des letztern sidh 
vergröbert hatten. 

Von Frau v. Jordis haben wir bisweilen Briefe, 
imd wir wufsten von ihr, dafs Sie sieh wieder ge- 
sehen hatten. Ohne Zweifel war Ihr kriegerischer 
Ungestüm in^ friedlichere Formen übergegangen. Die 
liebenswürdige Frau s<Aeint sich in ihr Schicksal 
ergebeif zu haben; beim Lichte besehen, kann sie 
es auch; was ihr versagt ist, darin hatte sie ihr 
Glück nicht gesetzt 

Die Frau v. Humboldt haben wir nicht gese- 
hen, werden es aber vielleicht künftigen Winter^ 
wenn sie von Neapdl zurü(^ke)urt Von wenigen 
Menschen habe ich, ohne sie zu kennen, so vid 
gehört. Ich habe mich gefreut, von Bieinen Kriegs^ 
gefährten zu hören. Den General v. Geusau hattaft 
ich in Hamburg wiedergesehen. Von Herrn v. Die- 
mar Mruiste ich nichts. Also zum adlichen Stallmei- 
ster hat er sich hinau^eschwimgen? Der Sd^wong 
ist wenigstens nicht zu klugnen. 

Wir haben das Vergnügen gehabt, zwanzig Mo«' 
nate die Frau v. Pobdieim und ihre beiden Töch- 
ter in Rom zu besitzen. Vor einigen Wochen hat 
sie uns verlassen, und wird in diesen Tagen mit ih- 
rem Sohne Fränkel in München zusammeHti^iren. 



- 204 - 

Des 5u 

Dieser Brief gdit erst heute ab, weil ieh ver- 
nommen, AaSä die Mittwochspost nichts hilft. 

Interessante Neuigkeiten wtils idi Ihnen nidit zu 
mehlen. Vor einig«: Zeit glaubte man den Papst '^) 
seinem Ende nah; er hat sich jedoch erholt, nur 
dals die vorigen Kräfte nicht wiedorkehr^i wollen. 
Er sollte immer noch etwas leben ; ich wiiiste nicht, 
wo ein besserer herkäme. Seinen ersten Minister**) 
werden Sie von Wien her kennen; es giebt gewils 
'nicht Viele an einer Stelle wie die seinige, mit de- 
nen in Geschäften so gut zu verkehren ist. Solche 
OflEenheit bei solcher Feinheit ist ein wahres Phä- 
nomen. 

Sie haben plötzlich einen päpstlichen Nuntius 
bei sich erscheinen sehen; eine Aufgabe für Ihren 
Scharfisinn und Spürgabe. Wenn Sie etwas Be- 
stimmtes über seine Sendung erfahren, so möchte 
ich Sie wohl bitten, es mir mitzutheilen. Ich bilde 
teir ein, dals er die Badische Regierung hat bewe- ' 
gen sollen, den verruchten Ketzer Wessenberg auf* 
zugeben. 

Fürst Metternich sollte vor einigen Tagen hier 
-eintreffen, bat aber geglaubt, die hohe Braut nicht 
verlassen zu können, die auch ^ger schmachten 
mufs, als berechnet war. Er hat übrigens verspro- 
chen, noch zu kommen, wenn's angeht 

Wir haben hier nachgerade eine römische Hitze» 



♦) Pius VII. 
) Kardioal Consalvi. 



»«r 



— 205 - 

Möge dieser Brief Sie so warm antreffen, als Ihrem 
Herzen, mid so kühl, als Ihrem Verstände wohl thut! 

Meine Frauen empfehlen sich Ihnen. Mit auf- 
richtiger Hochachtung und Ergebenheit 

der Ihrige 
ReinlMld. 



b. f 

An denselben. 

Rom, den 27, December 1817. • 

Ihr Brief aus Brüssel vom 19. September, mein 
hochgeschätzter Freund, liefs mich über Ihren wei- 
tern Reiseplan in einer Ungewifsheit, die, hofite ich, 
über kurz oder lang irgend ein Zeitungsartikel he- 
ben würde. Aber die Gazettisten, wenigstens die 
mich bedienen, sind schlecht bedient; denn kein ein- 
ziger hat mir ein Wort von Ihren Kreuz- und Quer- 
zügen berichtet, und wer weifs, wie lange ich nocli 
hätte in den Zweifeln verharren müssen, die mich 
auch Ihnen zu antworten abhielten^ wenn es nicht 
noch Privat -Novellisten neben den öffentlichen gäbe. 
So habe ich denn eben erfahren, dafs icb« Ihnen 
wieder nach Cärlsruhe schreiben kann, und bin zu- 
gleich der Schmach überhoben, einen unrechten Ti- 
tel auf die Adresse zu schreiben. Irgend ein from- 
mer Mann, oder ditto Frau, die mein Bedürfhifs ah- 
neten, haben ihm abgeholfen, indem sie Ihre Reise 
nach Berlin und dann auch unter Anderm Ihre Er* 
nennung zum Minister -Residenten hieher gemeldet, 
wodurch sie mir überdies die Freude vearschaflft, mei- 



- 206 - 

Brief mit eina: Gratnlatioii anwifimgeiL Nun 
iDiifii ich Sie woU als ganz for die gemdnadiaftli- 
dhe Laofbabn gewonnai betrachten, und wünsche 
Ihnen von Herzen die Ente Tielcr cdympisdieB 
Kranze aof ihr, am sich dereinst stat, nicht in ei- 
nem fremd^i mid langweiligen, sondern in dnem ei* 
genen und angenehmen Carls -Rohe daran zu laben. 

Sehr überraschend war das Datum: Brüssel, mir 
an der Spitze Ihres letzten Briefes; neu auch war 
mir, dafs Sie einen so nahen Verwandten in Nie- 
derland haben. Ihre wenigen Bemerkungen über die 
Lage der Dinge daselbst sind lehrreich für mich ge- 
wesen« Ich glaube gern, dals die Spaltung, von der 
Ski reden, an Ort und Stelle i^ufifallen muls; aber 
worauf muüste man mehr vorbereitet sein? Hat man 
dessenungeachtet aus Zweien Eines machen wollen, 
flo muis man geduldig den Verlauf der Z^t abwar- 
ten, welche in die Berechnung mit au^^ommen war. 
Ich bin mit Ihnen der Meinung, dafs Hoiland nicht 
vor Belgien schwinden darf; aber wewn die Vor* 
thrile, die ihm Seemadit, Kolonien und andere Um- 
stände gewähren, geschickt benutzt werden, so bat 
es von. der gröfsem LÄnd^masse Belgiern nichts zu 
besorgen; vollends wenn man erwigt, dais die bel« 
gbchen Provinzen, erscheinen sie aiuch Holland ge< 
genüber als Eines, doch unter einand^ nichts we- 
niger als Eins sind. Das grolste Uebel aber und 
die gröfste Schwierigkeit für die Regierung li^en 
üi dem Nebeneinanderbestehen in diesen Provinzen 
französischer Laxität und Anmafsung mit altbraban- 
tischem Fanatismus und Starrsinn. Einen Theil d^ 



- 207 - 

hieraus entstehenden Folgen kann Niemand besser 
baurtfadlen als idi, in der Lage, in der ich mich 
befinde, mid wo die aoq>Qoavvfj^ deren Sie no'ch in 
Ihrem letzten Briefe gedenken, mehr als irgendwo 
unerläisliohste Eigenschaft ist 

In dem Augenblick, da ich dieses schreibe^ 
werde ich durch ein Geschäft unterbrochen, wA- 
ches den besten Beleg zu der eben gemaditen Be^ 
merkung mithält, und das mich nebenher Terhin* 
dert, mich so ruhig und gemüthlicb mit Ihnen zu 
unterhalten, als ich gewollt hatte; ich müfste denn 
diesen Brief'acht Tage liegen lassen, weil die Post 
nur ein Mal die Woche abgeht, -*-- was ich auch 
nicht wilL Also, mdn Freund, ndimen Sie mit dem 
Wenigen vorlieb, was meine Feder im Fluge giebt ' 

Zuerst meinen Dank für Ihre Geschichte des 
Tettenbomschen Feldzuges, die ich schon seit eini* 
ger 2^it besitze und die ich mit vielem Interesae 
gelesen habe, besonders den Theil, welche die Ef'- 
eignisse auf französischem Boden erzählt, und der 
mir lebhaft die strategischen Operationen ins Ge^ 
dächtnifs zuräckrief, die ich, manchmal mit beklonv> 
mener Brust, zur nämliche Zeit in meinen vier Wän^ 
den zu Paris machte. Ihre Schrift wird ein wichtiger 
Beitrag ziu: Kriegsgeschichte jenes Zeitraumes blei* 
ben, mid ist in dieser Hinsicht etwas mehr als das 
Motto besagt (Hiebei fäUt mir — salm eampamh 
Hone, wurde ein Pedant sagen — meine kleine Ma» 
rie ein, welche, ohne, jenen Spruch und den Tfau* 
cydides zu kennen, neulich zu ihrer Mutter sagte^ 
die sie, einige Worte singen hörend, fragte, was sie 



- 208 - 

da sänge: Mama, es ist ein Augenblickslied.) Aber 
die Wahl ehrt Ihre Bescheidenheit und verspricht 
ein XTijfA,cc auf alle Zeit; denn auch eben so gut 
hatten Sie die Devise wählen können: — ei quorum 
pars magna fm. Herr von Tettenborn ist Urnen in. 
jedem Fall vielen Dank schuldig, dais Ihre Freund- 
schaft so glücklich sich bemüht, sein Bildnils schon 
für die Mitwelt aufzustellen; das Denkmal, welches 
Sie ihm in den Zeitgenossen setzten, ist auch bis 
zu mir gedrungen und begründet jenes Urtheil mit 
Für die darin fehlenden Züge, welche Sie in die 
Biographie des Lebenden nicht verweben konnten, 
wird der Plutarch sorgen, der ihn überlebt 

Herr von Eckardtstein, der Ueberbringer Ihrer 
angenehmen Gaben, befindet sich seit ein paar Mo- 
naten in Rom, wo er von seinem frühem Aufenthalte 
her sehr bekannt ist, und wo es für seinen Gesel- 
ligkeitstrieb durch die groise Menge der anwesen- 
den Fremden reichliche Nahrung giebt Hiebei fällt 
mir ein, Ihnen zu sagen, dals der Maler Navez aus 
Brüssel die Briefe Ihrer Frau Gemahlin an die Frau 
V. Humboldt und Herrn Bartholdy vor Kurzem glück- 
lich durch mich eingehändigt hat 

Wiewohl die Engländer überwiegen, so hat es 
an Deutschen hier auch keinen Mangel. Heute hat 
Herr Cotta v. Cottendorf sich mit einem Gefolge bei 
mir gemeldet Die Hofräthin Herz nebst Fräulein 
Klein besitzen wir seit einiger Zeit Die Deutschen 
halten sich genau zu uns; könnten wir nur, wie die 
Franzosen sagen, nicht se meUre en quaire, sondern 
en äix oder en cent, um allen diesen ehrenwerthen 



- 209 - 

Fremden zu genügen, und den Ervvartungen, die «ie 
hegen, zu entsprechen! \ 

Nach dem, was Sie in Ihrem letzten Briefe sa* 
gen, scheine ich in dem meinigen über die ewige Stadt 
mich ein wenig lau ausgedrückt zu haben, und Sie wa- 
ren nahe dabei mir es ein bischen zu verdenken. Wenn 
Sie erwägen, dafs ich bereits drei volle Jahre der 
glückliche Besitzer von Roms Schönheiten bin, so 
werden Sie vielleicht meinen gedämpften Enthusias- 
mus entschuldigen. Aber Sie würden mir Unrecht 
thun, wenn Sie glaubten, dafs ich darum für die 
Wunder der Kunst und die begeisternden Anregun- 
gen dieses Bodens gleichgültig geworden bin. Zwar 
wende ich nicht, wie Winkelmänn von sich sagte, 
jeden Tag eine halbe Stunde dazu an, über das 
Glück nachzudenken, das ich habe in Rom zu le- 
ben; aber ich weifs deswegen, was Rom mir ge- 
währt, doch nach Gebühr zu schätzen, und ich 
wüfste nicht anzugeben, mit welchem andern Auf- 
enthalt ich es tauschen möchte. Und war' ich vol- 
lends wie Winkelmann nur hier, um für Kunst und 
Alter thum zu leben, wer weifs, wie ich alsdann ge- 
stimmt sein würde! Lassen Sie sich also durch 
meine scheinbare Lauheit nicht herabstimmen, und 
kommen Sie immerhin mit gespannter Erwartung: 
meine Gleichgültigkeit soll Ihnen nichts verleideii. 
Ohnehin würden Sie, glaube ich, Herrn Niebuhr ei- 
nen Dienst erzeigen, ihn abzulösen; denn diescar 
gute Mann erkennt sich in dies§|^ He^nath Cicero's 
gar nicht wieder. ;, 

Sehr ungern habe ich in diesen Tagen den 

14 



' T. 




im Uisr wsinr, wir haea. ncnr 
JuoL -wridtssi -^wr jnn so. 



9. a» ^aiB ^ ^sraaann^ 

m 



V— ^ 



ka iBf m ^ Ion. xnusa, *G»ygn'n. se tes 



S dk w ib e « . vki koaunt also m Dve Nahe. v«s jede 

erfeidktieni «ireL Tob fltr votde idi hören, was 
8ie bereiti für Rntrige erlialtai Üb«, vad dmos 
idien, ob das Wenige, was i^ geben kau, dar* 
itnt^ iit oder nicht. Ich freoe mich Ihrer Bereit* 
irjllfgkeit, der Wittwe Ihren Ao&atz niitzntheflen; 
nur meine Entfemong hindert midi, Ihr Anerbieten 
toch für mich anzunehmen. Aber die beste Freon- 
din erdetet hierin den besten Frennd hinlänglich, 
tumal begabt mit Einsicht, wie jene ist 




— 211 — 

Mit Vergnügen vernehme ich die guten Nach- 
richten von Ihrer Frau Schwester, der ich mich ge- 
legentlich zu empfehlen bitte. 

Meine Frauken empfehlen sich Ihnen. Bei mei- 
nem Kleinen erhält das niedliche Taschenbuch des 
Herrn v. Ense ihn stets in frischem Andenken. 

Mit aufricht^ster Achtung und Freundschaft 

Reinliold« 

c. + 
An denselben. 

Rom, den 13. Juni 1818. 

Ich habe Ihnen, hochgeschätzter Freund, einen 
angenehmen Brief und eine interessante Sendung zu 
danken. Letztere wurde mir vor ungefähr acht Ta- 
gen; unser Freund Wessenberg hatte sie mir ange- 
kündigt, und sie hat meiner Erwartung entsprochen. 
Der Ihrigen gemäfs, mache ich davon keinen Ge- 
brauch als den besten. Auf die weitere Entwicke- 
lung sind die Gleichgesinnten mit mir begierig. Hier 
sieht man dem Unternehmen mit Argwohn und Ab- 
scheu entgegen; übrigens mit dem Entschluis, nicht 
zu weichen, verstärkt durch die Hoffnung, das Ver- 
bundene zu trennen. Gutes erwarte ich nur von 
einem ausgedehnteren Verband, zu welchem endlich 
die Noth wendigkeit treiben wird*). 

Mit Vergnügen höre ich von Ihrer mehr als 



*y Beziebt sich auf die damals in Frankfurl a. Bf. be- 
gonnenen Verbandlnngen deutscber Fürsten und freier Städte 
über die Angelegenheiten der deutschen katholischen Kirche. 

14* 



- 212 - 

ostensiblen Wirksamkeit, und hoffe, dafs die Früchte 
Sie und das Ganze über die verspätete Biographie 
von Mirabeau trösten werden, in welchem Sie wahr- 
scheinlich mehr den Wendepunkt der Zeit, als einen 
Lieblingshelden aufetellen wollten. Nicht weniger 
freue ich mich Ihrer Ausflüge in die henachbarten 
Gegenden und der vielfältigen Anregungen, die Ihnen 
dort werden. Die königlichen Personen, die Sie mir 
anführen, habe ich nicht das Glück zu kennen; aber 
jene beiden Frauen haben auch königliche Würde von 
der Natur erhalten, die Eine * ) an Schönheit, die An- 
dere **) an Geist. Ich könnte wünschen, dafs Sie 
etwas mehr in Betreff der „unangenehmen Lebens- 
wendung" der ersteren berichtet hätten. Es ist lei- 
der die zweite dieser Art; der früheren stand ich 
sehr nahe; ein billiger Grund zur Thcilnahme an 
der späteren. Ich höre, dafs der Gemahl vom Man- 
zanares wiedererstattet bekommen, was ihm der Main 
entzogen; gern wüfst' ich, welcher .Gott der Frau ei- 
W\\ Ersatz aufbewahrte. Was jene andere betrifft, 
90 ist es allerdings schmeichelhaft, zwischen ihr und 
Ihnen der dritte zu sein; aber meine Forderung, dafs 
$ie mich gleich erkennen sollte, war so ungeheuer 
jpicht, da sie meinen vollkommen ähnlichen Schat- 
tenrifs besafs. Ein Lehrer meiner Jugend, auch in 
Stuttgart, der mich seit meinem zwölften Jahre nicht 
gesehen hatte und meine Nähe gar nicht ahnete, 
erkannte mich nach dreifsig Jahren, so wie ich in 
sda Zimmer trat. Was mich verdriefet, ist, dafe 



') Frau V. Scbol«. ♦*) Frau v. Huber. 



— 213 — 

jene geistreiche Frau an die Galeere der Redaction 
des Morgenblattes geschmiedet' ist, und doeh noch 
zmr Ergänzung des Fehlenden Geschichten für Tw- 
schenbüchcr schreiben mufs. Sie sollten die Köni- 
gin oder den König von Würtemberg auf sie und 
ihr Verdienst aufmerksam machen, dafs sie sie ent- 
weder zur Oberhofmeisterin des enfam de Würtem- 
berg oder an die Spitze irgend eines Instituts stell- 
ten. Haben Sie jetzt erst ihre Bekanntschaft ge- 
macht? Sie wissen vielleicht von ihr, dafs die mei- 
nige sich auf zwei Stunden unsejrs ganzen Lebern^ 
beschränkt, dafs unsere frühere briefliche Verbin- 
dung ein NachMs ihres Mannes war, und dafs mit 
diesem mich innige Sympathie verbunden, obwohl 
wir einander auf dieser Welt nie gesehen haben. 

Der Gedanke an die andere Welt kann mich 
Bxi kein anderes Bild zunächst führen, ak auf Georg 
Kerner. Indem ich dieses schreibe, erwarte ich stünd- 
lich die Nachricht, ob seine Wittwe wirklieh nach 
Schwaben aufgebrochen ist. Sic werden das Nähere 
hierüber von Justinus erfahren können. Ich wiedeN 
hole, dafs ich gern die Aufstellung emes EhrendeniD- 
mals für den Verstorbenen in Ihre Hände lege, d« 
ich die Arbeit nicht übernehmen kann. Weira Al- 
len, welche die fraiizösische Revolution leiteleft, MJ^ 
rabeau's Verstand zu wünschen gewesen wär^ o hät- 
ten Alle, weiche sie mit fortbewegten, Georg Ker« 
ner's Herz gehabt! 

IMe nordischen Miscellen sind also nicht ganz 
zur Miakulatur geworden und nicht auf das Exem- v 
pleir besdiränkt, dafs sich xlavon zwischen^ ttdimEi 



— 214 — 

Büchern in Hamburg befindet? Nicht ungern sah' 
ich einige meiner Blüthen darin wieder, und wie 
sich die verhüllten Liebeserklärungen darin ausneh- 
men. Aber davon steht geschrieben: 

Der Lenz entflieht ; die Blume schiefst in Samen, 
Und keine bleibt Ton allen, welche kamen! 

Frau v. Schlegel habe ich noch nicht kennen 
lernen. Sie ist einige Tage nach ihrer Ankunft mit 
einer Frauen -Colonie aufs Land gezogen, nach Gen- 
zano, Zwanzig Millien von Rom. Sie ist dort von 
lauter Freundinnen umgeben: Frau Herz und die 
Fraulein Klein, Härtl und Seitzer. Die Vorletzte 
kennen Sie wohl von Wien her. Wie schön mufs sie 
in ihrem zwanzigsten Jahre gewesen sein, da sie in 
ihrem zweiunddreifsigsten des Malers Overbeck Ideal 
als Madonna geworden, die er, um si6 immer ne- 
ben der Staffelei zu haben, im Begriff ist zu ehe- 
lichen ! 

Frau V. Humboldt denkt nachgerade an ihren 
Abzug von Rom, wo sie, glaub' ich, lieber bliebe, 
als nach London zu gehen. Ihre erste Station wird 
das Bad von Noccra im Kirchenstaat sein. Sie nimmt 
einige schöne Kunstwerke mit. 

Seit acht Tagen haben wir den Grafen v. Schia- 
den hier sammt seinem zahlreichen Gefolge. Er wird 
auf dem Schiffe, das ihn von Livorno nach Civita 
vecchia gebracht hat, über Neapel seinem Ziel, dem 
Bosporus, zusteuern. 

Frau V. Nicbuhr schickt sich an, im nächsten 
Monat ihrem Manne das zweite Kind zu schenken* 
Letzterer lebt beständig -in Erwartung von Ijistructio- 



— 215 - 

nen, die nicht ankommen. Hofrath Bartholdy schreibt 
häufig an den Staatskanzler und an Herrn v. Jordan. 
Die Römer bedauern, dafs seine Bekehrung nicht voll- 
ständig seL So wie sie ist, meinen sie: non ha fatto 
aUro che cangiar stanzä nel palazzo del Diavolo. Von 
Zeit zu Zeit geht noch ein Kunstjüngerlein hier zum 
katholischen Glauben über. Dazu sollte die Lust ei- 
gentlich in Rom vergehen. ^ 

Von Lulu Jordis hatten wir kürzlich Briefe durch 
den sächsischen Major v. Schreibershofcn. Sie ist 
recht krank gewesen, und war noch schwach. Wir 
haben sie aufgefordert, die Wiziterluft Roms zu ver- 
suchen, und würden uns sehr freuen, wenn sie den 
Vorschlag annähme. Nichts erneut die hiesigen Merk- 
würdigkeiten Einem selbst mehr, als sie einem Freunde 
zum ersten Male zu zeigen. Doch auch ohne das 
werden sie Einem nicht alt. Wir wohnen nur ei- 
nige hundert Schritte vom Capitol, und haben den 
Marc Aurel immer vor Augen; dennoch betrete ich 
nie die Stelle, an der er steht, ohne ein eigenes 
Gefühl, und eben so das dahinter liegende Forum, 
und wie manchen andern Ort innerhalb und aufser 
den Mauern Roms. Die gröfste Anziehung behal- 
ten für mich stets die Spuren des Alterthums; selbst 
die Meisterwerke der Kunst üben keine so starke. 

9 

Vor Kurzem waren wir in Ostia. Kein Fleck des 
Erdbodens vielleicht vermag, ein lebendigeres Bild 
der Vergänglichkeit zu erregen; nirgends ist das Ge-: 
fühl der Schwermuth mehr zu Hause als da, wo alte 
und neue Trümmer neben einander liegen, und auf 
den Gräbern der Todten aus so vielen Jahrhunder- 



— ö« — 

Weldk cHfer 0>atni€ Uer ibcnil 



GdUnr zu erl/jtclMQ. «cd dock darf 



Aes Allef za Ycraiiijcn wisen; ich aber Ule 

Die Einlage bitte ich «nserm Fremde zansld- 
len* Ihre Sendmi; bereditist mich zur E m ai tau g 
▼on andereiL In EmiangeliiBg Reisender schickes 
Sie mir mit der Post, was sich dazu eignet; aof et- 
was Porto kommt es gar nicht an. 

Meine Umgebongcm schicken Ihnen die frennd- 
Uehsten (iruise. 

Mit onreranderlich^ Gesinnong 

der Ihr^ 



An denselben. 

Rom, dea l.x'SoYemhet 1818. 

Seit dem Empfang Ihres letzten liebon Briefes 
Tom 1 1. Augast) habe ich Ihnen, mein hochgeschätz- 
ter Freund, nichts zu sagen gewufst, das die weite 
Reise wcrth gewesen wäre. Dazu kam, dafs ich 
bei Annäherung des Aachener Congresses immer mit 
dem Gedanken behaftet war, Sie würden auch da- 
hin berufen sein; ich meinte tagtäglich, Ihren Na- 
men unter den vielen andern zu lesen, die sich auf 
dem Wege nach jener gelobten Stadt befanden, oder 



- 217 — 

sie erreicht hatten. Diese Erwartung ist nun firei- 
lich getäuscht worden, und ich nehme daher an, dafk 
Sie nicht von Ihrem Posten gewichen sind, wo die* 
ser Brief Sie denn hoffentlich gesund und heiter an* 
treffen wird. 

Mehreres hat sich in dem Zwischenräume zu« 
getragen und entwickelt Die badische Verfassung, 
die Ihr Brief als beyorstehend ankündigte, ist er« 
schienen. Studirt habe ich sie nichts aber bei der 
Durchlesung ist mir vorgekommen, dafs sie leicht so 
gut sei als jede andere. Ich sehe aus den neuesten 
Blättern, dafs nun auch Hannover an die Reihe will; 
dort aber wird Mehreres hart abgehen. Preufsens 
Plane reifen in der Stille. Ich wünsche von Her- 
zen zu Deutschlands Wohl, dafs alle die neuen 
Schöpfungen sich in der Anwendung bewähren m5* 
gen, wozu vor allen Dingen gehört, dafs die Deut- 
schen sich reif und verständig zeigen. Unter dem 
Mancherlei, was von dorther nach diesen Gegenden 
herüberhallt, sind auch Zweifel an der Aufrichtig- 
keit der Regenten und ihrer Minister gewesen; ja 
mehr; doch dem hab' ich keinen Glauben b^ime^en 
mögen. Ueber alles Dieses spreche ich wie ein Blin- 
der zu einem Sehenden. Was aber, mein Freund, 
haben Sie zu der Ehrenerklärung gesagt, die der 
König von Baiern dem römischen Stuhl über seine 
Staatsverfassung zu geben für gut befunden hat? 
Wie wird man in Deutschland diesen Widerruf auf* 
genommen haben? Wie die baierisehen Nichtkatbo- 
liken^ die Entdeckung, dafs das Religions- Edikt blofe 
fnr sie bindend sei? Und werden nicht die Qesaftd- 



— 218 — 

tCB des Frank&rter Furste u itar an s, wenn sie iai Be- 
griff waren, ihren Fli^ endlicb zn ndwen, rat Er* 
staumen stdien geliehen sein? Gerade die nene- 
stm hier eii^etroffenen Nadiridiien Beisen ims die 
baldige Ankunft j^ier Herren erwarten. Kommen wer- 
den sie ja wohl; aber der liebenswürdige EmpCing 
des ersten Ministers (Consalvi) wird ihnen die un- 
günstige Stimmung des Hofes nicht lange yerhüllen. 
Schon das Yerhaltnifs, worin Letzt^er zu dem ba- 
dischen Hofe steht, versetzt sie in eine unbequeme 
Stellung. Sie könnten vielleicht gar hier zusammen- 
treffen mit 'der Bekanntmachung einer G^enschrift, 
w.ovon seit längerer Zeit die Rede war, die^ auch 
fotig sein mufs, aber immer noch das Licht nicht 
sieht, so dafs Einige glauben, sie sei dem Nuntius 
nach München zur Vertheilung mitgegeben worden. 
Ich sehe bei alle dem die Möglichkeit nicht ein, da& 
der Versuch, sich zu verstandigen, gelinge. Die Han- 
noveraner, die unter den günstigsten Umständen ihr 
Werk begannen, sind nach achtzehn Monaten nur 
so weit gekommen, dafs sie vor Kurzem ihrer Re- 
gierung diesseitige Anträge eingeschickt, welche sich 
von den bisher geäufserten Grundsätzen und For- 
derungen Jener noch sehr weit entfernen. Preufsen 
fahrt fort zu temporisiren, und wird wohl am be- 
sten wissen, wann Zeitgewinn anfängt das Gegen- 
theil zu werden. Ja, der Augenblick scheint heran- 
zunahen, seitdem der Staatskanzler Herrn Bartholdy 
nach Aachen berief, um sich mit ihm^ wie er sich 
in eigenhändiger Zeile ausdrückt, über mehrere Ge- 
genstände zu besprechen; hierunter sind nun ohne 



— 219 — 

Zweifel die Verhältnisse mit Rom, das römische 
System u. s. w. gemeint: Dinge, die Jener so 
lange an Ort und Stelle beschaut, berochen, beta- 
stet, kurz durch alle Sinne in sich gesogen hat 
Herr Niebuhr seinerseits wird auch nicht vergeb- 
lich $0 viel chiffirirt haben, oder durch die Herren 
Brandis und Bunsen haben chiffiriren lassen (Letz- 
terer, ein Philologe, der nach Asien reisen wollte, 
sich aber unterwegs in Rom mit einer Engellande- 
rin verheirathet hat, ist auf Herrn Niebuhr^s Vor- 
schlag kürzlich zum Legationssecretair ernannt wor- 
den, an Brandis Stelle, der, ehe er zu seiner Pro- 
fessur nach Bonn abgeht, mit dem Professor Bekker 
die Bibliotheken Italiens bereist, und sich jetzt zu 
Monte Cassino befindet). Ich glaube nicht, dafs 
diese gesandtschaftlichen Berichte die Hoffnung, hie- 
selbst mehr als Andere auszurichten, verstärkt ha- 
ben werden. Die natürlichste und vernünftigste Folge 
von Allem wäre,, dafs der deutsche Verein sich da- 
gegen durch den Beitritt von Preufsen und Hanno« 
ver verstärkte, und alle nichtkatholischen Regierun- 
gen Deutschlands gemeinschaftlich handelten. 

Herr Niebuhr ist vor Kurzem Vater einer Toch- 
ter, seines zweiten Kindesy geworden, und der Ge- 
lehrte scheint, wie Jener beim Tasso, ein wenig 

invilito 

Negli affetii di padre e dt maritOf 

wobei der Mensch und die Zufriedenheit eher ge* 
winnen, als einbüfsen. Er lebt sehr zurückgezogen, 
und die hier sich einstellenden Landsleute und ihre 
Aufwartung sind für ihn mehr Gegenstände der Ehre 



arift des Vergjiüga& Jetzt befinden sick dmmltt 
flin Graf Magnis, Graf Scha^otecli, Toa Heymert, 
Oiierbergraüi duurpmitier il s» w. 

Die Fian ▼. Humboldt macbt keuo*!^ Anstalt 
zani Abznfe, lebt aber muner meinr für skk. IKe 
VefbaltuisBe ihres Mannes Imben sie sehr TersdnuBt; 
anch leidet ihre €»esiindheit Ich möchte wksca, wie 
maa ia Previsen oberbaupt die Eisachieboiig des Qot- 
%m r. Bemstorf ansaht 

Wir besitzen stets Frau Uerz osd Fraa Schle- 
güi; jene eben so protestantisch, als diese katho- 
Ksch« sich aber anter einem Dache Tcrtn^ead. Letz* 
tBte habe ich zu£iUig noch nicht kennea lernen. Sie 
iragen, ob Overbeck auch katholisch sei? Ja frei- 
lich; seit mehreren Jahren und so beüs, dals man 
schon einen Mönch und künftigen Heiligen in ihm 
sah. Seine Selbstkasteiungen haben non eine an* 
dere Gestalt angenommen; denn s^ einigoi Wo- 
chen ist Fradleiu Hard seine Frau; aUerdings eine 
schöne weibliche Erscheinung, nur, besorg* ich, an 
Attsprikhe gewöhnt, deren Nichtbefinedigang sie drük« 
ken wird. Sie leben einsam in einan sehr enll^e- 
neu Theile der Stadt, und bewohne« ein Haus, wo 
Orerbeck einige Zimmer mit Frescoinldem schnuik« 
ken soll. Leider lohnt ihm diese Arbeit sehr we« 
nig. Zu den Erzkatholiken gehören unter andern 
die Herren Veit, Söhne der Frau Schlegel. Die 
Bekehrung der hier ankommenden jungen Deutschen 
machen sich noch immer mehrere fromme Personen 
nr Pflicht. Als Gegenmittel hat Herr Niebuhr sich 
Prediger Tom König aosgebeten, der ihn zu* 




- 221 - 

gesagt hat. Den Anlafs gab zunächst die Lage, in 
der sich der Graf von Ingenheira hier befand, und 
zu dem, als er sterbend lag, sich allerhand Bekeh- 
rer zu schleichen versuchten, wiewohl ohne Erfolg; 
doch über die Geschichte dieser Versuche ist dex 
König sehr aufgebracht gewesen. Einen russischen 
Legationssekretair, der nicht so gut bewacht war, 
haben sie vor einiger Zeit auf seinem Todbette um- 
garnt. Dafür ruht er nun in einer Kirche, statt bei 
der Pyramide des Cestius. 

Mich verlangt, ob Sie mir in Ihrem nächsten 
Briefe die Frau Cruikshank aufführen werden, auf 
die Sie mich vorbereitet haben. Ja wohl, warum 
soll man's nicht immer aufs Neue versuchen? Die 
selige Frau von Stael dachte auch so, und da sie 
dem Geliebten nicht treu zu bleiben vermochte, blieb 
sie es der Liebe, der zu Lieb die Geliebten denn 
doch eigentlich nur da sind, und so war die eon- 
9i€mce dans tanumr gefunden, dje sie nebst der du- 
ree de CmdhovLsiasmey für die Bestandtheile der hoch» 
sten Glückseligkeit auf Erden er klarte. Denen, die 
ich liebe, gönne ich übrigens lieber, als ein sol* 
ches Geschick, das, wenn auch nicht günstige, 
Schicksal der guten Lulu, die wenigstens mit freiem 
Blick zum Himmel aufschauen kann. Diesen Som* 
mer schickte sie uns einen Empfohlenen zu, durch 
welchen wir sie auffordern liefsen, sich selbst 
uns zu bringen; seitdem aber hörten wir nichts 
von ihr. 

Gestern verliefs uns der König von Neapel, der 
uns vierzehn Tage begluckt hat, uns manches Gala 





Bacsaesmiic nut- ^ 




^ »<tlt«mc wr «• W« der Bm ii |i & die Sache 
jjgjfM» Mwi fir an vwkniis; dafc« sich als 
p^*K^I»«»f« b««nid»te nnd ab «oldie« afiiete. Zwar 

4^ i/'ii »km »ftlUt das nkht sagen; nicht der Pro- 

I^mH <^ KatboUken. 



Fr. Angnst von Stägemann. 

Geb. in Tierraden den 7. November ITGS, 
gest. in Berlin den 17. December 1840. 



Wie weit Du steigst, es endet doch: „Hier liegt," 
Und „Staub su Staub" beschliefst das sehSnste Lied. 
Stägenunn an Dorow. 1836. 

iiis wird gewifs noch sehr lange dauern, bis eine 
erschöpfende und Zufriedenstellende Biographie von 
Fr. Aug. von Stagemann erscheinen kann; die Dar* 
Stellung seiner Wirksamkeit ist eine Geschichte der 
Entwickelung der preufsischen Administration seit dem 
Jahre 1804. Grofsentheils wurde er bei allen innem 
Angelegenheiten des Staats zu Bathe gezogen; er be- 
safs das Vertrauen der Staats -Ministers von Stein, 
Fürst von Hardenberg und Graf von Lottum. Der 
Abrifs seines Lebens und seiner Wirksamkeit er- 
schien in den Berliner Zeitungen vom Februar 1835 
bei Gelegenheit der Feier seines Jubiläums; seine Ne- 
krologe, welche zum Theil jetzt in den öffentlichen 
Blättern gelesen werden, sind unvollständig, mager 
und dürftig. Es herrscht ein Zwiespalt darin; soll^ 
der Dichter, der Staatsmann oder isoU die liebens- 



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lamg der Kiies^esui^ gcschüden *>. Im V 
9»'s: ^<icr Wie&er Konpti^"^ ki6t es Tom 
Msum: **> rrE^cr Gciieöie Soacntk Sdigeauim eift* 



*y Zur Ge«€liiekt««lbr«iiHM^ «b^ Utleraiw. HaailiBr^ 
tWi, H. 613 C 

**) fl«okiriniigkefü^B and Teniscble Sckrifioi Toa K. 
A. Vi>rffli«fMi T, £iiKe. Xe«e Fol^. 1. M. Iicifs« 1840. 



pfing idi mit der traulichen Fröhlichkeit, welche deia 
muthvoUen, freien, auf eigene Tüchtigkeit wie auf al- 
les Beste der vaterländischen Ueberliefening. gegrün- 
deten Manne bis in späte Tage glücklich verblieben' 
ist Der Verein so entgegenstehender Eig^ischalten^ 
wie dichterischer Schwung und strenge Geschäftsver- 
waltung sind, führt in Preuisen auf das Beispiel Frie- 
drichs des Grofsen hinauf, und kann hier in der That - 
schon als ein Hochponkt nationaler Eigenthümlich- 
keit gelten. Die Poesie Stägemann's aber quoll ^äsr 
ker und frischer, als die des Königs in seiner Zeit 
und Sprache es vermochte. Er war den Heeren der 
Verbündeten mit kühneu, waffenkräftigen Liedem^ge- 
folgt, und hatte besonders die preufsischen Thaten 
gefeiert, wie bis dahin noch kein Krieg dichterisch 
begleitet worden. Dafs aus aller Last der Gescl^^ 
bei ihm die Muse sich frei empor rang, wufste man 
wohl, und' der Gedanke lag nahe, ob, wie der Krieg, 
nicht auch der Kongrds zu Gedichten Gelegenheit 
sein würde? Doch Stägemann lächelte der Zumur 
thung, und meinte, die Poesie: habe zwar d^. Fort 
men viele, aber hier möchte schwer zu wählen utad 
die rechte erst nadi der, welche der Gegenstand 
selbst annehmen werde, zu finden sein.'' 

Durch die in den nachf ölenden Blattern, ge? 
machten Mittheilungen sollen, allein nur Baust^ne 
zu der künftigen Charakteristik des ausgezeichneten 
Mannes beigebracht werden. Die Gedichte, gab mir 
Stägemann zur freien Verfügung, wenn es von ihm 
heifeen würde: „Staub zu Staub." Diese Gedidile 
sind von Wichtigkeit zu seiner Benrtheilui^; sie 

15 



bekcwitnfd! Das KricpiKd diditetc 
Wies im Detemher 1814, wie solckes. to» 
Hand gesckneben, TodiaiideB iil: spiier liefii er 
ei jedodi, ToDig nn^eandeit und kmmt mdm keu- 
bar, ia den Uslorisdie» Erimerv^eB Seite 183 ak 
in „Wien im Man 1815'' abgefidst, abdrackea. — 
Voa „Unsere Zeit'^ findet sidi bier dn Abdivck 
naeb dem Ton Stagemann znerst im Jabie 1820 
niedergeKhiiebenen, nadi Konigdierg in Pkeo&en 
an Karl GotlL Bock gesendeten Manoshript. Es 
beridit flidi anf Fr. Sddegefs Verse: „Unsere Zeit'% 
welche in der von Fr. Sdilegel herao^egebenen Zeit- 
sebrift: Concordia Seite 71 stehen. Mit Äoslassnn- 
gen nnd Umänderungen findet mau dieses Gediqht 
glmchfalls in den ,,historisdien Erinnerungen &281.'* 
«^ In einer Kirchenzeitong erschien eine harte Kri- 
tik des „Berliner Musenalmanachs fiir das Jahr I830^\ 
und namentlich ward das Gedicht ^ ^Am Buistage^' 
bitter getadelt; dasselbe war von einer Frau, weU 
die unter dem Namen Karoline uns mit lebensfiri* 
sehen, trefflichen Poesieen besch«ikt hat Stagemann 
nahm sich der tief Gekränkten ah, und machte die 
„Apologie der unbufsfertigen Karoline.'' Das Ge- 
dicht „Zum 6. April 1838'' ist nur als Manuskript 
sur Verthcilung bei einem Feste gedruckt^ welches 
in Berlin zur Erinnerung desjenigen Tages gefeiert 
wurde, an welchem vor sechszig Jahren Friedrich 
der Grofse in den Krieg zog, um Baierns Selbst* 
ständigkeit zu erhalten. 

Der Briefe können jetzt leider nicht vide ge- 



— 227 - 

geben werden; ist der Inhalt auch gerade nicht be- 
deutend, so lassen sie doch einen Blick in das In- 
nere des Schreibers thun, geben eine Probe seiner 
Schreibart, und w^den vielleicht Vemnlassung, auf- 
merksam zu machen, damit die gewifs noch vielfach 
zerstreut liegenden ßriefe des einflufsteiöhen Mannes 
gesammelt und erhalten werden. Dieser wichtige Ge- 
genstand sei der allgemeinsten Beachtung dringend 
empfohlen. Der Brief a. bezieht sich auf das von 
Yarnhagen van £ß$e verfafste Buch über Sachsens 
Verhältnisse: Deutsche Ansicht der Vereinigung Sach- 
sens mit Preufsen. lieipzig 1814. . (Stuttgart und 
Tübingen, bei Cotta.) Der Brief c. ist historisch 
von Wichtigkeit; ein Fac simile dieses merkwürdigen 
Briefes erschien im dritten Hefte der von mir her- 
ausgegebenen „Foc stmäe yon Handschriften berühm- 
ter Männer und Frauen. Berlin, L. Sächse etc. 1837. 
4." Herr v. Stägemann, der seine Absicht mit der 
Herausgabe der ,,Acht lyrischen Gedicht« 2(ttr Er- 
innerung an die Jahre 1830, 1831, 1832", so allge- 
mein verkannt ^ah, die ^ bittersten Angriffe — am 
heftigsten vom Grafen Aug. v. Platen-Hallermünde 
*— deshalb öffentlich erdulden mufste mid darüber 
sehr bekümmert war, sprach öfters, mit niir über 
diesen Gegenstand, ergriff gern die durch Heraus- 
gabe der Fap simUe sich darbietende Gelegenheit, ei- 
nige Worte zum richtigen Verstandnifs dieser „Po- 
len-Lieder'' öffentlich zu aagen^ und solurieb odr zu 
diesem Behufe den hier mitgetheilten Brief. 



15 



- 228 - 



Kriegeslied. 

Wien im December 1814. 

Es schläft sich süfs an süfser Bnist 

Im schwanenseidnen Bett, 
Und lieblich klingt von Lieb' und Lust 

Irenens weich Sonnett. 

Die Palme schmückt des Helden Haupt, 

Die Kronen edler Olanz. 
Und dich, mein Lied, auch dich umlaubt 

C>*anenblauer Kranz? 

Du g&rtest ab Dein muthig Schwert? 

Du schniirst den Harnisch los? 
Auf! wieder auf, mein Kriegsgefilhrt, 

Von Mägdleins weichem Schoos. 

Die Fahnen Brandenburgs, mein Lied, 

Die schwinge noch einmal, 
Und noch einmal« enümf Gemüth, 

Krgreif den tapfiorn Stahl! 

I^eun dort ein feiger Mammeluck 

Und hier ein Jesuit — 
Da« grinst uns an, weil un& ein Schmuck 

Von Ehren reich umbläht: 

Das hängt an unser Hochgesims 

Peohkranxes' brennend Reis, 
Und hetxt die Hund' auf uns, voll Grhnms, 

Und mehr noch voll Geschreis: 



\ 



— 229 — 

Die Hunde Frankreichs, noch nicht heil 

Von Wunden unsrer Jagd. 
Auf, Kugelnblitz ^ auf, Lanzespfeil! 

Die Hunde wollen Schlacht 

Sie haben sie! Geschofs Apolls, 
Verkünd' es durch die Gaun! . 

Was sie geschürzt, das Eisen <soUs 
Auf ihren Kopf zerhaun. 

Auf, Brandenburgs iglorreidier Stamm! 

Der Pommern starke Faust! 
Auf, Preufsens Flut, die durch den Damm 

Wie sturmgeflügelt braust! 

Hie teutsches Schwert, und Freiheit hie! 

Dort Frankreich und Tyrann! 
Des Rheinbunds Ketten dort, und die 

Erträjgt kein teutscher Mann! 

• 

Auf teutschen Thronen kein Satrap, 
Dem freien Volk ein Fluch! 

Und, spielend mit dem Fürstenstab, 
Im Rathe kein Eunuch! 

Besudle nicht die Lippen, Lied, 
Mit Namen voller Schimpf! 

Hinaus ins Feld, wo Lorbeer blüht, 
Aus tückischem Gesümpf! 

Und stehn wir nur auf uns gelehnt 

Ein Felsenphalanx steht! 
Heran, ihr Wölfe, goldgezähnt! 

Vom Priester und Prophet! 



- 2S0 — 

Heran, von schmaobgefleokter Zucht, 

Ihr Eber von dem Leohf 
Und ihr, die Bwanzig Jahre Flocht 

Nicht fromm gemadit, nur frech. 

Es brennt die Welt! auf, w&lzt sie fort, 

Die ungeheure Glut! 
Den Fluchgedanken Brudermord 

Erstickt in Bruderblut* 

Ihr habt die Fackeln kühn getaucht 

In Höllenflammen, kühn! 
Wie Copenhagen ewig raucht, 

Soll Friedrioh's Sitz euch glühn. 

Ja, glühn — er wird es -— von der Glut^ 

Die sich in Toden löscht. 
Und zischen wird's, wenn euer Blut 

Des Moffdbrands Fackeln wäsdit . 

Wir schreiten kühl, mit Blitzesstahl 
Zerspaltend Helm und Schild! 

Erkling', in Morgens goldnem Strahl, 
Erklinge, Memnon's I^d. 



- 2S1 - 



Upsere Zelt. 

An Friedrich Schlegel. 

/ 

Siegeslied ist oft erklangen 

Aus der gottergriffnen Brust 

In den Gauen teütschef Zungen, 

Unserm Volk zu Ruhm und Lust. 

Denn, wo Gottes Geist gewaltet, 

Hat sich Licht und" Lied entfaltet, 
Gottes innen sich bewufst 

Siegeslied wird oft noch klingen; 

Denn die Zeit ist nicht vollbracht. 
Uns zu Füfsen legt ihr Schlingen, 

Um die Häupter webt ihr Nacht, 
Und der Höllen alt Gepolter, 
Sporn und Ritter, PfafF und Folter 

Zieht herauf zu neuer Schlacht 

* • 

Ewig Recht zwar hat gesprochen, 
Denn die Babel, ihren Hort, 

s 

Hat der Arm des Herrn zerbrochen. 
Und der Zeit gewaltig Wort. 

Längst verhallt aa frommer Stä4;e 

Sind des Liederbuchs Gebete 

Wider Papst und Türkenmord. 

Dennoch haltet Wat^ht, ihr Hüter! 

Denn des Drachen junge Brut 
Schleicht umher, besprützt Gemüther, 

Scheu nur vor der Geister Glut. 



N 



- 232 - 

Doch den Funken zu erdrücken, 
Haucht sie, wo sie athmet, Tücken, 
Geifert, wo sie kreucht, nur Blut. 

Haltet Wacht! denn Priesterfrevel 
Ist unsterblichen Geschlechts, 

Und noch heute glimmt der Schwefel 
Für die Husse links und rechts. 

Aus versunknen Marterkammern 

Warnt uns noch der Unschuld Jammern, 
Noch der Märtyrer Geächz. 

HeH Dir, Königsburg der Preufsen! 

Die den Söhnen Teuts erglänzt, 
Wenn in Kämpfen, in den heifsen, 

Palmenlaub die Schläfe kränzt. 
Schwirrt um Deine goldnen Zinnen 
Eulenflug der Nacht, und inndn 

Wankt des Wahnes grau Gespenst? 

Denkmal herrlicher Triumphe, 

Nein! die Finsternifs entflieht, 

Die, erzeugt in Isters Sumpfe, 
Deine Stralenstirn umzieht! 

Und den edlen Aar begleiten 

Siegeskläng' aus neuen Saiten, 

Wenn sein Antlitz sonnen glüht. 

Heil und Leben Kaiser Franzen! 

Seines Reichs Chinesen nur *) 
Woir Er nicht zu uns verpflanzen. 

Auszurotten Friedrichs Spur. 



) Siehe: Coacordia S. 39&. 



- 233 - 

Adam Müller, Grenz und Werner, 
Schlegel, Haller und so femer, 

Blühet frisch auf Qestreichs Fliur! 

Uns verkünde Du, o Wahrheit, 

Was der Herr und Meister spricht! 

Du entzünd', o Geistesklarheit, 
Uns Dein evangelisch Licht! 

Heldenthum, dess Spor nur klinget, 

Weisheit, . die nur Messen singet, 

Herr und Meister, gieb uns nicht! 

Gieb uns, dafs wir froh vollbringen. 
Was wir ernst durch Dich gedacht, 

Wenn wir um den Morgen ringen 
Mit dem Geist der alten Nacht! 

Was wir glauben, lieben, hoffen, 

Jeden Himmel gieb uns offen. 

Heiter, hell, in Tages Tracht. 



Apologie d^ imbassfertigen Karoline« 

An ihren Bufsprediger in einer Kirchen- 
Zeitung. 

Du fällst, ein heiliger Verdreher 
Der nassen Augen, auf Dein Knie, 
Und dankst dem Gott der Pharisäer: 
Dafs Du nicht worden bist wie sie; 






- 234 — 

Dafs Dich der Schweif des Widersachers 
Noch heftig in den Nacken schlägt, 
Indefs da* Arm des Weltbewachers 
Sie unter Engelsfittig legt 

Dich wäscht von angebornen Tücken 
Der Bufse Schwefelbad. — Ach nein! — 
Sie saugt des Lebens süfs Entzücken 
Aus tausend Blumenkelchen ein. 
Verfolgt von zornesrothen Blitzen 
Stehst Du vor ewigem Gericht; 
Herab auf sie von Sternensitzen 
Glänzt Hur d^ Gnade Angesicht 

Wenn Du den Holzstofs anzuzünden, 
Die Flammenzunge gierig leckst. 
Den Purpur mit den stummen. Sünden 
Des Ohrenbläsers frech befleckst^ 
Dann, ihre Brust voll Nachtigallen, 
Wallt sie durch Lenzes Blüthenhaiu, 
Und tritt in ihres Friedens Hallen, 
In ihres Himmels Wonnen ein. 

Unlieilig^ Geschlecht der Juttiger 

Des Loyola! wie wohl ihr schlecht 
Euch evangelisch nennt; die Ringer 
Der Wahrheit sind nur Licht und Recht. 
Ihr leuchtet -^ mit der Feucfplage 
Des tiefsten H/&Uflnpfiihls. Ihr sprecht 
Dem Sünder joiil der scharfen Frage : 
Der Teufelskrallen ewig Recht 



— 295 — 

Du aber samtnF uiw^ Karoline, 
Von Blumen, roth und weiüs und Uau, 
Wie mit der Kunst der süCsen Biene, 
Des zarten Liedes reinen Thau, - 
Und steig' hinauf 2ur Frühlingsfder 
Aus dumpfen Wänden, drin es stockt, 
Steig' auf zu dem, dem Dein^ Leier 
Anbetendes Idyll frohlockt! 



Zum 6. April 1838« 

Sechszig Jahre sind's, ihr Baiern, 

Seit der Held sein Schw^ geeückt, 

Seit der Brennen* Aar den Geiern 
Ihren frechen Raub entrückt. 

Werdet ihr's in Tempeln feiern? . 

Habt ihr euch ssum Fest geschmückt? 

* 

Jene Tage sind entflohen, 

Und der Mönch mit frevler -Hand 
Wirft des Hasses düstre Lohen 

An des Rheins Gut-Edel- Wand; 
Und ein Nacht -Rab auf dem hohen ■ 

Isar*Thurm dmrebheidt das Land. 

Mönche, wegt weg, Undankbisire, 
Die des Unheils Saaten streun. 

Und der Zwietracht Schlang' im^ Haare, 
Weit umher Verderben dräun. 



Um den Kauqtf der drei&ig Jahre, 
und den Tilly n ernenn! *) 

Wir^ ein«Bnid«T(^ Yerbonden 
Um Altar nnd Thron gereiht, 

Palm^ um das -Schwert gewunden. 
Denken freudig jener Z^t. 

Nicht verweht im Flug der Stunden, 
Heilst ihr Nam' „Unsterblichkeit! 



r» 



Seht! Yom goldnen Sternen -Saale 
Neigt ein Schatten, hddenacht. 

Sich herab zu unserm Thale, 

Friedes^nend s^ Geschlecht, 

S^nend mit dem Sonnenstrahle 

Seines Schildes: Licht und Recht 

Sanmielt euch um Friedrich's Manen, 
Söhne Preufsens, fort und fort! 

Hört das Rauschen seiner Fahnen, 
Hört des Königs ernstes Wort! 

Um den Thron der Helden -Ahnen 
Sammelt euch, um euren Hpil! 

Und vor Allem au^erüstef 

Mit des Lichts Geschossen seid 

Wider den, der antichristet, 

Diesen finstem Gast der Zeit! 



*) Siehe ilisoiulerbeit die Würzburger Zeitung« wider 
welche die Bundesverhältnisse vergeblich au%erufen sind. 



— 237 - 

Wehe, wenn ihr, überiistet, 

Ihm die Waffen streckt im Streit! 

Niemals! sehallt herab yom Throne 
Zu des Volks bewegtem Chor. 

Niemals! schallt mit Siegertone 
Tausendstimmig Thron ^ empor, 

Frei vom Geisteswahn, vom Frofane 
Fabcher Sazong, wie zuvor. 

Schwebe von der Saar zur Dange, 
Liedes -Fittig, ausgespannt! > 

Friedrich's Heldenhaus empfange 
Seiner Treuen* Herz und Hand. 

Ruft es bei Posaunenklange! 
Wiederhall' es, Vaterland! 



An in Dresden. 

Wien, den 16. December 1814 

Der IJJerr Staatskanzler hat verschiedene Schrif- 
ten verfassen lassen, die sächsischen Angelegenheiten 
betreffend, unter andern eine mit dem beigefügten 
Titel, die Herr Cotta aus Tübingen, der sich hier 
aufhalt, verlegt und in Leipzig drucken l&lst. Er 



findet aber bedfwklich, weil er an wörlembergischer 
Unterthan bC, sanol ^^UBBen diza het zu g eb en, and 
nach Leipziger Censorgesetzen ist in solchem Fall 
eine besondere Eriaubnils sowohl zun Drucke als 
zum Verkauf erforderlich. Es ist heute nicht mög- 
lich, den Herrn Staatskanzler mit d&r Sache za be- 
helligen: ich erlaidie piir daher ganz ergebenst, Sie 
um ge&llige Besorgung des Imprimatur firenndsdiaft- 
liehst zu ersuchen, mid fuge zugleich den Brief von 
Cotta an Kummer in Leipzig bei. « 

Wir sind jetzt in einer Krisis. Man giebt aber 
gegenseitig nach und die Sache wird sich hoffentlich 
bald enden. 

Die Schmähschrift Sachsen und Pre«ilsen soll 

ja Sartorius aus Göttingen verfEUst haben. Er war 

noch vor Kurzem hier. 

Ich empfehle mich Ihnen auf das Ergebenste 

Stftseinaiiii. 

b. 

An den Kriminal-Direktor Dr. Hitzig*) 

in Berlin. 

> 

Berlin, den 10. November 1S25. 

Schulz hat mir von Ihretwegen, verehrungswür- 
diger Freund, die Anlage gegeben, an der ich je- 
doch nichts weiter zu ändern gewufst, als dafs ich 
nüch, der Wahrheit gemäfs, zwei Monate jünger ge- 
macht habe. Ich bin übrigens der Meinung gewe- 



*) Hitzig gab damals „das gelfbrte B^iiHn'' hcitaiis. 



- 239 - 

sen, dafs ich in ein Gelehrtes Berlin gar nicht ge- 
höre, da ich in die Musen -Almanache ganz zufällig 
ohne mein Wissen durch die Güte einiger Freunde 
gekomtnen bin, Yind hoffentlich kein Mensch diese ' 
Verse gelesen hat W^en der Kriegsgesänge bin 
ich zweifelhafter. Mein Hauptbedenken ist jedoch, 
dafs ich für einen Gelehrten, wenn gleich nur für 
einen gelehrten Berliner, gelten soll, während nn* 
8ere erhabensten Staatsmänner, deren Weisheit doch 
wesentlich auch Geldirsamkeit ^ein sollte, in dem 
Verzeichnifs fehlen werden. Was die am Schlufs be- 
rührte Staatszeitung betrifift, so scheint nur das, was 
mich angeht, in einen mich betreffenden Artikd zu 
gehören, und den Verfasser Ton Tornister -Lieschen 
würde es mit Recht verletzen, wenn er, der so Vie»- 
les geschrieben, neben Jemand genannt würde, der 
so wenig Gedrucktes geschrieben ; Geschriebenes frei- 
lich mehr. 

Könnte mich in Bezug auf die Kriegsgesänge 
nicht das Factum heraushelfen, nämlich aus dem ge- 
lehrten Berlin, dafs ich sämmtliche Exemplare bei^ 
der Auflagen, da ich sie auf eigene Kosten drucked 
lassen, an mich genommen und vernichtet habe? 
Doch salvo neUaru 

Unter Versicherung der freundsohaftliehgtea 
Hochachtung mich angelegentlich empfehlend. 



• 1 . .; ■ . f ' ; J I r ; 



— 240 — 



An Dr. Dorow in Berlin. 

Berlin, den 10. April 1832. 

Da& ich Ihrer Bedenken g^en meine pohlischen 
Änti-Messeniennen gewärtig gewesen bin, theuerster 
Freund, haben Sie schon in meinem Vorworte gele- 
sen. Die Unternehmung eines unterdrückten Volks, 
seine Fesseln gewaltsam zu lösen, wird überall und 
zu sdlen Zeiten die Gemüther bewegen und die Dich- 
ter zu Gesangen entflammen. Ich habe in frühen 
Tagen die Araukaner besungen. Aber von dieser 
edlen Art ist die deutsche Theilnahme an der Sa- 
che der Polen nicht; man müfste die Augen absicht- 
lich yerschlidsen, um nicht gewahr zu werden, dafs 
unsere sogenannten Notabilitaten, zu deutsch Ober- 
flachlichkd.ten , nur die Triuq[^phe verkündigten, die 
sie über die vaterlandischen Regierungen zu feiern 
erwarteten. Diesen Triumphen, nicht den Nieder- 
lagen der Polen habe ich mein Pereat gebracht. 
Mit den Polen, die mir nichts zu Leide gethan ha- 
ben, bin ich schon durch meine Frau befreundet, 
deren Vater in Kowno geboren war und in Mohilew 
begraben liegt; auch hat mich der Warschauer Auf- 
ruhr nur im ersten Moment erschreckt, weil den In- 
surgenten eine russisch -disciplinirte Armee zu Ge- 
bote stand, mit der sie die altpolnischen Provinzen 
Ruislands in Bewegung bringen und einen allgemei- 
nen, unheilvollen Krieg herbeiführen konnten; da 
man sich jedoch hierüber bald beruhigen durfte, der 
wohlbekannte Reichstag die Geschäfte übernahm und 



- 241 - 

die Verheifsungen der repiiblikanischen Faction in 
Paris sich auf ein Charivari beschrankten, was di& 
2ieitongsschreiber den Russen und Preoisen brach*, 
ten, so war eine frühe Beseitigni^ des ganzen liams 
keinen Augenblick zu bezweifeln. Ein Vaterland 
übrigens, ct0us rei ianta esi vis^ ac tanta natura, vi 
Itfyxcam iUam, in asperrimis saaculis, ianquam fddum^ 
affixam, sapienti8smmvh'imm(nialiiaH(mt^(merei, ha* 
ben wir doch auch, wie die Polen, und soll Eins von 
Beiden untergehen, darf es doch vergönnt sein, für 
das unsere zu kämpfen und zu dichten. Nächstens 
mehr und mich angelegentlich empfehlend. 

TiOusTims. 

An denselben in Königsberg in Pr. 

Berlin, den 9. März 1835. 

Mein liebster Dorow! 

Prosit das neue Jahr, und nun, wie Buohholz 
sagt, zur Sache: 

Die Cottaschen Papiere, habe ich erhalten, und 
werde d^von weitem Gebrauch machen. A. v. H. 
beharrt darauf Herrn v. Cotta einen Orden zu ver- 
schaffen. Da der König auf den Antrag der Minister 
die Verleihung versagt hat, so mufs noch ein anderer 
Weg gefunden werden. Die Versagung Sr. Majestät 
basirte sich auf der Allgemeinen Zeitung, und auf ei- 
nem, wie mir geschienen, nicht ganz richtigen Grunde^ 
wenigstens ein^n für Herrn von Cotta unschuldigen 
Grunde. Mein mir unerwartetes Jubiläum hat mich 

16 



— 242 - 

in grote Privatf erwimmg gebndit, da es mir ganze 
Tagei, ich nochie sagen WocImo, von meinen Dienst- 
arbeiten entzogen hat, und noch lange bin ich nicht 
mit meinen Gegenbesnchen nnd Danksagnngsschrei- 
ben für empfimgene Gratulationen fertig. In der That 
bat mich der Antheil des Publikums an der von mdi- 
nm Freunden mir bereiteten Gunst und Ehre über- 
rascht, da Ton meinen amtlichen Miihen dodi nur 
meine Begistratoren und Kanzellist^i genaue Kennt- 
nils erhalten* Dais ich bei den vielen Schmause- 
reien, die noch nicht ein Ende nehmen *— heute 
Mittag hat mich der Jubelgreis, Montagsklub ge- 
nannt, ungeladen — bei Kräften geblieben, ist ein 
Wunder. Der König, dem meine Klagen über das 
viele Stehen bei den Besuchen und Einladungen der 
Prinzen zu Ohren gekommen, hatte mir befohlen, mit 
einem Stocke zu ihm zu kommen, wovon ich aber, 
da wegen seiner Krankheit die Einladung sich verspä- 
tete, keinen Gebrauch gemacht, habe. Wahrschein- 
hck ist Ihnen mein Bild, von Herrn vrKlober ge- 
malt, zu Gesicht gekommen. Die Sitzungen vor 
Herrn v. Klöber und vor Bauch (wegen der Bü- 
ste) kamen mir auch höchst ungelegen, die Lange- 
weile ungerechnet Die Damen, die meiner Lange- 
weile Gesellschiift leisteten, versichern, ich sei zu 
alt im Bilde, obwohl ich doch wirklich über sieb- 
aig bin. 

Die junge liebenswürdige Frau des Bibliothek- 
kttstos Stieglitz hat sich einen Dolch ins Herz ge- 
stofseti, um ihrem Manne die entflohene Gemüths- 
mhe für seine poetischen Erzeugnisse, deretwegen 



- 243 -. 

er schon einen zweijährigen Urlaub erhalten hat, wie- 
der zu geben. Irgendwo hat es ihr auch gefehlt 

• Herr Professor Gerhard ist als Archäolog bei 
dem Museum angestellt und zugleich der artistischen 
Gommission beig^eben, die nun auf acht Bädern 
fährt. ^Graf Brühl hat einen Balsam auf die Wunde 
erhalten, die ihm durch die artistische Commisston 
geschlagen ist. 

Wenn Sie Gelegenheit haben, mit einem dorti- 
gen Magistratsmitgliede bekannt zu werden, oder es 
schon sind, so haben Sie doch die Güte, aus der 
Magistrats •B.egistratur mir eine Abschrift des Ge- 
didits zu verschaffen, was ich im Anfange de9 Jali^ 
res 1808 auf ^e Zurückkunft des Königs und d^ 
Königin nach Königsberg im Namen der Stadt Kö* 
nigsberg verfertigte. Ich besitze. kein Exemplar da- 
von, und obwohl es kdnen besondern poetischen 
Werth hat, so. wünschte ich es doch zu haben. Viel- 
leicht ist ein Exemplar übrig. 

Meine Frau, in deren Zustand sich wesentUdi 
nichts verändert hat, läfst tausendmal grülsen« Mit 
scheint, dafs'sie jetzt schmerzloser ist, aber dais ihre 
Unruhe mit der Abnahme der Schmerzen wächst. 

Empfehlen Sie mich freundschafdichst Ihrer Frau 
Mutter und Schwester. 

Totus Taus 



16* 



— 244 — 

An denselben in Berlin. 

Berlin, den 4. September 1^40. 

Mit dem verbindlichsten Danke, verehrtester 
Freund, sende ich Ihnen die Anlage zoryck^). Al- 
l^ings ist die Setorilitat in dieser Abschr^ sehr 
gemildert, indeis doch nicht w^zawischen. 

Dais Herr v. Schön in den Grafenstand werde 
erhoben werden, ist unwahrscheinlich, weil er es in 
seiner nur beschrankten pecuniaren Lage nicht wohl 
wünschen kann, und ihm eine Grafschaft zur Dota- 
tion zu verleihen, kein genügender Anlais ist Herr 
Y. Hülsen auf Wiese, will ich nicht bezweifeln. Viel- 
Idcht die Herren v. Brüneck, die wenigstens zu den 
bei wdtem wohlhabenderen Ghitsbesitzem gehören, 
wie zu den ältesten Familien des Landes. 

Sehr wohl gefallen hat mir die Beschreibung 
des Königlichen Einzuges, die aus einer Privatcor- 
respondenz in der Vossischen Zeitung von gestern 
steht Doch bezi^eifle ich, dais die Kränze von 
Georginen den weiisen Mädchen wohl gestanden 
haben; die jungen Patrizierinnen müssen denn ko- 
lossale Gestalten gewefien sein. 

Mich herzlich empfehlend 

Stfti^ciiiaiiii« 



*) Cretreve Nachschrift der AenfseruDgen, welche Pro- 
fessor Dr. Schdnlein in seinen klinischen Vorlesungen über 
die Jnden und mehrere hiesige Aerzte gemacht hatte. — 
Herr Ton Stägemann ersuchte mich um deren Mittheilung, 
da er bereits so viel Lügenhaftes darüber gehört habe. 



I 



Ludwig Im KSnig von Baiern. 



In unsrer Zeit, die mit wahrhafter Freigebigkeit be- 
flissen ist, die Versäumnifs einer früheren dadurch 
gut zu machen, dafs sie durch Denkmale und Stif- 
tungen das Andenken grofser und berühmter Man- _ 
ner ehrt; in unsrer Zeit, die, wie keine andere, et 
sich angelegen sein läfst, in Nekrologen und Bio« 
graphieen ehrend derjenigen zu gedenken, welche 
durch ihre Stellung im Leben und ihre Wirksaln- 
keit auch nur einigermaßen bedeutbnd geworden 
waren; in dieser Zeit erhielt ein Dahingeschiede* 
ner, der wahrlich! durch Stellung, und Wirksamkeit, 
durch geistige Fähigkeit und persönliche Liebenswür- 
digkeit ausgezeichneter dagestanden , als sehr Viele 
der durch alle Zeitblätter gefeierten, erhielt ein sol- 
cher Mann auch nicht ein Wort des Nachrufs, das 
geeignet gewesen sein möchte, ihii in dem ehren- 
den Andenken der emporwachsenden Zeitgenossen 
zu fixiren oder dem der künftigen Gleschlechter zu 
empfehlen! — ' Kein Anderer ist gemeint, als der 
Tor einigen Jähren verstorbene Job von Witzleben, 



— 246 — 

General -Lieutenant, Kriegsminister und General -Ad- 
jutant Sr. Majestät Friedrich Wilhelm III. 

Es mag allerdings eine Aufgabe von ganz ei- 
genthümlicher Schwierigkeit gewesen sein, über das 
Leben dieses Mannes und seine Wirksamkeit etwas 
Geeignetes und Würdiges zu sagen; über eine Wirk- 
samkeit , die in so inniger Beziehung und Wechsel- 
wirkung mit der Wirksamkeit seines Königlichen 
Herrn stand, dals eine die andere ergänzte; eine 
Wirksamkeit, die sich in mannigfacher Richtung als 
Organ seines Königlichen Gebieters, sowohl im In- 
nern Organismus dei^ Staats als in den nach au&en 
hin gerichteten Beziehungen desselben, geltend ge- 
macht hatte. Nichts desto weniger blieb es &ne 
unärläisliche^ eine heilige Pflicht derjenigen, die mit 
Fähigkeit und Mitteln -dazu ausgestattet waren, an 
eine Würdigung dieser Wirksamkeit sich zu wagen, 
selbst miter diesen erschwerenden Umständen und 
selbst innerhalb etwa gebotener enger Grenzen. Lei- 
der ist dies aber nicht geschehen , und wie unsere 
Zeit die längstvergang^e der Versäumnifs und Un- 
gerechtigkeit g^en ihre bedeutenden Manner zu be- 
schuldigt sich berufen fühlt, wird die kommende 
mit demselben vollen Rechte uns anzuklagen Veran- 
Ih^sung elrhalten. Dann wird auch Job von Witz- 
leben seine Würdigung finden! denn seinem Cha- 
rakter, . sdtier Stellung, seiner Wirksamkeit nach, 
von der hier nur eine sdiwache Andeutung g^e- 
ben, ist er ein Mann der Geschichte, und künftige 
Historiographen der Regenten -Wirksamkeit unseres 
daUng^chiedmen Helden ^Königs, Friedrieh Wil*- 



- 247 — 

heltn IIL, werden und müssen seiner gedenken, 
wollen sie treu und wahr den Königliäien Herrn 
schildern. . !ü 

Damit sie aber solches aueb einstens zu thun 
vermögen, bleibt solchen Zeitgenossen, deren Beruf 
es nicht w«r, in T<»^edachter Beziehung ihre Feder 
dem hier genannten Entschlafenen zu weihen, «s als 
unerläfsliche , heilige Pflicht auferlegt, jeglicheä JDo- 
kument über Witzleben's Wirksamkeit und deren An* 
erkenuung beizubringen, und als Material ßar die Ge- 
schichte zu T^öffisntlichen. .Indem dringend dazu 
aufgefordert wird, und zu diesem Zweck schon. im 
vierten Bande der „Denkschriften und Briefe" ein 
d«a Verfasser vrie den Empfänger gleich ehrendes 
Schreiben bereits mitgetheilt worden, möge hier ein 
ähnliches von des Königs Ludwig von Baiern Ma- 
jestät an den General v. Witzleben folgen, um so 
wichtiger, da der König auch zugleich klar und un- 
umwunden die gewifs nie genug zu beherzigende 
Wahrheit ausspricht: „Nur in ein festes Halten 
an Preufsen sehe ich Teutschlands Heil und 
diese Ansicht ist mir nicht neu.'' 



An den General v. Witzleben in Berlin. 

München, den 7. Mai 1831. 

Herr General, bekannt, rühmlich bekannt sind 
Sie mir (obgleich nicht von Angesicht), denn ich 
kenne, was Sie im Kriege und Frieden geleistet ha- 
ben, weifs: wie teutsch Ihre Gesinnung ist, welchen 



- 248 - 

Werth Sie darauf legen, Preu&en und Baiern ver- 
eint zu sehen. Ihnen dieses schriftlich zu äufsern, 
kann ich mir nicht versagen. General Rühl wird 
diesen Brief überbringen, dessen Sendung mit leb- 
liofter Freude mich durchdrang, Mrie dafs ich ihn 
von den eben genannfen Gesinnungen gleichfalls er- 
füllt gefunden habe. Nur in ein festes Halten an 
Preulsen sehe ich Teutschlands Heil und diese An- 
sicht ist mir nicht neu, Willkommen ist mir gegen- 
wartige Gelegenheit, mit Wärme ergreife ich sie, um 
die Gefühle welche Sie mir einflöisten auszudrük- 
ken, mit denen ich bin 
•^- Herr General 

der Ihnen wohlbeigethane 



Karl, Freiherr Tom Stein. 

Geb. in Nassau an der Lahn den 25. Octöber 1757, 
gest. ebendaselbst den 29. Juli 1831. 



xlaben wir mit Widerwillen die Briefauszüge in der 
so eben erschienenen Lebensbeschreibung des Mini- 
sters yom Stein *) gelesen, worin der verstorbene 
Fürst von Hardenberg gemüSshandelt wird und die 
zur Ehre des Schreibers um so mehr hätten unt^- 
drückt werden sollen, als wir oft Augenzeuge wa- 
ren von der Courtoisie und einer ungehörigen dienst- 
beflissenen Ergebenheit, welche ^^r Freiherr vom 
Stein gegen den Staatskanzler ~ als dieser lebte 
und Wünsche befriedigen konnte — ausübte, so 
mögen hier zwei Briefe desselben aus meiner Samm- 
lung folgen, welche mis dagegen wohlthuend an* 
sprechen und einen Blick in das religiöse Gefühl 
des kraftigen Mannes thun lassen. Um so in- 
teressanter sind diese Briefe, als solche Ergieisun- 
gen dar Frömmigkeit in den bis jetzt bekannt ge- 



*) Leben des KÖnigl. Preufs. Staats -Ministers Fr^- 
herrn vom und zum Stein. Ein Denkmal. 2 Tboile.' Leip- 
zig 1841. .; 



^VDTBBBC *^"^— >'i OBr »^iwfn VIHI. ^"^iT^B- -^*»*'^) "W- 




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swm^n J1U1&. lUii xesc ^^ ttat inoei: se in. ioi Ckor 

■iiiiL Eraäsr uui SsiLNpesasa mmL 




- 251 - 

essant; ich danke Ihnen dafür^ und adiicke Uin^ 
sub lege süentü ei remissioms Abschrift dines BrirffM 
von Alexander Humboldt. 

Kommen Sie zu mir nach Nassau — ich lasse 
Sie mit einer Warst und meinen Pferden in Schwal- 
baoh abholen. 

Leben Sie wohl, und finden Sie Trost , und 
Hülfe bei dem, auf dem alle unsere Hoffnungen ge- 
gründet sind. 

Ich kann um sieben Uhr in Höchst sein« 

Stelvu 

An Theodor Mülhens in Frankfurt a. M. 

Cappenber^ den 13. März 1826« 

An dem traurigen Ereignis, dessen E\y. Hoch- 
wohlgeboren in Ihrem Schreiben vom 9. c. erwäh- 
nen, nehme ich den lebhaftesten Antheil; das Hin- 
scheiden eines jungen braven Mannes, eines glück- 
lichen Gatten und Vaters ist für die zurückgeblie- 
benen, selbst entfernten Freunde sehr erschütternd. 
Sie finden nur Trost in dem schönen liebenswiirdi- 
gen Enkel, in dem übrig gebliebenen Sohn, und in 
dem Gedanken, einst wieder mit dem, der Ihnen 
vorangegangen, sich auf immer vereinigt zu sehen. 

Auch von meinen Freunden haben mich im 
Laufe eines Jahres mehrere verlassen; ein junger 
dreüsigjähriger Mann, Adolph Wallmoden, dessen 
ich mich lebhaft erinnere, wie seine Mutter ihn 
Anno 94, den Neugebornen, dem aus dem Nieder- 




ak jvnGs IxtKOiswurB^ BranC ▼or 



Dier Tod 4» 

an. um ^™^h 

Besdtäaer — ofca? An wie 
■ a rhBiHHe t. geneckt worden. k& sebe lagfidh den 
Baooi, der mieh irom &ab trenne 
idie Bohe, Einsamkeit, and sad»e 
wimt mö^ebst zm TeremfiKiicn od 
— gf fMihiufff Uo du t htung and 
GenaUin zn empfehlen, 
Ew. BockwnUgdboicn 



Veriäh- 

Bitte, Bidi 
behsie idi 



Denkschriften. 



Betrachtnngfn 

über 

die Vereinigung 

4er Intlierisclieii nnd reformirten Kirclie. 

Rhein -Mosel -Departement. 1801. 



JDcr Unterpräfekt des Bezirks Simmern (Rhein- und 
Mosel -Departement) Vanrecum — ein sehr ausge- 
zeichneter Administrator — erliefs unter dem 6. Fri* 
maire 10. Jahres der französischen Republik (28. No- 
vember 1801) unter No. 4353. einen gedruckten Be- 
schlufs über die Verhältnisse der lutherischen und 
reformirten Volkslehrer, indem gewichtige Klagen vor- 
gebracht waren, dafs vor dem Krieg, in Ansehung 
ihres Kultus, eine den guten Sitten und der Ruhe 
des Staates angemessene Ordnung bestanden habe^ 
welche seit der Vereinigung des linken Rheinufers 
mit der Republik nicht mehr bestehe. 

Diese gedruckte Verfügung ward allgemein in 
dem Departement vertbeilt, und veranlafste, dafs das 
protestantische Konsistorium an Jean Bon St. Andre 
den unter a. hier mitgetheilten Beridit machte. Die^ 



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- 257 - 

lice da culte, tels qu'ils etaient etablis avant la 
guerre, eprouverent egakment un choc, qui contri« 
bua sur toat ä augmrater le grand mal, principa- 
lement dans oet arrondissement, dont les habitans 
läont en plus part du culte Protestant (oomptant 
80. paroisses). 

Sous le r^ime des anciens souvarains TegUse 
protestante se trouva sous la survdllanoe et la di- 
rection d'autant de consistoires ou conseils eccle« 
siastiques, qu'il y avoit de divers souverains qui 
avoient leur residence sur la rive droite avec les- 
quels la communication deyoit necessairement cesser 
pendant la guerre. 

Les ministres du culte, mis hors de communi- 
cation avec les dits consistoires, se trouvoient iso- 
les, abandonnes ä eux memes, sans union, ce qui 
cntraina peu ä peu une anarchie funeste dans l'egUse 
protestante, et prodnisit une infiuence trop marquante 
et prejudideuse sur le» moeurs des habitans de cet 
arrondiss^nent, pour que nous ne dussions atten- 
dre de notre Sous-Prefet et Citoyen Yanrecum, connu 
par son desinteressement et sa ss^e administration 
qui lui ont merite a tout egard Tamour et Testime 
de tous ses admini§tres, des moyens pour y re- 
medier. 

n a plus que rq>ondu ä notre attente par son 
arrete du 6. Frimaire demier, dont nous avons l'hon- 
neur de vous transmettre d-joint un exemplaire. 

Nous ne doutons pas, Citoyen Commissaire, que 
cet arrete, absolument con^u dans Fesprit du gou- 
vernement, qui organise notre -conseil ecclesiastique 

17 







pur 
TCKre agreoMSt ec 

Ell e%atamt Fcanifaitioii, toos doMMriez le Si- 
gnal poor la mmiofi en gen^ral de oes deax ciil- 
tes, et Im premi^fre dcaiarche ^taiit fidte^ mocu ganui* 
liMone^ qii'il Votii sern fädle de parvenir ä im büt 
que de grandös paissanoes d^Europe^ et de pai* 
■ibki perei d'egliae oiit en vain ikobiu d'( 




- 259 ~ 

Alors les habitane d'une m^me commune qui ne 
sout separes que par la difference des cultes ne 
prieroient leur pere universel que dans üne fieule 
et meme eglise, ce qui prpfitetoit infiniment ä Fetal 
relativement k Fentretien du culte et de ses mi* 
nistres. 

En' appuyant nos tueB^ qui sont celles de tou» 
les hommes eclaires, le siede präsent Yous regar- 
deroit comme son bienfaiteur et votre nom, qui bril- 
leroit dans les annales de Phistoire äcclesiastique, ne 
seroit lü qu'avec admirationi 

Noi|s avons Thonneur de Vons saluer avec le 

plus profond respect 

J. P. iure«« F. SiiMOii* 
H. PolUcb. K. £bert«. 

b. 

Observations 
snr la r^union 

des deux sectes du Culte Protestant. 

Ce qu'on appelle Protestans, se divise en dmx 
sectes: les Lutheriens et les Calvinistes on Btformes. 

Cest principalemeut au stijet de la Oommtinion 
qu'ils 6ont ^esunis, sur les dogmes de la foi, Topi- 
nion des Lnth^iens a cet ^ard se rapproohe de 
Celle des Catholiques; ceux-ci croyent qu'au mo« 
ment oü . le prtoe öletant Fhostie prononce les 
paroles sacramentales, la substance de l'hastie se 
dange et deriost le vrai corps de Jesus -CSirist 

17* 




ipae4r Je- 
de fa 




jDsm x''£8BC um js fvmdik: iL carj^ et di smg, de 

^maoBcit le ■bbbk sivr k 



fks «i« BoiBs de soplosaMs 
et de abd». seka le pie €« ie boos dUbi- 

Ces secies iTii^irfiiM h ■wnni sv la pcrsouBe 
de XsK-GlEBt ei siv li vemaiom des deox natoies. 

Lei Laiibexats ccdbürot dans le l^c^^e siede 
la Hill p"^«g*TKT de la KOre hniine de Jesus* 
Clrast (ohtqnif») poor deBOSlrer q«!! etüt pos- 
sUe qaä la coi»cnixMi de fko^ie la dhinite de 

pm etre leelleBeBt pröenKL D'antzes 
moias rigoiBeiix trovrerent dmlies Blo- 
press pofv fsdre Taloir lear sysime stts s'attadier 
ä la toote poumioe (olHqiDlaB). 

Cei objet a dönae liea a des dispotes et des 
dJa s cfrtio as friroles et absurdes qoi out cotäSmue avec 
iriolence dq>iiis Voögtiie de oes deux sectes josipi'a 
nos jonrs« 

Dans le 16«« siecle les prinoes de rAUemagne 
s'assemblerent souvent poar operer one reunion en- 
tre les cultes; ils y attachaient saas doute one tres 



— 261 — 

grande jmportance, parceque ces vaines disputes 
avaient une influence considerable 8ur la tranquillite 
de leur pays, peut-etre aussi que leur attaohement 
particulier ä leur opinion y entrait pour beaücoup. 
Le plul( renomme de ces congr^s, nommes col* 
loquia, se tint ä Marbourg, oü Ton vit brill^ 
ZwinglL 

Toutes ces t^^tives pour panrenir ä la reu- 
nion des deux sectes resterent toujours sans succes. 
Enfin en Fan 1580 la fameuse formula concor- 
diae signee a Torgau par les Theologiens de la 
Saxe, oper^ une Separation totale entre les dejux 
sectes. ' Ces formules forment le livre symbolique 
des Lutheriens qui croient ä son in&Uibilete comme 
les catholiques oroient ä Celle du pape. Le mal- 
heureux. chancelier de Grell ä Dresde, perdit la 
vie par ce qu'il Alt soupgonn^ de ne point croire 
aux articles de foi etablis par le formulaire. 

Des ce moment les deux sectes furent absolu- 
ment separees, et eurent chacune a part leurs egli- 
ses, leurs ministres, leurs ecoles etc. Geux qui 
resterent fideles ä la doctrine de Luther, conserve- 
rent le nom de Lutheriens en y ajoiltant l'epithete 
eyangelique, voulant dire que les articles de leur 
foi etaient conformes a Fesprit de Fevangile. 

Les autres qui suivirent la doctrine de Calvin, 
s'appel^rent Calvinistes, en y ajoutant le mot: re- 
form es dans le sens que Calvin avait purifie et re- 
forme, la doctrine de Luther. L'une et Fautre de 
ces deux sectes ayant proteste contre plusieurs points 




ple «Mit (fesr poiff' ia Ranoa. Tooks ces 
applaamat ck nos jo«n et sanooi p«r h 
de A09 cootm» svec la i«{NiUiq«e. 
Cette comdevatkMi et ceOe qoe la p h |ml des 
IttbiUBs de MOB arronditaffit pffofiesooil le colte 
pfoCefUot, me detcnünerefit ä iiiTker a me fcvmou 
Im inspedetirs de» deox cukes. 

Je dontai« d'aotaat moms da succes, que ces 
ingpectettr» sont des bomnies eeiaires, que je con- 
Hgi^dflj^ depuis 15 ans, avec lesquels j'elais memo 



- 208 - 

en, relatioD, qui avaient en outre tres souvent mani- 
feste le desir de se reunir,* et jEwt ä cet effet 1^ 
demarches preparatoires, par exemple, a Creutznach, 
le ministre du culte reforme, en l'absence de celui 
du culte Lutherien fait Toffice de ce dernier et re- 
ciproquemoit ä Simmern sous Dhann, les Lutheriens 
pour q)argaer les fraix d'entretien du mipistre vpnt 
ä Feglise des reformes. 

J'invitais les ci-devant inspecteurs des deux cul- 
tes de reprendre leurs fonctions et a surveiller la 
police Interieure du culte, afin d^eloigner pour fave- 
nir des places de ministres IMgnorance et rimjno- 
ralite, qui pendant la guerre ont sü s^ glisser par 
rintrigue et d'autres moyens. Je les inyitais aussi, 
afin de retablir Fordre ecdesiastique, a r^oiplacef 
leurs consistoires qui se trouvent sur la rive droite. 

Cette mesure de police etait d'autant plus ur^ 
gente que les communes ayant la librq election des 
ministres de leur culte, il en r^sulte. prefsque tou* 
jours des division» iunestes au repos et a la traur 
quillite des oommunes. 

. L'un et Tatttre parti invoque dan^ «Qe oas les 
connaiasances et la moralite du . caodidat qa'il pro^ 
pose, ce qui met presque toujours le prefet dans 
rimpossibiUte de juger sainement anqudi proce«» ver* 
bal d'eleotipnkles de^x parties il doit donner la 
{Nreferenc^i puisqull ne peut decider de la capa^it^ 
des oandidata. Cet inconyenient n'aiDca plus lieii au- 
joiwd'hiu, Vu qu'ils doiveat pr(>duur0 un certificat de 
rinspeoteur reepedttf oharge d^ les examiner sur leqrs 
connaissances. 



— 264 — 

Les inspecteurs des deux cultes se sont asscm* 
bl^s le 16. Frimaire dernier et notamment 

les Citoyens: 
Engelmann de Baebaracb 
nges de Simmem f i^^^urs re- 

Polich de Stromberg > fonnes 

Ebertz de Creutznach 
Gundersbeim de Sobernheiüi 
Simon de Simmern sous Dbann 
Starck de Castellaun [ Inspecteurs Lu- 

Scbneegans de Cretutznacb ( theriens. 

Rei(^bart de Trarbacb 

Cos inspecteurs s'etant ooncertes avant cette as- 
lemblee, sur Fobjet de la reunion avec les ministres 
de leurs districts respectifs (au nombre de 80 dans 
cet arrondissement) et etant munis de leurs pou- 
ToirS) ils prirent Farr^te ci -Joint, d'aprfes lequel ils 
ne formeront, pour ravenir, qu'un seul consistoire, 
qui r^Iera a la fois les affaires des deux cultes, 
sous la denomination de consistoire protestant — 

Ils firent la promesse «formelle de ne jamais 
s'assembler sans en prevenir Fofficier de police, de 
se soumettre aux loix et riglemens de la repu- 
blique, de n'entraver en rien la surveillanee qu'e- 
xerce Fautorite civile sur les cultes par rapport 
a la police administrative, de veiller sur les ele- 
ctions des ministres par les communes, d'avoir 
soin qu^elles aient Heu en presenoe du Maire pour 
prevenir les desordres et dejouer Fintrigue ä qui 
ces elections ouvrent un vaste cbamp et de soumet- 



— 265 — 

tre les proc^s verbaux d'election ä Fapprobation du 
prefet. 

Les Inspectenrs et tous les ministres des deax 
cultes sont tellement d'aocord sur jcette demarehe, 
et ils ont tellement oublie leor difference d'opinion 
sur la foi, qu'ils ne savent eux memeä lequel a cede 
ä Fautre. 

Dans le premier moment de oe rapprochement, 
ils vouloient aller jusqu'ä declarer dans leur acte de 
reunion que les eglises seraient en commun, et qUe 
Foffice serait fiiit conjointement. Mais la pnidenoe 
les detourna de cette demarche prematuree. Des 
malvdllans qui ne sont point a^tacbes au gouver- 
nement, auraient pu trouver, dans cette reunion re- 
ligieuse, le pretexte de fomentar Fesprit de discorde. 
Uexperience de nos jours nous a d'ailleurs appris 
qu'il ne faiit attaquer les prejuges religieux que 
tres lentement et avec beaucoup de circonspection, 
et qu'en voulant tout renverser ä la fois, on reyieiit 
ä la fin au point d'oü Fon est sorti. D'apres ces 
motifs, je leur ai conseille moi -016016 de se conten- 
ter encore de cet acte de reunion, et de n^y rien 
inserer qui puisse entraver la libert6 de consci^ice. 
Par lä on a oppose une digue a Fintriguant poli- 
tique qui auriut cberche dans cet eyenement reli- 
gieux un pretexte pour susdter le meoontentement, 
quoique nous sachions du reste que la liberte de 
consdence chez le peuple cpnsiste ä faire et ä 
croire tout ce que les ministres de son culte Ini 
apprennent. ^ % 

SHl n'existe plus de chef de parti, ou si les 



- 266 - 

QJbefs »out d^accprd entre eux, le culte cessie. Main- 
tenant Ics ministrcs du culte protestant, vont pre- 
obet alternativem^nt dans leg egli$^ des deux sectes. 
L'an £ait au besoia Toffice de Fautre. 

Le ci'devant inspecteur reforme videra,, oonjoin- 
t^ment avec le ci-devant inspecteur Luth^rien, 1^ 
querelles concernant la police interieure du culte 
Protestant eu geueral. Cet accord accoutumera peu 
a peu le peuple aus principes de rcumon des deuic 
QUltes, et en peu d'annees, par un pbeuomene qui 
leür sm inexplicable^ ils se trouveront reunis sous 
Tmipire des memes opinions. - 

C'est cette marche, qui est la plus confoiroio a 
Tesprit buoiaiii, et que tout refonnateur politico* 
Vfdigieui devrait suivre, pour ne point etre si sou- 
w»t forcß de retrograder. 

!> U ji^suUe de ce que nous venons de dire, que 
1a ireunion des sectes reformees et Lutherieuues n'exi^ 
flie quaüt ä preseut, qu'eutire leurs chefs; je ii'ai 
{Knut Youlu operer une r^union ^tre les individus 
dfuifl chaque eouunune, je n'ai pas du d'aiUeurs 
l'essayer sans le cousentemeut du cominissaire ge- 
neral et du prefet, quoique j^aurais pu repondre du 
atcoes. 

. Si daas le departement du Mont-Tonoerre^t 
dans les arroudissemens communaux de Saarbrück 
et de Birckenfeld (departement de la Sarre) ou 
pouvait compter sur le succes d'une demarcbe de 
^eette nature, et qu^on put par cette maniere reunir 
les protestans de ces sept arrondissements ^Ma- 
yenoe,- Spire, Deuxponts^ Saarbrück, Birckenfeld, 



- 267 - 

Kaiserslautern et Stmmern) qui comptent a pßu pres 
300,900 ames profe^aans les dits oultes, il faudrait 
natureUement que ie cönsistoire aetnd de Tarrom 
dissement de ^imiiiern fiit diasousv et qu'il fat rem^ 
place par un oonsistoire pour les aept arromliasep 
m&na, dont les membres pourraient 6tre chöiais povir 
la premiere foi seulemeiii par le commissaire genei- 
ral du gouvernement, et auxquela succederaient Im 
plus anciens inspecteurs des deux cultes indtstin- 
ctement 

Par ce mpyen le nombre des mmistres du culte 
diminuerait, leur salaire augmenterait et les mettrait 
en etat de yivre plus honnetement. Uinfluence connue 
du culte Protestant sur les succes de Fagriculture et 
sur les moeurs produirait les effets les plus satis- 
faisans. 

L'homme eclaire ne connait d'autre dogmc que 
la tolerance universelle^ seul moyen de rendre les 
peuples satisfaits et d'eviter les dissentions. 11 faut 
laisser s'user par le tems les prejuges qu'on ne peut 
guerir par la raison. Mais a supposer que le peu- 
ple ait besoin d'une religiön positive, ce qui est en- 
core un probleme; il faut certainement prote^er sur- 
tout Celle, dont les priucipes sont conformes ä la 
Constitution et ne repugnent point ä la raison. — 
Le philosophe raisonne ainsi; il se peut que la po- 
litique en de certaines circonstances conseiUe une 
autre opinion. 

Je n'ai parle que des protestans habitans les 
quatre nouveaux departemens, ceux des departemens 
du haut, et du bas Bhin me paraissent encore trop 



— 268 - 

recules dans leurs principes, pour obtenir le succes 
qu'on pourrait se promettre dans ces pays. Dans 
leurs divers projets d' Organisation du Protestantisme, 
on a tres soigneusement separe les deux sectes, on 
y a cons^rve tout Tattirail d'Orthodo;Kie et d'Hierar- 
chie, «nfin ils fourmillent encore de cbarletanisme. 
Avant de se defaire de leurs prejuges, ils doivent 
encore recevoir quelque tems Fexemple du ci-devant 
palatinat - 

Fait et redige par le soussigne Sous-Preiet de 
Fanrondissement communal de Simmero. 

*■ A Simmem, le 21. Ventdse an dix 
de la r^publique. 

Tanreemn. 



-<' 



Die Stadt fiSln am Rbein 

in Beziehung 

za den AlterthUmern der Provinz. 



Den Freuoden im Rheinland und Wesiphalen gewidmet. 



JDie Seite 94 hier zuerst mitgetheilten Briefe 6oe« 
the's an den Königlichen Staatsminister v. Schuck- 
mann scheinen eine passende Gelegenheit, um über 
eine Schöpfung des verstorbenen Staatskanzlers Für- 
sten Y. Hardenberg zu sprechen, die jetzt freilich 
nicht mehr in ihrem Urning besteht Es war die- 
ses die Verwaltung für Alterthumskunde in den Rhei- 
nisch -Westphälischen Provinzen, welche der Staals- 
kanzier im Jahr 1820 ins Leben rief, der, indem er 
den Dr. Dorow zum Direktor derselben ernannte, 
die in der Anlage a. enthaltenen Schreiben erliefs. 

Die Leistungen wahrend des zweijährigen Be- 
standes der Verwaltung liegen in deni bei Cotta er- 
schienenen Werke: ,,Die Denkmale germanischer und 
römischer Zeit in den Rheinisch- Westphalischeu Pro- 
vinzen, 2 Bände 4. mit 67 Kupfer- und Steindruck- 
tafeln in Folio," der Oeffentlichkeit und dem unpar- 
theiischen Urtheil vor. 



- 270 - 

Die Bheiuländer, besonders die Stadt Köln, er- 
kannten dankbar diese zeitgemäfse Schöpfung an; 
doch war man mit dem Plan nicht einverstanden, 
dafs die Alterthümer der Rheinlande in Bonn auf- 
gestellt werden sollten. Besonders die Stadt Köln 
wollte dieses Vorrecht für sich vindiciten, und schon 
am 4. October 1820 schrieb in dieser Beziehung 
der im Goethe'schen Briefe an v. Schuckmann ge- 
schilderte Professor Ferdinand Franz Walraf *) drin- 
gend an Dr. Dorow (Anlage b.). Nach vielfachen 
Berathungen trat dieser der Ansicht bei, dafs K^öln 
vorzugsweise die Stadt sein müsse, wo am zweck- 
mäfsigsten die rheinischen Alterthümer zu vereinigen 
und aufzustellen seien; in Köln, wo schon so Vieles 
und Herrliches dieser Art vereinigt ist, "wo die al« 
ten Kirchen und übrigen interessanten Bauwerke eine 
so umfal»sende Grundlage der Sammlung bilden, fin« 
det das Ein^dne Zusammenhang und Erklärung im 
Ganzen. Das ruhige Fortbestehen einer solchen un-> 
abhängigen, rein vaterländischen Anstalt in einer 
Umersitatsstadt schien, nach den in so kurzer Zeit 
bereits gemachten Erfahrungen, unmöglich. Die Köl- 
ner hatten auch Goethe in ihr Interesse gezogen, er 
stimmte gleichfalls fürKöln,tindso ward eine Bittschrift 
an den Staatskanzler verabredet, weldier Mafsregel 
die Königliche Regierung in Köln beitrat, und sie 
dadurch zu unterstützen hoffte, dafs Dorow als Di- 
rektor des Central -Museums verbleiben, dodi mit 



") Qeh. in Köln den 20. Jnli l?4d, gest. ebeilda^dbät 
den 18. März 1824. 



• 



— 271 — 

dem Titel und Range eines R^erungsraths zur Bear- 
beitung dieser interessanten Abtheilcöig in den Rhein* 
Provinzen der Königl. Regierung beigegeben werden 
sollte. EHe dahin abzwedcenden Schritte geschahen! 
die ersten Bürger Kdfais utit^zeichneten das Gesuch^ 
und die Regierung in Köln unterstützte dasiselbe auf 
das Kräftigste. Doch es scheiterte an dem Einspruch 
des dams^gen Oberpi^identen Grafen yon Solms* 
Laubach, der die rheinische Universität eigenthümli* 
eher Weise für seine Schöpfting hielt, und der Stadt 
Bonn daher auch nicht das geringste Gute entziehen 
wollte. Graf Solms übersah aber, dafs eine Samm* 
lung vaterländischer Alterthümer^ die sich auf Land 
und Volk, auf Geschichte, patriotischen Geist und 
Sinn beziehen soll, nicht als Gegenstand und Mittd 
des Lehrunterrichts auf Hochschulen angesehen wer« 
den darf. Die dem Fürsten von Hardenberg vc** 
schwebende Andicht war dem Grafen Solms nicht 
klar geworden; er erkannte nicht den tiefen und 
genialen Blick des Stifters dieses Provinzial-Mu^ 
seums in das menschliche Herz und in das Ge^- 
webe der menschlidien Gefühle, welche, durch diö 
Heimath angezogen, zÄr Theilnahme und Aneignung 
des Provinziellen gestmgert, endlich zur höh^n Va- 
terlandsliebe erhoben und ausgebildet werden; Graf 
Solms ^kannte nicht) dafs der Staatskanzler, der 
Schöpfer und Wiederhersteller der Institutionen ubh 
serer Monarchie, dessen Blick das Entfernte wie das 
Nahe, die Zukunft wie die Gegenwart als Ein Gail^ 
zes umfefste, überall, wi€f in den grb&teh Staats^ 
Instituten so auch in diesem Kleinen, eiM WttbiAuA 



— 272 — 

grojGse Idee zum Grunde legen wollte* Mit jugend- 
lichem Feuer schenkte der Staatskanzler bei seinem 
Aufenthalt in Engers den vaterländischen Alt^thü- 
mern und den damaligen Ausgrabungen des Dr. Do- 
row in Wiesbaden keine Aufmerksamkeit. Er sprach 
oftmals zu demselben von demWerth der Alterthü- 
mer, welchen die öffentliche Meinung und der Ya- 
terlandsstolz ihnen mit Recht beilegt Denn wie der 
einzelne Mensch an seine Familie, so hängt; der Pa- 
triotismus des Bürgers an den Geschichten und dem 
Ruhme seiner Heimath. Alle Denkmale seiner Vor- 
zeit, zumal des Ruhms, Kunstsinns und Reichthums 
seiner Vorfahren sind ihm heilig, und die Erklärung 
und wissenschaftliche Benutzung derselben dünken 
ihm wichtiger, als alle anderen gelehrten Arbeiten; 
er meint selbst wichtig und ruhmwürdig zu werden 
in einer wichtigen und ruhmvollen Heimath. Die 
Thaten und der Ruhm seiner Vorfahren scheinen 
ihm anzugehören, und er bewahrt jedes Denkmal 
derselben als Zeugniis des eignen Werths. Dieses 
Gefühl und dieser Patriotismus für die Heimath, depd 
auch das Unbedeutende durch solche Beziehung wuch- 
tig erscheint, ist gewiis ehrwürdig und wird jede 
Vaterlandsliebe, welche die Erweiterung auf Stamm 
und Volk, auf Provinz und Reich erfordert, bedin- 
gen. In allen diesen Beziehungen erfreute man sich 
der Idee einer Centralisirung und zweckmäfsigen Auf- 
stellung der Alterthümer; Stadt- und Dorfgemein- 
den beeilten sich, das bereits Vorhandene zu diesem 
Zweck auszuliefern; man erkannte die Grundsätze, 
die wahrhaft patriotische Absicht der Regierung, und 



- 273 — 

beorderte der Staatskanzler auch, dafs das Haupt- 
Museum für Rheinland in Bonn seine Einrichtung - 
finden ^llte, so war diese Wahl der Stadt nur ^u- , 
fällig und keineswegs damit die Absicht ausgespro« 
chen, dafs dasselbe einen integrirenden Theil der 
Universität ausmachen sollte. So konnte also auch 
die Rheinisch -Westphälische Alterthümer- Sammlung 
nicht irgend eines Lehrzwecks wegen wesentlich auf 
die Rheinische Universität, als solche, sondern dem 
Zwecke dieses Instituts gemäfs nur auf die Rhein- 
lande und Westphalen und den Geist der Bewoh- 
ner in patriotischer Hinsicht Bezug haben. Diesen 
Geist fafsten die Kölner Bittsteller sehr wahr und 
richtig auf, und das folgende interessante Aktenstück 
(s. Anlage c.) verdankt dieser Gesinnung sein Eilt- 
stehen; vor dem Absenden wurde dasselbe dem Re- 
gierungs- Chefpräsidenten in Köln, Freiherrn v. Ha- 
gen, ini^etheilt und von diesem mit der Bemerkung 
zurückgestellt, dafs „dasselbe sehr gut redigirt sei, 
und seinen Zweck hoffentlich nicht verfehlen werde.'' 

Der Fürst Hardenberg lehnte im Drange der 
wichtigsten Staatsgeschäfte dieses Gesuch, dem Gut- 
achten des Oberpräsidenten leider folgend, nicht al- 
lein ab, sondern überwies die ganze Verwaltung, 
welche bis dahin unter seiner unmittelbaren Lei- 
tung als ein provinziales Staats -Institut gestanden, 
in das Ressort des Staats -Ministers von Altenstein, 
welcher, dasselbe der Universität überweisend, es 
nach andern Grundsätzen und in anderer Form fort- 
geführt wissen wollte; man hatte damals überdies 
in diesem Departement keine Sympathie für vater* 

18 



- 274 — 

ländische Alterthümer; man träumte nur von Kunst- 
werken, von^ Museen griechischer und {^yptisdier 
Denkmale. Aus diesen Ursachen und da beinahe 
alle in den Rheinprovinzen disponiblen Alterthums- 
gegenstände bereits gesammelt, inventarisirt und zum 
Theil. nach Bonn geschaft waren, wurde dem Dr. 
Dorow ein anderer Wirkungskreis wünscbenswerth, 
den er auch erhielt 

Diese Verhandlungen werden hauptsächUch des- 
halb mitgetheilt, weil jetzt vielleicht der Zeitpunkt 
sein mochte, sie wieder aufzunehmen' und zu einem 
erwünschten Resultat zu bringen! — Es kann woU 
die Hoffiiung gehegt werden, dafs der Sammlung 
Rheinisch -Westphälischer Alterthümer, welche durch 
Theilnahme der sämmtliehen Bewohner der Provin- 
zen hauptsächlich entstanden -^ wieder Beachtung 
und Einsetzung in ihr altes ursprüngliches Recht 
wiederfahren werde. Aus der Stiftungs- Urkunde er- 
hellt es deutlich, dais <fie Sammlung nicht an Bonny 
sondern an die Rheiiq>rovinz geknüpft ist, und in 
dieser Beziehung ersdeint jetzt nach Jahren und den 
gemachten Erfahrungen die.Bdiauptung als durchaus 
b^ündet, dafs Köln die Stadt sei, in welcher ei» 
acldkes National -Museum alleni nur errichtet wer- 
d^i kann, soll es den Zweck vollständig erfiälen. 
Unendlidi vielfache kleine BeziehmgeR verbinden die 
Einwohner des gesammten Rheinlandei mit den Köl- 
nern, die Gewinne und Verluste, die ffeistigen und 
leiblichen Interessen sind überall verkettet, und un- 
zählige Fäden ziehen durch das Land ein grosses 
Gewebe, weldies in Köln seinen Mktei^punkt iSndet 



- 275 ~ 

SoU also das Pravinzial- Museum Bedeutung für die 
Provinz erhalten; soll es im wahren Sinne des Wor- 
tes provinziell werden, ein provinzieller Central- 
puukt der gemeinsamen Interessen; ein Mittelpunkt 
der geschichtlichen Erinnerungen des ganzen IjOa^ 
des^ ein Bindungsmittel zwischen den zerstreuten, 
vereinzelten Lokalinteressen und den höheren 6m 
gemeinsamen Vaterlandes, so mufs es ohne Zweifel 
in Köln errichtet werden und nicht in Bonn, wo 
es eben so vereinzelt stehet, ^Is die Altertbümer 
bisher zerstreut an den einzelnen Orten. Ueberdies 
haben in Köln die alten Kunstschätze noch ihren 
Werth behalten. Daselbst werden sie gepflegt, ge- 
achtet und gesammelt^ während in den übrigen Stad*> 
ten am Rhein wohl einzelne Liebhaber, aber kein 
allgemeines Interesse, keine Theilnahme des Volkes 
gefunden wird. Eine lebendige Theilnahme würde 
auch die übrigen Städte ergreifen, wenn ihre Bei- 
träge mit gröfseren Denkmalen vereint und so im 
Zusammenhange verständlich erscheinen. Dieses kann 
aber nur von Köln aus hervorgerufen werden, nicht 
aber von Bonn, welches bisher so wenig Interesse 
f&r die AlterthümersMimhing bewiesen hat. Köln, 
die wichtigste, vielleicht einzig bedeutende Sladt in 
den mieinprovinzen, ist aiso der eina^e Ort aü 
Rhein, w^ die Vereinigung aller rbeinis^en Alteis 
thümer emen bedeulendeü Wevth tax <Se Gesdbiehte, 
fik Wissenschaft und Kunst habe» würde; der eistt- 
zige Ort, wo <fiQ Sounfnlung vollstän^ i^ dadurcäh- 
bedeutend w^den kann^ der einige Ort, wo sie surf 
das Volk und seine Ausbildung, auf Patriotismus, auf 

18* 



— 276 — 

Erweiterung der Künste und Nachbildungen aller 
Art, Industrie, polytechnische Anstalten, welche nur' 
in der Hauptstadt der Provinz gedeihen, einen be- 
deutenden Einflufs gewinnen kann. — Was Einzelne 
über den Werth oder Unwerth, über Zweck und Ab- 
sieht einer solchen Anstalt gesagt haben und noch 
sagen mögen, kann wohl nicht entscheiden. Beach- 
tung einstiger Selbstehre, entspringend" aus Hoch- 
schätzung dessen, was unsere Voreltern geschaffen, 
kommt hier allein zur Frage, und die Beantwortung 
eben dieser Frage kann nur aus dem wirklichen 
Leben genommen, nicht aber von der Zufälligkeit der 
Neigung oder Abneigung einzelner Männer gegen va- 
tttländische Institute, gegen vaterländische Kunst, ab- 
hangig sein! — 



Anlage tt« 

An den Hofrath Dr. Dorow in Wiesbaden. 

Berlin, den 4. Januar 1820. 

Sie haben mehreremal den Wunsch geäu&ert, 
die diplomatische Laufbahn, welche Sie seit Ihren 
Kriegsdiensten in den beiden letzten Feldzügen be- 
treten hatten, zu verlassen und dafür lieber ein Wis- 
senschaft * thätiges Leben zu erwählen, das Ihrem 
innern Beruf gemäfser wäre, und wo Sie zugleich 
der Wissenschaft der historischen Forschuqg und 
alterthümlicher Untersuchung nicht gänzlich entfirem- 



— 277 — 

det würden. Ihre mir deshalb eröffneten Mitthei- 
lungen und gemachten Vorschläge haben meinen Bei- 
fall, und ich bin daher gesonnen, Ihnen eine Lauf- 
bahn zu eröffnen, wo Ihre Thätigkeit Stoff genug 
finden wird, sich dem Vaterlande nützlich zu be- 
währen. 

Da in den Rheinisch -Westphälischen Provinzen 
sehr viel Niederlassungen der Römer vorhanden wa- 
reUj von denen Ueberbleibsel in Menge theils schon 
gesammelt und beschrieben, theils noch zerstreut, 
unbeschrieben, unbekannt, verstümmelt und wenig 
geachtet existiren, da die von Ew. Wohlgeboren 
veranstalteten Nachgrabungen in dem Nassauischen 
eine so reiche Ausbeute schon geliefert, da Sie da- 
durch Ihre Vorliebe für diese Untersuchungen, Ihre 
Thätigkeit und zugleich durch Ihre im Druck er- 
schienenen Beschreibungen y Commentare und Abbil- 
dungen Ihre Geschicklichkeit doj^umentirt und eine 
bedeutende Lücke in .dem Felde dieser Forschun- 
gen ausgefüllt haben, so bestimme ich Sie zum Di- 
rigenten eines auf der Universität zu Bonn zu er- 
richtenden, vaterländischen und alterthümlichen^ Mu- 
seums. Ich nehme die Anerbietung Ihrer im Nas- 
sauisehen gefundenen Alterthümer, die Ihr Eigenthum 
sind, mit Vergnügen zur Begründung dieses Museums 
an. Der Werth dafür soll Ihnen, sobald die defi- 
nitive Abschätzung erfolgt sein wird , baar vergütet 
werden. 

Das Museum selbst soll durch künftige Samm- 
lungen ,• freiwillige Beiträge, allmälige Ankäufe und 



- 278 - 

NadibilduDgen verwandter Gegenstände in Oyps ver- 
mehrt und so eingerichtet werd^ dals es zom Un- 
terricht der Jagend, za historischen Forschungen 
und zur Erhaltung schatzbarer Monumente dienen, 
den Sinn für Bedeutung des vaterländischen Bodens 
und die Geschichte der Vorzeit erregen und ernäh- 
ren wird. 

Sie werden zu diesem Zwecke die Rheinisch - 
Westphälischen Provinzen bereisen, mit allen Ge- 
genständen, die darauf Bezug haben, sich vertraut 
maidien, die Orte bestimmen, wo Nachgrabungen 
mit wahrscheinlichem Erfolg zu veranstalten sind; 
den betreffenden Herrn Ober -Präsidenten, welche 
idi nach der abschriftlichen Anlage, von Ihrem Un« 
temehmen in Kenntnifs gesetzt, Anzeige machen; be- 
deutende, der Aufbewahrung ohne Vorurtheil w^rth- 
gesebätzte Fragmente sammeln; Eigenthümer solcher 
Gegenstände durdi Darstellung der Nützlichkeit da- 
hin zu bringen suchen, ihre Sammlungen mit denen 
von Bonn zu v^einigen, und im Weigerungrfall sich 
von denselben w^iigstens die Erlanbnüs auszuwir- 
ken, die interessantesten Alterthümer abzuzeichnen 
oder zu modelliren, und diese Abbildungen und 
Zeichnungen im Museum lai Bonn alsdann aufisu- 
stellen. So werden Ew. Wohlgeboren auch die 
schon aufgestellten Museen von Trier, Neuwied und 
Braunfels zu benutzen suchen, um die Inschriften 
genau zu copiren, die Basreliefe, Büsten imd Sta- 
tuen genau abzeichnen oder auch, wo es die Wich- 
tigkeit erheischt) modelliren lassen. 

Sie werden sich angelegentlichst bemühen, über- 



- 27« - 

all den Sinn für diese Art von Forschungen anzu« 
reg&EL, jedock mit Takt und Umsicht alle Uebertr^- 
bung und Mikrologie, in welche d^ Alterthumslieb- 
haber so leicht verfallt, dabei mit Ernst zu vermdiden 
suchen, um dadurch dem Geiste dieser Unt^nehmun- 
gen nicht zu schaden. 

Sie werden es mit Klugheit vermeiden , den ' 
Verdacht anzuregen^ als wolle man Monumente von 
Punkten entfernen, welche durch ihre Lokalität das 
Interesse daran erhöhen, und mit der gröfsten Vor- 
sicht dem Scheine ausweichen, welcher den Städten 
die Furcht einflöfsen konnte, als wolle man sie ih- 
rer Alterthümer und Kunstwerke berauben, um ein 
Central -Museum zu bilden. Sie müssen in Ihren 
gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnissen da- 
hin streben, Interesse für diese Sammlung einzuflö- 
ßen, die Vaterlandsliebe dafür in Anspruch zu neh- 
men, und durch Tausch und freiwillige Beiträge 
Ihren Besitz zu vermehren. 

Wenn Sie einen Tbeil des Sommars mit Auf- 
suchung diesa: Gegi^istände und mit Besorgung Ifa- 
rer Abbildungen werden augebracht haben, so wer-, 
den Sie den übrigen Theil des Jahres zu Bearbei- 
tung dieser Materialien für die Publication verwenden, 
und bis die Menge und das Interessante des Aufge- 
fiindenen Ew. Wohlgöboren wird in Stand gesetzt 
haben, ein gröfiieres W^k, «vielleicht unter dem TJH 
tel: ^MiiquUaies BAenmae, dem Publikum zu überge^ 
ben, werden Sie Fragmente Ihrer Ontersuchungen, 
mit Zuziehung der in diesem Fache gelehrten Pro* 
fossoren von Bonn, in den Annalen d^ dortigw 



— 280 — 

Unirersität oder aoch ganz nach Ihro* freien Wahl 

in andern Zdtsdiriften mit den dazn noth^en Zeidi- 

nnngen bekannt machen, mn die Anfinerksamk^t ond 

Tlieilnahme diesa* ProTinzen für diesai Gegenstand 

zu beleben und za unterhalten. 

C. F. IT. 



An des Königlichen Oberpräsidenten Herrn 
Staats-Ministers y. Ingersleben Excellenz 

zu Coblenz. 

DesgL an des Königl. Oberpr. Herrn Grafen 
y. Solms-Lanbach Hochgeboren in Köln, 

und an des Königl. Oberpräsidenten Herrn 
V. Vincke Hoch^ohlgeboren in Münster. 

Beriin, den 4. Janaar 1820. 

Um die interessanten Fragmente aus der römi- 
schen Zeit vor Zerstörung und Verstümmelung sicher 
zu stellen und für ihre künftige Erhaltung zu sor- 
gen, und durch eine genauere Bekanntschaft mit der 
Vwgangenheit die Liebe zum vaterländischen Boden 
noch zu vermehren, und die gelehrte Welt mit die- 
sen schatzbaren Ueberresten des Alterthums näher 
bekannt zu machen, und durch Beschreibung und 
Abbildungen ein allgemeineres Interesse für diese 
Antiquitäten zu erwecken, als bis jetzt bei ihrer 
bisherigen Isolirung geschehen könnte, so habe ich 
den Hofrath Dorow zum Dirigenten eines Antiqui- 
täten-Museums in Bonn bestimmt, und ihm die Be- 
fagniis ertheilt, für den Zweck der künftig anzustel- 
lenden Nachgrabungen, Erhaltung der Alterthümer, 



— 281 — 

Abbädung der interessantesten und Sammlung der 
disponibleii Kunstwerke für das Museum die Bliei« 
nisch-Westphälischen Provinzen zu bereisen und mit 
Ew. Excellenz sich deshalb in unmittelbare X^ommu- 
nication zu setzen. Bei dem Interesse, das Ew. Ex- 
cellenz bei jeder Gelegenheit für die Geschichte der 
Ihrer Obhut anvertrauten Provinzen an den Tag ge- 
legt haben, zweifle ich keinen Augenblick, dafs Sie 
den Untwnehmungen des Hofraths Dorow, den ich 
Ihrem Wohlwolle^i noch ganz besonders empfehle, 
der seinen Eifer, seine Thätigkeit und seine Ge- 
schicklichkeit durch frühere, von ihm geleitete Nach- 
grabungen im Nassauischen und durch sein darüber 
erschienenes Werk hinlänglich beurkundet hat, mit 
hiilfreicher Hand entgegen kommen, und in allen 
seinen Forschungen und Unternehmungen auf die 
wirksamste Art unterstützen werden. 

Die Ernennung des Hofrath Dorow involvirt 
zwar keinesweges die Absicht, andere Individuen an 
Nachgrabungen zu hindern und aus diesen Unter- 
nehmungen ein Monopol zu bilden. Ich hoflfe viel- 
mehr, dafs diurch das planmäisige und zusammen- 
hängende Verfahren, das von der Regierung in die- 
sem Falle ausgebt, das Interesse und der Wetteifer 
Mehrerer für Nachforschungen dieser Art erst recht 
lebendig soll geweckt werden. 

Ingleichen steht es wie bisher frei, Nachgra- 
bungen auf seinem Grund und Boden anzustellen, 
und über die dort gefundenen Fragmente als sein 
E^enthum frei nach Willkür zu disponiren, und 
' der eta Dorow hat deshalb in seiner Instruction 



- 282 - 

die Weisung erhalten, nur auf dem Wege freier 
Convention fiir das Beste der Wissenschaft zu wir- 
ken. Alle Nachgrabungen jedoch, die auf Kosten 
der Regierung fortan gemacht werden, mögen unter 
der speciellen Leitung des Dorow künftighin stehen. 

Zur Bestreitung der durch diese Nachgrabun- 
gen yeranlafsten Kosten autorisire ich Ew. Excellenz 

dem Dorow die Summe von Tfaalern bei d^ 

dortigen Begierungs- Hauptkasse vorschufsweise zur 
Disposition zu stellen, und behalte mir vor, w^n 
deren Verrechnung zu seiner Zeit das Nöthige zu 
bestimmen. 

Ict)i schmeichle mir, dafs in dieser Anordnung 
&te Rheinprovinzen einen neuen Beweis des Inter- 
esses sehen werden, welches die R^ierung von je- 
der Seite für ihre Bildung und für d^i Flor der 
Wissenschaft und Künste bei ihnen nimmt. 

Anlage 1l* 

An den Hofrath Dr. Dorow in Bonn. 

Köln, de« 4/OetoWr 1820. 

Ein vielleicht auch noch ungegrüudeter Ruf oder 
Verdacht setzt unser gutes Köln nach bereits erlitte- 
nen, so ungeheuren Verlusten an Allem, Vermögen, an 
Kredit und Schätzen, an Vorzügen, Ornamenten, wis- 
senschaftlichen und historischen, sowohl kirchlichen 
als weltlichen Hülfsmitteln u. s. w., in eine Veiiegen« 
heit und Furcht, als wenn bei der Aufnehmung« und 
Wegnahme der noch hi^ von mir Unterzeidmetem 



- 288 — 

kfifluiierlich und kostbar noch geretteten Alt«rtlw<> 
mer auch die Reihe der Wegnahme diese gute Stadt 
treffen könntaii Es ist mein^ Kühnheit und Liebe 
für meine Geburtsstadt nicht zu verdenken, wenn 
ich, obwohl noch nicht mit einer feierlichen Prote- 
statton, dennoch mit einigen zuvorkonunenden Grün- 
den mich selbst dagegen waffne, jedodi aber vorher 
die Freiheit brauche, Ew. Wohlgeboren zu bitten, 
mir zu bedeuten, in wie weit diese Drohung g^en 
Köln wahr oder unwahr und nicht zu fürchten s^. 

Mit derselben Kühnheit erlaube ich mir vid- 
mehr, es zu behaupten, dafs Se. Königliche Majestät 
unser allergnädigster Herr und Se. Hochfürstlicbe 
Durchlaucht der Herr Staatskanzler es sehr billig 
und fast unumgänglich nodiwendig erachten müiktc^, 
dieser gröfsten, ältesten und ersten Stadt unserer 
Rheinprovinz nicht nur das Indigenat unserer aller 
hier und in uns^m Bezurk von jeher entdeckten und 
noch zu entdeckenden Altearthümer det uralten und 
mittleren Zeit zu verleihen die Gnade und BiUigkdt 
haben müfsten. 

Ma|nz, Trier und Köln, die ersten, ältesten, 
volkreichsten und bedeutendsten Hauptstädte, diir* 
fen ja nimmermehr so ins Dunkel ihres Werths und 
ihrer Greschichte hinsinken, dafs sie als die vor-; 
nehmsten Mutterstädte sich hinter dem unnachbar- 
lich^i Stolz ihrer Jüngern neugepujtzten Tochter *) 
verkriechen sollten; denn von hier ging der Gianas 
der Religion, des Rechts, der Handdschaft und des 



*) WoU BoM. 



- 284 — 

getreuen Volkthums aus; der Reisende sucht in ih- 
nen, was in ihnen so grofs und kräftig entstanden 
ist. Wie schön ist es selbst in diestn Hauptpunk- 
ten den ursprünglichen Glanz noch in den übrig 
dort erhaltenen Ruinen zu entdecken, wovon Bü- 
cher und Geschichte zeugen. Wie viel mehr glänzt 
der Reichthum des alten Glanzes hier überall, als 
in einem kleinen Orte, wohin der Volkszusammen- 
flufs sich unbeholfen hindrängen mufs, und die Mei- 
nen Spuren des unbekannten Ursprungs sich verlie- 
ren und vergessen, und die dennoch für ihren klei- 
nen Umfang genug haben, um eine Menge Reisender 
einige Tage in sich aufzuhalten. Hingegen kommt der 
Forscher und Bewunderer der Alterthümer von Mainz 
nach Trier, von Trier durch die kleinen Zwischen- 
örte^ deren jeder seine eignen Merkwürdigkeiten für 
einige Tage besitzt. 

Ich bitte ateo Ew. Wohlgeboren, das Gesuch 
der Erhaltung oder vielmehr der gänzlichen Aufstel- 
lung aller in unserer Gegend aufgefundenen oder auf- 
zufindenden Alterthümer, sowohl früherer als nähe- 
rer Zeit, in der Provinz - Hauptstadt Köln al)ein auf- 
zustellen zu erbitten, wodurch denn auch meine 
eigenen ansehnlichen Sammlungen an ihrem Lokal 
einen desto gröfseren Reichthum und Glanz der 
ganzen Rheingegend darbieten werden. 

Lassen Ew. Wohlgeboren sich von einemi alten 
erfahrenen Manne hierin gütigst rathen, und kom- 
men Sie mit allen Ihren Alterthümem und Schätzen 
dieser Art nach Köln. Hier allein ist der Ort, wo 
ein Museum dieser Art in der Rheinprovinz verhält- 



— 285 - 

niüsmäfsig glänzen kann und neben den wirklich hoch 
hier glänzenden, örtlichen Monumenten des ersten 
Ranges gedeihen kann. Ich erbiete mich, aus lan« 
ger Erfahrung in diesem Fache, der jiingern Gene- 
ration freundlich die Hand zu bieten, und diese 
wird zum Danke durch thätiges Handeln, damit ein 
Museum aufgestellt w^rde, welches Umfang und Grö- 
fse hat und Freude der Provinz ist, mir den Kranz 
aufsetzen, welchen ich für mein thätiges Leben ver- 
dient zu haben glaube. Hier in Köln wird das AI- 
t^, die Erfahrung dem raschen Schritte der Jugend 
zpr Seite gehen. 

Empfangen Sie hiermit die freudigste Versiche- 
rung meiner Hochachtung und meines Vertrauens. . 

Ferdiitaiid l¥»llr»r. 



Anlage C* 

An den Staatskanzler Fürsten von Harden- 
berg in Berlin. 

Köln, den 22. April 1821. 

Durchlauchtigster Fürst! 

Hochgebietender üetr Staatskanzler, 

Gnädigster Fürst und Herr! ^ 
Euer Durchlaucht hochgefälligen Verwendung 
verdanken die Bheinprovinzen seit Kurzem einen 
neuen Beweis der allerhöchsten Gnade Sr. Majestät 
in der Bildung einer eigenen Anstalt zur Centralisi- 
rung und Erhaltung der heimischen Alterthümer. 

Die Stadt Köln, deren Geschichte sich vrobl 
unter al^n deutsdien Städten der ältesten Erinne- 



- 286 - 

rungen, und bereits in den frühesten Zeiten, ^o die 
meisten jetzt blühenden Städte noch nicht existir- 
ten, eines bedeutenden Einflusses auf das westliche 
Deutschland rühmen darf, fühlt doppelt den Werth 
dieser Stiftung. 

EHe unterzeichneten Bewohner derselben wagen 
es, in ihrem und ihr^ Mitbürger Namen, für diese 
Gnade den allgemein und innigst gefühlten Dank 
darzubringen, und demselben in Beziehung auf ihre 
Vaterstadt einige Bemerkungen hinzuzufügen, welche 
in dem Vertrauen auf die Nachsidit Euer Durch« 
laucht und in dem hohen Interesse, welches alle 
Gebildete für diese Anstalt belebt, Entwdiuldigung 
finden, und die Bitte begründen mdgen^ die Stadt 
Köln zum Centralponkt aller Sammlungen der rhei- 
nischen Alterthümer gnädigst zu erklären. 

Die Stadt Köln besitzt, wie Ew. Durchlaucht 
bekannt ist, eine ziemlich vollständige Reihenfolge 
architektonischer und anderer Kunstdenkmäler, von 
der Herrschaft der Römer bis auf die neuesten Zei- 
ten. Die Reste römischer Baukunst schliefsen sich 
durch eine höchst merkwürdige Reihe byzantinischer 
Kirchen an das anerkannte Meistet w«rk dc^ gothi- 
schen Baukunst, den leider nicht vollendeten Pom, 
waA durch eine nicht ndnder vollständige Reihe der 
spanisch •italienischen Kunstversuche der nenarn Ar- 
chitektur an. 

Das Studium ^er Künste und Alterthuaskoiide, 
gestützt auf solche umfassende, in ihren Folgen uu* 
unterbrochene Reihe von Gebäuden, Aer einzigen 
reellen Basis all^ Kunstgeschichte, wird dlttck mh 



- 287 ~ 

zähUge kleinere Denkmäler der Kunst, rbmische An- 
tiken und Anticaglien, Statuen und Gemälde altdeut- 
scher Kunst^ yon den Zeiten der fränkischen Könige 
durch alle Jahrhunderte des Mittelalters bis auf im- 
&exe Zeiten herab unterstützt und zu einem grofsen 
Ganzen vervolbtändigt. Der ehemalige Reichthum 
an Kunstirerk^ aller Art, welcher freilich jetzt be- 
deutend zusammen geschmolzen ist, hat die Grün- 
dung mehrerer Kabinette und die reichen Privat- 
Sammlungen der Herren Boisseree \ind früherhin 
die des Freiberrn y. Hübsch, aber die Sot^losigkdt 
der damaligen Regferung leider auch ihre Verschlep- 
pung ins Ausland mogtich' gemacht 

Der Verlast möchte, zum Theil wenigstens, zu 
ersetzen sein, w&in die Alterthümer und Kunstwcarfcev 
wdche in kldneren Orten d^ Provinz aufbewahrt 
werden, hier wieder vereinigt würden. 

EV^. Durchlaucht haben die Nothwendigkeit und 
Zweckmäiaigkeit der Centralisirung ausgesprochen; 
ohne dieselbe wird weder die Erhaltung auf lange 
Zeit, noch die zweckmäfsige Benutzung der verein- 
zelten Stücke für die Kunstgeschichte, welche mur 
durch das Ganze und den Zusammenhang der ein- 
zelnen Stikke Licht erhak, möglich. 

Köln war die Stütze und der Hauptsitz der rö*- 
mischen Macht am Niederrhein; e» war der Mittdi- 
punkt der Merovingisch- fränkischen Periode^ die er* 
ste Theilnehmerin des Aufblühen» der Rheinlmde is 
der Carolingiscbeti Epoche und die Werkstätte und 
das Centrum aller Künste, des Niederrheins imd 
Wes^haleBs fiir An ganze Mitlelalt«r. Hier lebten 



- 288 - 

jene römischen Veteranen und ersten Familien, wel- 
che Agrippina von Rom aus sandte, ihnen Tempel, 
Pratorien, Amphitheater und allen Schmuck ihrer 
Vaterstadt schenkte, und von hier aus wurden ihre 
Villa's in der Nachbarschaft mit römischen Kunst- 
Bchätzen ausgestattet und ihr Andenken verewigt« 
Hier war der Sitz der fränkischen Könige, der Ver- 
dinigungspunkt der Grofsen des Landes, deren Bur- 
gen aus den Trümmern römischer Castelle oder nach 
solchen und nach den in der Hauptstadt entstande- 
nen Mustern erbaut wurden, und der Geist des 
Christenthumes , welcher die lieidnischen Tempel zu 
christlichen umgeschaffen hatte, ei^riff auch die kraf- 
tigen Ankömmlinge, und liefs eine neue vaterländi- 
sche Kunst, an der alten gebildet und aufgewachsen, 
für die veränderten Bedürfnisse eines neuen Glau- 
bens und den eigenthümlichen Sinn der Deutschen 
entstehen. Hier wohnten die Stifter und Wohlthä- 
ter der Kirchen, welche auf dem Lande entstanden, 
die Künstler, welche sie bauten oder mit Kunstge- 
bilden aller Art versorgen mufsten. 

Die Zurückbringung derselben von den ehema- 
ligen Villa's, aus den Kirchen und Klöstern, den 
kleinern Städten, Schlössern und Dörfern des Nie- 
deirheines nach Köln würde also nur eine Rück- 
kehr zur Heimath sein. Euer sind sie gearbeitet, 
erdacht und entstanden; hier finden sie ihre Gegen- 
bilde, ihre Originale, ihre Must^ oder Nachbildun- 
gen; von hier aus sind sie umhergesandt worden. 
Hier würden sie, wieder vereinigt, sich gegenseit% 
«Uären» die Bestimnnng ihres Alias» ihrer Bedeo- 



- 280 - 

tung, oft sogar des Namens ihres Meisters m&glicli 
macbcn, tind über die dunkeln Stellen der Künste 
geschichte des Mittelalters ein neues Licht vet«> 
breiten. 

Ohne den Besitz des Hauptstocks all^ 'Künste 
schätze des Rheinlandes, welcher sich hi^ befindet, 
ohne unsere Kirchen und Gebäude, also ohne Ba** 
sis der Kunstgeschichte, überall nur durch charak« 
teristische Baudenkmale möglich, welche die Zeit^ 
Bedeutung, .Entwiokelang und Fortbildung aller bh* 
dern Kunstwerke als dienende Verzierungen und uh*» 
tergeordnete Glieder des Ganzen bestimmen, werden 
die üln-igen Alterthümer der Bheinlande nirgends eine 
genügende Erklärung oder zuverlässige Deutung er* 
halten. 

Der Vorschlag, dafs Bonn der Centralpunkt, die 
Vereinigung aller rheinisclien Alterthümer werdeh 
möge, hat wohl nur den Zweck, den Verein so yie* 
1er ausgezeichneten Gelehrten für die Untersuchung, 
Bestimmung und Deutung d^ Denkmäler zu be^ 
nutzen^, und dadurch die Kunst und Wissenschaft 
um so rasche zu fordern; aber dieser Zweck möchte 
wohl um so besser erreicht werden, wenn, statt 
Bonn, Köln zu einem solchen Centralpunkte gewählt 
würde. 

Die Entfernung von wenigen Stunden wird die 
Gelehrten nicht abhalten, zu so wichtigen Untersu- 
chungen herüber zu kommen; sie müssen es ohne? 
dies, wenn «ie irgend etwas Bedeutendes dieser Art 
am Rheine sehen wollen, und würden auch in dw 
vereinigten Sammlung aller übrigen noch immer kei- 

19 



~ 2»0 - 

um Ersatz, der die misrige entbehrlidi madite, fin- 
den« Sie wiirden aber, wie gern sie jetzt schon 
den Genuls der hiesigen Konstschätze thdlen, ge- 
wi& noch glücklichere Untersuchungen anstellen kön- 
nen, wenn sie Alles hier vereinigt, und auf diese 
Weise das vollständige Material, welches allein zu 
glficklichen Resultaten fuhren kann^ zur Untersuchung 
und Vergleichung vor Augen hätten. Untersuchungen 
dieser Art können wohl überhaupt nur durch Zu- 
sammenstellung und Vergleichung einer grofsen Menge 
Materialien, desen organischer Zusammenhang und 
genetische Entwickelung sich im Einzelnen nachwei- 
sen und im Ganzen übersehen lafst, gefördert wer- 
den. Die wissenschaftliche Darstellung mag auch 
ferner den Gelehrten auf der Studierstube überlas- 
sen werden; die Forschungen und Ideen, welche 
derselben zum Grunde liegen, können aber nur bei 
einer vollständigen Total -Uebersicht gewonnen und 
berichtigt werden. 

Wir glauben daher, den Mitgliedern der Uni- 
versität in Bonn selbst die Beschäftigung mit den 
rheinischen Alterthümem und die wissenschaftliche 
Benutzung derselben bedeutend zu erleichtern, und 
folglich auch ihren Wunsch, wie den all^ wissen- 
schaftlich gebildeten und für die Sache selbst sich 
interessirenden Rheinländer auszusprechen, wenn wir 
bitten, die Sammlung, Au&tellung und Aufbewah- 
rung der Alterthümer gänzlich von den gelehrten 
Arbeiten der Universität zu trennen, und, damit d« 
edlen Absicht Ew. Durchlaucht g^näCs etwas Voll- 
ständiges, die Wiss^ischaft Qnd Kunst wiiklidi För- 



— 291 — 

V 

demdes zu Stande gebracht werden könne, die Stadt 
Köln zum Centralpunkte, wo alle rheinische Sanun- 
lungen dieser Art vereinigt und wissenschaftlich ge- 
ordnet aufgestellt werden sollen, gnädigst zu be- 
stimmen. 

Wir hoffen, durch diese Bitte den Direktor der 
Anstalt, Herrn Hofrath Dorow, dessen Thätigkeit 
und Umsicht die Sammlung in Bonn ihr Entstehen 
und Gedeihen verdankt, nicht zu« verletzen, und sind 
überzeugt, dals die ernste Prüfung der Gründe, wel- 
che für die Centralisirung in Köln sprechen, auch 
ihn bewegen wird, sich dem Besten der Sache und 
unsern Wünschen zu fügen. 

Die Wichtigkeit des Gegenstandes und der Wunsch, 
dais die erhabenen Absichten Ew. Durchlaucht bei 
dieser neuen Schöpfung für die Rheinprovinzen voll- 
standig erreicht werden, lassen uns Verzeihung hof- 
fen, wenn wir die fernere Bitte wagen, dafs es Ew. 
Durchlaucht gefsdlen möge, durch gesetzliche Be- 
stimmungen über den Besitz, Verkauf und Erwerb 
eigentlicher Kunstdenkmäler die Erhaltung der noch 
geretteten dem Vaterlande zu sichern *), Die herr- 



*y In Dänemark besteht ein sehr weises Gesetz über 
Alterthümer, welche von Privaten in der Erde gefunden 
oder ausgegraben werden. Bs lautet im Auszug so: 

Placat, betreffend Vergütignng aus der königlichen 
Kasse für alte Münzen, so wie für andere Selten- 
heiten , die man in Dänemark oder Norwegen ent- 
decken möchte. —• 
Wir Friedrich der Fünfte, von Crottes Gnaden König von 

19* 



— 292 - 

KfuiBtsch&üEe wefrden fortwährend ins Aa«^ 
laad Terechleppt, d^ Nachkömmliiigen der Stifter 
und Künstler, wie der Nacheifernng tmd der Er- 
bauung des künftigen Geschledits entzogen, vielleicht 
für immer der Kunst und Wissenschaft entfiremdet. 
Wenn diesem verderblichen Gewerbe nicht bald ge- 
steuert wird, so ist vorauszusehen, dafs alle Kunst- 
werke, weldie jetzt nodi in Kirchen, städtisob«a 



Dfineinark «ic, tb«o Jedem zu wiMent dalis, obir^U alles 
daiyeni^e, was in Uoserm Reiche Päaemafk ift dei^ Erde, 
in Wäldern, im freien Felde, in Häusern oder anderwärts 
vergraben und verborgen sein möchte, aii Gold, Silber, 
Metall oder dergleichen Schätzen und wozu sich kein ^i- 
genthamer meklei, zuMge der dänischen C^^setsre, Cfns als 
Dane Fan (in Dänemark Vergrabenes ) zugehört; so wie 
Vdjb auch, nach den aord|9ehea Geseizea.ein Theil vorb^ 
kalten 19^ von allem dem, was an Geld oder Geldeswertb 
in der Erde gefunden wird; haben Wir doch aus hoher 
königlicher Gnad^ und zur Ermunterung Unserer lieben 
ntid getrauen Ünterthanen , welche dergleichen Sachen' eht- 
detken m6elitea • atlergnädigst liir gut geaidhtet und be)#il- 
Ifeget, M wie Wir a)ael|:zur Ifaichricht für Jedermaiin b<e^ 
kannt machen, daü^ derjenige» der irgendwo Münzen des 
Altertbums oder dergleichen andere Sachen von der Be- 
schaffenheit .finden möehte, dafs sie Unserer Rentkammer 
gehörigemafsen ehigesandi werden müssen, au« Unserer 
Kasse den vollen Belauf des Werihs erhalten soll. Uebri- 
gens verbleibt es bei den Gesetzen und der bemeldeien 
Vikrordnung, und sollte sich Jemand erdreisten, dasjenige, 
was er findet, zu verheimlichen, so soll derselbe einer 
verdienten Strafe deswegen unterworfen sein. 
Schlofs Frcdensburg, den 7. August ITS'S; 

Friedrick R* 



1^ 



— 293 — 

und Privat -SaDliiiiluBgcii voriianden «ind, bald ins 
Avsland wandern, und in den Privat- Sammlungien 
reicher Engländer und Amerikaner, allen Freunden 
und Pflegern der Kunst unzugänglich, vermodern» 
werden. Mit dem Reicfathum jeaeft Nationen wird 
die Kunstliebe des Yateriandes auf die Dauer nicht 
wetteifern können. JDde Summen, welche von ihnen 
geboten werden, sind zu verführerisch, als dafs mt 
ntht bald alle Hindernisse, welche Kunstgenuis und 
Vateriandsstolz dem Verkaufe entgegen stellen möch- 
ten, überwinden sollten. Sie werden wahrlich das 
Vatierland nicht blühender machen, wenn auch Ein- 
zelne ohne Arbeit und daher wohl nur vorüberge- 
bmd bereiehein, aber die Kunst, welche Qhne Mu- 
ster und äufsere Anre^ng nieht wieder aufblühea 
kan»*; wahrsdieBilich vernichten, und unsere Nadb^ 
komm^ gewifs des edelsten Erbes ihrar Väter, der 
Monumente ihrer Andacht und ihres Kunstsinnes 
und der Fülle /der höchsten und schönsten Gedan- 
ken und Gefühle einer grofsen Vorzdt auf ewig be- 
rauben, weil der Eigennutz des Tages die Kunst- 
werke mit. dem Ertrage der Feld^ und Maschinen 
in gleiche Kat^orie gestellt, und ein unseliges MUs-, 
veiBtändnifs der Staatslehrer diese hdillose Theorie 
legalisirt hati^ 

Es möchte indefs. schwerlich hinretehen, das 
Verbot der Ausfuhr blofs auf öffentliche Anstal- 
ten, Kirchen, Gemeinden und Corporationen, wel- 
che ohnedies der höheren GontroUe unterworfen 
sind, zu beschränken. Auch der ^;>e€Mlatioiisgeist 





tSv Alf f naihnag 



121 Xf!S 

frvr!ea ikqr. ma zaiis 



•3» E^ I^ipsiuuuäc vMhiilnl- 



>fa :ȣ. jiUM aur 



IUI JM«K ^ 




- 295 - 

zuerst die Veranlassung gab, Ew. Durchlaucht dar- 
auf aufmerksam gemacht zu haben. 

Wir ersterben in tiefster Ehrfurcht 

Ew. Durchlaucht 

uttterfhänigjM Difner 
Fried* Mmwmtmtt ▼• «|er Iieyen, Kö- 

mgl Commerzien-Raih. iloli« Pliil« Hei« 
mimn» KönigL P«mierzien-Rath. Carl 
Cr»f asurUppe« A^Seltaamiaiuien* 
Carl RliO<llail9 Kaufmann, w. ÜWiUm 
Senstetn* lAyvenherg. Hr« De- 
Itoel. Br.ir»llraf; Dr*l¥illmmiii» 
▼•Sejwresk« Cloeliel* Ceory Helnr. 
Koeli. Heinr. Slerteiifl. Fr* toü 
Hervre^li» Cim^. Siwnsen* ▼•Hmii«» 
sdiait« €(• 0. T. CMUU B. ▼« Bear» 
«ekeiat, ILRObant. l^rtllt* JjHli^ariMrii 
renJIiers. Urw nrjUmmm ^ Oberlehrer. 

Br. flillieiiilorf 9 Stadtphjsikos. H* H* 

Iä51iiil8, J. Herfltatt« ▼• den IVe- 
* irten* Jaeoli Mantm* 



2a 



wm4 tniU Idee 

%n t\%^f Liidwehr ii Preissen. 



\hh M^ tn «iiwMT aUgÄtneinen National -Bewaffnung 
ut Vnnifuim wird haoptiÄchlich dem General von 
HiihurriliorÄt /ugoiicJiriftben, welcher sie in der letz- 
•itii lliifru, t\nn Jahre« 1808 zuerst zur Sprache ge- 
hrti(M Imlxm koII. K» liegen jedoch viel frühere 
MpiiKiirnn vor, wolrh« schon im Jahr 1803 u. 1808 
nUM||uiiili(iltnt wurdon, und von welchen letzteres im 
Miii» I80H Sr. MtyoittHt dorn hochseligen Konige 
ühm* ilitijion wii^litigon Uogonstand eingereicht wor- 
dou int. 

>Voun o* »w wtMt führten wünle. dieselben hier 
wdUiaiulig uüt^uthoilou « so $ei dvnrh durch einiflce 
\\\>rt^ d^iorü^ul' hiug^Hiieu mit der Hoäuung« di£s 
vU^KmvK vielleicht vier l^nhrk derselben herbeigeliuhit 

IVc ^tefÄt^e Oenerdt • Lieutenau« von Lcs»s$au •\ 






— 297 — 

damals Hauptmann im Generalstabe, verfafste im 
Juli 1803 einen Aufsatz, in welchem die Noth wen- 
digkeit einer allgemeinen Militairpfiichtigkeit nebst 
den daraus sich ergebenden Folgen aur außerge- 
wöhnlichen Verstärkung der Armee dargestellt wurde. 
Es wird der Grundsatz darin ausgesprochen und die 
Nothwendigkeit einer Durchführung desselben nach- 
gewiesen, daüs: 

„jeder Bewohner . des. Staaits ohne Unterschied 
„der Geburt der gebotae Vertheidiger des-* 
„selben sein muiis." 
Markwürdig, da& damals <1803) Herr v. Lossau 
es schon m diesem Aufsatze zu beweben bemüht 
war, was heute, ^e es scheinen möchte, sich noch 
nicht allgemeine Aneikennung gewonnen hat! Dais 
es: „keiner Klasse det Unterthanen in dem' Staate 
„zur Schande gereichen dürfe, jede Art von Ge- 
„werbe zu treiben. Nur das alleia mü&te die grölste 
„Schande sein, von der Vertheid^ung des Vaterlax^ 
„des ausgeschlossen zu sein. Die das Ganze bela« 
„stenden und dem Soldatenstande nicht sonderlich 
„ehrenden Exemtionen, würden dann ohnehin weg^ 
„fallen, so auch die Aufnahme der Ausliinder ii| 
„die Armee." Diese den Zeitansichtea des Jahres 
1803 in Preufsen fast unglaublich vorauseilenden ' 
Betraditungen theilte Herr v. Lossau dem damali* 
gen Oberst v. Phull (gestorben als russischer Ge- 
neral-Lieutenant) mit, und die Antwort desselben 
hat sich noch erhalten ^ und lautet: 



20' 



An den Kapitain t. Lossao. 

BcrliA, dem tt. Jali 18fi3L 

Em. UocbfroUgeboren tage idi den TcrboMl- 
Bebften Dank fitr die frwmdtdbaftKche MitArihn^ 
Ihres Anfgalzef ober die nrilitaifiadie Organisinmi^ 
MU «f abrem Vergnogen babe ich dffwdben geleMO. 
Ich bin Ihrer Meintmg. Nor glaube idb, nmCi man 
diesen Gegenstand ndt Tirier BehntsamkA berohr^i 
mid nur gegen Mensdien, weldie für densdben em- 
p&nglidi sind Die Wahrheit gleicht einer Medizin^ 
welche nicht eher gegeben werden kann, ab nadi- 
dem der. Kranke einige Pnrganzen genommen' hat 
Wir haben zn Tiele Kranke und nor zn wenige Qe* 
snnde. Mündlich ein Mehreres. 

Nach der Katastrophe des Jahres 1806 nahm 
der Herr y« Lossan, überzengt, dafe nur dnrdi die 
Bewaffnung der ganzen Nation eine nöthige Umwäl- 
zung vorzubereiten sei, seine frühere Idee wieder auf 
und sendete aus TVeptow a. d. K unter dem 21« März 
1808, damals als Major, Sr. Majestät dem Konige 
ein Memoire ein, betitelt: „Gedanken über die mi- 
litairische Organisation der preufsischeu Monarchie/' 
Der Herausgeber glaubt nicht, die Diskretion zu ver* 
letzen, wenn er über diesen so viel besprochenen 
wichtigen Gegenstand ein Schreiben des Herrn Ge- 
noral • Lieutenants V, Lossaa hier folgen läfst 



- 299 - 

An den Dr. Dorow in Berlim 

Berlin, den 15. April 1841. 

Aus Ihr^ gütigen MittheiluDgen erfalire i<^, 
dafr man noch steU nicht völlig darüber einig ist, 
if^ SNierst die Idee zu dner Landin^ehr gegeben 
habe« Hierüber kann ich Ihnen nun zwar keine 
cntiBoheidende Aui^kanft geben, da mir niemals et* 
was Bestimmtes darüber bekannt geworden ist. In* 
zwischen eHaube ich mir, Sie an den Ihnen vor 
einiger Zeit mitgetbeilten Au&atz zu mnnern, wel'^ 
eben ich Anfangs des Jahres 1808 schrieb, und. den 
ich, wie solches '£e Ihnen ebenfalls vorgelegte 'Kö^ 
nigliche vorzüglich gnädige Kabinets - Ordre vom 
11. April 1808 bewtist *), unter dem 21. März dcb 
gedachten Jahres Sr. Majestät dem hochseligen Kö- 
nige eingereicht hattd. In dieser Abhandlung: „übor 
die militairische Organisation der preußischen Mo- 
narchie,'' bt von der allgemeinen Militairpflichtig* 
keit die Rede, und ich stelle den Grundsatz aul: 
„Jeder Bewohner des Staats hat, weil derselbe die 



*) Mein lieber Afajor von Lossau! Ich habe In eurdr 
Mir unter ^öm 21. t. M. eingerMchten Abhandlung ' M^^t 
die neue mllÜAirisehe Organisatien deis Staats sehr ((utb 
Ide^n gefiiaden, «nd lusse eurer Sachkenniiii£i und eqHtr 
Benriheiliuig der Ge|$en«i&ade Crereektigkei^ wiederfjiihr^ii, 
bezeuge euch auch Meine Zufriedenheit über den dadurok 
ZU Tage gelegten Eifer für das allgemeine Beste, iind bin 
euer wohlgeneigter König 
Königsberg, den II. April 1 808. 

Friedrich Wiikdm. 



WM^MOk ia V 




Zeil des Kneges miler die Waffisn tre- 
Dies w der ia jenen Ai6atz TolUtlndig 
, — fi i nndf i geieiile md suf das Genauste eatmAdte 
nnsptgrilMh mid der BaaptaiAt nach die Idee 
der Landfrdkr, wie Nifimd bider gelei^Bet' hat. 
Zagleidl strfhe ich den Grandsatz anf and entwik- 
kdte die Nothwendigkeit einer Feststdlong dessel- 
ben, dals ^^Jedem, der die Pfficht der Landesrer- 
tb^digmig auf sich hat, die höchsten militairischen 
Worden zu errdchen oflfen stehen mä&te, wenn 
derselbe sich der Beförderung werth zeigt Die 
Ansprüche wären gleich, nicht aber die Rechte der 
Forderungen.'' 

Ohne nun Anderen den Preis ^. die erste Idee 
zur Errichtung einer Landwehr, zu bestreiten, glaube 
ich demnach behaupten zu dürfen, dafs, im Fall Nie- 



— 301 — 

mmd erweisen konnte, b^^ts vor dem Juli des 
Jahres 1803 im AUgemeinai and vor dem Monat 
Maiz 1806 joie Idee ausführlich auseinand^^esetzt 
und mhgethdlt zu haben, ich mich wenigstens 
schmächeln dürfte, zu joier Zeit schon mit ihr be- 
schaftigt gewesoi zu sdn. Ob ein Anderer das- 
sdbe vor mir oder gleichzeitig mit mir gethan hat, 
ist mir unbekannt Das Vorstehende aber kann ich 
ungescheut behaupten und als die Wahrheit ver- 
treten. 

Mit vorzüglichster Hochachtung 

Ihr 
ganz ergebenster Freund 

Nach diesen Vorlagen und Allem, was bis 
jetzt über eine National -Bewaflhung, sowohl im* 
Allgemeinen als im Spedellen, öffentlich bekannt 
geworden ist, würde man mit vollem Rechte die 
Behauptung au&tellen können, dafs es der General- 
Lieutenant v. Lossan ist, der zuerst 1803 und 1808 
ausfuhrliche Arbeiten über die Organisirung einer 
Landwehr jgeliefert hat, so dals ihm die erste Idee 
zur Erriohtung einer solchen Landesbewaffnung nicht 
füglich abgesprochen werden kann. 



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DATE DUE 




JUN 2 9 193 


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STANFORD, CALIFORNIA 

94505